KL

KL, so nennen Einheimische (und jeder, der das mal aufgeschnappt hat – also auch ich) die Hauptstadt Malaysias, Kuala Lumpur. Ich mache hier ein paar Tage Zwischenstopp und weil ich mal irgendwo gelesen habe, dass man hier in 5-Sterne-Hotels für den Preis einer Tankfüllung absteigen kann, sitze ich gerade in einem 40-Quadratmeter-Zimmer mit Blick auf die Skyline und im einem Klo mit integriertem Bidet.

Lustig, denke ich: Gestern habe ich noch in einer runtergerockten Hanoier Altstadt-Bar Happy-Ballons konsumiert und heute lasse ich mich mit „Sir“ anreden und muss mich im „Club“ des Hotels an den Dresscode halten. From rags to riches; na ja nicht ganz, denn in meinem Budget sind solche Eskapaden eigentlich nicht vorgesehen. Aber was soll’s? Ich mache hier eh was ich will.

Kuala Lumpur ist auf eine Art eine unwirkliche Stadt. Eine Stadt, von der man weiß, dass sie existiert aber auch nicht viel mehr. Natürlich kannte ich die ikonische Skyline mit den Petronas-Twin-Towers, aber ehrlich gesagt, wusste ich vor ein paar Jahren noch nichtmal wo Malaysia genau liegt.

Ich nutze meine Luxussuite zum Durchatmen, ich fühle nämlich eine leichte Reiseerschöpfung. Es ist kein Heimweh, aber mein Interesse an der Stadt da unten vor meinem Fenster hält sich gerade irgendwie in Grenzen. An meinem riesigen Schreibtisch schreibe ich ein paar längst überfällige E-Mails und skype mit diversen Menschen, die mir wichtig sind.

Nachdem die Twin-Towers erklommen und die wichtigsten Eckpunkte der Stadt abgegrast sind, packe ich meinen Rucksack, um zum Flughafen zu fahren. Strand und Sonne auf Bali werden mein Gemüt schon wieder aufhellen. Eine Stunde bevor ich los will, checke ich nochmal den Flugstatus und stelle fest, was nicht ganz unvorhersehbar war, bislang jedoch von meiner optimistischen Einstellung erfolgreich beiseite geschoben wurde: Der Flug ist wegen des Vulkanausbruchs gestrichen. Das fällt AirAsia natürlich drei Stunden vor Abflug ein und das, obwohl der Flughafen auf Bali noch nichtmal geschlossen ist – im Gegensatz zu dem auf Lombok, weshalb spontanes Ausweichen dorthin auch nicht möglich ist.

Immerhin bin ich noch nicht am Flughafen und ziehe erstmal in ein Hostel um, um die laufenden Kosten wieder auf ein handhabbares Niveau zu drücken. Im Hostel suche ich andere Flugrouten nach Indonesien; ich bin allerdings nicht der einzige und die Preise gehen durch die Decke.

Eigentlich wollte ich auch die S. – mit der ich schon zusammen auf der Transsib war – auf Bali treffen. Lange haben wir überlegt, wann und wo sich unsere Wege wieder kreuzen würden. Die letzte Gelegenheit ist nun vom Vulkan endgültig weggepustet worden.

Jetzt fühle ich mich noch erschöpfter. Ich gehe eine Runde spazieren, aber die Stadt nervt mich. Als ich – wieder im Hostel – auf meinem Bett liege, vibriert mein Handy. Ich hatte meinen Vermieter gefragt, ob er die Untervermietung meiner Wohnung noch ein paar Monate länger genehmigen würde. Er schreibt, ich solle die Wohnung gleich komplett an ihn zurückgeben, „das wäre wohl für alle das Beste“. Ich habe ja schon immer geahnt, dass er wahnsinnig ist und war froh, dass er mich bislang in Ruhe gelassen hat. Jetzt hab ich es schwarz auf weiß, dass er nicht mehr alle Tassen im Regal hat. Natürlich ist mir klar, dass er mich nicht einfach rauswerfen kann, aber die Vorstellung, das mit ihm vom Ende der Welt aus zu diskutieren, lässt Übelkeit in mir aufkommen. Die Vorstellung einige Monate auf die Mietzahlungen der Untermieterin zu verzichten auch.

Ich möchte den Mülleimer in meinem Dorm weggetreten, aber ich bin zu müde. Ich fühle ich mich leer und ein wenig verloren. Nicht, weil mich die Sache mit der Wohnung finanziell ruinieren würde oder weil ich ernsthaft befürchte, keinen Weg nach Indonesien zu finden, es ist einfach ein kurzzeitiger Krisenzustand, hervorgerufen durch widrige Umstände gepaart mit Erschöpfung. Jeder Reisende kennt das Gefühl, wenn mal alles zu viel wird und man nur noch kotzen möchte. Ja, auch das gehört dazu und es trifft Jeden mal. Vielleicht muss es ja so sein, denke ich, vielleicht kann man die Hochs ohne die Tiefs ja auch gar nicht richtig wertschätzen. Solche pseudoschlauen Erkenntnisse helfen in der Situation selbst aber natürlich kein bisschen weiter.

Ich gehe runter ins Restaurant, bestelle Essen, habe aber keinen Hunger. Eigentlich will ich ins Bett und diesem Tag durch Schlaf endgültig entfliehen, aber ich bin ruhelos. Ich gehe in die Rooftop-Bar und trinke den Gin-Tonic, den jeder Gast als Welcome-Drink bekommt. Ich suche Zuspruch und körperliche Nähe und finde sie bei einer anderen Backpackerin, die dort ebenfalls allein sitzt.

Am nächsten Tag kommt die K. ins Hostel. Der ausgefallene Flug hat uns ein unerwartetes Wiedersehen beschert. Auch sie kennt natürlich diese kleinen Krisen, die einen dann und wann ereilen. Wir betrinken uns auf der Dachterrasse und versinken in endlose Gespräche über das Reisen und das Leben, während die Petronas-Towers in der Skyline funkeln, als sei das hier New-York. Irgendwie surreal alles.

Am nächsten Morgen buche ich beim Frühstück Flüge nach Singapur und Flores, während die Sonne sich langsam ihren Weg durch die Wolken bahnt.

Silver lining.

Über Entscheidungen

China ist riesig und es mangelt nicht an sehenswerten Orten. Ich kann sie nicht alle sehen, soviel steht fest. Ich kann noch nichtmal alle Orte sehen, die man gesehen haben muss. Jede Entscheidung über das nächste Reiseziel, ist immer auch eine Entscheidung gegen Orte, Landschaften und Routen. Wer – wie ich – die unendliche Freiheit genießt, muss sie auch weise benutzen. 

Mein Visum ist 30 Tage gültig. Theoretisch genug Zeit, wenigstens die Top 15 Orte zu besuchen. Praktisch nicht, jedenfalls nicht für mich. 

Bis Shanghai bin ich recht schnell gereist, vielleicht zu schnell. Das mag seltsam klingen, war ich doch fast ausschließlich mit dem Zug unterwegs. Dennoch ist die gefühlte Reisegeschwindigkeit enorm. Jeden Tag neue Eindrücke, Unternehmungen und neue Menschen. Etliche Zeiten verbringe ich in öffentlichen Verkehrsmitteln. Daneben ein Haufen allgemeiner Organisationsaufwand: Recherchen für die Einreisebestimmungen meiner nächsten Zielländer, Flüge und Zugverbindungen mit mieser Internetverbindung suchen und buchen, Wäschewaschen und Haareschneiden. 

Reisen ist kein Urlaub und ich muss aufpassen, dass auch die „echte“ Erholung nicht zu kurz kommt. Ich skippe Huángshān und Yángshuò. Beides mit Sicherheit Highlights in China, aber ich muss aussortieren, wenn ich nicht durchs Land hetzen will. 

Was hilft der großartige Blick auf die Landschaft, die als Inspiration für den Avatar-Film gedient haben soll, wenn ich dort nur ein Foto mache und mir nicht die Zeit nehmen kann, bis mittags zu schlafen und Abends beim Bier mit anderen Travellern zusammensitzen und zu Plaudern? Und was ist überhaupt mit den ganzen Büchern, die ich lesen wollte? Beendet habe ich bisher keines.

Ich muss mich von dem Gefühl befreien, dass Müßiggang Zeitverschwendung ist. Das Gegenteil ist der Fall. Müßiggang bedeutet nicht Nichtstun, es bedeutet, zu tun was man will. Es ist damit ein Erkennungsmerkmal des Reisenden, der ich sein möchte. Es unterscheidet ihn vom Power-Urlauber und von den Gehetzten, die die Fotos als Investition benötigen, die sich in Form von Anerkennung und „Likes“ amortisieren muss.

Ich buche also einen Flug nach Kunming. Das beschauliche Städtchen hat nur 7 Mio. Einwohner und erscheint mir als idealer Ort, um mal einen Gang runterzuschalten. Kunming ist die Hauptstadt der Yunnan-Region im Süden Chinas. Die Provinz hat ebenfalls einiges zu bieten und wird gelegentlich noch als Geheimtipp gehandelt. Es dürfte also nicht langweilig werden da unten, wenn mich nach ein paar Tagen ‚Downshifting‘ wieder der Erlebnishunger packt.

one way

Das Klicken des Anschnallgurtes im Flugzeug ist für mich seit jeher ein Moment, dem ich ganz besondere Aufmerksamkeit widme, wenn ich irgendwohin aufbreche. Ich erinnere mich daran, wie ich diesen Moment während der Examenklausuren herbeigesehnt habe, denn ich wusste, dass es das erste Geräusch eines neuen Kapitels in Budapest sein wird.

So ist es auch heute. Das Leben, wie ich es kannte, wird heute einstweilen aufhören und Platz für Neues machen. Ich fliege nicht in den Urlaub, ich habe kein Rückflugticket. Alles was ich zukünftig besitzen werde, passt in einen Rucksack, den ich gerade dabei beobachte, wie er auf dem Weg zu seinem Platz, ca. einem Meter unter meinem ist. Man braucht nicht viel, denke ich und wundere mich, wofür ich den ganzen anderen Kram brauche, den ich über die Jahre angesammelt habe.

*klick* – take off.

Blick aus dem Fenster: Die Stadt wird kleiner. Alles wird kleiner. Die Menschen, meine Wohnung, das Arbeitsamt – bis Berlin nur noch wie ein putziges Miniatur-Wunderland aussieht, in dem die Ringbahnen Runde um Runde um den Fernsehturm drehen.

Berlin aus dem Flugzeug

Sie werden auch dann noch unermüdlich kreisen, wenn ich sie wegen des Regens und der Entfernung schon längst nicht mehr sehen kann. So, wie alles weitergehen wird, nur eben ohne mich. Die alten Freunde gehen in der Heimat aufs Libori-Fest und die neuen Freunde grillen im Volkspark und verbringen die lauen Abende im Freiluftkino. Der berliner Sommer wird ohne mich stattfinden, sofern er denn überhaupt noch stattfindet. Meine Freundin, die ich sehr vermissen werde, wird sich ihren Hobbys und neuen Projekten widmen. Biere im Park werden ohne mich getrunken werden und mein Vater wird seinen 60. Geburtstag ohne mich feiern. Weihnachten werde ich nicht bei meinen Lieben sein.

Dann, als das Flugzeug die Wolkendecke durchbricht: gleißendes Sonnenlicht.

Getting shit done

Nichts, was es sich zu haben lohnt, wird einem geschenkt. Auch meine Reise fällt mir (leider) nicht einfach so in die Arme.

Nur noch eine Woche bis ich das Flugzeug nach Russland besteige, und jetzt gilt es erstmal, ein gewöhnliches bürgerliches Leben für ein halbes Jahr auf Eis zu legen. In Deutschland ein nicht zu unterschätzender bürokratischer Aufwand. Ich denke an vieles, aber die Zeit reicht nicht mehr, um alles zu klären. Manche Sachen müssen egal werden. Lücke im Rentenversicherungslebenslauf? Egal. Anwaltszulassung besser behalten oder zurückgeben? Weg damit; Ballast abwerfen. Und dann ist da noch das Arbeitsamt: tonnenweise Papier und keine Zeit mehr den ganzen Mist zu lesen. Zehnseitige Bescheide über Arbeitslosengeldbewilligungen und Sperrfristen – selbst auf ein Anwaltsgesicht legt sich da ein fragender „what the fuck?“-Ausdruck.

Leichtes Panikgefühl macht sich breit: Stimmt wirklich alles, was ich in irgendwelchen unseriösen Weltreise-Foren über das Arbeitslosengeld gelesen habe oder werde ich gar nach meiner Rückkehr völlig mittellos sein? Vielleicht sollte ich noch was unternehmen? Aber was? Vor meinem geistigen Auge rinnt feiner Quarzsand durch ein Zeitglas und mir wird klar, dass die Entscheidungen, die ich jetzt treffe, besser gute Entscheidungen sein sollten. Denn wenn ich erstmal in der Wüste Gobi bin und in ein selbst gegrabenes Loch scheiße, brauche ich auch nicht mehr zu versuchen, eine Klage an das Sozialgericht zu formulieren. Aber das schaffe ich jetzt auch nicht mehr und ehrlich gesagt, reicht die Zeit nicht einmal für einen passablen Widerspruch. Soll sich also der zukünftige Basti darum kümmern, wenn er wieder da ist – ihm wird schon irgendwas einfallen.

Der gegenwärtige Basti musste indes erstmal alle Reiseplanungen vernächlässigen, um seine Wohnung unterzuvermieten. Trotz hoher Nachfrage kein leichtes Unterfangen. Plötzlich ist man selbst das Arschloch, das Menschen nur nach ihrem Einkommen beurteilt. Jemand Sympathisches, der nach drei Monaten die Miete nicht mehr bezahlen kann, wäre für mich eine Katastrophe und wer Kohle ohne Ende hat, hat auch in Berlin die freie Auswahl bei der Wohnungssuche und wenig Lust, sich auf einen vorgegebenen Zeitraum festnageln zu lassen. Das Bauchgefühl ist schließlich auch nicht zu vernächlässigen: Manche Leute möchte ich mir einfach nicht vorstellen, wie sie in meinem Bett ficken; und deshalb werden sie es auch nicht. Trotz eines leichten Anflugs von zwischenzeitlicher Verzweifelung ging die Sache mit dem Untermieter übrigens doch noch gut aus. Durchatmen und Weitermachen hat sich auch hier wieder als die erfolgreichere Taktik entpuppt, im Gegensatz zum wiederholten gedanklichen Durchspielen des Szenarios: was wäre, wenn ich niemand Geeignetes finde?

Am Ende stellt sich doch immer die gleiche Frage: Zerdenke ich alles bis zum Gehtnichtmehr und schlage mir dann die Nächte mit ziellosem Grübeln um die Ohren oder stehe ich auf und get shit done?

Letztlich ist die Vorbereitung einer Weltreise Projektmanagement: Entscheidungen treffen, Kompromisse machen, Konsequenzen vorhersehen und tragen, nervende Behörden und gewaltiger Zeitdruck. Keineswegs fühle ich mich daher auch nur annähernd arbeitslos – im Gegenteil: Ich bin ungleich gestresster als zuvor und bin doch motivierter, obwohl ich keinen Cent verdiene.

So fühlt es sich an, wenn man wirklich für ein Projekt brennt.

Auf Dinge scheißen

Auf Dinge zu scheißen gehört vielleicht zu den wichtigsten Tugenden heutzutage. Vor allem, wenn man – wie ich – von Soziologen  als Angehöriger der Generation Y klassifiziert wird; bekanntermaßen ja eine Gruppe von Menschen, die ob der unendlichen Möglichkeiten am Leben schier verzweifeln. Wohl also dem, der die Gelassenheit hat, sich um gewisse Dinge einen Dreck zu scheren.

Das ist gar nicht so einfach, wie wir gerne behaupten. Zwar versichern wir uns nur zu gern, was Andere von uns denken, sei uns egal, aber wer kann es sich schon leisten, auf die Meinung des Chefs zu scheißen? Oder wann bist du das letzte Mal ohne Hose zur Arbeit gekommen? Und ist unsere gesamte Existenz nicht völlig bedeutungslos ohne die Wertschätzung und Achtung unseres sozialen Umfelds? Vor allem die Meinung unserer Freunde ist uns deshalb auch meistens ganz und gar nicht egal. Und gerade die, die am vehementesten betonen, wie sehr sie darauf scheißen, was die Anderen von ihnen denken, habe ich im Verdacht, dass sie sich besonders darin gefallen, von eben diesen Anderen als unabhängige Freigeister wahrgenommen zu werden.

Wenn ich den Leuten erzähle, dass ich eine Weltreise plane, dann hat jeder ein paar gute Ratschläge parat. „Dort musst Du unbedingt hin …“ oder „Da darfst Du auf keinen Fall hin, alles voller Touristen“.

Ich muss aber erstmal gar nichts. Ich muss höchstens sterben, aber das habe ich in absehbarer Zeit nicht vor – wobei das immerhin eine Reise an einen Ort wäre, an den wirklich noch kein Tourist zuvor einen Fuß gesetzt hat.

Es scheint, als seien Reisen und Erlebnisse die neuen Statussymbole. Nicht mehr: „mein Auto, mein Pool, mein Haus“ sondern, „meine Südamerikareise, meine Afrikareise, meine Nordkoreareise“ – von Thailand gar nicht zu reden, da fährt ja nur noch der Pauschaltouristenpöbel hin. Du hast also 12 Länder in drei Monaten „gemacht“? Du hast diesen oder jenen Flecken der Erde ganz bestimmt schon erkundet, bevor die Massen kamen? I dont’t give a fuck!

Ich werde nicht von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hetzen, ich werde die Qualität der Reise nicht nach der Anzahl der Stempel in meinem Reisepass messen, ich werde auch nicht um jeden Preis couchsurfen (vielleicht aber auch doch) und ich werde auch nicht abends weinend in der Dusche sitzen, falls ich mal versehentlich einen Ort bereise, an dem schon ein oder eine Million Touristen vor mir waren. Mein Statussymbol wird höchstens die Freiheit sein.

Ich werde einfach machen, wonach mir der Sinn steht. Vielleicht bleibe ich länger an einem langweiligen Ort oder viel zu kurz an einem Interssanten. Vielleicht fliege ich dahin, wo schon Tausende vor mir waren oder dorthin, wo auch niemand nach mir mehr hin will. Vielleicht komme ich nie wieder zurück – oder schon nach vier Wochen.

Was Andere davon halten? Fuck it! Hopefully.

The great departure

Hin und wieder im Leben muss man irgendwohin aufbrechen. Vor fünf Jahren bin ich nach Berlin aufgebrochen. In Berlin kannte ich niemanden und ich wusste nicht, ob die Stadt es gut mir meinen würde. Keine leichte Entscheidung, aber die Neuerfindung des Selbst hat sich als äußerst bereichernd herausgestellt. Der neue Input war dringend erforderlich um mich neu auszurichten. Wer bin ich und was will ich?

Fragen, auf die ich auch heute keine Antwort habe und die mich noch immer täglich beschäftigen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich der Klärung etwas näher komme, obwohl ich ahne, dass es eine Lebensaufgabe ist. Gewissermaßen die Lebensaufgabe, die eigene Lebensaufgabe zu finden. Jedenfalls etwas, dass einem auf eine gute Weise Antrieb verschafft und damit die Antwort auf eine andere wichtige Frage liefert: Warum stehe ich jeden morgen auf?

Nach fünf Jahren in Berlin verspüre ich wieder Aufbruchsstimmung.

Dies soll ein Reiseblog werden. Der Bericht einer Reise um die Welt. Dauer und Ziel: unbestimmt. Nicht, um vor etwas davonzulaufen, sondern eher um auf etwas zuzulaufen (auf was auch immer). Und ein bisschen Wahrheit steckt sicher in der abgedroschensten aller Reiseweisheiten, dass jede Reise vor allem eine Reise zu sich selbst ist. Immer mal wieder wird es hier daher auch darum gehen, was man vom Reisen sonst noch für Erkenntnisse mitnehmen kann, außer die Eindrücke und Bekanntschaften, das Verständnis anderer Kulturen, das Gefühl der Freiheit und die Offenheit als Lebenseinstellung.

Ist das die Freiheit, die wir wollten?

Ein gut bezahlter, unbefristeter Vollzeitjob in Berlin ist wohl der feuchte Traum von Manchem, der einst aus der Provinz in die Stadt aufgebrochen ist und jetzt im Sankt Oberholz vor seinem MacBook sitzt und versucht, irgendwie mit Medien Geld zu verdienen. Aber feuchte Träume halten nur selten, was sie in der Hitze des Moments versprechen und die Realität ist gründlich in ihrem Job als Entzaubererin.

Mitarbeiter

Die Sache mit dem Job ist die: Vollzeit bedeutet nicht selten „volle Zeit“ und gute Bezahlung bedeutet nicht automatisch Freiheit. Im Gegenteil: Es ist eine Einladung zur Unfreiheit. Größere Wohnung, am besten Eigentum, teurer Wein, teures Essen und überhaupt will man sich schließlich auch dafür belohnen, dass man nun ein Großteil dieses Lebens in einem Büro verbringt. Man konsumiert schöne Dinge, damit man nicht zu viel darüber nachdenken muss, dass man den Großteil des Tages unfrei ist. Dabei kriegt man manchmal gar nicht mit, wie sich die Unfreiheit fortwährend verfestigt; ein Treppenwitz.

Freiheit und Unfreiheit liegen manchmal sehr nah beieinander.