I don’t wanna fight no more

Der Tag, an dem ich aufhörte zu kämpfen, liegt irgendwo in den letzten zwölf Monaten. Wo genau kann ich nicht sagen. Vielleicht irgendwo zwischen Neuseeland und Fidschi, vielleicht aber auch im Prenzlauer Berg.

Ein ewiger Kampf sei das Leben, so heißt es oft, und mit dieser Sichtweise hatte ich mich lange Zeit gut arrangiert. Auch wenn ich erst Anfang 30 bin, habe ich längst begriffen, dass der Spruch „Irgendeine Scheiße ist immer“ zu den unumgänglichen Wahrheiten des Lebens gehört. Ich habe mich damit abgefunden, ganz gut sogar. Das „Durchkämpfen“ habe ich zum Prinzip erhoben und all die Kämpfe, die inneren und die äußeren habe ich als das Salz in der Suppe des Lebens angenommen.  Durch zwei Staatsexamen habe ich mich gekämpft, durch die „üblichen“ emotionalen Krisen, durch den Verlust von Freundschaften und von Liebe und durch manche Unzufriedenheit im Job. Ich habe im inneren Widerstand gegen furchtbare Menschen in meinem Umfeld gelebt und nicht aufgegeben, wenn einzelne Schlachten verloren gingen.

Die Metapher von Krieg und Kampf – angewendet auf das friedliche zivile Leben – mag auf den ersten Blick verstörend wirken und doch lassen sich gewisse Parallelen ziehen. Wie im Krieg bewegen wir uns auch im Leben stets zwischen offensiven und defensiven Verhaltensweisen. Wir preschen vor, um unseren Idealen, Träumen und unserer Vorstellung vom Glück nachzujagen und überlegen dabei stets welche Kollateralschäden wir bereit sind, dafür in Kauf zu nehmen. Gleichzeitig verteidigen wir uns unerbittlich gegen das, was uns zurückwirft, behindert, uns traurig, frustriert und unglücklich macht. Das Führen dieser Kämpfe mag uns dazu verleiten, gewisse Eigenschaften besonders wertzuschätzen: Ungebrochener Wille, Mut, Tapferkeit, Frustationstoleranz, Durchhaltevermögen, Leidensfähigkeit, gut dosierte Aggressivität und manches Mal auch die Bereitschaft alles auf eine Karte zu setzen.

Ich konnte dem immer was abgewinnen, und vielleicht hat mich auch deshalb die Serie Game of Thrones so in ihren Bann gezogen, weil es eben auch dort um Kämpfe geht, die ewige Suche nach richtig und falsch und darum, seinen Prinzipien treu zu bleiben und danach zu handeln, weil man sich auf der richtigen Seite wähnt. Nun Leben wir heute aber nicht mehr in der finsteren Mittelalterwelt um Westeros & Co, sondern in einer Welt, in der man nicht mal mehr eben in einen (wirklichen) Krieg zieht. Unsere Bewunderung für „Kämpfer“ scheint gleichwohl ungebrochen. Menschen, die eine Krebsdiagnose bekommen, ziehen qua Definition in den Kampf gegen den Krebs und sogar friedliebende Menschen werden zu „Kämpfern für die Menschenrechte“ ernannt. Von der Liebe ganz zu Schweigen, die Pat Benatar 1983 gleich als Schlachtfeld bezeichnet hat und damit auch den letzten von uns zum Kämpfer erklärt hat.

Und so war eben auch das Kämpfen lange Zeit eben ein ganz normaler Teil meines Lebens. Ich habe mich dabei stets als recht passablen Kämpfer gesehen und bin rückblickend auf all die geschlagenen Schlachten im Großen und Ganzen zu der Ansicht gelangt, dass ich auch für alle Kommenden recht gut gewappnet sei. Das Bild vom Kampf war dabei für mich nichts Beängstigendes, es war einfach die probate Bewältigungstaktik für das Leben als solches.

Es gehörte allerdings auch stets zu meinen Taktiken, bestehende Gewissheiten in Frage zu stellen, und eines Tages stellte ich mir eben die Frage: „Wozu eigentlich dauernd kämpfen?“. Hat der israelische Historiker Harari vielleicht recht, und die Zeit der großen Kriege ist ohnehin vorbei?

Es ist ja schon eine nicht zu vernachlässigende Menge an Lebensenergie, die man in diese Kämpfe steckt. Ein gewissermaßen hoher Preis für die ersehnte Wehrhaftigkeit gegen die Widrigkeiten des Lebens und das Vorpreschen bei der Verfolgung des Glücks.

Höchstwahrscheinlich war es im buddhistischen Meditationsretreat in Thailand, wo der Samen für eine andere Sichtweise gesät wurde: Ist es möglich, dass all die Scheiße sowieso passiert, ob ich dagegen kämpfe oder nicht? Und passieren nicht vielleicht auch all die guten und schönen Dinge im Leben, ohne dass man sämtliche Energie darauf verschwendet, den Wunschvorstellungen hinterherzujagen? Kann ich gar die Waffen niederlegen und zu einem Beobachter des Lebens werden, der mit klarem und unverstellten Blick den Lauf der Dinge einfach als den Lauf der Dinge erkennt?

Seit ich zum ersten Mal diese Fragen für mich aufgeworfen habe, ist beinahe ein Jahr vergangen. Ein Jahr, in dem ich ganz unterbewusst ein praktisches Experiment gewagt habe, nämlich wie es ist, weniger involviert zu sein in die all diese Konflikte. Es hat ein paar buddhistische Ideenimpulse gebraucht und ein wenig Meditation als Training, aber vor allem hat es meine Reise um die Welt gebraucht. Zunächst, damit ich überhaupt auf die richtige Frage kommen konnte, und dann hat es den psychischen und physischen Abstand zum „normalen Leben“ gebraucht, um diese Pflanze wachsen zu lassen und den neuen Ideen eine Chance zu geben. Es brauchte Zeit, aber auch ein offenes Herz, um diesen Wandel der inneren Einstellung zu erlauben und passieren zu lassen.

Vermutlich ist das auch die Antwort auf die Frage, über die ich mir in den letzten Monaten so viele Gedanken gemacht habe: „Was bleibt?“ – Was von der Reise bleibt, kann man also vielleicht als genau diesen Wandel der inneren Einstellung beschreiben, der mir eine neue, andere Sicht auf das Leben eröffnet hat – Und ist das nicht auch genau der Grund, warum alle Reisenden aufbrechen? Der Perspektivwechsel?

Ich jedenfalls fühle mich heute freier. Nicht mehr als Kämpfer, vielmehr als Kapitän auf meinem kleinen Segelboot des Lebens sehe ich mich heute. Es ist nicht so, als hätte ich in irgendeiner Hinsicht aufgegeben – bloß aufgehört zu kämpfen. Und keinesfalls habe ich irgendeine Art von Verantwortung für mein Leben niedergelegt, denn ein Kapitän ist schließlich der verantwortliche Schiffsführer und kein Kreuzfahrtpassagier.

Dieser Vergleich erinnert mich auch an die Frage, die ich in meinem allerersten Blogspot aufgeworfen habe: „Werde ich der Meister meines Schicksals bleiben; der Kapitän meiner Seele?“ Heute fühle ich mich jedenfalls mehr denn je als Kapitän.

Ich blicke zurück ins Kielwasser meines Bootes. All das vergangene schwimmt dahin und wird zusehends kleiner. Es ist wichtig, die Vergangenheit nicht als Ballast hinter das Boot zu binden, sondern sie zurückzulassen. Was ich brauche, habe ich in meiner Erinnerung bei mir, aber es beschwert mich nicht.

Leicht gleitet mein Boot über die Wellen und ich, ich habe genug Platz im Kopf um mich auf das hier und jetzt zu konzentrieren und gelassen nach vorn zu schauen. Nicht die Vision von einem Ziel treibt mich an; Ich will erst gar nicht der Versuchung erliegen, zu glauben, dass das immerwährende Glück auf einer Insel liegt, die ich nur erreichen müsse; dass es irgendwo ein Ziel der Glückseligkeit gibt, dass ich nur fieberhaft genug suchen müsse.

Ich segle einfach mit offenem Herzen weiter und es besteht keine Notwendigkeit einen bestimmten Kurs zu erzwingen. Fest steht, es werden Sonnentage und Stürme kommen, Tage mit viel Wind und Tage mit Flaute. Den Kurs kann ich beeinflussen. Das Wetter nicht. Und das ist okay.

Was bleibt

Gute fünf Wochen hat es gedauert, bis ich mich (vor allem emotional) wieder in Deutschland eingerichtet habe. Ich fühle mich in meiner Wohnung wieder zu Hause und ich habe beinahe alle Leute wiedergetroffen, die ich wiedersehen wollte. Welches Land nun das Beste war, wollten viele wissen – vermutlich schon mit den nächsten Urlaubsplanungen im Hinterkopf. Aber viele wollten auch wissen, ob mich die lange Reise verändert hat. Was macht es mit einem, so lange fort und auf sich selbst gestellt zu sein? Ist man gar ein Anderer als vorher?

So scheint jedenfalls die allgemeine Erwartung zu sein, denn so eine Reise unternimmt man ja vermutlich nur einmal im Leben und während andere Leute ihr Erspartes für Häuser, Eigentumswohnungen, Hochzeiten, Autos und Kinder ausgeben, habe ich all meine Rücklagen für diese Reise ausgegeben. Alles nutzlos verjubelt also? Eine gute Zeit gehabt und jetzt der Endorphinkater? Pleite, single und arbeitslos? Alles verzockt?

So einfach ist das natürlich nicht. Aber wo der Gewinn nicht anhand von Renditen ablesbar ist, brennt dem Homo Oeconomicus die Frage auf der Seele: „Was bleibt?“. Eigentlich erwartet man, dass so ein Vorhaben eine Zeitenwende darstellt, dass es ein „Davor“ und ein „Danach“ gibt. Halt so, wie wenn man Kinder bekommt und nichts mehr so ist, wie es vorher war – oder als Jesus geboren wurde und man gleich eine ganz neue Zeitrechnung begonnen hat. Nun, ganz so drastisch ist die Situation nicht; weder habe ich angefangen, meine Tage mit dem Vermerk n.d.R. (nach der Reise) zu zählen, noch hatte ich das Bedürfnis, morgens auf die Straße zu treten und „Das ist Sparta!“ zu brüllen. Nein, von einer Zeitenwende kann keine Rede sein und ich fühle mich auch nicht wie ein anderer Mensch. Wäre ja auch seltsam, wenn sich innerhalb von neun Monaten meine Persönlichkeit gravierend verändert hätte. Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, sehe ich immer noch denselben.

Aber ich fühle mich ein wenig älter. Irgendwie scheint es, als hätte ich einen Zeitsprung gemacht. Tatsächlich war ich bloß neun Monate weg, aber ich habe in der Zeit gefühlt ein halbes Leben gelebt. Wie kommt es zu diesem Gefühl? Es heißt, dass dem Menschen auf dem Sterbebett seine Kinder- und Jugendjahre genauso lang vorkommen, wie der gesamte Rest seines Lebens. Das liege daran, dass man in dieser Zeit eben einen Haufen Erfahrungen zum ersten Mal macht, was das Gehirn dazu veranlasst, diesen sog. „Pioniererfahrungen“ einen besonderen Platz im Gedächtnis einzuräumen. Dagegen kann ein Jahr, in dem man jeden Tag ins Büro ging, vom Gehirn mühelos zu einer Erinnerung von wenigen Minuten komprimiert werden. Diese immer gleichen Tage verschwinden auf diese Art einfach irgendwann aus der Erinnerung. Was für eine fürchterliche Vorstellung, denn unsere Erinnerung ist doch unsere Identität.

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Die Einsicht, dass das was bleibt, die Erinnerung ist, ist banal. Erst vor dem Hintergrund, dass wir im Grunde nichts anderes sind, als die Summe unserer Erinnerungen, wird die Erkenntnis überhaupt erwähnenswert. Bloß 2,3 Prozent meines bisherigen Lebens habe ich mit der Reise um die Welt verbracht und doch kommt es mir vor, wie ein halbes Leben. Es ist, als hätte ich zusätzliche Lebenszeit erschaffen. Was klingt wie Zauberei, ist unter Psychologen und Hirnforschern ein bekanntes Phänomen. Und deshalb sollte das auch dem Homo Oeconomicus einstweilen als Antwort auf seine Frage genügen: Lebenszeit als Output. Es erklärt vielleicht auch, warum ich mich – obwohl ich kein Geld mehr habe – im Grunde reich fühle.

Zugegeben, die Frage nach dem – wenn man so will – „wirtschaftlichen Nutzen“ meines ganzen Reiseunterfangens war eine der eher einfach zu beantwortenden. Schwieriger – und damit ungleich interessanter – ist natürlich die Frage, was das mit einem als Person oder vielmehr als Persönlichkeit macht. Was sind die Schlüsse, die man nach so einer Erfahrung für sein weiteres Leben ziehen kann? Kenne ich mich jetzt besser? Habe ich mich selbst gefunden? Bin ich weiser oder nur älter geworden? Gibt es Dinge, die ich in Zukunft anders machen will? Muss ich bisherige Lebensgewissheiten korrigieren? Findet man unterwegs Antworten, die man nicht in der drittklassigen „Better-Life-Selbstoptimierer-Literatur“ findet, die derzeit die Buchhandlungen überschwemmt?

Die Suche nach Antworten ist auch nach der Reise ein längerer Prozess geblieben. Leider bin ich nicht (wie erhofft), wie Buddha eines Tages erleuchtet unter einer Pappelfeige aufgewacht, sondern immer noch ein Fragender. Es fühlt sich trotzdem so an, als sei ich manchen Antworten ein Stückchen näher gekommen oder jedenfalls besser darin geworden, die richtigen Fragen zu stellen. Ihnen will ich hier demnächst, gewissermaßen als Nachlese, auf den Grund gehen.

Über das Ankommen

„Sie sehen müde aus“, sagt der Taxifahrer, als er vom Europaplatz am Berliner Hauptbahnhof auf die Invalidenstraße abbiegt. „Ja, ich bin scheißmüde; ich war achteinhalb Monate unterwegs.“ Mehr als „Wow“ fällt ihm dazu nicht ein und so schweigen wir, während die Lichter der Stadt am Fenster vorbeiziehen. Es ist Samstagabend und am Rosenthaler Platz drängen sich die Touristen vor den Spätis.

Meine Wohnung steht noch, ist jedoch seit zwei Monaten verwaist und sieht auch so aus: Nicht warm, nicht gemütlich, nicht einladend und sauber wäre auch das falsche Wort. Mein altes Leben steht in verstaubten Kisten kreuz und quer in der Gegend rum. Immerhin muss ich keine zehn Dollar Pfand für den Zimmerschlüssel bezahlen und meine Wertsachen nicht mehr in einen Spind einschließen. Dafür muss ich mein Bett selbst beziehen. Ich setze mich auf eine der Kisten und reiße mir ein Bier auf. Ich genieße das Gefühl, einmal und die ganze verdammte Welt gereist zu sein.

Wenn man unterwegs ist, dann ist man immer selbst der Mittelpunkt der Welt, alles dreht sich um einen selbst. Aber jetzt bin ich bloß noch einer von 3,712 Millionen Einwohnern der Hauptstadt, der in seiner Wohnung auf einer Kiste sitzt. Und es ist nicht so, als hätte die Stadt auf mich gewartet; es ist ihr natürlich scheißegal ob ich hier oder sonst irgendwo auf der Welt sitze.

Genug Bestandsaufnahme für heute. Ich muss schlafen. Lange schlafen.

Als ich die Augen wieder öffne, scheint die Sonne. Ein Umstand der hier – Erzählungen nach – in den letzten Monaten eher unbekannt gewesen ist. The show musst go on, so viel steht mal fest. Ich putze die Wohnung, um sie wieder zu meinem Ort zu machen, packe die Kisten aus, sage den Nachbarn „Hallo“, kaufe banale Dinge wie Müllbeutel und was man eben so braucht, wenn man in einer Wohnung und nicht in einem Hostel wohnt. Ich telefoniere mit der Krankenkasse und mit dem Arbeitsamt und erstelle eine lange Checkliste, um die eingemottete Maschine namens „normales Leben“ wieder fit zu machen und ans Laufen zu bringen.

Erstmal tue ich jedoch, was ich mittlerweile am besten kann und verschaffe mir einen Überblick. Unter dem Vorwand Besorgungen machen zu müssen, leihe ich mir einen dieser Elektroroller und cruise kreuz und quer durch die Stadt, meine Stadt. Alles noch da, stelle ich fest: der Volkspark, der Fernsehturm, die Warschauer Straße, die Rummelsburger Bucht, der „Görli“, der „Kotti“, der Hermannplatz und selbst die verdammte Ringbahn kreist – wie vermutet – noch immer unermüdlich um das Herz der Stadt. An der Ecke Schönhauser esse ich im Schatten der Hochbahn bei Konnopke’s die erste Currywurst seit neun Monaten und beobachte die Massen, wie sie zum Flohmarkt am Mauerpark pilgern. War ich jemals weg? Obwohl mindestens eine Welt (und gefühlt ein halbes Leben) zwischen dem Berlin liegt, das ich zurückgelassen habe und dem, in das ich zurückgekehrt bin, fühlt es sich merkwürdig vertraut an. Für einen kurzen Moment fühlt es sich dann doch so an, als sei ich auf meiner Reise irgendwo angekommen.

Gut, denke ich, die Spielzeit mag eine neue sein, aber das Theater ist noch das alte. Und ich? Ich muss jetzt erstmal schauen, was hier so für Stücke aufgeführt werden und welche Rolle ich darin spielen will. Keine leichte Aufgabe, aber auch kein übler Zustand: Ich kann sein und werden, was ich will.

Die Leute sagen immer: „Wer seinen Hafen nicht kennt, dem ist kein Wind günstig.“ Aber vielleicht sind demjenigen dann auch einfach alle Winde günstig!? Da stehe ich also immer noch auf meinem metaphorischem Boot des Lebens, in gewisserweise immer noch unterwegs, immer noch mit unklarem Ziel, aber auch immer noch als Kapitän mit dem Steuer fest in der Hand und dem Blick voraus.

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„What if just can’t find my way back home?“

„What if just can’t find my way back home?; What about all the things I just don’t know?“ Berechtigte Fragen, die die Bag Riders da gerade durch meine Kopfhörer singen, als ich an der Sicherheitskontrolle warte. Und drängende Fragen, denn ich trete meinen letzten Weg auf dieser Reise an – den Weg nach Hause.

Am Gate starre ich auf mein Smartphone: „Vatikan korrigiert: Die Hölle gibt es doch“ titelt die Online-Ausgabe der FAZ. „Passengers for flight MT2648, please get ready for boarding“, titelt die Stimme aus dem Lautsprecher. Ich weiß gar nicht, welche der beiden zuletzt aufgenommenen Informationen mich mehr schockiert. Mein Gefühlszustand variiert jetzt nicht mehr täglich sondern minütlich zwischen „Ich bin bereit“ und „Nein, es darf noch nicht zu Ende sein“. Ich kralle mich an der Plastik-Sitzschale in der Wartehalle fest und denke verzweifelt, „RENN!; Es ist noch nicht zu spät, Belize ist nicht weit weg.“ „Doch, Belize ist sehr weit weg, Amigo“, flüstert eine leise Stimme aus meinem Kreditkartenfach.

Es ist Zeit, den Widerstand aufzugeben. Ich heule ja nicht in der Öffentlichkeit. Warum eigentlich nicht? Das muss so ein Geschlechterrollending sein. Frauen tun das doch auch und längst ist es wissenschaftlich bewiesen, dass das ein absolut probates Mittel zum Stressabbau ist – und ich habe Stress: Das Leben, wie ich es kannte, endet. Mal wieder. Ich wurde vor diesem Moment gewarnt und jetzt weiß ich, was die Leute meinten. Es fühlt sich seltsam an. Die Schlange, an der Bordkartenkontrolle hat sich aufgelöst und ich trotte zur Gangway, getragen von einer sich spontan eingestellten Gleichgültigkeit.

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„Cabin Crew, arm doors and crosscheck“, krächzt der Captain durch die Lautsprecher. Ich schließe den Anschnallgurt – *klick*. Irgendwann, so in 20 Stunden, da werde ich sagen können, ich habe die ganze Welt umrundet. „Und wofür?“ wird der Zyniker fragen, „Nur um exakt wieder an dem Punkt anzukommen, an dem Du gestartet bist?“

„Was für törichter Irrtum“, könnte ich entgegnen: „Diesen Punkt gibt es doch längst nicht mehr. Längst ist die Welt doch eine ganz andere als vor über acht Monaten. Die Große und meine Kleine.“

Man kann überhaupt gar nicht zurückfliegen, man kann immer nur weiterfliegen.

„Nichts ist absolut. Alles verändert sich, alles bewegt sich, alles dreht sich, alles fliegt und verschwindet.“

Frida Kahlo

KL

KL, so nennen Einheimische (und jeder, der das mal aufgeschnappt hat – also auch ich) die Hauptstadt Malaysias, Kuala Lumpur. Ich mache hier ein paar Tage Zwischenstopp und weil ich mal irgendwo gelesen habe, dass man hier in 5-Sterne-Hotels für den Preis einer Tankfüllung absteigen kann, sitze ich gerade in einem 40-Quadratmeter-Zimmer mit Blick auf die Skyline und im einem Klo mit integriertem Bidet.

Lustig, denke ich: Gestern habe ich noch in einer runtergerockten Hanoier Altstadt-Bar Happy-Ballons konsumiert und heute lasse ich mich mit „Sir“ anreden und muss mich im „Club“ des Hotels an den Dresscode halten. From rags to riches; na ja nicht ganz, denn in meinem Budget sind solche Eskapaden eigentlich nicht vorgesehen. Aber was soll’s? Ich mache hier eh was ich will.

Kuala Lumpur ist auf eine Art eine unwirkliche Stadt. Eine Stadt, von der man weiß, dass sie existiert aber auch nicht viel mehr. Natürlich kannte ich die ikonische Skyline mit den Petronas-Twin-Towers, aber ehrlich gesagt, wusste ich vor ein paar Jahren noch nichtmal wo Malaysia genau liegt.

Ich nutze meine Luxussuite zum Durchatmen, ich fühle nämlich eine leichte Reiseerschöpfung. Es ist kein Heimweh, aber mein Interesse an der Stadt da unten vor meinem Fenster hält sich gerade irgendwie in Grenzen. An meinem riesigen Schreibtisch schreibe ich ein paar längst überfällige E-Mails und skype mit diversen Menschen, die mir wichtig sind.

Nachdem die Twin-Towers erklommen und die wichtigsten Eckpunkte der Stadt abgegrast sind, packe ich meinen Rucksack, um zum Flughafen zu fahren. Strand und Sonne auf Bali werden mein Gemüt schon wieder aufhellen. Eine Stunde bevor ich los will, checke ich nochmal den Flugstatus und stelle fest, was nicht ganz unvorhersehbar war, bislang jedoch von meiner optimistischen Einstellung erfolgreich beiseite geschoben wurde: Der Flug ist wegen des Vulkanausbruchs gestrichen. Das fällt AirAsia natürlich drei Stunden vor Abflug ein und das, obwohl der Flughafen auf Bali noch nichtmal geschlossen ist – im Gegensatz zu dem auf Lombok, weshalb spontanes Ausweichen dorthin auch nicht möglich ist.

Immerhin bin ich noch nicht am Flughafen und ziehe erstmal in ein Hostel um, um die laufenden Kosten wieder auf ein handhabbares Niveau zu drücken. Im Hostel suche ich andere Flugrouten nach Indonesien; ich bin allerdings nicht der einzige und die Preise gehen durch die Decke.

Eigentlich wollte ich auch die S. – mit der ich schon zusammen auf der Transsib war – auf Bali treffen. Lange haben wir überlegt, wann und wo sich unsere Wege wieder kreuzen würden. Die letzte Gelegenheit ist nun vom Vulkan endgültig weggepustet worden.

Jetzt fühle ich mich noch erschöpfter. Ich gehe eine Runde spazieren, aber die Stadt nervt mich. Als ich – wieder im Hostel – auf meinem Bett liege, vibriert mein Handy. Ich hatte meinen Vermieter gefragt, ob er die Untervermietung meiner Wohnung noch ein paar Monate länger genehmigen würde. Er schreibt, ich solle die Wohnung gleich komplett an ihn zurückgeben, „das wäre wohl für alle das Beste“. Ich habe ja schon immer geahnt, dass er wahnsinnig ist und war froh, dass er mich bislang in Ruhe gelassen hat. Jetzt hab ich es schwarz auf weiß, dass er nicht mehr alle Tassen im Regal hat. Natürlich ist mir klar, dass er mich nicht einfach rauswerfen kann, aber die Vorstellung, das mit ihm vom Ende der Welt aus zu diskutieren, lässt Übelkeit in mir aufkommen. Die Vorstellung einige Monate auf die Mietzahlungen der Untermieterin zu verzichten auch.

Ich möchte den Mülleimer in meinem Dorm weggetreten, aber ich bin zu müde. Ich fühle ich mich leer und ein wenig verloren. Nicht, weil mich die Sache mit der Wohnung finanziell ruinieren würde oder weil ich ernsthaft befürchte, keinen Weg nach Indonesien zu finden, es ist einfach ein kurzzeitiger Krisenzustand, hervorgerufen durch widrige Umstände gepaart mit Erschöpfung. Jeder Reisende kennt das Gefühl, wenn mal alles zu viel wird und man nur noch kotzen möchte. Ja, auch das gehört dazu und es trifft Jeden mal. Vielleicht muss es ja so sein, denke ich, vielleicht kann man die Hochs ohne die Tiefs ja auch gar nicht richtig wertschätzen. Solche pseudoschlauen Erkenntnisse helfen in der Situation selbst aber natürlich kein bisschen weiter.

Ich gehe runter ins Restaurant, bestelle Essen, habe aber keinen Hunger. Eigentlich will ich ins Bett und diesem Tag durch Schlaf endgültig entfliehen, aber ich bin ruhelos. Ich gehe in die Rooftop-Bar und trinke den Gin-Tonic, den jeder Gast als Welcome-Drink bekommt. Ich suche Zuspruch und körperliche Nähe und finde sie bei einer anderen Backpackerin, die dort ebenfalls allein sitzt.

Am nächsten Tag kommt die K. ins Hostel. Der ausgefallene Flug hat uns ein unerwartetes Wiedersehen beschert. Auch sie kennt natürlich diese kleinen Krisen, die einen dann und wann ereilen. Wir betrinken uns auf der Dachterrasse und versinken in endlose Gespräche über das Reisen und das Leben, während die Petronas-Towers in der Skyline funkeln, als sei das hier New-York. Irgendwie surreal alles.

Am nächsten Morgen buche ich beim Frühstück Flüge nach Singapur und Flores, während die Sonne sich langsam ihren Weg durch die Wolken bahnt.

Silver lining.

Über Entscheidungen

China ist riesig und es mangelt nicht an sehenswerten Orten. Ich kann sie nicht alle sehen, soviel steht fest. Ich kann noch nichtmal alle Orte sehen, die man gesehen haben muss. Jede Entscheidung über das nächste Reiseziel, ist immer auch eine Entscheidung gegen Orte, Landschaften und Routen. Wer – wie ich – die unendliche Freiheit genießt, muss sie auch weise benutzen. 

Mein Visum ist 30 Tage gültig. Theoretisch genug Zeit, wenigstens die Top 15 Orte zu besuchen. Praktisch nicht, jedenfalls nicht für mich. 

Bis Shanghai bin ich recht schnell gereist, vielleicht zu schnell. Das mag seltsam klingen, war ich doch fast ausschließlich mit dem Zug unterwegs. Dennoch ist die gefühlte Reisegeschwindigkeit enorm. Jeden Tag neue Eindrücke, Unternehmungen und neue Menschen. Etliche Zeiten verbringe ich in öffentlichen Verkehrsmitteln. Daneben ein Haufen allgemeiner Organisationsaufwand: Recherchen für die Einreisebestimmungen meiner nächsten Zielländer, Flüge und Zugverbindungen mit mieser Internetverbindung suchen und buchen, Wäschewaschen und Haareschneiden. 

Reisen ist kein Urlaub und ich muss aufpassen, dass auch die „echte“ Erholung nicht zu kurz kommt. Ich skippe Huángshān und Yángshuò. Beides mit Sicherheit Highlights in China, aber ich muss aussortieren, wenn ich nicht durchs Land hetzen will. 

Was hilft der großartige Blick auf die Landschaft, die als Inspiration für den Avatar-Film gedient haben soll, wenn ich dort nur ein Foto mache und mir nicht die Zeit nehmen kann, bis mittags zu schlafen und Abends beim Bier mit anderen Travellern zusammensitzen und zu Plaudern? Und was ist überhaupt mit den ganzen Büchern, die ich lesen wollte? Beendet habe ich bisher keines.

Ich muss mich von dem Gefühl befreien, dass Müßiggang Zeitverschwendung ist. Das Gegenteil ist der Fall. Müßiggang bedeutet nicht Nichtstun, es bedeutet, zu tun was man will. Es ist damit ein Erkennungsmerkmal des Reisenden, der ich sein möchte. Es unterscheidet ihn vom Power-Urlauber und von den Gehetzten, die die Fotos als Investition benötigen, die sich in Form von Anerkennung und „Likes“ amortisieren muss.

Ich buche also einen Flug nach Kunming. Das beschauliche Städtchen hat nur 7 Mio. Einwohner und erscheint mir als idealer Ort, um mal einen Gang runterzuschalten. Kunming ist die Hauptstadt der Yunnan-Region im Süden Chinas. Die Provinz hat ebenfalls einiges zu bieten und wird gelegentlich noch als Geheimtipp gehandelt. Es dürfte also nicht langweilig werden da unten, wenn mich nach ein paar Tagen ‚Downshifting‘ wieder der Erlebnishunger packt.

one way

Das Klicken des Anschnallgurtes im Flugzeug ist für mich seit jeher ein Moment, dem ich ganz besondere Aufmerksamkeit widme, wenn ich irgendwohin aufbreche. Ich erinnere mich daran, wie ich diesen Moment während der Examenklausuren herbeigesehnt habe, denn ich wusste, dass es das erste Geräusch eines neuen Kapitels in Budapest sein wird.

So ist es auch heute. Das Leben, wie ich es kannte, wird heute einstweilen aufhören und Platz für Neues machen. Ich fliege nicht in den Urlaub, ich habe kein Rückflugticket. Alles was ich zukünftig besitzen werde, passt in einen Rucksack, den ich gerade dabei beobachte, wie er auf dem Weg zu seinem Platz, ca. einem Meter unter meinem ist. Man braucht nicht viel, denke ich und wundere mich, wofür ich den ganzen anderen Kram brauche, den ich über die Jahre angesammelt habe.

*klick* – take off.

Blick aus dem Fenster: Die Stadt wird kleiner. Alles wird kleiner. Die Menschen, meine Wohnung, das Arbeitsamt – bis Berlin nur noch wie ein putziges Miniatur-Wunderland aussieht, in dem die Ringbahnen Runde um Runde um den Fernsehturm drehen.

Berlin aus dem Flugzeug

Sie werden auch dann noch unermüdlich kreisen, wenn ich sie wegen des Regens und der Entfernung schon längst nicht mehr sehen kann. So, wie alles weitergehen wird, nur eben ohne mich. Die alten Freunde gehen in der Heimat aufs Libori-Fest und die neuen Freunde grillen im Volkspark und verbringen die lauen Abende im Freiluftkino. Der berliner Sommer wird ohne mich stattfinden, sofern er denn überhaupt noch stattfindet. Meine Freundin, die ich sehr vermissen werde, wird sich ihren Hobbys und neuen Projekten widmen. Biere im Park werden ohne mich getrunken werden und mein Vater wird seinen 60. Geburtstag ohne mich feiern. Weihnachten werde ich nicht bei meinen Lieben sein.

Dann, als das Flugzeug die Wolkendecke durchbricht: gleißendes Sonnenlicht.