The wooden boat

Mit der Tauchlizenz in der Tasche reise ich weiter Richtung Osten. Irgendwann muss ich auf Bali ankommen, um meinen Flug nach Australien zu erwischen. Die 500 Kilometer von Flores nach Lombok lege ich in einem Holzboot zurück, denn vom Hörensagen habe ich erfahren, dass das nicht nur eine hervorragende Art zu reisen sei, sondern auch, um die die auf dem Weg liegenden Inseln zu erkunden.

Das Boot fasst 25 Passagiere aber ich muss mir den Platz nur mit einem kanadischen Pärchen teilen. Das habe ich nicht nur der Nebensaison zu verdanken, sondern auch der Tatsache, dass der seicht vor sich hinqualmende Mount Agung auf Bali anscheinend zahlreiche Urlauber der nördlichen Hemisphäre dazu veranlasst hat, ihren Indonesien-Urlaub gleich ganz abzusagen. Für die meisten scheint das Land, dessen Ausmaße man nur als gewaltig beschreiben kann, sich nur auf die Ferieninsel zu erstrecken. Eine Katastrophe für die Tourismusbranche hier, ein Glück für mich.

Wir drei haben jede Menge Platz auf dem doch recht großen Schiff und die sechsköpfige Crew hat verhältnismäßig wenig zu tun. Für sie ist die Fahrt auch eine Art Urlaub. Wir erkunden die Inseln des Komodo-Nationalparks, machen Fotos mit den bis zu drei metergroßen Komodowaranen und schnorcheln mit Schildkröten und Mantarochen.

Wir haben alle drei die „Deckklasse“ gebucht, das heißt, unsere Unterbringung besteht aus einer Isomatte, die wir nach Belieben auf dem Schiff platzieren können. Man rollt zwar bei jeder Welle runter, aber den Sternenhimmel beim einschlafen zu sehen, ist einfach unbezahlbar. Wir stehen ohnehin jeden Tag früh auf, sei es um den Sonnenaufgang vom höchsten Berg der Insel Padar zu genießen oder um eine morgendliche Wanderung zum Wasserfall auf Palau Moyo zu unternehmen.

Ich frage mich zwischendurch mal, wie die Crew das Schiff überhaupt navigiert, so ganz ohne irgendein Instrument. Wenn ich Segeln gehe, gibt es auf den Yachten Radar, Kartenplotter mit AIS, Funk und allerlei technischen Schnickschnack, der auf dem „wooden boat“ offenbar überflüssig ist. Nun ja, die Crew wird schon wissen, was sie tut. Jedenfalls wussten sie es auch, als die Ruderkette gerissen ist – einfach eine Leine dazwischen geknotet und weiter gings. Ob sie es auch wussten, als sich nachts der Anker gelöst hat oder sie mich eine halbe Stunde lang haben fahren lassen, sei mal dahingestellt.

Die Frage nach der Navigation quittiert der Kapitän jedenfalls mit einem Lachen. Meistens würde man ja die Küste sehen und nachts könne man einfach auf die anderen Boote achten. Das habe ich bei meinem Bootsführerschein zwar geringfügig anders gelernt, aber ich bin hier ja auch nicht verantwortlich. Zum Glück bin ich auch nicht fürs Kochen verantwortlich, sondern die Crew; und so gibt es jeden Tag das, was gerade angebissen hat oder beim Schnorcheln eingesammelt wurde.

Kurz vor Lombok legen wir noch einen ungeplanten Zwischenstopp auf der kleinen Insel Medang ein. Auf dem Heimateiland des Kapitäns lernen wir seine drei Frauen kennen und sind bei ihm zu Hause zum Essen eingeladen. Außerdem sammeln wir noch ein paar Inselbewohner ein, die auch nach Lombok wollen. Als die zwölfjährigen Nachbarskinder uns auf ihren Motorrädern die Insel zeigen, wird uns klar, dass vermutlich noch nie ein Tourist einen Fuß auf dieses Land gesetzt hat, denn wir sind eine Attraktion – und gern gesehene Gäste in jeder Hütte.

Nachdem wir wieder abgelegt haben und die Nacht hereinbricht, können wir Sternschnuppen zählen während am Horizont schon die ersten Lichter Lomboks zu erahnen sind.

KL

KL, so nennen Einheimische (und jeder, der das mal aufgeschnappt hat – also auch ich) die Hauptstadt Malaysias, Kuala Lumpur. Ich mache hier ein paar Tage Zwischenstopp und weil ich mal irgendwo gelesen habe, dass man hier in 5-Sterne-Hotels für den Preis einer Tankfüllung absteigen kann, sitze ich gerade in einem 40-Quadratmeter-Zimmer mit Blick auf die Skyline und im einem Klo mit integriertem Bidet.

Lustig, denke ich: Gestern habe ich noch in einer runtergerockten Hanoier Altstadt-Bar Happy-Ballons konsumiert und heute lasse ich mich mit „Sir“ anreden und muss mich im „Club“ des Hotels an den Dresscode halten. From rags to riches; na ja nicht ganz, denn in meinem Budget sind solche Eskapaden eigentlich nicht vorgesehen. Aber was soll’s? Ich mache hier eh was ich will.

Kuala Lumpur ist auf eine Art eine unwirkliche Stadt. Eine Stadt, von der man weiß, dass sie existiert aber auch nicht viel mehr. Natürlich kannte ich die ikonische Skyline mit den Petronas-Twin-Towers, aber ehrlich gesagt, wusste ich vor ein paar Jahren noch nichtmal wo Malaysia genau liegt.

Ich nutze meine Luxussuite zum Durchatmen, ich fühle nämlich eine leichte Reiseerschöpfung. Es ist kein Heimweh, aber mein Interesse an der Stadt da unten vor meinem Fenster hält sich gerade irgendwie in Grenzen. An meinem riesigen Schreibtisch schreibe ich ein paar längst überfällige E-Mails und skype mit diversen Menschen, die mir wichtig sind.

Nachdem die Twin-Towers erklommen und die wichtigsten Eckpunkte der Stadt abgegrast sind, packe ich meinen Rucksack, um zum Flughafen zu fahren. Strand und Sonne auf Bali werden mein Gemüt schon wieder aufhellen. Eine Stunde bevor ich los will, checke ich nochmal den Flugstatus und stelle fest, was nicht ganz unvorhersehbar war, bislang jedoch von meiner optimistischen Einstellung erfolgreich beiseite geschoben wurde: Der Flug ist wegen des Vulkanausbruchs gestrichen. Das fällt AirAsia natürlich drei Stunden vor Abflug ein und das, obwohl der Flughafen auf Bali noch nichtmal geschlossen ist – im Gegensatz zu dem auf Lombok, weshalb spontanes Ausweichen dorthin auch nicht möglich ist.

Immerhin bin ich noch nicht am Flughafen und ziehe erstmal in ein Hostel um, um die laufenden Kosten wieder auf ein handhabbares Niveau zu drücken. Im Hostel suche ich andere Flugrouten nach Indonesien; ich bin allerdings nicht der einzige und die Preise gehen durch die Decke.

Eigentlich wollte ich auch die S. – mit der ich schon zusammen auf der Transsib war – auf Bali treffen. Lange haben wir überlegt, wann und wo sich unsere Wege wieder kreuzen würden. Die letzte Gelegenheit ist nun vom Vulkan endgültig weggepustet worden.

Jetzt fühle ich mich noch erschöpfter. Ich gehe eine Runde spazieren, aber die Stadt nervt mich. Als ich – wieder im Hostel – auf meinem Bett liege, vibriert mein Handy. Ich hatte meinen Vermieter gefragt, ob er die Untervermietung meiner Wohnung noch ein paar Monate länger genehmigen würde. Er schreibt, ich solle die Wohnung gleich komplett an ihn zurückgeben, „das wäre wohl für alle das Beste“. Ich habe ja schon immer geahnt, dass er wahnsinnig ist und war froh, dass er mich bislang in Ruhe gelassen hat. Jetzt hab ich es schwarz auf weiß, dass er nicht mehr alle Tassen im Regal hat. Natürlich ist mir klar, dass er mich nicht einfach rauswerfen kann, aber die Vorstellung, das mit ihm vom Ende der Welt aus zu diskutieren, lässt Übelkeit in mir aufkommen. Die Vorstellung einige Monate auf die Mietzahlungen der Untermieterin zu verzichten auch.

Ich möchte den Mülleimer in meinem Dorm weggetreten, aber ich bin zu müde. Ich fühle ich mich leer und ein wenig verloren. Nicht, weil mich die Sache mit der Wohnung finanziell ruinieren würde oder weil ich ernsthaft befürchte, keinen Weg nach Indonesien zu finden, es ist einfach ein kurzzeitiger Krisenzustand, hervorgerufen durch widrige Umstände gepaart mit Erschöpfung. Jeder Reisende kennt das Gefühl, wenn mal alles zu viel wird und man nur noch kotzen möchte. Ja, auch das gehört dazu und es trifft Jeden mal. Vielleicht muss es ja so sein, denke ich, vielleicht kann man die Hochs ohne die Tiefs ja auch gar nicht richtig wertschätzen. Solche pseudoschlauen Erkenntnisse helfen in der Situation selbst aber natürlich kein bisschen weiter.

Ich gehe runter ins Restaurant, bestelle Essen, habe aber keinen Hunger. Eigentlich will ich ins Bett und diesem Tag durch Schlaf endgültig entfliehen, aber ich bin ruhelos. Ich gehe in die Rooftop-Bar und trinke den Gin-Tonic, den jeder Gast als Welcome-Drink bekommt. Ich suche Zuspruch und körperliche Nähe und finde sie bei einer anderen Backpackerin, die dort ebenfalls allein sitzt.

Am nächsten Tag kommt die K. ins Hostel. Der ausgefallene Flug hat uns ein unerwartetes Wiedersehen beschert. Auch sie kennt natürlich diese kleinen Krisen, die einen dann und wann ereilen. Wir betrinken uns auf der Dachterrasse und versinken in endlose Gespräche über das Reisen und das Leben, während die Petronas-Towers in der Skyline funkeln, als sei das hier New-York. Irgendwie surreal alles.

Am nächsten Morgen buche ich beim Frühstück Flüge nach Singapur und Flores, während die Sonne sich langsam ihren Weg durch die Wolken bahnt.

Silver lining.

Fear and Loathing at the QuestFest

Drei Tage nach meiner Ankunft in Hanoi finde ich mich erneut an einem Ort wieder, den ich nicht auf dem Zettel hatte. Das Quest Festival vor den Toren der Hauptstadt ist ein Ort jenseits von Raum und Zeit. Ich bin zusammen mit dem D. und der C. hier, die ich bei meiner Flucht vor dem Unwetter in Zentralvietnam kennengelernt habe.

Das QuestFest ist das größte Musikfestival Südostasiens – trotzdem ist es weder groß, noch steht hier die Musik im Vordergrund. Mit gerade mal 6000 Leuten ist es für westliche Verhältnisse eher eine Familienveranstaltung und niemand, den ich getroffen habe, kennt auch nur einen der Musiker, die dort auftreten. Aber darum geht es auch gar nicht.

Das Hippie-Künstler-Festival findet auf einer Art Halbinsel in einer abgelegenen Seenlandschaft statt und vereint vom Konzept her legendäre Veranstaltungen wie das „Burning Man“ und die „Fusion“. Dementsprechend ist auch das Publikum drauf. Hier finden sich fast ausnahmslos Backpacker und Langzeitreisende, also Leute, die ohnehin schon ziellos durch die Weltgeschichte irren, vielleicht vor irgendwas davonlaufen, jedenfalls aber das „Leben im Hier und Jetzt“ zur Maxime erhoben haben. Nur selten treffen wir Leute, wie die drei Püppchen aus Hamburg, die auf ihrem Mädelsurlaub hier einen Stop einlegen, bevor sie nächste Woche wieder in ihren Marketingabteilungen sitzen und sich die Nägel lackieren. Sie wirken in dieser Umgebung wie Aliens, die versehentlich auf dem falschen Planeten gelandet sind. Die restlichen Anwesenden sind aufrichtig auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen und haben dafür auch das nötige Equipment im Handgepäck. Hier gibt es alles: MDMA, Speed, Extasy, Mescalin, Acid, Pep, Poppers, Pilze, Uppers und Downers. Pillen, Pülverchen, Plättchen, Pipetten, Nasensprays, Pflaster, Zäpfchen und ein paar Dinge deren genaue Anwendung bis zuletzt schleierhaft bleibt. Obwohl ich in Berlin wohne, habe ich das meiste von dem Zeug noch nie gesehen und auch nicht wenige der Anwesenden machen hier ganz neue Entdeckungen.

Ich nehme keine Drogen und fühle mich daher zeitweise selbst wie ein Tourist in einer fremden Welt. Ausnahmslos alle, mit denen ich hier bin, steigen fröhlich mit ein – ich lehne dankend ab. Es ist nicht so, dass hier irgendjemand irgendeine Art von Druck ausüben würde, gleichwohl überkommt mich zeitweise das Gefühl, dass ich nicht ganz teilnehme an dem, was hier vor sich geht.

Ein Stück weit kann ich das sogar nachvollziehen: Ich kenne die Situation, wenn man mit einer Gruppe in einer Bar sitzt und diese besondere Stimmung in der Luft liegt, die dir ins Ohr flüstert, dass es eine dieser Nächte werden könnte, die legendär aus dem Ruder laufen. Wenn dann jemand am Tisch sitzt und sagt, er trinke generell keinen Alkohol, dann schaut man selbst manchmal ein bisschen misstrauisch. Was stimmt mit dieser Person nicht? Man hat diese Person dann ungewollt im Verdacht, ein Kontrollfreak zu sein, jemand der sich nicht fallenlassen kann. Mit dieser Person wird man vermutlich nicht in ein verlassenes Fabrikgebäude einbrechen, vom Dach den Sonnenaufgang beobachten und stundenlang philosophieren. Man wird mit ihr auch kein morgendliches Bad in der Spree nehmen und auch keine Pferde stehlen. Kurzum: Man wird nicht das gleiche Ding durchziehen und nicht das Gleiche erleben. So eine Einstellung wirft natürlich allerhand ernsthafte Fragen über den Zustand unserer Gesellschaft und ihren Umgang mit Alkohol auf, aber darum soll es hier nicht gehen. Ich ahne jedenfalls, dass meine sieben Zeltgenossen etwas ähnliches über mich denken könnten, auch wenn sie das niemals zugeben würden.

Ich bestreite also das Wochenende mit Bier und Drinks und hier und da mal einer Haschzigarette oder einem Lachgas-Ballon, den man – wie häufig in Südostasien – an der Bar bestellen kann.

Die Abstinenz von harten Drogen hat indes einige Vorteile, zum Beispiel, dass ich nicht stundenlang mit einem Löffel in der Hand durch die Gegend laufe und versuche, mit selbigem Energie auf andere Leute zu übertragen. Na ja, vielleicht ist das auch ein Nachteil, je nach nachdem wie viel Energie der Löffel wirklich überträgt. Unglücklich sehen sie jedenfalls nicht aus, all die Menschen, die hier neue Bewusstseinsebenen erkunden, von denen ich mir höchstens erzählen lassen kann. Dafür muss ich allerdings – im Gegensatz zu allen Anderen – ab und zu schlafen und essen, was wohl der Preis ist, wenn man seinen Prinzipien treu bleibt.

Auch ohne Drogen lässt sich die Stimmung an diesem Ort jedoch wunderbar aufsaugen. Es ist ein bisschen wie Urlaub vom Urlaub. Man streift über das Gelände, geht zur Impro-Comedy, schwimmt eine Runde im See oder döst ein paar Stunden in einer der zahlreichen Hängematten. Ich treffe die K. wieder, mit der ich ein wenig Zeit verbringe und endlich mal wieder deutsch reden kann. Alles ist untermalt von den Bässen, die 72 Stunden lang nonstop an den Fäden der Marionetten mit den kleinen Pupillen ziehen.

Was für ein magisches kleines Wunderland, denke ich. Hier draußen in der Natur, auf dieser Halbinsel, eingebettet in die Seen, auf denen der Nebel liegt, wie in einer märchenhaften Erzählung von Feen und Elfen. Und tatsächlich ist es im Grunde nichts anderes als ein Märchen – zauberhaft und nicht real. Nach den drei Tagen, wenn alle ihre Feenkostüme abgelegt haben, wird die Stille der Natur die Insel wieder zurückerobert haben und nichts wird mehr darauf hinweisen, dass hier drei Tage lang ein magischer Ausnahmezustand geherrscht hat.

In 80 Stunden durch Vietnam

Das schöne am Reisen ist, dass man niemals weiß, wo man in drei Tagen sein wird. Vor drei Tagen jedenfalls war ich im Mekong-Delta, ganz im Süden des Landes. Heute, drei Tage später finde ich mich in Hanoi wieder – wer hätte das gedacht. 

Schon im Süden haben mich die Nachrichten von Taifun Damrey erreicht, der alsbald in Vietnam auf Land schlagen und mindestens für ungemütliches Wetter sorgen wird. Das und die Tatsache, dass es in Can Tho einen Flughafen gibt, haben mich veranlasst, meine Reise in Zentralvietnam fortzusetzen. Dank des in diesen Tagen stattfindenden APEC-Gipfels gibt es nämlich auch in Da Nang einen nagelneuen Flughafen, den ich mit einer vietnamesischen Schrott-Airline für den Preis eines Bustickets erreichen kann. Ich mache also Hoi An zum neuen Startpunkt für meine Entdeckungstour durch die Mitte des Landes. Hoi An ist ein „must see“. UNESCO-Weltkulturerbe, großartige alte Gebäude, wunderschöne Tempel, hinreißende Altstadt und so weiter und so fort. Ich fliege mit VietSchrott-Air gefühlte fünf Meter vor dem Taifun her, was sich vor allem daran bemerkbar macht, dass die Leute links und rechts von mir sich die Seele aus dem Leib kotzen.

Dummerweise regnet es auch in Hoi An noch. ‚Scheiß drauf’ denke ich, in Südostasien regnet es halt manchmal für ein, zwei Stunden am Tag und dann kommt die Sonne wieder raus. Ich irre mich. Es regnet einfach immer weiter. In der Bar des Hostels warte ich darauf, dass mein Bett im Schlafsaal frei wird. Draußen schüttet es weiter. Wie zum Teufel soll ich mir bei dem Kackwetter auch nur was zu essen besorgen?


Das Blatt wendet sich, als ich meinen Vierer-Dorm beziehe. Ich habe verdammtes Glück, denn mit den Leuten, die schon ein paar Tage auf dem Zimmer sind, verstehe ich mich sofort bestens. Das muss nicht immer so sein. Manchmal redet man kein Wort miteinander, manchmal gehen einem die „Roomies“ mit ihrem Gelaber auch hart auf die Nerven. Aber die Engländerin, die Griechin, der Amerikaner und ich werden uns in den folgenden 80 Stunden nicht mehr von der Seite weichen. Wir kämpfen uns durch den nicht enden wollenden Regen für das beste Banh Mi der Stadt und wir harren am Abend auf unserem Dorm aus, als an Rausgehen schon nicht mehr zu denken ist. Wir spielen Karten, trinken Bier und erzählen uns unsere Lebensgeschichten. 

Ich frage mich, woran das liegt, dass man sich mit manchen Menschen auf Anhieb verbrüdert und man Anderen schon nach drei Sätzen die Pest an den Hals wünscht.

Die Witze sind schmutzig und die Stimmung ist bestens. Keiner wird verschont. Nicht das schmutzige Witze neuerdings ein Qualitätsmerkmal für gute Unterhaltungen oder gar menschliche Beziehungen wären, aber wenn man sich drei Stunden kennt, und die anderen mit einem herzlichen „What‘s up Motherfuckers?“ begrüßen kann und jeder weiß, dass es nett gemeint ist, dann ist das ein starkes Indiz dafür, dass sich niemand im Raum selbst zu ernst nimmt. Leute, die sich selbst nicht zu ernst nehmen sind eine so viel angenehmere Gesellschaft als Leute für die Humor bloß das Erzählen von Witzen ist.


Am nächsten Morgen regnet es immer noch. Nun sind wir ein bisschen ratlos. Als wir die Klamotten von der Schneiderin der Mädels abholen, erklärt uns der holländische Freund der Schneiderin beim Craft-Beer, das beide in ihrer Hipster-Schneiderei verkaufen, dass in Zentralvietnam die Regenzeit gerade erst anfängt. „Was?“, denke ich, „Wie zum Teufel konnte mir das entgehen?“ Die Antwort ist eigentlich simpel, denn mein Kopf ist schon rund um die Uhr damit beschäftigt, die vielen Eindrücke zu verarbeiten und zu überlegen, was ich als nächstes für Programmpunkte auf die Tagesordnung setze. Gleichzeitig muss ich überlegen, wo ich danach hin will und wie ich dann dorthin komme. Es wäre schlicht zu kompliziert, würde ich außerdem für jeden Landstrich die klimatischen Besonderheiten studieren und meine Route auch noch nach dem Wetter ausrichten. Nein, ich fahre dahin wo ich will und von sowas, wie ein bisschen Regen lasse ich mir nicht den Reiseplan diktieren. Aber es regnet nicht nur ein bisschen, es regnet wie wahnsinnig und es hört nicht mal für fünf Minuten auf. Jedes Mal wenn wir einen Fuß vor die Tür setzen, sind wir komplett nass. Die billigen Regencapes, die einem an jeder Ecke angedreht werden, helfen nur geringfügig. Die Mädels holen Banh Mis für den ganzen Tag und draußen verschwindet die Straße in braunem Wasser. Dann verschwinden auch die Bürgersteige und die Treppe zu unserem Hostel. 


„Wir sollten unsere Badeklamotten anziehen und schwimmen gehen“, sagt jemand. Es ist einer dieser Momente, in denen jene Geschichten beginnen, an die man sich den Rest seines Lebens erinnern wird. Niemand zögert und zwei Minuten später haben wir alle unsere Badeklamotten an und gehen unter den ungläubigen Blicken der anderen Hostelbewohner auf die Straße in Richtung Altstadt. An uns schwimmt Müll und Inventar der umliegenden Geschäfte vorbei. Das Wasser steht uns bereits bis zum Bauchnabel, als auch die ersten Boote an uns vorbeifahren. Wir sind Barfuß und haben keine Ahnung wo wir hintreten. Manches fühlt sich an wie Müll, manches wie eine tote Ratte. Aber tote Ratten schwimmen – im Gegensatz zu ihren lebenden Artgenossen – an der Oberfläche. Natürlich könnte man sich in so einem Moment fragen, ob das nicht nur ein wenig fahrlässig sondern auch total bescheuert ist. Tun wir aber nicht. Wir kommen aus dem Lachen nicht mehr raus. Wir sind nicht betrunken, nur berauscht vom Moment und der Verrücktheit, die uns sonst im Leben allzu häufig abgeht. Abwasser und tote Kakerlaken, Ratten und Müll, Löcher und Glasscherben, verborgen auf der Straße – es kümmert uns kein bisschen. Wir schwimmen durch die Altstadt von Hoi An. Wir machen das Beste aus der Ausnahmesituation und die Bewohner feiern uns dafür. Es ist surreal wie in einem Film von Tim Burten und es ist einer der Momente, in denen man sich sehr lebendig fühlt.


Mit der Rückkehr zum Hostel kehrt jedoch auch die Ratlosigkeit zurück. Die Bar im Erdgeschoss ist bereits geflutet und die Wettervorhersage verspricht auch keine Besserung. Die meisten Geschäfte haben geschlossen und Banh Mis haben wir auch keine mehr. Wie sollen wir hier jemals wieder wegkommen und was sollen wir nur tagelang machen, jetzt wo wir das größte und möglicherweise auch einzige Vergnügen, das Hoi An in diesen Tagen zu bieten hat, schon hinter uns haben? Das Wasser im Hostel klettert bereits die Treppenstufen hoch und dann fällt auch noch der Strom aus. Das bedeutet nicht nur gemütliches Beisammensein bei Kerzenschein, sondern auch warmes Bier, kein W-LAN und keine Möglichkeit mehr, die Handys zu laden. In anderen Hostels ist das Wasser bereits im ersten Stock, erfahren wir von Bekannten. Sie spielen dort den Titanic-Soundtrack. 

Solange jedenfalls vor unserem Hostel das Wasser erst hüfthoch steht, haben wir noch eine reelle Chance zu flüchten und unsere Rucksäcke trocken zu halten. Wir stopfen also unsere nassen Sachen in die Rucksäcke, ziehen unsere Badehosen an, springen ins Wasser und retten uns zum höchsten Punkt der Stadt, wo wir ein Taxi nach Da Nang nehmen.

In Da Nang gibt es nichts zu sehen, außer vielleicht Donald Trump, der heute zum APEC-Gipfel anreist. Davon abgesehen regnet es immer noch ununterbrochen. Währenddessen wird weiter südlich die Altstadt von Hoi An bereits evakuiert. Ich muss einsehen, dass es dieses Mal nichts wird mit Zentralvietnam; nichts mit der Motorradtour nach Hue und nichts mit den Höhlen von Phong Nha. Sie sollen zu den größten und beeindruckendsten der Welt gehören, aber im Moment sind auch sie wegen Überflutung geschlossen. 

Ich kann keinen Regen mehr sehen und trockene Klamotten habe ich auch keine mehr – so buche einen Flug nach Hanoi für den nächsten Tag. Die Verabschiedung von meinen drei Mitreisenden ist ungewöhnlich herzlich, dafür dass wir uns bloß 80 Stunden gekannt haben.


Jetzt bin ich also in Hanoi, nach drei Tagen. Für die Strecke aus dem Delta hierher hatte ich mindestens drei Wochen eingeplant. 

Aber der Plan hat sich jetzt eben geändert und ich bin gespannt, was mich hier erwartet und wo ich wohl in drei Tagen sein werde.

Reisende – Folge 2: Die Junggesellin 

Die Junggesellin darf trotz begrifflicher Verwechselungsgefahr nicht mit der Bachelorette in einen Topf geworfen werden, denn es handelt sich hier um eine ganz eigene Gattung von Reisenden.

Die Jungesellin gibt es nur in der weiblichen Form. Sie ist in fast allen Fällen zwischen 29 und 33 Jahren alt und – wenig überraschend – allein unterwegs. Sie hat im Schnitt die letzten sechs Jahre in einer Beziehung verbracht und ist dabei ein wenig zu tief in Träumereien von Kindern, Haus, Hund und weißem Gartenzaun versunken. Vor lauter Träumerei hat sie dabei allerdings einige wichtige Dinge übersehen, zum Beispiel dass ihre Beziehung sich in eine ganz andere Richtung entwickelt hat, nämlich ins Nirwana. Na ja, manchmal ist man eben blind und taub für das was offensichtlich ist und sei es, weil das ticken der biologischen Uhr lauter ist, als die Stimme der Vernunft. 

Ist am Ende aber auch egal, denn jetzt ist sie ja hier, am Ende der Welt und macht sich ein feines Leben von dem Geld, das sie eigentlich fürs Stäbchenparkett zurückgelegt hat. 

Emotional ist sie „damaged but not broken“, was sie prinzipiell zu einer interessanten Gesprächspartnerin macht, weil sie eine Geschichte zu erzählen hat. Sie ist grds. selbstbewusst und verfügt über ausreichend Lebenserfahrung, um eine anregende Unterhaltung zu führen, die über das übliche Traveller-Smalltalk-BlaBla hinausgeht. Naturgemäß muss sie gerade viel über „das Leben“ nachdenken, weshalb man mit ihr regelmäßig wunderbar über selbiges philosophieren kann. Jetzt, wo die Junggesellin mit einem Drink am Strand liegt, tut es ihr auch gar nicht mehr so furchtbar leid, dass sie die Katze nicht mehr jeden Tag füttern muss, sondern endlich mal ihr eigenes Ding durchziehen kann. Die Junggesellin weiß also, was sie will im Leben und strahlt doch gleichzeitig die Gelassenheit aus, die nur Leute ausstrahlen, die sich gerade selbst neu erfinden. Davon lasse ich mich gerne anstecken. 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Junggesellin für jeden Scheiß zu haben ist, sei es fürs Feiern gehen, für Tagesausflüge, Museumsbesuche oder einfach nur zum quatschen beim Abendessen mit ein bis zwei Flaschen Wein. Sie ist also multifunktional einsetzbar, was sie zur idealen Kurzzeit-Reisebegleiterin macht.

Vor den Toren der Stadt

In den Straßen von Battambang liegt dichter Rauch. Heute scheint mal wieder Plastikverbrennungstag in Kambodscha zu sein. Nun könnte man dem Irrtum erliegen, dass das ein Zivilisationsmerkmal ist, denn schließlich wird ja auch in Deutschland das meiste Plastik verbrannt, das zuvor so fleißig in die gelben Säcke sortiert wurde; bei uns nennt man das bloß thermische Wiederverwertung. Aber hier liegen zusätzlich Berge von Müll auf der Straße und in den Feldern. Hühner picken Plastik und Rinder grasen im Müll. Eine Müllabfuhr gibt es nicht – jedenfalls nicht für alle Abfälle. Manche Dinge scheint man allerdings noch zu Geld machen zu können, so reißen einem die bettelnden Kinder die Coladosen aus der Hand. Anderes verrottet einfach in den Straßengräben.

Wir haben einiges gelernt über Kambodscha heute – nicht nur über Müll. Mit Savet, unserem Fahrer, sind wir den Tag über draußen auf den Dörfern unterwegs. Wir profitieren davon, dass Savet – trotz Uniabschluss – keinen besseren Job als eben TukTuk-Fahrer gefunden hat. Er spricht perfektes Englisch und weiß mehr über kambodschanische Geschichte als wir über die Deutsche. Wir plaudern  mit ihm über Korruption und die Verhaftung des Oppositionsführers, über die Khmer-Rouge-Vergangenheit des Präsidenten und überhaupt über die Vergangenheit, die hier am liebsten alle möglichst schnell vergessen würden. Diese Smalltalk-Themen stehen bei den Khmer sonst eher nicht so hoch im Kurs.

Wir kriegen nicht nur eine 1A Geschichtsstunde, sondern bekommen auch Einblicke in die traditionelle Herstellung von Reispapier, Reisschnaps, Bananenchips und dem traditionellen Bamboo-Klebreis. Wir probieren alles, obwohl die Produktionsbedingungen nicht ganz den europäischen Standards entsprechen – oder überhaupt irgendwelchen Standards.

Nach der Hälfte der Vorlesung gibt es Mittagessen bei Savet zu Hause. Seine Frau hat traditionelles Khmer-Essen gekocht – „Bio-Hühnchen“, versichert Savet. Er meint damit, dass das Hühnchen nicht aus einer Fabrik kommt. Ob es jedoch auch nur Bio-Plastik am Straßenrand gegessen hat, wage ich zu bezweifeln. Das wenige Fleisch von den Knochen zu lösen, hat man sich in Kambodscha gar nicht erst angewöhnt. Der Vogel wird einfach mit allen Knochen in mundgerechte Stücke gehackt und wir müssen uns konzentrieren, um uns nicht versehentlich mit einem spitzen Knochen ein Luftloch in die Backe zu stechen. Es schmeckt trotzdem ausgezeichnet. 

Savet erzählt von seiner Hochzeit vor ein paar Monaten. 600 Gäste hat er auf seinem winzigen Grundstück empfangen. Er lebt hier mit seinen Eltern und drei Brüdern, aber jetzt – nach der Hochzeit – hat er mit seiner Frau endlich ein eigenes Zimmer. Überraschenderweise ist sie auch gleich schwanger geworden. 

Der Preis für den Tag lag zwar deutlich über dem durchschnittlichen Niveau in Battambang, die Qualität der Tour aber auch. Für Savet hoffe ich trotzdem, dass er eines Tages nochmal einen cooleren Job finden wird. Wahrscheinlich ist es nicht. 

Vor seiner Karriere als Guide war er Lehrer, heute verdient er deutlich mehr.

Welcome to Israel

„Welcome to Israel“: Wer hätte gedacht, dass man diesen Satz auch dann noch häufig hört, wenn man schon gesagt hat, dass man Deutscher ist, nach allem was – na ja, sagen wir mal „vorgefallen“ ist, also historisch gesehen. Vergeben und vergessen? Ich weiß nicht, aber jedenfalls scheint man in Israel nach vorn zu schauen und nicht nachtragend zu sein.

Liegt vielleicht aber auch daran, dass die Bedrohung ja heute eher von anderer Seite zu kommen scheint. Immerhin kann man als israelischer Polizist nie ganz sicher sein, was man so erlebt und ob es nicht das letzte ist, was man erlebt. Es ist kaum zwei Wochen her, da ist eine israelische Polizistin nahe der Jerusalemer Altstadt bei einem Messerangriff tödlich verletzt worden und genau diese Nachrichten veranlassen manch einen Daheimgebliebenen anzunehmen, man verreise in ein Kriegsgebiet.

Mit einem Kriegsgebiet hat Israel allerdings wenig gemein. Natürlich fällt eine gewisse Militärpräsenz auf, was auch damit zu tun hat, dass sich gefühlt das halbe Land stets im Miltärdienst befindet. Dazu kommt noch, dass offenbar alle ihre Waffen mit nach Hause nehmen dürfen. Und man wundert sich, dass im Hostel beim Frühstück plötzlich ein halbwüchsiger in Shorts und Flipflops neben einem steht, dem eine TAR-21 über der Schulter baumelt. Was hat er damit vor? Im Hostel? Will er einen Kampf um die letzte Portion Shakshuka beginnen? Ich greife mal lieber zum Hummus, da ich heute gänzlich unbewaffnet am Buffet erschienen bin. Auf Nachfrage erklärte mir daraufhin ein Einheimischer, warum sie ihre Waffen nicht einfach in der Kaserne lassen: Na, ja, druckste er, die machen das vielleicht, um die Mädels zu beeindrucken. Kurz darauf sah ich ein 19-jähriges Mädel im Minirock mit einer M-16 umherlaufen. War ich beeindruckt? Nun ja, meine Aufmerksamkeit gehörte jedenfalls ganz ihr.

Ansonsten scheint mir Israel eher eines der sichersten – und nicht etwa der unsichersten – Länder zu sein. Obwohl in Tel Aviv (und Jerusalem) das Leben tobt, wie in New York oder Berlin, kann man zu jeder Tages- und Nachtzeit völlig sicher durch jede Ecke der Stadt gehen. Vielleicht liefern die westlichen Medien ja doch nicht immer ein ausgewogenes Bild?

Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie es wäre, wenn man sich von Berlin ein Bild allein anhand der Serie „4 Blocks“ und der Polizeimeldungen machen würde? Die Bars in Neukölln wären sicher nicht ganz so überfüllt.

Trotz oder gerade wegen der eher spärlich gesäten Lobeshymnen über Israel, sollte man sich aber auf jeden Fall selbst ein Bild von diesem interessanten, vielseitigen aber auch komplizierten Land machen.