Getting shit done

Nichts, was es sich zu haben lohnt, wird einem geschenkt. Auch meine Reise fällt mir (leider) nicht einfach so in die Arme.

Nur noch eine Woche bis ich das Flugzeug nach Russland besteige, und jetzt gilt es erstmal, ein gewöhnliches bürgerliches Leben für ein halbes Jahr auf Eis zu legen. In Deutschland ein nicht zu unterschätzender bürokratischer Aufwand. Ich denke an vieles, aber die Zeit reicht nicht mehr, um alles zu klären. Manche Sachen müssen egal werden. Lücke im Rentenversicherungslebenslauf? Egal. Anwaltszulassung besser behalten oder zurückgeben? Weg damit; Ballast abwerfen. Und dann ist da noch das Arbeitsamt: tonnenweise Papier und keine Zeit mehr den ganzen Mist zu lesen. Zehnseitige Bescheide über Arbeitslosengeldbewilligungen und Sperrfristen – selbst auf ein Anwaltsgesicht legt sich da ein fragender „what the fuck?“-Ausdruck.

Leichtes Panikgefühl macht sich breit: Stimmt wirklich alles, was ich in irgendwelchen unseriösen Weltreise-Foren über das Arbeitslosengeld gelesen habe oder werde ich gar nach meiner Rückkehr völlig mittellos sein? Vielleicht sollte ich noch was unternehmen? Aber was? Vor meinem geistigen Auge rinnt feiner Quarzsand durch ein Zeitglas und mir wird klar, dass die Entscheidungen, die ich jetzt treffe, besser gute Entscheidungen sein sollten. Denn wenn ich erstmal in der Wüste Gobi bin und in ein selbst gegrabenes Loch scheiße, brauche ich auch nicht mehr zu versuchen, eine Klage an das Sozialgericht zu formulieren. Aber das schaffe ich jetzt auch nicht mehr und ehrlich gesagt, reicht die Zeit nicht einmal für einen passablen Widerspruch. Soll sich also der zukünftige Basti darum kümmern, wenn er wieder da ist – ihm wird schon irgendwas einfallen.

Der gegenwärtige Basti musste indes erstmal alle Reiseplanungen vernächlässigen, um seine Wohnung unterzuvermieten. Trotz hoher Nachfrage kein leichtes Unterfangen. Plötzlich ist man selbst das Arschloch, das Menschen nur nach ihrem Einkommen beurteilt. Jemand Sympathisches, der nach drei Monaten die Miete nicht mehr bezahlen kann, wäre für mich eine Katastrophe und wer Kohle ohne Ende hat, hat auch in Berlin die freie Auswahl bei der Wohnungssuche und wenig Lust, sich auf einen vorgegebenen Zeitraum festnageln zu lassen. Das Bauchgefühl ist schließlich auch nicht zu vernächlässigen: Manche Leute möchte ich mir einfach nicht vorstellen, wie sie in meinem Bett ficken; und deshalb werden sie es auch nicht. Trotz eines leichten Anflugs von zwischenzeitlicher Verzweifelung ging die Sache mit dem Untermieter übrigens doch noch gut aus. Durchatmen und Weitermachen hat sich auch hier wieder als die erfolgreichere Taktik entpuppt, im Gegensatz zum wiederholten gedanklichen Durchspielen des Szenarios: was wäre, wenn ich niemand Geeignetes finde?

Am Ende stellt sich doch immer die gleiche Frage: Zerdenke ich alles bis zum Gehtnichtmehr und schlage mir dann die Nächte mit ziellosem Grübeln um die Ohren oder stehe ich auf und get shit done?

Letztlich ist die Vorbereitung einer Weltreise Projektmanagement: Entscheidungen treffen, Kompromisse machen, Konsequenzen vorhersehen und tragen, nervende Behörden und gewaltiger Zeitdruck. Keineswegs fühle ich mich daher auch nur annähernd arbeitslos – im Gegenteil: Ich bin ungleich gestresster als zuvor und bin doch motivierter, obwohl ich keinen Cent verdiene.

So fühlt es sich an, wenn man wirklich für ein Projekt brennt.

Auf Dinge scheißen

Auf Dinge zu scheißen gehört vielleicht zu den wichtigsten Tugenden heutzutage. Vor allem, wenn man – wie ich – von Soziologen  als Angehöriger der Generation Y klassifiziert wird; bekanntermaßen ja eine Gruppe von Menschen, die ob der unendlichen Möglichkeiten am Leben schier verzweifeln. Wohl also dem, der die Gelassenheit hat, sich um gewisse Dinge einen Dreck zu scheren.

Das ist gar nicht so einfach, wie wir gerne behaupten. Zwar versichern wir uns nur zu gern, was Andere von uns denken, sei uns egal, aber wer kann es sich schon leisten, auf die Meinung des Chefs zu scheißen? Oder wann bist du das letzte Mal ohne Hose zur Arbeit gekommen? Und ist unsere gesamte Existenz nicht völlig bedeutungslos ohne die Wertschätzung und Achtung unseres sozialen Umfelds? Vor allem die Meinung unserer Freunde ist uns deshalb auch meistens ganz und gar nicht egal. Und gerade die, die am vehementesten betonen, wie sehr sie darauf scheißen, was die Anderen von ihnen denken, habe ich im Verdacht, dass sie sich besonders darin gefallen, von eben diesen Anderen als unabhängige Freigeister wahrgenommen zu werden.

Wenn ich den Leuten erzähle, dass ich eine Weltreise plane, dann hat jeder ein paar gute Ratschläge parat. „Dort musst Du unbedingt hin …“ oder „Da darfst Du auf keinen Fall hin, alles voller Touristen“.

Ich muss aber erstmal gar nichts. Ich muss höchstens sterben, aber das habe ich in absehbarer Zeit nicht vor – wobei das immerhin eine Reise an einen Ort wäre, an den wirklich noch kein Tourist zuvor einen Fuß gesetzt hat.

Es scheint, als seien Reisen und Erlebnisse die neuen Statussymbole. Nicht mehr: „mein Auto, mein Pool, mein Haus“ sondern, „meine Südamerikareise, meine Afrikareise, meine Nordkoreareise“ – von Thailand gar nicht zu reden, da fährt ja nur noch der Pauschaltouristenpöbel hin. Du hast also 12 Länder in drei Monaten „gemacht“? Du hast diesen oder jenen Flecken der Erde ganz bestimmt schon erkundet, bevor die Massen kamen? I dont’t give a fuck!

Ich werde nicht von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hetzen, ich werde die Qualität der Reise nicht nach der Anzahl der Stempel in meinem Reisepass messen, ich werde auch nicht um jeden Preis couchsurfen (vielleicht aber auch doch) und ich werde auch nicht abends weinend in der Dusche sitzen, falls ich mal versehentlich einen Ort bereise, an dem schon ein oder eine Million Touristen vor mir waren. Mein Statussymbol wird höchstens die Freiheit sein.

Ich werde einfach machen, wonach mir der Sinn steht. Vielleicht bleibe ich länger an einem langweiligen Ort oder viel zu kurz an einem Interssanten. Vielleicht fliege ich dahin, wo schon Tausende vor mir waren oder dorthin, wo auch niemand nach mir mehr hin will. Vielleicht komme ich nie wieder zurück – oder schon nach vier Wochen.

Was Andere davon halten? Fuck it! Hopefully.

The great departure

Hin und wieder im Leben muss man irgendwohin aufbrechen. Vor fünf Jahren bin ich nach Berlin aufgebrochen. In Berlin kannte ich niemanden und ich wusste nicht, ob die Stadt es gut mir meinen würde. Keine leichte Entscheidung, aber die Neuerfindung des Selbst hat sich als äußerst bereichernd herausgestellt. Der neue Input war dringend erforderlich um mich neu auszurichten. Wer bin ich und was will ich?

Fragen, auf die ich auch heute keine Antwort habe und die mich noch immer täglich beschäftigen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich der Klärung etwas näher komme, obwohl ich ahne, dass es eine Lebensaufgabe ist. Gewissermaßen die Lebensaufgabe, die eigene Lebensaufgabe zu finden. Jedenfalls etwas, dass einem auf eine gute Weise Antrieb verschafft und damit die Antwort auf eine andere wichtige Frage liefert: Warum stehe ich jeden morgen auf?

Nach fünf Jahren in Berlin verspüre ich wieder Aufbruchsstimmung.

Dies soll ein Reiseblog werden. Der Bericht einer Reise um die Welt. Dauer und Ziel: unbestimmt. Nicht, um vor etwas davonzulaufen, sondern eher um auf etwas zuzulaufen (auf was auch immer). Und ein bisschen Wahrheit steckt sicher in der abgedroschensten aller Reiseweisheiten, dass jede Reise vor allem eine Reise zu sich selbst ist. Immer mal wieder wird es hier daher auch darum gehen, was man vom Reisen sonst noch für Erkenntnisse mitnehmen kann, außer die Eindrücke und Bekanntschaften, das Verständnis anderer Kulturen, das Gefühl der Freiheit und die Offenheit als Lebenseinstellung.

Ist das die Freiheit, die wir wollten?

Ein gut bezahlter, unbefristeter Vollzeitjob in Berlin ist wohl der feuchte Traum von Manchem, der einst aus der Provinz in die Stadt aufgebrochen ist und jetzt im Sankt Oberholz vor seinem MacBook sitzt und versucht, irgendwie mit Medien Geld zu verdienen. Aber feuchte Träume halten nur selten, was sie in der Hitze des Moments versprechen und die Realität ist gründlich in ihrem Job als Entzaubererin.

Mitarbeiter

Die Sache mit dem Job ist die: Vollzeit bedeutet nicht selten „volle Zeit“ und gute Bezahlung bedeutet nicht automatisch Freiheit. Im Gegenteil: Es ist eine Einladung zur Unfreiheit. Größere Wohnung, am besten Eigentum, teurer Wein, teures Essen und überhaupt will man sich schließlich auch dafür belohnen, dass man nun ein Großteil dieses Lebens in einem Büro verbringt. Man konsumiert schöne Dinge, damit man nicht zu viel darüber nachdenken muss, dass man den Großteil des Tages unfrei ist. Dabei kriegt man manchmal gar nicht mit, wie sich die Unfreiheit fortwährend verfestigt; ein Treppenwitz.

Freiheit und Unfreiheit liegen manchmal sehr nah beieinander.

This very time …

Ich kenne diese Momente reiner, unverfälschter Zufriedenheit. Ich habe sie erlebt und ich habe sie erkannt. Nicht aus einer verklärten Sicht auf die Vergangenheit heraus, sondern in den Momenten selbst. Es genügt manchmal ein Blick vom Hausdach in die Abendsonne, die die Stadt in sattes Orange tränkt und die Rauchschwaden der Grills und Joints im Volkspark magisch ausleuchtet, während man mit guten Leuten die Zeit vergisst. Es sind Momente, in denen man die Gewissheit hat, dass alles einen Sinn ergibt. Wer das für esoterischen Schwachsinn hält, hat diese Momente wahrscheinlich schon vor langer Zeit verloren. Mir soll das nicht passieren.

Ich finde es daher angebracht, von Zeit zu Zeit zu überprüfen, ob alles noch einen Sinn ergibt, welchen auch immer. Schließlich hat man ja nur das eine Leben. Und wenn ich sehe, was Andere daraus machen, versetzt mich das in Alarmstellung. Es könnte ja was dran sein, an der Feststellung von Benjamin Franklin, dass viele Leute schon mit 25 sterben, aber erst mit 75 beerdigt werden. Oft überkommt mich das Gefühl, dass man nur allzu leicht in Lebensentwürfe stolpert. In Lebensentwürfe, die man sich nicht ausgesucht hat, weil man keine Entscheidungen trifft und weil die Komfortzone eine große Verlockung ist. Klar, man muss Kompromisse machen. Nur ist ein guter Kompromiss eben was ganz anderes als Lethargie und Kapitulation.

Ist es nicht eher wie beim Pokern? Nur wer Herr des Spiels bleibt gewinnt langfristig. Dazu gehört auch, gute Karten wegzuschmeißen, wenn die Situation am Tisch es erfordert – gewiss eine der schwersten Übungen beim Pokern.

Im Leben wie beim Pokern gilt: Es kriegt mitnichten jeder was er verdient hat. Gute Entscheidungen können bestraft und schlechte belohnt werden. Der Lauf der Dinge hält irre Wendungen bereit, aber am Ende geht es immer darum, die Kontrolle zu behalten, über das Spiel, das Leben, sich selbst.

Werde ich der Meister meines Schicksals bleiben – Der Kapitän meiner Seele?

I am the master of my fate,

I am the captain of my soul.

(William Ernest Henley)

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