Chiapassionate

Meine Reise führt mich zunächst durch den mexikanischen Bundesstaat Chiapas, wo ich als erstes in San Cristobal de las Casas Station mache. Ich verlasse das klapprige Flugzeug der mir völlig unbekannten mexikanischen Airline und steige in einem indischen Yoga-Hostel ab. In dessen pittoreskem Patio (dem typischen spanischen Innenhof) herrscht ein angenehmer alternativer Vibe und die Herberge ist ein guter Ausgangspunkt, um die alte Kolonialstadt zu erkunden.

Man spürt hier deutlich den Einfluss der im Umland lebenden indigenen Bevölkerung, sei es beim Essen oder auf den zahlreichen Märkten. Ansonsten lässt man sich auch hier am besten durch die Straßen treiben, isst und trinkt in den zahlreichen Restaurants und Cafés und beobachtet die Massen, wie sie sich nach Einbruch der Dunkelheit auf den Plätzen versammeln und dem jahrmarktähnlichen Treiben frönen. Die Mexikaner gehen gern raus auf die Straßen – niemand sitzt hier abends in seiner Wohnung.

Im Hostel treffe ich Nick, der Amerikaner ist Mitte Fünfzig und natürlich höchst spirituell unterwegs. Die meiste Zeit seines Lebens hat er nur in Los Angeles verbracht, wo er in einem früheren Leben mal IT-Spezialist war, bevor ihm das alles zu eng wurde, er alles hinter sich ließ und sich nun rund um die Welt meditiert. Im Gespräch erfahre ich, dass er sogar mal ein halbes Jahr in meiner Heimatstadt Paderborn gelebt hat, wo er Anfang der Neunziger im Rahmen eines Austauschprogramms bei Nixdorf gearbeitet hat. Ich erzähle ihm, dass sein damaliger Arbeitsplatz heute das größte Computermuseum der Welt beherbergt (jawohl, auch Paderborn kann mit einem Superlativ aufwarten) und dass das Label Nixdorf auch heute noch auf Geldautomaten überall auf der Erde steht, die in Paderborn das Licht der Welt erblickten. Tatsächlich gab es kein Land auf meiner Reise in dem ich nicht mindestens einmal an einem Wincor/Nixdorf Automaten Geld abgehoben hätte.

Egal, Paderborn, Deutschland, Berlin, Zuhause: All diese Gedanken versuche ich gerade noch aus meinem Kopf rauszuhalten, was mir jedoch zunehmend schlechter gelingt. Hier in San Cristobal bekomme ich sogar schonmal einen kleinen Vorgeschmack auf deutsche Temperaturen. Auf 2100 Meter über dem Meeresspiegel werden es nachts um die fünf Grad. Ich fühle mich nicht bereit für die Kälte und verlasse die Stadt Richtung Osten nach Palenque. Obwohl Palenque nur ca. 200 Kilometer entfernt ist, ist die Reise eine Odyssee.

Der Bus ist zehn Stunden unterwegs und durchfährt gefühlt halb Mexiko, um auf den „sicheren“ Straßen zu bleiben. Zwar gibt es auch eine direkte Straße nach Palenque aber nachdem 2016 dort ein Bus von einem wütenden Mob angegriffen und niedergebrannt wurde, fährt das hiesige Busunternehmen wohl lieber den Umweg. Nach kurzer Internetrecherche beschließe ich, auch die anderen Möglichkeiten links liegen zu lassen, denn aus den Foren wird ersichtlich, dass es dort draußen offenbar immer noch wild zugeht. Alle fünf Kilometer wird man von irgendeiner Polizei, dem Militär oder mal netten, mal wütenden Demonstranten gestoppt und muss irgendwelche ausgedachten Wegzölle bezahlen – Jeder hat hier irgendeinen Auftrag, nur welchen, erfährt man selten. Reichsparen kann man sich auf der Direktverbindung also schonmal nicht; und scheitert die Kommunikation mit den Hobby-Zöllnern, weil der Taxi- oder Collectivo-Fahrer kein Maya spricht, soll vereinzelt auch schonmal auf Autos geschossen worden sein. Das ist jedenfalls das, was „das Internet“ sagt und das ist gerade alles, was ich habe. Jetzt, wo ich es bis hierhin (halbwegs) unversehrt geschafft habe, will ich das Schicksal nicht herausfordern und entscheide mich für einen weiteren Tag im Bus. Der wird letztendlich zwar auch eine Stunde lang vom Militär aufgehalten, das – mit ebenfalls unklarem Auftrag – die Zeit bei unserem Gepäck verbringt, aber immerhin will niemand Geld haben.

In Palenque angekommen, hat sich das Wetter wieder auf tropische Hitze normalisiert. Die Stadt liegt tatsächlich mitten im Dschungel, was einigermaßan erwähnenswert ist, da Mexiko ansonsten eher wüstenmäßig beschaffen ist. Auch hier begebe ich mich natürlich wieder auf die Spuren der Maya, die hier mitten im Urwald die Reste einer Megametropole hinterlassen haben, bei deren Erkundung man sich fühlen kann wie Indiana Jones bei der Entdeckung des „Tempels des Todes“.

Auch wenn meine Begeisterung für die archäologischen Stätten in letzter Zeit ein wenig abgenommen hat, ist Palenque – nicht zuletzt wegen seiner Lage im Dschungel – doch nochmal eine besondere Kirsche auf der Maya-Torte.

Seifenblasen

Ich verabschiede mich von den Dorfbewohnern in Navotua und lasse mich vom Kapitän in seiner Nussschale ein paar Inseln weiter südlich fahren. Das Wetter hat sich nicht verbessert und das nur drei Meter lange Boot juckelt im Gewittersturm über drei Meter hohe Wellen. Aber solange noch alle lachen, besteht sicher kein Grund zur Sorge – hoffe ich jedenfalls. Als ich an Bord des Yasawa-Flyers gehe, bin ich nass bis auf die Knochen und durchgefroren; durchgefroren inmitten der Südsee! Mein nächster Stop liegt auf einer der größeren Inseln und ist diesmal ein Resort. Es ist Zeit für eine „richtige“ Dusche und ein kaltes Bier. Natürlich ist so ein Resort nicht mehr das „echte Fidschi“, sondern das, was man in den Reisekatalogen findet: Blitzsauber, geharkte Strände, W-LAN. Ich bleibe gleich mal 6 Nächte, denn ich habe keine Lust mehr, alle zwei Tage aus- und wieder einzupacken, mit einem kleinem Boot zu einem größeren Boot zu fahren, um dann wieder auf eine Insel zu kommen, die bestimmt ganz ähnlich ist. Also richte ich es mir gemütlich ein, in dieser aus dem Katalog entsprungen Seifenblase.

Viel zu tun gibt es hier natürlich auch nicht, schließlich handelt es sich immer noch um eine einsame Insel und hier gibt es noch nichtmal ein Dorf in der Nähe. Immerhin kann man kleinere Hikes unternehmen, tauchen und schnorcheln. Nur 30 Meter von der Tür meines Dorms entfernt liegt eines der beeindruckendsten Korallenriffe, die ich jemals gesehen habe. Stunden verbringe ich hier und niemals wird es langweilig.

Das Wetter hat sich zum Glück gebessert, so dass ich draußen in der Sonne brutzeln kann und die strahlenden Farben in meiner Seifenblase genießen kann. Abends quatsche ich mit den kommenden und gehenden Island-Hoppern und tagsüber mit den Angestellten, die schon längst meinen Namen kennen und mir auch mal einen Gin-Tonic oder eine frisch geöffnete Kokosnuss zum Strand bringen. Ja, hier braucht man sich wirklich um nichts zu sorgen, außer vielleicht darum, dass einem eine dieser Kokosnüsse auf den Kopf fällt. Sogar die Haie hier sind freundlich. Zwar leben hier eine Menge Bullenhaie, aber die Einheimischen beteuern stets, dass die höchstens spielen wollen. Und tatsächlich steht sogar in diversen Reiseführern, dass Fidschi der einzige Ort auf der Welt sei, wo man auch ohne Käfig mit den Tieren tauchen kann. Warum das so ist, wird irgendwie nicht ganz klar, ist aber vielleicht auch egal. Wahrscheinlich sind auch die Haie hier „on Fiji-Time“ und haben schlicht keine Lust, von den Touristen zu kosten.

Wie dem auch sei, ich genieße das süße Nichtstun, während die einzige Entscheidung, die ich hier treffen muss, die Auswahl des nächsten Essens ist. Ich überlege noch, ob ich in einen luxuriösen Einzelbungalow umziehe, um diese kleine Flucht noch ein bisschen surrealer zu machen, denn ich weiß, schon ganz bald muss ich wieder weiter.

Die Wandstärke einer Seifenblase beträgt übrigens nur 0,0008 Millimeter; und niemals lebt sie unendlich.

Navotua – Wie weit ist weit weg?

Klar, Neuseeland ist geografisch weit weg von Berlin. Sibirien ist zwar geografisch nicht ganz so weit weg wie Neuseeland, dafür aber mental um so weiter. Und Navotua? Navotua ist beides. Mitten in der Südsee bin ich so weit weg von Zuhause – ja, von Allem – wie noch nie in meinem Leben. Hier, weit im Norden der fidschianischen Yasawa-Inseln, wo kein Touristen-Boot mehr hinfährt, wohne ich in einem traditionellen fijianischen Dorf in einer traditionellen fijianischen Bure. 25 Buren, einen „Shop“, indem es nur Reis und Mehl gibt, zwei Schulen und eine Kirche. Ich wollte das Ende der Welt finden und jetzt bin ich mir sicher, dass ich es gefunden habe. All meine groben Reiseplanungen endeten hier, am Ende der Welt, und nun stehe ich am Meer und blicke auf das, was man in Deutschland gemeinhin unter dem Paradies versteht. Ich habe viele kleine und große Paradiese auf meiner Reise entdeckt; in diesem regnet es gerade.

Auch wenn ich wohl nicht weiter weg reisen kann, fühlt es sich trotzdem nicht so an, als sei ich irgendwo angekommen. Nein, der Weg bleibt auch hier am Ende der Welt das Ziel.

Nach meiner Ankunft überreiche ich erstmal die Kawa-Wurzel, die ich in der Hauptstadt auf dem Mainland gekauft habe, an den Chief des Dorfes, um meinen Respekt zu erweisen. Er murmelt unverständliche Verse über der Wurzel – eine Art Ritual – und dann bin ich in die Dorfgemeinschaft aufgenommen. „Mein Dorf ist dein Dorf.“ „Vinaka vakalevu“, bedanke ich mich. Viel zu tun gibt es hier nicht, in meinem neuen Dorf, das für eine Woche mein Zuhause sein wird. Die Menschen leben in ihren einfachen Hütten anscheinend so in den Tag hinein, und außer dem Lehrer, dem Boots-Kapitän und dem Pfarrer scheint hier niemand irgendeiner geregelten Tätigkeit nachzugehen. Strom gibt es ohnehin nur für eine Stunde am Tag, wenn der Generator angeschmissen wird; mein Handy kann ich immerhin an einem Solar-Panel laden, und wenn ich den nahegelegenen Hügel erklimme, habe ich sogar einen Strich Empfang.

Viermal am Tag gibt es Essen, und für jede Mahlzeit bin ich bei einer anderen Familie des Dorfes zu Gast. Auch wenn die traditionellen Hütten nach bitterer Armut aussehen, hungern muss hier niemand. Das Meer gibt genug Essen für alle und jede Familie baut reichlich Obst und Gemüse an. Fisch, Krabben, Auberginen, Breadfruit, Pancakes, Krapfen, Dampfnudeln – Ich habe noch nie auf meiner Reise so viel gegessen wie hier. Der Fisch wird direkt vor dem Essen gefangen, denn Kühlschränke gibt es natürlich nicht. Die Krabben machen es einem sogar noch einfacher: Jetzt in der Brutzeit laufen sie von ihren Erdlöchern zum Meer, um ihre Eier abzulegen; auf dem Rückweg laufen sie dann manchmal geradeaus durch die Küchenburen direkt in die Kochtöpfe. Vom Kochen verstehen sie hier was. Alles schmeckt köstlich, auch wenn die Zubereitung vielleicht nicht ganz nach deutschen Hygiene-Standards abläuft und man den zahlreichen Fliegen besser auch nicht allzuviel Aufmerksamkeit widmet; und feuern sie den Herd etwa mit Diesel an oder was riecht hier so? Zum Essen gibt es Regenwasser; abgefülltes Trinkwasser braucht hier niemand und deshalb gibt es auch keins. Die Portionen sind so riesig, dass ich befürchte, hier eine Woche lang gemästet zu werden, um am Ende selbst das köstlichste aller Essen zu werden. Schließlich hat der Kannibalismus auf Fidschi eine lange Tradition und Mancher munkelt gar, dass auch heute noch der ein oder andere Mensch auf dem Grill landet.

Sie sind jedenfalls gute Gastgeber, die Fidschianer. Sie laden mich zu ihrer allabendlichen Kawa-Zeremonie ein, wo sie die Kawa-Wurzeln zu einem eigenartigen berauschenden Gebräu verarbeiten und in heiterer Gesellschaft bis in die frühen Morgenstunden verkonsumieren. Alkohol ist in Navotua schlicht nicht vorhanden, aber nach 50 Tassen Kawa fühle ich mich halb bekifft und halb betrunken. Alle hier sprechen passables Englisch und sind interessierte Gesprächspartner. Wenn ich erzähle, dass ich mal Anwalt war und nun um die ganze Welt reise, schäme ich mich ein wenig für das privilegierte Leben, das ich führe und für das die allermeisten meiner Gastgeber niemals eine Chance hatten. Selbst wenn einige der Jugendlichen aus dem Dorf auf dem Mainland studieren und eines Tages ein gutes Auskommen haben sollten, werden sie Fidschi vermutlich nie verlassen. Niemals würden sie ein Visum für ein anderes Land bekommen, noch nichteinmal für die anderen Staaten des Commonwealth. Und ich? Ich habe den mächtigsten Reisepass der Welt in der Tasche und kann in jedes Land der Erde einfach reinlatschen, als wäre ich ein Staatsbürger und dabei habe ich nichts, aber auch rein gar nichts dafür getan. Was für eine Ungerechtigkeit!

Am nächsten Tag gehe ich in die Schule, wo der Lehrer drei Klassen gleichzeitig unterrichtet und ein heilloses aber heiteres Durcheinander herrscht. Alle haben gute Laune und weil auch die Kleinsten passables Englisch sprechen, scheinen sie durchaus auch was zu lernen hier. Ich sehe mir das Treiben interessiert an, verstehe natürlich kein Wort, aber für die Kinder ist meine Anwesenheit eine willkommene Ablenkung vom Schulalltag, obwohl sie – daran besteht kein Zweifel – sehr gerne hier in der Schule sind. Es gibt wirklich erstaunlich viele Kinder hier im Dorf und ich spende einen verhältnismäßig großen Betrag für die Schule, weil ich (ein bisschen naiv) hoffe, dass das dazu beiträgt, dass die Kinder vielleicht auch eines Tages ihren Träumen hinterherjagen können – so wie ich heute. Außerdem erleichtert es mein schlechtes Gewissen ob der Tatsache, dass es reiner Zufall ist, dass sie hier geboren wurden und ich in Deutschland. Um Missverständnissen vorzubeugen: Es ist nicht so, dass es irgendetwas gibt, worum man die Dorfbewohner oder die Schulkinder bedauern müsste, ganz im Gegenteil. Alle sind gut gelaunt – viel besser als in Berlin – lachen und erfreuen sich des Lebens. Es gibt genug gutes Essen für Alle und die Kinder haben so viel Platz zum Spielen, wie wohl sonst nirgends auf der Welt. Das Leben hier ist leicht und es gibt nicht den geringsten Grund, irgendjemandem zu wünschen, hier „rauszukommen“. Für manch einen Westler mag das Leben hier im Einklang mit der Natur gar das ultimative Utopia sein. Aber der feine Unterschied bleibt eben doch, dass ich die Wahl habe und sie nicht. Ich könnte hier herziehen – wenn ich denn wollte – und fortan als Fischer mit nur drei Stunden Arbeit am Tag ein entspanntes Leben führen. Aber diese Kinder könnten eben nicht – selbst wenn sie denn wollten – in New York Medizin studieren und dort als Arzt arbeiten. Und bloß der Zufall hat darüber entschieden, dass ich die Wahl habe. Jedenfalls in diesem Leben.

In Navotua sind allerdings auch meinen Wahlmöglichkeiten Grenzen gesetzt: Hier gibt es kein Entertainment-Programm, weshalb ich die Tage mit Lesen und Schlafen verbringe. Ich kann hier tagsüber stundenlang schlafen – was ich sonst nie kann – und ich frage mich, ob sich hier gerade die Erschöpfung von Monaten Bahn bricht. Das Wetter sorgt schließlich dafür, dass ich auch nicht auf die Idee komme, hier zu Wandern oder zu Schnorcheln. In der Südsee ist Hurricane-Saison und mehr als einmal fürchte ich, dass mein winziges Hüttchen einfach vom Sturm davongetragen wird. Es scheint, als wäre erst hier – wo ich größtenteils zum Nichtstun verdammt bin – auch mein Körper in der Lage, einen Gang runterzuschalten. Nur einmal unternehme ich einen Ausflug in die nahegelegene Sawa-i-Lau-See-Höhle, die aus mehreren riesigen Kammern besteht, die man nur erreichen kann, indem man meterweit durch geflutete Gänge tauchen muss. Ansonsten gehe ich in den Dorfgottesdienst, wo der Pastor bei seiner Predigt so ekstatisch schreit, dass ich nicht sicher bin, ob er noch aus der Bibel predigt oder gerade dazu aufruft, das Nachbardorf zu überfallen. Am nächsten Tag wird dann noch dem zweiten Heiligtum der Fijianer gehuldigt, der Rugby-Nationalmannschaft. Zum Spiel gegen die USA kommen Junge und alte in der Schule zusammen, wo das Spiel – so gut es eben geht – auf einen alten Laptop gestreamt wird. Das Dorfleben steht still und auch der Lehrer hat seine Klasse im Nebenraum allein gelassen, wo derweil muntere Anarchie ausbricht. Nur 14 Minuten dauert so ein Spiel und heute verliert Fiji. Beim Rugby hört sie dann auf, die immergute Laune der Dorfbewohner.

Ich gehe zurück in meine Bure, und frage mich, wie ich bei diesem Sturm jemals wieder wegkommen soll von dieser Insel. Bis zum nächsten Resort ist es eine Dreiviertelstunde in einem winzigen Boot, das mir nicht sonderlich sturmfest zu sein scheint. Aber das ist morgen und hier auf Fidschi kümmert man sich nicht um morgen. Man kümmert sich um das Jetzt – wenn überhaupt.

The Endless Summer

Es gibt nicht viele Orte auf der Weltkarte, die einen Mythos verkörpern. Goa in Indien ist vielleicht so ein Ort. Und Byron Bay ist so ein Ort. Byron, wie man hier sagt, ist der Prototyp des Surferpardieses schlechthin. Der Name ist untrennbar mit dem Bild des VW T1 – des originalen Bullis – mit dem Surfbrett auf dem Dach verbunden.

Surfen ist mehr als nur ein Sport, es ist eine Lebenseinstellung und diese Lebenseinstellung ist hier zu Hause, wo die Wellen am perfektesten sein sollen und sich über Jahrzehnte Hippies und Aussteiger angesiedelt haben.

Viel zu tun gibt es hier nicht, denn alles dreht sich ums Wellenreiten und so klemme auch ich mir wieder ein Brett unter den Arm und stürze mich in die Fluten, um auf diese Weise ein ganz kleines Bisschen vom Mythos in mich aufzusaugen.

Surfen zählt nicht zu den Dingen, die man auf Anhieb beherrscht, Surfen zu können muss man sich verdienen. Man braucht ein bisschen Talent und vor allem Frustrationstoleranz – und so übe ich jeden Tag, paddele raus bis die Arme nicht mehr können und verbringe kleine Unendlichkeiten damit, auf die perfekte Welle zu warten. Im Gegensatz zum wirklichen Leben gibt es ihn beim Surfen nämlich tatsächlich, den perfekten Moment, den richtigen Zeitpunkt. Man muss geduldig sein und gelassen all die Wellen passieren lassen, die nicht gut genug sind. Es ist ein ziemlich großer Aufwand, den man für die 30 Sekunden Wellenreiten betreibt und es ist sauanstrengend. Mehr als zwei Sessions von ca. eineinhalb Stunden sind am Tag – jedenfalls für mich – nicht zu schaffen. Dazwischen muss man sich erholen. Vermutlich ist das auch der Grund dafür, dass man Surfer entweder im Wasser oder beim Nichtstun sieht.

Ich bin sofort infiziert vom lässigen Lifestyle, aber auch vom Surfen selbst. Es ist anspruchsvoll und aufregend, es erfordert (Körper-)Beherrschung, Gelassenheit und Durchhaltevermögen. Es ist aktiver als Fallschirmspringen und bringt mehr Erfolgsgefühl als Tauchen. Wenn ich nicht im Wasser bin, will ich sofort wieder rein. Muskelkater und Schmerzen sind dann vergessen.

Ist das hier nur die Anfangsbegeisterung, die allen neuen Abenteuern innewohnt oder ist das vielleicht der Beginn von was Größerem? Leider habe ich nur fünf Tage Zeit in diesem Paradies und heute Nacht fahre ich bereits nach Sydney. Ich checke im Internet, wie die Surfmöglichkeiten in Neuseeland sind. Anscheinend gut, auch wenn es dort um einiges kälter ist. Längst fühle ich mich bereit, es ganz alleine zu versuchen und ehe ich mich versehe, stehe ich im Surfladen vor den Neoprenanzügen. Sowas brauche ich doch sowieso zum Tauchen oder nicht?

Dieser östlichste Zipfel Australiens war bis jetzt das Schönste, was ich von diesem Land gesehen habe und vielleicht hat sich der Stop auf diesem Kontinent schon allein hierfür gelohnt. Ich werde ein klein bisschen vom Surferlifestyle im Herzen mitnehmen und freue mich schon jetzt auf die Wellen in Neuseeland.

Fledermausland

Als ich in Cairns den Nachtmarkt verlasse und auf die Straße trete, komme ich mir einen Moment vor, wie Raoul Duke in der Wüste Nevadas. Ich sehe überall Fledermäuse und zwar nicht diese kleinen niedlichen, die ab und an von Höhlendecken hängen, sondern eher so das Modell „mutierter Riesenvampir“; jedenfalls nicht das, was man im Stadtzentrum erwartet. Mein Gesichtsausdruck dürfte daher auch in etwa genauso skeptisch, wie der von Duke gewesen sein, als ich inmitten der Abertausenden Tiere, die eine Flügelspannweite von bis zu 1,50 Meter besitzen, gen Himmel blicke. Im Gegensatz zu Duke bin ich jedoch nicht der Einzige, der die Flughunde – so die korrekte Bezeichnung – sehen kann. Zig Asiaten wussten natürlich schon vorher bestens über dieses täglich bei Dämmerung stattfindende Schauspiel Bescheid und versuchen schon fleißig, sich mit ihren Selfie-Sticks die Augen auszustechen. Auch ich mache ein paar Fotos mit meinem Handy, das aber (wie immer) nicht in der Lage ist, die ganze Dramatik des Augenblicks einzufangen.

Ich erfahre, dass die Tiere hier tagsüber in der Stadt in ihren „Wohnbäumen“ abhängen und dann bei Einbruch der Dämmerung zu ihren Fressplätzen aufbrechen. Das war mir bislang gar nicht aufgefallen, obwohl es hier angeblich mehr Flughunde als Vögel gibt.

Überhaupt ist die Natur in Australien eine Stufe verrückter, als überall sonst auf der Welt. Jedes Tier ist zwei Nummern größer und giftiger als auf dem Rest des Planeten. Von oben grüßen Kakadus und von unten metergroße Echsen. Wie in einem riesigen Zoo ohne Käfige.

Auch sonst mangelt es nicht an Superlativen, zum Beispiel dem Great Barrier Reef. Das Korallenriff ist die Größte von Lebewesen geschaffene Struktur auf der Erde und weil sie vielleicht bald auch die größte von Lebewesen wieder zerstörte Struktur auf der Erde sein wird, beeile ich mich, dort noch ein paar Tauchgänge zu unternehmen. Ich bin nicht als einziger auf die Idee gekommen. Ein Ausflug zum Riff ist eine Massenveranstaltung. Circa 80 Taucher und Schnorchler sind auf dem Boot. Einzelne Gruppen werden per Lautsprecherdurchsage aufgefordert ins Wasser zu springen und es bleibt kaum Zeit, die Ausrüstung in Ruhe zu überprüfen.

Dann öffnet sich der Blick auf das Riff. Es ist – natürlich – gewaltig. Korallen so weit das Auge reicht. Es gibt Schluchten und kleine Höhlen zu erkunden, Korallenberge zu bestaunen und Täler zu durchschweben. Auch wenn man kein Meeresbiologe ist, kann man allerdings deutlich sehen, dass das Riff leidet. Die globale Erwärmung lässt die Korallen ihre Farbe und gleichzeitig ihr Leben verlieren, der Kohleabbau führt zu Hafenerweiterungen und dem Ausbau von Schifffahrtswegen und dann sind da noch die zwei Millionen Touristen jährlich, die aufgrund mangelnden Respekts oder mangelnder Tauchkünste auch nicht gerade pfleglich mit dem Riff umgehen. Hin und wieder kommt auch mal ein (ausnahmsweise nicht menschengemachter) Dornenkronenseestern des Weges und frisst ein paar Hektar Korallen mit Haut und Haar einfach auf. So ist das eben, wenn man nicht ganz oben in der Nahrungskette steht.

Die Überlebensaussichten für dieses Naturwunder würde ich im Moment als eher mittelprächtig einschätzen. Auch die Riffbewohner sind zwar noch vorhanden, man muss jedoch schon etwas genauer hinschauen, bis man mal einer Meeresschildkröte beim gemütlichen Grasen zusehen kann oder sich beim Anblick der giftigen Skorpionfische gruseln kann.

Ich sauge also noch so viele Eindrücke wie eben möglich in dieser faszinierenden Unterwasserwelt auf, bevor auch dieses Riff in die Geschichte der von Menschenhand zerstörten Weltnaturwunder eingeht.

Balifornication

Mit dem Schnellboot geht es weiter westwärts nach Nusa Lembongan. Ich brauche eine Nacht in einem Privatbungalow, um mich von den Strapazen des Rinjani-Treks zu erholen, bevor ich mich Tags drauf wieder mit der K. treffe, die hier Tauchen lernen will. Lembongan ist als ausgezeichnetes Tauchrevier bekannt und auch ich tauche hier wieder ab und lasse mich zum „Advanced Adventurer Diver“ ausbilden, was immer das auch genau bedeuten mag.

Auf der Insel stelle ich fest, dass ich bislang wohl Glück hatte mit dem Wetter in Indonesien, denn eigentlich ist hier Regenzeit und das ist dem Wetter wohl auch gerade wieder eingefallen. Zum Glück ist das unter Wasser eher nebensächlich, aber wenn das Tauchboot zu den Dive-Sites rausfährt, muss man sich schon recht gut festhalten.

Nachdem wir alle Unterwassersehenswürdigkeiten abgeklappert haben, verbringen wir noch zwei Tage auf der Nachbarinsel Nusa Penida, die auch überirdisch einiges zu bieten hat. Was die Natur hergibt, besichtigen wir mit zwei Reiseabschnittsgenossinen allerdings gleich in Badeshorts bzw. Bikini; Nichts, gar Nichts würde hier auch nur eine Sekunde trocken bleiben. Der Tag halbnackt im 30 Grad warmen Dauersturzregen ist ein absurder Spaß – ja, man kann uns wirklich nicht vorwerfen, dass wir nicht das Beste aus der Situation machen. Die Sonne vermisse ich trotzdem langsam und dass die meisten meiner Klamotten mittlerweile nass sind und bei 120 Prozent Luftfeuchtigkeit auch niemals mehr trocknen werden (also sehr bald anfangen werden zu stinken), macht es auch nicht besser.

Um tags drauf mit dem Speedboat nach Bali zu kommen, müssen wir um halb sechs aufstehen, denn das ist offenbar die einzige Tageszeit, zu der das Meer die Überfahrt noch gestattet, bevor gegen Mittag Wind und Wellen die See wieder für sich allein beanspruchen.

Ich habe nur noch Zeit für eine Stadt auf Bali und so fällt die Wahl auf das Surfer-Paradies Canggu. Wir steigen im LayDay-Surfhostel ab, was für seine entspannte Atmosphäre und seine ab 9 Uhr morgens geöffnete Bar bekannt ist. Leider ist die Herberge ein bisschen weit ab vom Schuss, weshalb man jeden Weg mit dem Roller zurücklegen muss, was ziemlich ungünstig ist, wenn alle schon mittags anfangen zu saufen. Egal, wir können mit dem ersten Bier warten, bis alle Besorgungen in der Stadt erledigt sind. Nur abends wird die Lage zum Problem. Weil auch dieses Hostel Nachbarn hat, die gelegentlich mal schlafen müssen, geht um elf Uhr die Musik aus und alle fahren in die Stadt. Nun kann man in Canggu leider auch nicht einfach ein Uber oder ein Taxi bestellen, denn die lokale Mafia hat dafür gesorgt, das kein Taxifahrer, dem was an seiner Gesundheit oder seinem Gefährt liegt, hier noch irgendjemanden befördern würde. Gleichzeitig haben sie jedoch keine funktionierende Parallelinfrastruktur geschaffen. Canggus Straßen sind also jede Nacht vollgestopft mit Westerners, die in den abenteuerlichsten Zuständen in die Bars und Clubs fahren und gegen Morgen wieder zurück. Polizei gibt es hier nicht. Es ist natürlich unnötig zu erwähnen, dass die Leute sich hier in schöner Regelmäßigkeit umbringen, jedenfalls aber schwer verletzen. In Indonesien sterben schon mal 60 Rollerfahrer an einem einzigen Tag. Das scheint uns nicht übermäßig verlockend zu sein, was jedoch auf völliges Unverständnis stößt. Erzählt man, dass man betrunken lieber nicht fahren mag, reagieren die Leute, als würde man offenbaren, dass man aus Prinzip kein Smartphone benutze. Besoffen zu fahren ist hier so selbstverständlich wie eben besoffen zu sein. Wir finden trotzdem Wege, um von A nach B zu kommen, ohne selbst zu fahren. Nicht immer komfortabel, selten preisgünstig und oft unzuverlässig. Nachts warten die vierzehnjährigen Kids mit ihren Rollern vor den Bars und Clubs, um ihr Taschengeld aufzubessern. Es erscheint mir allemal sicherer, als bei meinen Hostelgenossen hinten aufzusteigen – sofern die überhaupt noch in der Lage sind, sich selbst auf den Roller zu schwingen. Nicht wenige fallen sofort mitsamt ihres Gefährts wieder um.

Natürlich lerne auch ich in Canggu Surfen. Wenn nicht hier, wo dann? In Australien will ich es schließlich schon können und hier sind Surfstunden noch bezahlbar. Es klappt überraschend gut. Zum Glück, denn ich habe nicht mehr ewig Zeit.

Seit ich in Indonesien bin, habe ich es immer bedauert, nicht mehr Zeit zu haben. Zwischenzeitlich habe ich sogar auf den (immer noch erwarteten) Ausbruch des Mount Agung gehofft. Ein gecancelter Flug ist hier ein gutes Argument für eine Visumsverlängerung.

Aber gerade jetzt, kurz vor meiner Abreise, fühlt es sich gar nicht mehr so verkehrt an, dass ich bald die Kurve kratze. Der Dauerregen schlägt auf die Stimmung und auch die K. und ich gehen uns jetzt manchmal auf die Nerven. Es ist eigentlich genau der richtige Zeitpunkt, um zu einem neuen sonnigen Kontinent, einer neuen Etappe aufzubrechen.

Den ersten Weihnachtstag verbringe ich noch im Hostel, wo Weihnachten im Grunde bedeutet, dass man einfach noch mehr trinkt als sonst. Mein Flug nach Melbourne geht um 23.00 Uhr und da ich später das Gate noch finden muss, kann ich leider nicht voll in die Feierlichkeiten miteinsteigen. Ein, zwei letzte Bintang-Biere, dann kommt mein Taxi. Der Fahrer überlässt mir die Musikauswahl und das Album „In Colour“ von Jamie xx wird der Soundtrack dieser letzten Autofahrt in Asien. Die Musik passt zu meiner Stimmung, die irgendwo zwischen melancholisch und freudiger Erwartung liegt. Draußen regnet es mal wieder und drinnen blase ich nachdenklich den Rauch der gefühlt hundertsten Zigarette an diesem Tag gegen die Windschutzscheibe. Die roten Rücklichter des chaotischen indonesischen Verkehrs spiegeln sich im Dunkeln auf der regennassen Fahrbahn und für die zehn Kilometer zum Flughafen brauchen wir über eine Stunde. Farewell Asia.

Die nagelneue Boing 787 riecht innen wie ein neues Auto und das Mädel am gegenüberliegenden Fenster schenkt mir ein Lächeln – einfach so. Ich schließe den Anschnallgurt. *klick*. Als das Flugzeug abhebt, läuft der tropische Regen in dicken Schlieren die großen Panoramafenster des Dreamliners entlang. Ich habe die Sitzreihe für mich allein, mache es mir gemütlich, und schlafe sofort ein.

True north

Nach einem weiteren Zwischenstopp in Hanoi brechen wir in den Norden auf, um zu Wandern und eine Motorradtour zu unternehmen. Der Norden gehört – glaubt man den Leuten – zu den „must sees“ in Vietnam. Aber was gehört hier eigentlich nicht dazu, in diesem vielseitigen Land? Traditionell ist Sapa im Norden der erste Anlaufpunkt, aber der Bus dorthin war im Hostel bereits ausgebucht. Am Busbahnhof finden wir einen Schlepper, der uns in unseriösester Weise zu einem anderen Busunternehmen überredet. Was solls? Sapa oder nicht Sapa ist hier die Frage.

Als wir in Sapa ankommen sehen wir: nichts. Die Stadt in den Bergen ist in dichten Nebel gehüllt und außerdem ist es bitterkalt. Überraschung: In Nord-Vietnam gibt es vier Jahreszeiten und gerade ist Winter. Hier hat man im November auch schon mal Schnee gesehen. Alles erinnert an einen Skiort in den Alpen: Bars mit Musik, Läden mit (allerdings gefälschten) North-Face-Klamotten und steile Bergstraßen. Für einen ganz kurzen Moment bekomme ich Lust, Ski zu fahren und vermisse den europäischen Winter. Der Moment ist allerdings wirklich sehr kurz und schnell wird uns klar, dass es keinen Grund für uns gibt, hier länger zu verweilen. Am nächsten Tag brechen wir also nach Ha Giang – ebenfalls im Norden – auf. Der Kleinbus ist dermaßen überfüllt und unbequem, dass die achtstündige Fahrt es mühelos in meine Top 5 der furchtbarsten Busfahrten auf dieser Reise schafft. Die mörderische Fahrweise des sogenannten Busfahrers wird auch nicht besser, als er seine Nerven in der Mittagspause mit einem großem Bier beruhigt; seine Lust auf asiatischen Trash-Techno in voller Lautstärke leider auch nicht.

In Ha Giang angekommen, ist das Wetter jedenfalls trocken und wir organisieren uns Motorräder. Eine Motorradtour gehört in Vietnam zum Pflichtprogramm und wer sich nicht gleich für 100 Dollar ein Motorrad kauft und damit quer durchs Land fährt, der mietet eben eins für ein paar Tage. Ursprünglich hatte ich das schon in Hoi An geplant, aber der Taifun Damrey hatte für den Landstrich zu der Zeit bekanntermaßen andere Pläne. Jetzt aber starten wir mit ca. 15 Leuten zum legendären „Northern Loop“. Unsere Karawane schlängelt sich die Serpentinen hoch und es ist ein großartiges Gefühl nach den ganzen Busfahrten endlich wieder selbst Gas zu geben. Die Straßen entsprechen ebensowenig europäischen Standards, wie die Verkehrssitten. Es geht durchaus abenteuerlich zu auf den engen Pässen. LKWs überholen einen bergab und wollen bergauf selbst überholt werden. Busse tauchen mit ungeheuerer Geschwindigkeit hinter den Felswänden auf und seine Begleiter muss man ebenfalls stets im Blick haben.

Da ich mit einigen Anderen eine zweistündige Hotpot-Mittagspause einlege, teilt sich die Gruppe am Nachmittag und weil mein Kumpel D. vietnamesisch spricht, pfeifen wir auf die Karte und auf Google Maps. Wir fragen die Einheimischen nach dem Weg. Ein Fehler, wie sich bald herausstellt, denn der uns gewiesene Weg ist zwar der kürzeste aber nicht der komfortabelste. Wir nehmen die Abkürzung und fahren direkt über den Berg. Die Straße, die auf keiner Karte verzeichnet ist, befindet sich in einem Zustand irgendwo zwischen zerstört und im Bau. Erdrutsche und Steinschläge bestimmen das Bild und unsere Motorräder ächzen unter der Last, als sie sich durch Schlamm und Geröll wühlen. Die Sichtweite beträgt zwischendurch weniger als zwei Meter und ich habe ein Skiunterhemd, drei T-Shirts, einen Hoodie, eine Softshelljacke und eine Regenjacke übereinander an. All das Zeug, das ich monatelang nutzlos mitgeschleppt habe, hat heute seine Daseinsberechtigung zurückerlangt. Wir fühlen uns wie richtige Abenteuerer, Pioniere im Nirgendwo. Dass es nicht ganz ungefährlich ist, macht das Gefühl nur intensiver. Das hier ist kein Sprung an einem TÜV-geprüften Bungee-Seil, das ist das wahre Leben und wir fühlen uns sehr lebendig in diesem Moment.

Als wir Abends im Homestay mit 20er-Schlafsaal die anderen wieder treffen und wir nach der ersten Etappe bei Bier und Musik zusammensitzen, erlebe ich einen dieser kostbaren Momente von Glückseligkeit. Einer der Momente, in denen man erkennt, dass es gut ist, wie es ist; in denen man weiß, warum man hier draußen ist und nicht im Neonlicht irgendeines Büros. Kein abgeschlossenes Projekt und kein gewonnenes Gerichtsverfahren vermögen diesen wahrhaftigen Rausch zu erzeugen. Es geht mir nicht allein so.

Die nächsten beiden Tage sind wettertechnisch eine Herausforderung. Nässe, Nebel und Kälte machen uns zu schaffen. Wir kämpfen mit den Unzulänglichkeiten unserer Maschinen: Die Herausforderung einen steilen Pass hinabzufahren wird ohne Bremsbelege nicht gerade kleiner. „Vietnam halt“, sagen wir uns und lachen. Was will man auch erwarten für fünf Dollar am Tag? Belohnt werden wir mit atemberaubenden Ausblicken und dem Gefühl unbegrenzter Freiheit. Am Ende bin ich froh, dass es noch geklappt hat mit mir, Vietnam und dem Motorrad. Von kleineren Stürzen mal abgesehen haben wir das Abenteuer alle heil überstanden. Vielleicht werde ich eines Tages zurückkommen und das Land komplett mit dem Motorrad bereisen.

Dann aber im Sommer.