Up in the Air

Ich mag Flughäfen. Sie sind magische Orte: Man geht durch den Haupteingang rein, und wenn man das nächste mal eine Straße betritt, ist man an einem komplett anderen Ort. Fliegen ist ein verdammtes Wunder, wie ja schon Louis CK zutreffend festgestellt hat, auch wenn man den natürlich im Grunde nicht mehr zitieren darf, seit seine Vorliebe, vor Mitarbeiterinnen zu masturbieren, bekannt geworden ist. Ob dies zwangsläufig zur vollständigen Auslöschung seiner (jetzt entarteten?) Kunst führen muss, weiß ich nicht, aber das ist ja auch ein ganz anderes Thema.

Weil ich Fliegen liebe, liebe ich auch das Vorspiel, den Aufenthalt am Flughafen. Jetzt mag manch ein berufsbedingter Flugzeugpendler vielleicht die Augen verdrehen, aber dennoch bleibt es dabei: Es ist ein verdammtes Wunder und jeder, der regelmäßig im Flughafen die Fassung über eine halbe Stunde Verspätung verliert, sollte sich mal sein Leben vor Augen führen, wenn er zweimal pro Woche mit dem Auto von Berlin nach Köln fahren müsste – oder nach New York.

Es fängt schon mit der letzten Zigarette vor dem Terminal an. Fünf Minuten innehalten, ein letzter Blick auf die Stadt, die man (vielleicht für immer) hinter sich lässt und geht beim Blick auf die Abflugtafel weiter. Es ist doch ein erhabenes Gefühl, innerhalb von einigen Stunden an all diese Orte – Weltstädte und Ferienparadiese – gelangen zu können, solange man nur seinen (deutschen) Reisepass und eine Kreditkarte in den Händen hält. Ich schätze mal, innerhalb von 30 Stunden könnte man sogar jeden x-beliebigen Ort der ganzen Welt erreichen. Es macht mir deshalb auch gar nichts aus, dass ich auch in Sydney wieder übertrieben zu früh da bin. Die empfohlenen drei Stunden bei internationalen Flügen habe ich noch niemals wirklich gebraucht. Aber ich habe schonmal eineinhalb Stunden am Check-In-Schalter gestanden und ebenfalls schon mal zweieinhalb Stunden bei der Immigration und wer weiß, wann das beides mal an einem Tag passiert. Der Flughafen Sydney ist überdies nicht der schlechteste Ort um zwei Stündchen umherzustreifen, obszön teuren Kaffee zu trinken und die letzten Australischen Dollar für noch teurere Sandwiches und Süßigkeiten auszugeben. Ich beobachte dann die Leute und denke mir ihre Geschichten aus – wo sie herkommen und wohin sie fliegen. Die ganze Welt ist in so einer Abflughalle versammelt und niemand ist am Ziel, alle sind unterwegs. Der Senegal und die Seychellen, Brasilien und Brunei, alles nur eine Gangwaylänge entfernt. Wo könnte man sich freier fühlen als an einem Flughafen?

Ich blicke aus dem Fenster auf das geschäftige Treiben auf dem Rollfeld. Die Sonne ist längst untergegangen, aber draußen sieht es aus, wie in einem Ameisenhaufen mit millionen radioktiv leuchtender Ameisen. Hunderte Flugzeuge, tausende blinkende Fahrzeuge, Gepäckwagen, Tankwagen, Pushbacks und „Follow-Me“-Autos wuseln da durcheinander. Ich denke über die Leute nach, die hier arbeiten und diesen Weltverkehrsknotenpunkt am Laufen halten. Jeden Tag sind sie so nah dran, an all den Flugzeugen und Menschen, die aus der ganzen Welt kommen und in die ganze Welt reisen; und doch könnten sie von dieser Welt nicht weiter entfernt sein. Sie fliegen niemals irgendwohin und alle Maschinen heben ohne sie ab. Sie gehen jeden Abend einfach zurück in ihre Wohnungen.

Die Fahrt zur Startbahn dauert eine halbe Stunde und währenddessen landen und starten noch 50 weitere Flugzeuge. Dass es bei diesem Verkehrsaufkommen bloß so wenige Flugzeugunglücke gibt, ist eigentlich das zweite Wunder der Luftfahrt.

In meiner Dreierreihe hat noch ein Mädel am Gang platzgenommen während der mittlere Platz frei bleibt. Ich versuche ein paar mal rüberzuschauen, um rauszufinden, ob sie attraktiv ist aber mein neues Nackenkissen hält meinen Kopf recht stabil in seiner Position. Überhaupt ist es das erste Nackenkissen meines Lebens, das seinen Zweck auch nur ansatzweise erfüllt und nicht bloß wie ein labbriger Schal um meinen Hals hängt. Diesmal werde ich nicht abrupt aufwachen, weil mein Kopf im Halbschlaf zur Seite fällt und das Ding dann bloß noch dazu dient, den Sabber aufzufangen. Wohlinvestierte 60 Dollar, freue ich mich.

Als die Anschnallzeichen ausgehen, holt meine Fast-Sitznachberin eine Flasche Baileys aus ihrer Duty-Free-Tüte. Ich werfe ihr einen skeptischen Blick zu, weil ich mir sicher bin, dass man im Flugzeug keinen mitgebrachten Alkohol trinken darf. Generell nicht und sicher erst recht nicht, wenn man von Australien nach Neuseeland fliegt. In Australien bin ich mal in eine Bar nicht reingekommen, weil mich der Türsteher in 50 Metern Entfernung mit einem leeren (!) Plastikbecher in der Hand gesehen hat und in Neuseeland hängen Schilder in den Bars, dass angetrunkene Menschen rausgeschmissen werden. Ein Australier merkte dazu mal an, dass seine Landsleute ohne all diese Regeln auf der Stelle komplett freidrehen würden und das Land in alkoholischer Anarchie versinken würde. Das wäre in seinem Land genauso, pflichtete ihm der Kanadier noch bei und beide guckten mich an: „Nicht überall sind die Menschen so zivilisiert und beherrscht, wie in Deutschland.“

Das Mädel neben mir reißt sich jedenfalls unbeirrt ihre Baileysflasche auf.

„Magst du teilen?“

„Nee, danke; ähh… ich mein, Ja, klar!“

Kurz habe ich überlegt, ob ich sie darauf hinweisen soll, dass das ja eigentlich verboten ist, aber ich bin ja nicht ihre Mama und auch nicht die Stewardess. Außerdem habe ich noch nicht entscheiden können, ob sie attraktiv ist, und wer weiß, von was so eine Flasche Baileys alles der Anfang sein kann. Aber eigentlich mag ich Baileys gar nicht so gern, und meine Sitznachbarin hat entweder höllische Flugangst oder ADHS, so nervös wie sie auf ihrem Sitz rumzappelt. Und weil ich scheißmüde bin, kommt es mir sehr gelegen, dass der Flugbegleiter, als er die Flasche sieht, so große Augen bekommt, als hätte sich der Brummkreisel neben mir gerade einen Joint angezündet. Ich höre nur, wie er immer wieder was von „serious trouble“ redet, nein eher brüllt, während ich unbemerkt den Becher leere und in meiner Sitztasche verschwinden lasse. Da der Abend nun irgendwie eine unromantische Wendung genommen hat, beschließe ich, in dieser Nacht bloß noch mit meinem neuen Nackenkissen zu kuscheln, wünsche dem nunmehr drinklosen Mädel eine gute Nacht und schlafe ein.

Empire State of Mind

Im Greyhound-Bus nach Sydney versuche ich mehr oder weniger erfolgreich zu schlafen. Zwar spart man durch nächtliche Busfahrten eine Hostelübernachtung, dafür fühlt man sich am nächsten Tag jedoch, als hätte man zusammengefaltet in einer Umzugskiste genächtigt. Dummerweise habe ich kürzlich auch noch mein Nackenkissen verloren – Position 24 auf der Liste der verlorenen Dinge. Wer im Schnitt alle vier Tage alles ein- und auspackt, hinterlässt eine Spur verlorener Dinge. Das Nackenkissen vermisse ich allerdings schmerzlich, als ich alle erdenklichen Positionen durchprobiere, um wenigstens ein Stündchen Schlaf zu finden. Es ist zwei Uhr als die Müdigkeit mich endgültig übermannt.

Ich öffne die Augen erst wieder, als der Busfahrer irgendwas in seinem breiten australischen Dialekt ins Mikro faselt, von dem ich vielleicht 25 Prozent verstehe.

Moment, wie lange habe ich geschlafen? Durch meine halb geöffneten Augen sehe ich die Skyline von New York in der morgendlichen Sonne durch die Streben der Manhattan-Bridge funkeln. Kann das sein? Ist der Bus über den Pazifik gefahren? Als die Schlaftrunkenheit weicht, erkenne ich, dass es nicht New York ist, sondern Sydney – das Setting ist allerdings verdammt ähnlich: Brücke, Hafen, Skyline. Wer bei der Fahrt über die Harbour-Bridge nach links aus dem Fenster sieht, könnte auch annehmen er fährt gerade über den East River. Ich habe einen Flashback und erinnere mich daran, wie ich vor zehn Jahren das erste Mal über die Manhattan-Bridge nach New York reingefahren bin, in diese Stadt, die so lange ein zentraler Sehnsuchtsort in meinem Leben war – auch, weil sie so viele Orte dieser Welt in sich vereint.

Aber das hier ist ja, wie gesagt, nicht New York sondern Sydney. Trotzdem hat die Metropole Weltstadt-Flair. Sirenen heulen in den Straßenschluchten und startende und landende Flugzeuge reihen sich wie an einer Perlenkette im wolkenlosen Himmel auf. In dieser Art von Großstädten fühle ich mich zu Hause, und ich kann kein bisschen verstehen, warum die meisten Reisenden, die ich unterwegs getroffen habe, von Sydney überhaupt nicht angetan waren.

Ich wohne in einem zentral gelegenen Top-Hostel, dessen Dachterrasse einen hervorragenden Blick auf die Skyline freigibt. Es gibt hier nicht viele Must-See-Sehenswürdigkeiten, so dass ich einfach planlos auf Erkundungstour gehe, wann immer mir danach ist. Zu Fuß loszuziehen ist für mich der ultimative Weg eine Stadt zu erkunden und zu erobern. Dem Fußgänger entgeht nichts. Keine Seitengasse, kein Café, kein winziges Geschäft, kein vietnamesisches Streetfood und keine versteckte Streetart. Stundenlang laufe ich so durch die Stadt, mit Musik im Ohr und der Kakophonie der Großstadt als Hintergrundrauschen.

Sydney macht mir gute Laune, extrem gute Laune. Warum, kann ich gar nicht genau sagen; vielleicht ist es nur die Vorfreude auf Neuseeland. Öfters schon habe ich mich dabei ertappt, wie die Vorfreude auf das nächste Ziel beinahe die Freuden der Gegenwart überstrahlt. Vielleicht ist es aber auch nur die immer strahlende Sonne, oder die immerfreundlichen Australier, die einem zu jeder Gelegenheit ein „Cheers Mate!“ zurufen, wobei „Cheers“ das australische Universalwort für „Hallo, Tschüss, Bitte, Danke“ und noch so einiges mehr ist. Sie scheinen wirklich immer gut gelaunt zu sein, diese Aussies und vielleicht springt das ja gerade ein wenig auf mich über.

Ich habe mich auf die andere Seite des Hafens zurückgezogen, von wo aus ich – die Oper und die Brücke im Blick – der untergehenden Sonne zusehe. Ein Kreuzfahrtschiff größer als der Berliner Hauptbahnhof parkt gerade aus und verschwindet in den Weiten des Pazifik. Während die Bugwellen gegen das Ufer plätschern, fällt mir auf, dass ich schon ein halbes Jahr unterwegs bin. Fertig bin ich aber noch lange nicht, nein, ich bin immer noch hungrig.

In ein paar Tagen werde auch wieder in einem der Flugzeuge sitzen, die gerade über der Skyline im Nachthimmel zu immer kleineren Punkten werden, und noch immer fühlt es sich gut an, ein rastloser Nomade zu sein.

Champagne-Problems

Das Reisen in hat sich hier in Australien wieder etwas verkompliziert. Konnte man in Indonesien zumeist fünf Minuten vor Checkout entscheiden, ob man noch ein paar Tage am Ort bleibt oder schon nachmittags im Flugzeug sitzt, ist hier wieder Planung gefragt. Das ist zunächst nervig, weil völlige Planlosigkeit natürlich auch absolute Freiheit bedeutet.

Von Airlie Beach will ich Richtung Fraser Island, um dort eine Tour mit einem Geländewagen zu unternehmen und zwar so ungefähr am nächsten Tag. Alles was ich im Internet finde, ist allerdings ausgebucht. Ich recherchiere weiter im Netz und telefoniere mit diversen Reisebüros. Während ich telefonierend vor meinem iPad mit der Tatstatur sitze, witzelt einer meiner Buddys, ob ich mein Büro hier aufgeschlagen hätte. Dieser ganze Organisationskram dauert Stunden und kostet Nerven. All dies wird natürlich später von meiner Erinnerung geflissentlich gelöscht werden und auch im Blog sind diese „Arbeitsphasen“ zu Unterhaltungszwecken natürlich massiv unterrepräsentiert.

Die Wahrheit ist aber, Reisen ist kein Urlaub; über weite Strecken ist es bloß schnödes Projektmanagement. Recherchieren, Telefonieren, Planen, buchen, umbuchen. Hier in Australien ist der Kalender wieder so wichtig, wie im Büro. Richtig realisieren tue ich das allerdings erst, als mein Fraser-Island-Vorhaben endgültig scheitert. An eine Tour mit einem 4×4-Gefährt zum Selberfahren ist nicht mehr dranzukommen – und mit dem Offroader über die unendlichen Sandstrände zu brettern ist schließlich das Hauptvergnügen auf dem Dünen-Eiland. Der Travel-Agent versucht noch, mir eine Bus-Tour über die Insel anzudrehen, aber da fallen mir tausend bessere Möglichkeiten ein, 400 Dollar auszugeben.

Ich buche also den Bus direkt nach Brisbane und bezahle meine Kurzsichtigkeit mit einer zweiundzwanzigstündigen Busfahrt.

Mit dem Tauchausflug und dem Segeltörn hatte ich noch das Glück, die letzten freien Spots zu erwischen, aber jetzt ist klar, auf dieses Glück kann ich mich nicht verlassen. Wenigstens eine Woche im Voraus muss hier klar sein, was auf dem Programm steht. Das riecht nach Arbeit. Alles wird nun etwas chaotisch. Ich buche ein Hostel hier und eine Busfahrt dort, fahre mit dem Finger über die Karte der australischen Ostküste, versuche Entfernungen abzuschätzen und recherchiere Ausflugsmöglichkeiten. Als ich in Brisbane ankomme, bereue ich es sogleich, hier nur einen Tag eingeplant zu haben, denn offenbar kann man von hier auch ganz gute Touren ins Outback unternehmen. Dafür habe ich jetzt aber keine Zeit mehr, denn erst gestern habe ich für 50 Euro meinen Flug nach Neuseeland umgebucht, weil ich ja nun Fraser Island gespart habe.

Es dauert halt ein bisschen, wieder in den Planungsmodus umzuschalten. Ich gewöhne mich besser dran, denn in Neuseeland soll es nicht anders sein, wie ich von einer Freundin erfahre, die gerade dort ist.

Egal, es gibt Schlimmeres, als auf Dachterrasse des Hostels in Brisbane meine Weiterreise zu den nächsten Traumzielen zu planen.

Silvester

Am Silvesternachmittag sitze ich schon wieder im Flugzeug. Ich verlasse das wenig aufregende Melbourne und fliege in den Norden nach Queensland zum Great Barrier Reef. Warum genau meine Reiseroute jetzt irgendwie im Zickzackkurs verläuft, kann ich mir selbst nicht mehr so genau erklären. Irgendwie erschien es mir zwischendurch wohl klüger, auf dem Landweg von Cairns nach Sydney zu reisen, als von Melbourne nach Cairns. Immer noch eine absurd lange Route für ein paar Wochen, aber wohl irgendwie klimatisch vorteilhafter. Außerdem ließ sich so Silvester in Sydney vermeiden, was ein abartig teurer Spaß ist. Offenbar wollen so viele Leute einmal in ihrem Leben das Feuerwerk vor der Kulisse des Hafens und der weltbekannten Oper sehen, dass eine Nacht im mittelmäßigen Hostel gleich mal 80 Euro kostet. Ich lache mich kaputt, als ich bei Facebook die Massen sehe, wie sie sich schon mittags die besten Plätze im Regen sichern, kurz bevor ich einfach über sie hinweg fliege.

Silvester ist für mich sowieso die sinnloseste Veranstaltung aller Zeiten. Was interessiert es mich oder den Lauf der Welt, ob die Erde die Sonne ein weiteres Mal umkreist hat und vor allem, was habe ich dazu beigetragen, dass ich das feiern müsste? Und erst diese ganzen sinnlosen Vorsätze. Als ob schon jemals eine einzige wichtige Lebensentscheidung an Silvester getroffen wurde. Es ist doch immer das gleiche Trauerspiel, überzogene und sogleich enttäuschte Erwartungen an die Nacht der Nächte. Ich kann mich an keine legendäre, aus dem Ruder gelaufene Partynacht erinnern, die im Vorhinein akribisch geplant war. Silvester ist der Jahrestag der Spießer und Langweiler.

Das alles ändert jedoch leider gar nichts daran, dass ich auch schlecht alleine im Hostel sitzen kann, an diesem Abend. Als das Flugzeug in Cairns landet ist es schon 17.30 Uhr. Achso, es gab eine Zeitverschiebung? Wie immer bin ich grandios unvorbereitet und ahnungslos. Von der Ankunftszeit bin ich genauso überrascht, wie vom tropisch heißen Wetter und ich habe noch immer keine Ahnung, was man in Cairns an Silvester (oder überhaupt) so anstellen kann. Im Taxi zum Hostel checke ich Facebook, Internetforen und sogar Tinder ab – irgendwie ist das jetzt aber auch schon zu spät. Ich muss wohl schnell ein paar Freunde im Hostel finden, bevor dort alle ausgeflogen sind. „Schnell Freunde finden müssen“ gehört jetzt nicht unbedingt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen nach einem Reisetag. Ich werfe also meinen Rucksack in den Schlafsaal und gehe zum Pool. Zum Glück sind überhaupt Leute da. Hosteltypisch kommt man schnell ins Gespräch und ich checke einzelne Gruppen mit Leuten ab, die nett aussehen. „Where are you from?“ – Aha, Deutschland. Egal, die Zeit um wählerisch zu sein, ist längst vorbei. Die beiden Jungs sind nett, ihre beiden Freundinnen auch, außerdem noch recht hübsch. Die beiden Pärchen haben gerade Abi gemacht und befinden demzufolge auf dem „Work and Travel“-Planeten. Mit einem Uber fahre ich noch schnell zum letzten geöffneten Liquorstore der Stadt und kaufe Bier. Wir bestellen Pizza und quatschen. Die Vier über ihre Abiturnoten und die Arbeit auf Mangofarmen, ich über Surfen und Tauchen. Die gemeinsamen Gesprächsthemen halten sich zwar in Grenzen, interessant ist es trotzdem. Kraft meiner bloßen Lebenserfahrung genieße ich in der Gruppe den Status eines Altersweisen und es macht Spaß, den ein oder anderen altväterlichen Ratschlag fallen zu lassen.

Beim Feuerwerk am Strand, liegen wir uns in den Armen. Ich hasse Silvester immer noch, bin aber trotzdem froh, dass ich noch nette Gesellschaft gefunden habe. Nach dem Feuerwerk gehen wir in den angesagtesten Backpacker-Club der Stadt. Ich denke mir, jetzt ziehe ich es auch durch. Eine halbe Stunde anstehen, 35 Dollar an der Tür abgeben, um sich in einen völlig überfüllten Laden zu stopfen, der all meine Silvesterbefürchtungen bestätigt. Die Musik als unterirdisch zu bezeichnen, wäre noch arg beschönigt. Der Schweiß tropft von den Wänden, aber nicht in einer guten Art und Weise. Es ist wirklich grausam, genau genommen aber auch nicht viel grausamer als die meisten öffentlichen Silvesterpartys auf denen ich in Deutschland so war.

Wir tanzen, schwitzen und trinken also noch eine Weile, und als ich mich verabschiede, bin ich froh, diesen Jahreswechsel endlich hinter mich gebracht zu haben. Bei einem letzten Bier im Hostel lese ich noch die etlichen unpersönlichen „Guten Rutsch“-Wünsche und lösche all die dämlichen GIFs, während es in Deutschland erst sechs Uhr am Silvesterabend ist und sich noch alle für die „Party des Jahres“ vorbereiten. Wie gut, dass mich von der nächsten Silvesterfeier dank der Zeitverschiebung diesmal neun Stunden mehr trennen.

Go east, arrive west: Welcome to Oz!

Das Flugzeug setzt in Melbourne nicht nur auf einem anderen Kontinent, sondern in einer anderen Welt auf – nämlich im Westen. Nach fünf Monaten Nicht-Westen ist das ein Kulturschock. Alles ist (wieder) teurer, sogar viel teurer als in Deutschland. Alles ist aber auch hübsch reguliert, man kann jetzt offenbar nicht mehr machen, was man will. Es gibt Verbote, Behörden und Polizei. Es gibt Ampeln, vor denen man bei Rot stehen bleiben muss. Natürlich drängt sich mir nach den vergangenen Monaten sofort der Gedanke auf, dass es woanders auch ohne diesen ganzen Schnickschnack funktioniert. Aber Funktionieren ist natürlich relativ. Die Anwesenheit von (echter) Demokratie und die Abwesenheit von Korruption wären dem ein oder anderen Bürger Südostasiens sicher sehr willkommen, der Reisende hat regelmäßig nichts dagegen einzuwenden, wenn gewisse Dinge nicht geregelt sind und niemanden interessieren.

Wie auch immer, ich komme in meinem Hostel im Stadtteil Fitzroy an. Alles mutet sehr europäisch an. Das Szeneviertel ist eine Mischung aus dem Berliner Prenzlauer Berg, Hamburgs St. Georg und einer englischen Dorfidylle.

Das Klima ist angenehm, es ist ein europäischer Hochsommer, nicht bloß eine tropische Trockenzeit. Alle sprechen Englisch und alle verstehen einen. Es ist komisch, nicht mehr aufzufallen. Niemand identifiziert einen hier als Backpacker und deshalb will einem hier auch keiner mehr was verkaufen. Man kann durch die Stadt gehen, als wäre man selbst ein Einheimischer und würde zur Arbeit gehen oder irgendwas tun, was eben Leute mit einem geregelten Alltag tun. Man ist in der Masse wieder perfekt getarnt.

Melbourne ist Australiens Hipster-Hauptstadt und deshalb gibt es jede Menge hervorragender Cafés, Streetart und angesagte Bars. Mein erstes Frühstück in Australien kostet 30 Australische Dollar (20 Euro) und plötzlich leuchtet mir ein, warum es im Hostel eine gut ausgestattete Küche gibt, in der man selbst kochen kann. Sowas habe ich seit St. Petersburg nicht mehr gesehen und mir wird klar, dass ich die letzten fünf Monate dreimal am Tag auswärts Essen gegangen bin. Ich kaufe Lebensmittel im Supermarkt ein und stelle erfreut fest, dass es Vollkornbrot, Käse und Wasser mit Kohlensäure zu kaufen gibt.

Nach zwei eher antisozialen Tagen und der Lektüre von Stuckrad-Barres „Panikherz“ verspüre ich das Bedürfnis, mich ins Nachtleben zu stürzen. Die Bars sehen allesamt aus wie in Berlin: Kein Putz an den Wänden, schummriges Licht und Sofas. Die Clubs sehen leider gar nicht so aus wie in Berlin. Zwar muss man auch hier eine halbe Stunde anstehen, aber nur, um dann in etwas zu kommen, das an eine oldenburger Dorfdisco erinnert. Wer immer mal die Feststellung getroffen hat, Melbourne ist das Berlin Australiens, war entweder niemals in Berlin oder niemals hier feiern. Macht nichts, denn in guter Gesellschaft ist die Kulisse zweitrangig.

Die Nacht hat geholfen, den Kulturschock etwas zu dämpfen. Der Gewöhnungsprozess läuft langsam an. Als wir in der Hostelküche zusammen kochen, legt jemand das Album „In Colour“ von Jamie xx auf. Wenn das kein Zeichen ist: Der Soundtrack des Abspanns meiner Asien-Etappe als australisches Hostelküchen-Deja-Vu. Alles erscheint in diesem Moment gerade sehr, sehr folgerichtig.

Melbourne ist ansonsten das, was man gemeinhin als Stadt mit hoher Lebensqualität bezeichnet: Saubere Straßen, sehr viel Grün, Museen und Kultur, Bars, Meer, Strand und so weiter und so fort. Es ist immer was los, zum Beispiel macht gerade das Volvo Ocean Race hier Station, immerhin die härteste Segelregatta der Welt. Man kann die Rennyachten bestaunen und sich Interviews mit den Seglern anhören.

Alles ganz nett hier. „Nett“, wie eben jemand „nett“ ist, mit dem man es zwar aushalten kann, aber keinesfalls eine Beziehung eingehen möchte.

Und deshalb muss ich jetzt auch langsam mal los. Es soll ja noch andere Städte in Australien geben. Vielleicht sogar welche, die ein bisschen mehr als nur „nett“ sind.

Balifornication

Mit dem Schnellboot geht es weiter westwärts nach Nusa Lembongan. Ich brauche eine Nacht in einem Privatbungalow, um mich von den Strapazen des Rinjani-Treks zu erholen, bevor ich mich Tags drauf wieder mit der K. treffe, die hier Tauchen lernen will. Lembongan ist als ausgezeichnetes Tauchrevier bekannt und auch ich tauche hier wieder ab und lasse mich zum „Advanced Adventurer Diver“ ausbilden, was immer das auch genau bedeuten mag.

Auf der Insel stelle ich fest, dass ich bislang wohl Glück hatte mit dem Wetter in Indonesien, denn eigentlich ist hier Regenzeit und das ist dem Wetter wohl auch gerade wieder eingefallen. Zum Glück ist das unter Wasser eher nebensächlich, aber wenn das Tauchboot zu den Dive-Sites rausfährt, muss man sich schon recht gut festhalten.

Nachdem wir alle Unterwassersehenswürdigkeiten abgeklappert haben, verbringen wir noch zwei Tage auf der Nachbarinsel Nusa Penida, die auch überirdisch einiges zu bieten hat. Was die Natur hergibt, besichtigen wir mit zwei Reiseabschnittsgenossinen allerdings gleich in Badeshorts bzw. Bikini; Nichts, gar Nichts würde hier auch nur eine Sekunde trocken bleiben. Der Tag halbnackt im 30 Grad warmen Dauersturzregen ist ein absurder Spaß – ja, man kann uns wirklich nicht vorwerfen, dass wir nicht das Beste aus der Situation machen. Die Sonne vermisse ich trotzdem langsam und dass die meisten meiner Klamotten mittlerweile nass sind und bei 120 Prozent Luftfeuchtigkeit auch niemals mehr trocknen werden (also sehr bald anfangen werden zu stinken), macht es auch nicht besser.

Um tags drauf mit dem Speedboat nach Bali zu kommen, müssen wir um halb sechs aufstehen, denn das ist offenbar die einzige Tageszeit, zu der das Meer die Überfahrt noch gestattet, bevor gegen Mittag Wind und Wellen die See wieder für sich allein beanspruchen.

Ich habe nur noch Zeit für eine Stadt auf Bali und so fällt die Wahl auf das Surfer-Paradies Canggu. Wir steigen im LayDay-Surfhostel ab, was für seine entspannte Atmosphäre und seine ab 9 Uhr morgens geöffnete Bar bekannt ist. Leider ist die Herberge ein bisschen weit ab vom Schuss, weshalb man jeden Weg mit dem Roller zurücklegen muss, was ziemlich ungünstig ist, wenn alle schon mittags anfangen zu saufen. Egal, wir können mit dem ersten Bier warten, bis alle Besorgungen in der Stadt erledigt sind. Nur abends wird die Lage zum Problem. Weil auch dieses Hostel Nachbarn hat, die gelegentlich mal schlafen müssen, geht um elf Uhr die Musik aus und alle fahren in die Stadt. Nun kann man in Canggu leider auch nicht einfach ein Uber oder ein Taxi bestellen, denn die lokale Mafia hat dafür gesorgt, das kein Taxifahrer, dem was an seiner Gesundheit oder seinem Gefährt liegt, hier noch irgendjemanden befördern würde. Gleichzeitig haben sie jedoch keine funktionierende Parallelinfrastruktur geschaffen. Canggus Straßen sind also jede Nacht vollgestopft mit Westerners, die in den abenteuerlichsten Zuständen in die Bars und Clubs fahren und gegen Morgen wieder zurück. Polizei gibt es hier nicht. Es ist natürlich unnötig zu erwähnen, dass die Leute sich hier in schöner Regelmäßigkeit umbringen, jedenfalls aber schwer verletzen. In Indonesien sterben schon mal 60 Rollerfahrer an einem einzigen Tag. Das scheint uns nicht übermäßig verlockend zu sein, was jedoch auf völliges Unverständnis stößt. Erzählt man, dass man betrunken lieber nicht fahren mag, reagieren die Leute, als würde man offenbaren, dass man aus Prinzip kein Smartphone benutze. Besoffen zu fahren ist hier so selbstverständlich wie eben besoffen zu sein. Wir finden trotzdem Wege, um von A nach B zu kommen, ohne selbst zu fahren. Nicht immer komfortabel, selten preisgünstig und oft unzuverlässig. Nachts warten die vierzehnjährigen Kids mit ihren Rollern vor den Bars und Clubs, um ihr Taschengeld aufzubessern. Es erscheint mir allemal sicherer, als bei meinen Hostelgenossen hinten aufzusteigen – sofern die überhaupt noch in der Lage sind, sich selbst auf den Roller zu schwingen. Nicht wenige fallen sofort mitsamt ihres Gefährts wieder um.

Natürlich lerne auch ich in Canggu Surfen. Wenn nicht hier, wo dann? In Australien will ich es schließlich schon können und hier sind Surfstunden noch bezahlbar. Es klappt überraschend gut. Zum Glück, denn ich habe nicht mehr ewig Zeit.

Seit ich in Indonesien bin, habe ich es immer bedauert, nicht mehr Zeit zu haben. Zwischenzeitlich habe ich sogar auf den (immer noch erwarteten) Ausbruch des Mount Agung gehofft. Ein gecancelter Flug ist hier ein gutes Argument für eine Visumsverlängerung.

Aber gerade jetzt, kurz vor meiner Abreise, fühlt es sich gar nicht mehr so verkehrt an, dass ich bald die Kurve kratze. Der Dauerregen schlägt auf die Stimmung und auch die K. und ich gehen uns jetzt manchmal auf die Nerven. Es ist eigentlich genau der richtige Zeitpunkt, um zu einem neuen sonnigen Kontinent, einer neuen Etappe aufzubrechen.

Den ersten Weihnachtstag verbringe ich noch im Hostel, wo Weihnachten im Grunde bedeutet, dass man einfach noch mehr trinkt als sonst. Mein Flug nach Melbourne geht um 23.00 Uhr und da ich später das Gate noch finden muss, kann ich leider nicht voll in die Feierlichkeiten miteinsteigen. Ein, zwei letzte Bintang-Biere, dann kommt mein Taxi. Der Fahrer überlässt mir die Musikauswahl und das Album „In Colour“ von Jamie xx wird der Soundtrack dieser letzten Autofahrt in Asien. Die Musik passt zu meiner Stimmung, die irgendwo zwischen melancholisch und freudiger Erwartung liegt. Draußen regnet es mal wieder und drinnen blase ich nachdenklich den Rauch der gefühlt hundertsten Zigarette an diesem Tag gegen die Windschutzscheibe. Die roten Rücklichter des chaotischen indonesischen Verkehrs spiegeln sich im Dunkeln auf der regennassen Fahrbahn und für die zehn Kilometer zum Flughafen brauchen wir über eine Stunde. Farewell Asia.

Die nagelneue Boing 787 riecht innen wie ein neues Auto und das Mädel am gegenüberliegenden Fenster schenkt mir ein Lächeln – einfach so. Ich schließe den Anschnallgurt. *klick*. Als das Flugzeug abhebt, läuft der tropische Regen in dicken Schlieren die großen Panoramafenster des Dreamliners entlang. Ich habe die Sitzreihe für mich allein, mache es mir gemütlich, und schlafe sofort ein.

Kopf gegen Körper

Auf Gili Air ist nicht viel los. Zwar ist das Captain Coconuts Hostel ein großartiger Ort, aber was nützt das schon, wenn man der einzige Gast ist.

Es durstet mich nach Action und Abenteuer und so entscheide ich mich für eine Trekking-Tour auf den Mount Rinjani. Indonesiens zweitgrößter Vulkan bestimmt das Landschaftsbild Lomboks und soll sich hervorragend zum Trekken eignen. Ausnahmslos Alle, die ich getroffen habe, haben geschwärmt von der Landschaft und dem Ausblick. Allerdings haben auch Alle gesagt, dass es ein verdammt harter Trek ist.

Na ja, denke ich noch, es ist ja nicht mein erster Trek und so wild kann es schon nicht sein. Ein Irrtum, wie sich bald herausstellen sollte.

Die Suche nach einem passenden Veranstalter ist schwerer als gedacht. Es gibt hunderte Trekking-Agenturen, von hochgradig unseriös bis Premium und nicht alle starten Touren jeden Tag. Eine Tour mit unqualifizierten und unterbezahlten Guides gibt es schon für 100 USD. Wer einen lizensierten Guide haben möchte und zudem sicher sein will, dass das Equipment halbwegs hochwertig ist, muss tiefer in die Tasche greifen. Die Recherchen ergeben, dass man für alle halbwegs vertrauenswürdigen Agenturen mindestens das Doppelte bezahlen muss. Dafür kann man sich dann aber auf gute Verpflegung verlassen und darauf hoffen, dass Guides und Träger anständig bezahlt werden. Ich finde eine Agentur, die garantiert, keinen Müll auf dem Berg zurückzulassen und sogar noch einen 5%-Discount verspricht, wenn man auf dem Rückweg selbst noch einen Beutel Müll einsammelt.

Das ist es mir Wert, und so bricht unsere Dreiergruppe am nächsten Tag zur Gipfelbesteigung auf. Zufällig ist auch der F. dabei, mit dem ich in Komodo den Tauchkurs absolviert habe. Die Welt ist klein. Der 24-jährige Portugiese ist frischgebackener Arzt, ich hoffe jedoch inständig, dass er seine Fähigkeiten hier nicht unter Beweis stellen muss.

Am ersten Tag geht es rauf zum Kraterrand. Schon jetzt ist klar, dass das kein Kinderspiel wird. Es ist sauanstrengend, aber der Guide und die Träger sind nett, das Essen ist (für die Bedingungen) hervorragend und der Wille ist stark. Wenn man den Trägern außerdem dabei zusieht, wie sie in Flipflops Lebensmittel, Kochequipment, Zelte, Isomatten und Trinkwasser den Berg raufschleppen, kommt Beschweren sowieso nicht in Frage.

Als wir am Kraterrand ankommen, bin ich einigermaßen zerstört, aber noch funktionsfähig. Kaum vorstellbar, dass der Vulkan mal über 5000 Meter hoch war, bevor ein Ausbruch irgendwann im 11. Jahrundert einfach die komplette obere Berghälfte weggepustet hat. Die Aschewolke reichte 45 Kilometer in den Himmel und hat die Sonne so sehr verdunkelt, dass in Europa ein ganzes Jahr lang Winter war. Heute liegt im Krater ein See, aus dem ein kleinerer neuer Vulkan hervorragt, der seit dem Ausbruch im letzten Jahr gemütlich vor sich hinqualmt.

Am nächsten Tag klingelt der Wecker um zwei Uhr nachts. Ein Toast mit Marmelade und ein Kaffee ist alles, was uns Energie für den Aufstieg zum Gipfel liefern wird, den wir zum Sonnenaufgang erreichen wollen.

Es gilt einen weiteren Höhenkilometer zu überwinden und jetzt wird sich zeigen, wer Spreu und wer Weizen ist.

Ein Vulkan ist kein gewöhnlicher Berg, es ist vielmehr ein Haufen aus Schutt, Geröll und sandartiger Asche. Zum Gipfel führt ein schmaler Grat, der im Schein unserer Taschenlampen schimmert. Ich muss kämpfe: Für zwei Schritte nach vorn rutscht man einen zurück. Ich schwitze, obwohl es fünf Grad sind und ich nur ein T-Shirt und eine Softshelljacke anhabe. Sobald man stehenbleibt, sorgt der eisige Wind im Zusammenspiel mit dem kalten Schweiß dafür, dass man fast erfriert. Mir wird klar, dass ich dieses Unterfangen hoffnungslos unterschätzt habe. Die Muskeln brennen noch vom Vortag. Pure Verzweifelung beim Blick nach oben: Es ist zu weit, zu hoch. Dass auch der erfahrene Trekker im Team und sogar der Guide Blut und Wasser schwitzen, tröstet mich kein Bisschen. Ich rutsche aus und falle auf die Knie. Immer wieder die Frage: „Warum“? Ich sage mir nicht mehr, dass das aber „sauanstrengend“ ist, sondern wünsche nur noch, aus diesem Albtraum aufzuwachen. Meine körperliche Grenze ist in unmittelbarerer Sichtweite, nicht bloß zu erahnen, nein, hier laufen alle Maschinen auf Maximalauslastung im roten Bereich.

Ich hatte ja keine verdammte Ahnung.

„Auf deine mentale Stärke wird es ankommen, wenn es auf den Gipfel geht“, hat Jul, der Inhaber der Trekking-Agentur mir mit auf den Weg gegeben. Und jetzt bin ich mittendrin, im Kampf „Kopf gegen Körper“. Jul‘s Worte würden das Aufgeben gleichzeitig auch zu einer Niederlage des Geistes machen. Sich einzugestehen, dass man körperlich nicht in der Lage ist, ist einfach – sich einzugestehen, dass man mental nicht in der Lage ist, keineswegs.

Ich gucke nicht mehr nach oben, denke nicht mehr drüber nach, dass dieser Kampf noch mindestens eine Stunde dauern wird. Das Ziel ist ab jetzt immer nur noch der nächste Schritt.

„Einen Fuß vor den anderen; Kleine Schritte; Konstante Geschwindigkeit; Auf keinen Fall nach oben gucken.“

Diese Sätze sind das Mantra, dass ich in Endlosschleife vor mich hinmurmle.

Als ich auf dem Gipfel ankomme, kann ich es kaum glauben. So fühlt es sich also an, wenn man einen Berg bezwungen hat! Richtigerweise muss man natürlich sagen, wenn man sich selbst bezwungen hat.

Es ist schier nicht zu fassen, dass ich die 3200 Höhenmeter mit meinen eigenen Beinen erklommen habe. Endorphine fluten das Gehirn und nehmen sämtliche Synapsen unter Beschuss. Man liegt sich in den Armen und klatscht sich selbst auf die Schulter – pausenlos. Man fühlt sich unbesiegbar. Kratzer, Blasen an den Füßen, eisige Kälte, Muskelkater, Hunger, Durst, Schmerz, Verzweifelung – alles weg. Der körpereigene Hormon-Cocktail und die aufgehende Sonne vernebeln einem alle Sinne.

Bevor man endgültig erfriert, muss man sich jedoch wieder mit der Realität befassen. Der Abstieg zurück zum Kraterrand wird weitere eineinhalb Stunden dauern und sehr rutschig werden.

Zurück am Zelt wird es ca. 8 Uhr sein und der Trekking-Tag fängt dann erst richtig an. Nach dem Frühstück folgt der Abstieg in den Krater, Mittagessen am See, dann den Kraterrand wieder raufklettern, um auf der anderen Seite zu zelten.

Muskel- und Gliederschmerzen werden nicht besser. An diesem Tag sind wir 14 Stunden auf den Beinen. Das Bad in den heißen Vulkanquellen kann nur wenig Abhilfe schaffen. Beim Abstieg an Tag drei, spürt man die Blasen an den Füßen schon gar nicht mehr. Man ist darauf trainiert, die Warnsignale seines Körpers zu ignorieren. Auf den steilen Pfaden rutscht man aus, fällt hin, steht wieder auf, auch wenn die Knie weich sind und die Beine zittern.

Nein, es macht keinen Spaß, wirklich nicht.

Aber um Spaß geht es beim Trekking anscheinend auch nicht. Es geht auch nicht darum, irgendwo anzukommen und vielleicht geht es noch nichtmal um die Natur. Es scheint in erster Linie um den Kampf mit oder vielmehr gegen sich selbst zu gehen. Es geht um Beharrlichkeit, ums Durchhalten; darum, sich und seine Gedanken zu fokussieren, sich nicht ablenken zu lassen, nicht ans Aufgeben zu denken, seine Schwäche zu überwinden. Und manchmal geht es auch darum, zu erkennen, dass man das Unmögliche möglich machen kann – mit reiner Willenskraft.

Das Erfolgsgefühl ist nachhaltig, auch wenn – das muss nochmal betont werden – es wirklich keinen Spaß gemacht hat. Ich bereue es keinesfalls das Abenteuer gewagt zu haben; Lust auf eine baldige Wiederholung verspüre dennoch nicht.

Aber wer weiß, wie es ist, wenn der Erfolgsrausch in einigen Wochen abklingt. Vielleicht werde ich dann wieder ein Kribbeln in den Beinen spüren und die neuseeländischen Berge rufen hören.

Man soll ja niemals „nie“ sagen.

Reisende – Folge 3: Der Faker

Der Faker gehört zu nervigsten Personen, die einem auf Reisen begegnen können. Er tritt dabei sowohl in männlicher als auch weiblicher Gestalt auf, wobei auffällt, dass sein Herkunftsland überdurchschnittlich oft Deutschland ist. Der Faker ist immer um die dreißig und hat immer einen Hochschulabschluss. Beheimatet ist er zumeist in der unseriösesten Branche überhaupt, den (Unternehmens-)Beratungen.

Nicht das Fernweh hat den Faker dazu veranlasst, seinen Rucksack aufzuschnallen und loszuziehen, vielmehr war auch diese Entscheidung das Ergebnis einer (Unternehmens-)beratung. Der Faker hat sich nämlich selbst beraten und dabei festgestellt, dass sein Leben jämmerlich und öde ist. Seine Instagram-Likes sind im Keller und seine „Freunde“ wenden sich nur noch gelangweilt ab, wenn er zum tausendsten Mal erzählt, dass er mal wieder irgendwo ein paar Leute um ihre Jobs gebracht hat, um marode Unternehmen noch maroder zu machen und damit für eine lukrative Zerschlagung vorzubereiten.

Der Faker hat in der Folge eine innere Leere verspürt – nicht jedoch mit Einsicht zu verwechseln – die seinen Minderwertigkeitskomplex noch verstärkt hat. Anstatt jedoch das einzig Richtige zu tun und sein hart erspartes Geld zu einem Therapeuten zu tragen, hat er einen neuen Weg erdacht, um seine narzisstische Persönlichkeitsstörung auszuleben: Er wird neuen Content durch Reisen generieren.

In seiner Unternehmensberatung hat er sich dafür exakt sechs Monate beurlauben lassen, um seinen perfekt durchdachten Plan in Rekordgeschwindigkeit abzuarbeiten. Ganz so lange kann er seiner dringend benötigten Karriere dann nämlich doch nicht fernbleiben. In diesen sechs Monaten wird er jedes Land bereisen, dem er Kraft seines unfehlbaren Urteilsvermögens genug Bedeutung beigemessen hat, um mit seiner Anwesenheit beehrt zu werden. Denn sein Ziel ist es, nach seiner Rückkehr die Abgeklärtheit desjenigen zu besitzen, der behaupten kann, er habe schon alles gesehen. Seine Reisegeschwindigkeit macht den Faker – zum Glück – aber auch zu einer Art Gewitter; er verschwindet so schnell wieder, wie er gekommen ist.

Der Faker ist extrem schnell zu enttarnen und noch schneller zu durchschauen. Schon von weitem kann man ihn an seinen Klamotten erkennen. Er (oder sie) hat exakt die Klamotten an, die man anzieht, wenn man nach dem Bürotag auf einer Vernissage eingeladen ist und krampfhaft locker aussehen will. Wenn der Faker im Hostel dann Kurs auf den eigenen Tisch nimmt, dann ist es jedoch bereits zu spät.

Sofort labert der Faker einen voll. Ja, BWL habe er studiert aber jetzt suche er nach den wahren Erfahrungen des Lebens. Er macht einem klar, dass er zu einer gesellschaftlichen Elite gehört, jetzt aber gleichwohl hier im Hostel im Zehner-Schlafsaal nächtigt, denn er suche ja den Kontakt zu den Menschen. „Ja, vielen Dank“ denkt man sich. Sein nicht endenwollender Monolog hat so ungefähr zum Inhalt, dass er – obwohl ja eigentlich was Besseres – jetzt auch einer von uns sei. Was das bedeuten soll, „einer von uns“, fragt man sich. Vermutlich hat einen der Faker längst schon in die Schublade „Banana-Pancake-Trail-Idiot“ – also ungefähr „Bachelor“ – eingeordnet. Das Weltbild des Fakers ist so feststehend, wie das eines AfD-Wählers.

Während man panisch verzweifelte Blicke Richtung Klo, Tür oder gar Fenster wirft, redet sich der Faker in einen Rausch. Wie toll das alles sei, die Erfahrungen, die Gespräche mit den Menschen. Er zwingt einen, sich mit ihm auf Facebook zu befreunden, damit man auch ja keinen seiner Blogspots verpasse oder keines seines Instagram-Bilder auf denen er mit einem kambodschanischen Kind zu sehen ist. „Die Menschen dort seien ja so herzlich“, schwärmt er, während man sich fragt, ob er im gleichen Kambodscha war, wie man selbst. Alles was der Faker erlebt, ist großartig, atemberaubend und überwältigend. Der perfekte gestylte Social-Media-Auftritt des Fakers lässt keinen Zweifel daran, dass er ein Gewinnertyp auf dem Gewinnerpfad ist. Er braucht die Likes, wie ein Junkie sein Heroin, denn mangels innerer Ausgeglichenheit ist die geheuchelte Bewunderung der Menschen (die er eigentlich gar nicht mag) das Einzige, was seiner Existenz eine vermeintliche Bedeutung verleiht.

Während man selbst noch immer kein Wort gesagt hat, versucht man mit seinem psychologischen Halbwissen, die Merkmale einzelner Persönlichkeitsstörungen an ihm herauszuarbeiten. Er macht es einem leicht. Eigentlich ist das das Enttäuschendste am Faker, seine dümmliche Stümperhaftigkeit. Wie kann so jemand sich nur ernsthaft an einen Konferenztisch in einem Unternehmen gesetzt und einem Vorstandsvorsitzenden erklärt haben, wie sich der Karren angeblich aus dem Dreck ziehen lässt? So jemandem würde ich nichtmal eine Sonnenbrille am Strand abkaufen.

Nach ca. einer halben Stunde fängt er dann an, einem leid zu tun. Sitzt da, labert einen Haufen Schwachsinn zusammen und nimmt sich gleichzeitig so furchtbar ernst. Es ist immer dasselbe mit diesen Leuten, die sich selbst zu ernst nehmen; sie sind einfach keine gute Gesellschaft.

Während der Faker unbeholfen an einem Joint zieht, um seine wilde Abenteuerlust zu hervorzuheben, wird es Zeit, selbst auch mal was zum Gespräch beizutragen. Das erste und letzte, was man an so einem Abend sagen wird, ist, dass man müde sei und nun ins Bett müsse. Es ist nicht gelogen.

The wooden boat

Mit der Tauchlizenz in der Tasche reise ich weiter Richtung Westen. Irgendwann muss ich auf Bali ankommen, um meinen Flug nach Australien zu erwischen. Die 500 Kilometer von Flores nach Lombok lege ich in einem Holzboot zurück, denn vom Hörensagen habe ich erfahren, dass das nicht nur eine hervorragende Art zu reisen sei, sondern auch, um die die auf dem Weg liegenden Inseln zu erkunden.

Das Boot fasst 25 Passagiere aber ich muss mir den Platz nur mit einem kanadischen Pärchen teilen. Das habe ich nicht nur der Nebensaison zu verdanken, sondern auch der Tatsache, dass der seicht vor sich hinqualmende Mount Agung auf Bali anscheinend zahlreiche Urlauber der nördlichen Hemisphäre dazu veranlasst hat, ihren Indonesien-Urlaub gleich ganz abzusagen. Für die meisten scheint das Land, dessen Ausmaße man nur als gewaltig beschreiben kann, sich nur auf die Ferieninsel zu erstrecken. Eine Katastrophe für die Tourismusbranche hier, ein Glück für mich.

Wir drei haben jede Menge Platz auf dem doch recht großen Schiff und die sechsköpfige Crew hat verhältnismäßig wenig zu tun. Für sie ist die Fahrt auch eine Art Urlaub. Wir erkunden die Inseln des Komodo-Nationalparks, machen Fotos mit den bis zu drei metergroßen Komodowaranen und schnorcheln mit Schildkröten und Mantarochen.

Wir haben alle drei die „Deckklasse“ gebucht, das heißt, unsere Unterbringung besteht aus einer Isomatte, die wir nach Belieben auf dem Schiff platzieren können. Man rollt zwar bei jeder Welle runter, aber den Sternenhimmel beim einschlafen zu sehen, ist einfach unbezahlbar. Wir stehen ohnehin jeden Tag früh auf, sei es um den Sonnenaufgang vom höchsten Berg der Insel Padar zu genießen oder um eine morgendliche Wanderung zum Wasserfall auf Palau Moyo zu unternehmen.

Ich frage mich zwischendurch mal, wie die Crew das Schiff überhaupt navigiert, so ganz ohne irgendein Instrument. Wenn ich Segeln gehe, gibt es auf den Yachten Radar, Kartenplotter mit AIS, Funk und allerlei technischen Schnickschnack, der auf dem „wooden boat“ offenbar überflüssig ist. Nun ja, die Crew wird schon wissen, was sie tut. Jedenfalls wussten sie es auch, als die Ruderkette gerissen ist – einfach eine Leine dazwischen geknotet und weiter gings. Ob sie es auch wussten, als sich nachts der Anker gelöst hat oder sie mich eine halbe Stunde lang haben fahren lassen, sei mal dahingestellt.

Die Frage nach der Navigation quittiert der Kapitän jedenfalls mit einem Lachen. Meistens würde man ja die Küste sehen und nachts könne man einfach auf die anderen Boote achten. Das habe ich bei meinem Bootsführerschein zwar geringfügig anders gelernt, aber ich bin hier ja auch nicht verantwortlich. Zum Glück bin ich auch nicht fürs Kochen verantwortlich, sondern die Crew; und so gibt es jeden Tag das, was gerade angebissen hat oder beim Schnorcheln eingesammelt wurde.

Kurz vor Lombok legen wir noch einen ungeplanten Zwischenstopp auf der kleinen Insel Medang ein. Auf dem Heimateiland des Kapitäns lernen wir seine drei Frauen kennen und sind bei ihm zu Hause zum Essen eingeladen. Außerdem sammeln wir noch ein paar Inselbewohner ein, die auch nach Lombok wollen. Als die zwölfjährigen Nachbarskinder uns auf ihren Motorrädern die Insel zeigen, wird uns klar, dass vermutlich noch nie ein Tourist einen Fuß auf dieses Land gesetzt hat, denn wir sind eine Attraktion – und gern gesehene Gäste in jeder Hütte.

Nachdem wir wieder abgelegt haben und die Nacht hereinbricht, können wir Sternschnuppen zählen während am Horizont schon die ersten Lichter Lomboks zu erahnen sind.

Disneyland mit Todesstrafe

Dem Zufall – oder vielmehr dem Vulkan auf Bali – habe ich es zu verdanken, dass ich zwei Tage in Singapur bin. Auf meiner ursprünglichen Route war der Stadtstaat eigentlich nicht vorgesehen, weil er bekanntermaßen exorbitant teuer ist. Und so treffe ich in meinem Hostel auch keine anderen Backpacker sondern nur Leute, deren Aufenthaltszweck sich mir nicht wirklich erschließt, die sich aber offensichtlich auch nichts anderes leisten können. Mit 15 Euro pro Nacht ist es hier viermal so teuer wie in Vietnam – dafür kriegt man aber dreimal so wenig Komfort geboten.

Die Stadt dagegen ist durchaus sehenswert. Ich wette, jeder Architekt würde beim Spaziergang um die Marina Bay ganz wuschig werden. Alles wurde hier sorgsam am Reißbrett arrangiert und wenn die Sonne hinter der Skyline verschwindet und alles zu leuchten beginnt, dann kommt man sich vor wie in einem kleinem Wunderland. Hier fahren die U-Bahnen längst ohne Fahrer und die Rentner haben Chipkarten, mit denen sie an den Ampeln die Grünphasen für Fußgänger verlängern können. Es gibt ausgezeichnetes Essen und superschicke Bars mit Bier für 12 Euro, wo das blasse Bürovolk sich den Feierabend schöntrinken kann. Es ist ein Disneyland für „white collar worker“. Ein Disneyland mit strengen Regeln und drakonischen Strafen. Nirgends darf man Rauchen und tut man es doch, muss man gleich ein halbes Jahresgehalt Strafe bezahlen. Für den Besitz kleinster Mengen Gras wird man hingerichtet und was immer auch in Singapur als unangemessenes Verhalten gegenüber Frauen gelten mag, kann mit Prügelstrafe geahndet werden. Man kann hier zwar in jeder Bar sein iPhone auf dem Tisch liegen lassen, während man aufs Klo geht, kann dann aber keinesfalls sicher sein, nicht dafür bestraft zu werden im Stehen zu pinkeln. Ständig fragt man sich, ob Dieses oder Jenes erlaubt ist oder ob das Überqueren der Straße bei Rot gleich mit 1000 Singapur-Dollar zu Buche schlägt. Essen und trinken in der U-Bahn ist jedenfalls mit 300 Euro aufwärts bepreist.

In Phnom Penh musste man sich „nur“ darum sorgen, nicht überfallen zu werden, was unterm Strich sicher günstiger gewesen wäre, als hier ein (ohnehin verbotenes) Kaugummi auf die Straße zu spucken. Hier muss man sich bei jedem Schritt unter den allgegenwärtigen Kameras und Dronen fragen, ob man nicht gegen irgendein unsinniges Gesetz verstößt. Der Chillfaktor leidet jedenfalls ein wenig unter dieser Polizeistaatmentalität.

Natürlich schaue ich auch im Marina Bay Sands Hotel vorbei – jedenfalls um einen Blick von der Aussichtsplattform zu werfen. Bei meinem Streifzug durch den Luxusbunker kommt mir mein Fünf-Sterne-Hotel in Kuala Lumpur wie ein Rattenloch vor. Wie wäre es wohl, hier für eine Woche abzusteigen? Zimmer neben der Stadtautobahn gibt es schon für 300€ die Nacht. Der riesige Dachgarten, der natürlich nur für Hotelgäste zugänglich ist, sieht durchaus verlockend aus. Ich überlege eine Sekunde lang, einen Aufenthalt hier auf meine Bucket-List zu setzen, bevor mir klar wird, wie lächerlich der Gedanke ist. Ein Hotelaufenthalt für mehrere tausend Euro auf der Bucket-List? Wenn es so weit gekommen ist, hat man wohl endgültig das Wesentliche aus den Augen verloren. Außerdem möchte ich mich keinesfalls unter diese neureichen Prolls mischen, die hier über die Gänge stolzieren. Der Blick von der Aussichtsplattform ist trotzdem atemberaubendend.

Beim anschließenden Spaziergang durch die Innenstadt versuche ich eine Bar zu finden, in der man auch in Shorts und T-Shirt einkehren kann und nicht den Gegenwert einer Nacht im Hostel für ein Bier auf den Tresen legen muss. Während ich umherstreife, wird mir klar, was das Problem der Stadt ist: Sie hat keine Seele. Wie ein perfekter Körper ohne Geist. Eine Hülle wie eine bunte Filmkulisse ohne Leben hinter den Fenstern. Es gibt keine alternative Szene und keine Kunst – jedenfalls keine, die nicht eingekauft wurde.

Obwohl hier Menschen aus aller Herren Ländern mit verschiedensten Religionen friedlich zusammenleben, zeichnet sich die Stadt durch völlige Abwesenheit von Kultur aus. Die Stadt scheint einfach keinen fruchtbaren Boden für die Entfaltung von künstlerischer Kreativität zu bieten.

Irgendwie scheint man sich dieses Problems in Singapur auch bewusst zu sein, denn man kann durchaus Anstrengungen erkennen, die Stadt zu einem Ort der Kunst zu machen. Auf staatliches Betreiben hin wurden Museen eröffnet und internationale Galeristen in die Stadt gelockt. Dem liegt natürlich das Missverständnis zu Grunde, dass der Import einer Kunstbranche gleichbedeutend mit der Etablierung einer Kunstkultur sei. Eine solche Kultur setzt jedoch mindestens die Anwesenheit von Künstlern voraus, von denen sich nach wie vor kein Einziger hierher verirren würde. Die Einsicht, dass man Kultur nicht kaufen kann, wird sich in einer Stadt, in der Geld das Wichtigste ist, wohl niemals durchsetzen. Kultur kann nur organisch wachsen. Und genau das ist das Dilemma dieser Hauptstadt des Designs, denn das organisch Gewachsene ist stets der natürliche Feind des Designs.