21 (Kilo-)Gramm

Den Vormittag in Nelson verbringe ich im Park. Ich habe einen leichten Kater an der Leine, dem heute nicht nach Mammutwanderungen im Nationalpark zumute ist, sondern nach einem ausgedehnten Frühstück im Park. Die Sonne steht zwar schon in ihrem Mittagszenit, aber eine Linde spendet mir Schatten, und hier an der Küste geht immer eine erfrischende Brise. Ein großer Long Black und ein überdimensionaler Muffin werden mich wieder nach vorn bringen. Dazu trällert Nick Mulvey „Mountain to Move“ in meine Ohren, und es klingt so, als hätte er den Song einzig für diesen Moment geschrieben. Eine Möwe landet zwei Meter neben mir und guckt gewollt unauffällig zur Seite. „Was denn?“, sagt ihr Blick, „Ich bin hier nur zufällig gelandet und gehe bloß meinen Möwengeschäften nach.“ Ich weiß, dass sie lügt, denn ihr einziges Interesse gilt dem Muffin, den ich ich in den Händen halte.

Die Auszeit vom Erlebnisprogramm habe ich einem unerwarteten Wiedersehen mit der K. zu verdanken. In dieser winzigen Welt haben wir zufällig dasselbe Hostel am selben Tag gebucht. Diese Treffen und die damit einhergehenden weingeschwängerten Gespräche sind immer besonders, denn sie unterbrechen den normalen Modus des Alleinreisens. Zwar ist man ständig unter Leuten, aber sind das bei näherer Betrachtung bloß Statisten, deren Aufritte immer nur auf einige Szenen beschränkt sind. In diesem Film gibt es aber nur eine echte Rolle, und die ist man selbst. Der Protagonist muss mit allem alleine fertig werden, mit allen Eindrücken und Emotionen. Falls in meinem Kopf ein kleines Männchen sitzt, das all das bearbeiten und wegsortieren müsste, würde man sicher bloß noch seinen Haarschopf zwischen den Papierbergen sehen. Manchmal nimmt man daher einfach eine Hand voll Eindrücke und Emotionen und stopft sie in seinen Rucksack, damit der kleine Sachbearbeiter keinen Burnout kriegt. Man trägt das Zeug dann eine Weile mit sich rum und kann es an Abenden wie dem Gestrigen wieder rausholen. Dann nämlich, wenn der Film durch einen altbekannten Charakter bereichert wird – wie bei einem Gastauftritt in einem Spin-Off – mit dem man mal all die Gespräche nachholen kann, die man sonst allzuoft mit sich allein oder über eine ranzige Skype-Leitung führen muss.

Auch dieses Mal ging es um nicht weniger, als die ganz großen Fragen. Was ist wirklich wichtig im Leben und was nicht. Welchen Dingen will man gegebenenfalls mehr Platz einräumen in dem Leben, in das wir im Laufe des Jahres wieder zurückkehren? Freundschaft zum Beispiel. Aber was sind wirklich gute Freunde und woran kann man die Qualität einer Freundschaft festmachen? Ein gutes, offeneres Gespräch wie dieses? Ein Gespräch in dem man reden kann, ohne vorher nachzudenken, in dem man sich auch mal versehentlich im Ton vergreifen kann, Dinge zurücknehmen kann und auch bereit ist, das wirklich zu tun!? Am oberen Ende der Skala wird es schon ein bisschen schwieriger. Welcher der Freunde würde bei Drogensucht, Mordanklage und tödlicher Krankheit noch ungefragt vor der Türe stehen und fragen: „Was kann ich für dich tun?“. Es soll sich da ja schon Mancher sehr gewundert haben, über die gähnende Leere in diesen Momenten. In den Augen der K. sehe ich einen leichten Zweifel aufblitzen, wie viel sie mir in dieser Hinsicht zutraut.

Auch ansonsten brennt ihr wohl noch was auf der Seele, was sich jedoch erst bei der Dritten Flasche Wein seinen Weg an die Oberfläche bahnt. Sie verkündet, dass sie den Blog nicht mehr ließt. Nervig sei der Typ geworden, der dort seine Geschichten erzählt. Ich schlucke. Dass diese offenen und ehrlichen Gespräche aber auch immer so unbequeme Wahrheiten zutage fördern können! Sofort muss ich mich fragen, wie viel denn eigentlich von mir in diesem Geschichtenerzähler steckt. Nun ja, offensichtlich recht viel, denn ich schreibe ja keinen Reiseführer; andererseits aber auch kein Tagebuch. Und was sagt das über mich, wenn der Erzähler plötzlich unsympathisch wird? Leide ich an kognitiver Dissonanz oder ist es gar das Merkmal einer guten Geschichte, dass sie mehr über den Erzähler weiß, als er selbst? Sehr komplizierte Fragen, zu kompliziert für die dritte Flasche Wein. Ich packe die Fragen in meinen Rucksack, für später.

Ich unterdrücke den ersten Impuls, zu überlegen, ob der Erzähler vielleicht einen anderen Ton einschlagen sollte, bekräftige dann aber den zweiten Impuls: Der Erzähler darf sich nicht ändern – er muss sich treu bleiben und wenn er sich weiter ernst nehmen will, kann er sein Fähnchen nicht nach dem Wind richten. Sein Job ist es, Geschichten zu erzählen und nicht einen Sympathie-Wettbewerb beim Publikum zu gewinnen.

Am Ende ist er eben auch nur ein Mensch, der sich manchmal wie der König der Welt fühlt und manchmal ganz klein; und davon erzählt er, gnadenlos subjektiv, mal aus der Perspektive des Vogels und mal aus der des Wurms. Das unterscheidet ihn vom Instagrammer, der immer gut gelaunt dreingrinst und äußerstenfalls mal einen Ausflug in (dann aber künstlerische!) Melancholie unternimmt.

Kindergeschrei weckt mich aus der tagtraumhaften Außenbetrachtung des Blogerzählers. All diese Überlegungen lassen mich ein wenig ratlos zurück. Die Ratlosigkeit packe ich einstweilen zu den anderen Fragen in den Rucksack. Ist das verdammte Teil jetzt etwa schwerer als vorher? Ich gehe rüber ins Café, um mir einen zweiten Kaffee zu organisieren und überlasse der geduldigen Möwe die Muffinkrümel auf dem Rasen.

Autor: BuzzT1985

Highwayman, sailor, dam builder, starship captain, lawyer, still alive

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