Empire State of Mind

Im Greyhound-Bus nach Sydney versuche ich mehr oder weniger erfolgreich zu schlafen. Zwar spart man durch nächtliche Busfahrten eine Hostelübernachtung, dafür fühlt man sich am nächsten Tag jedoch, als hätte man zusammengefaltet in einer Umzugskiste genächtigt. Dummerweise habe ich kürzlich auch noch mein Nackenkissen verloren – Position 24 auf der Liste der verlorenen Dinge. Wer im Schnitt alle vier Tage alles ein- und auspackt, hinterlässt eine Spur verlorener Dinge. Das Nackenkissen vermisse ich allerdings schmerzlich, als ich alle erdenklichen Positionen durchprobiere, um wenigstens ein Stündchen Schlaf zu finden. Es ist zwei Uhr als die Müdigkeit mich endgültig übermannt.

Ich öffne die Augen erst wieder, als der Busfahrer irgendwas in seinem breiten australischen Dialekt ins Mikro faselt, von dem ich vielleicht 25 Prozent verstehe.

Moment, wie lange habe ich geschlafen? Durch meine halb geöffneten Augen sehe ich die Skyline von New York in der morgendlichen Sonne durch die Streben der Manhattan-Bridge funkeln. Kann das sein? Ist der Bus über den Pazifik gefahren? Als die Schlaftrunkenheit weicht, erkenne ich, dass es nicht New York ist, sondern Sydney – das Setting ist allerdings verdammt ähnlich: Brücke, Hafen, Skyline. Wer bei der Fahrt über die Harbour-Bridge nach links aus dem Fenster sieht, könnte auch annehmen er fährt gerade über den East River. Ich habe einen Flashback und erinnere mich daran, wie ich vor zehn Jahren das erste Mal über die Manhattan-Bridge nach New York reingefahren bin, in diese Stadt, die so lange ein zentraler Sehnsuchtsort in meinem Leben war – auch, weil sie so viele Orte dieser Welt in sich vereint.

Aber das hier ist ja, wie gesagt, nicht New York sondern Sydney. Trotzdem hat die Metropole Weltstadt-Flair. Sirenen heulen in den Straßenschluchten und startende und landende Flugzeuge reihen sich wie an einer Perlenkette im wolkenlosen Himmel auf. In dieser Art von Großstädten fühle ich mich zu Hause, und ich kann kein bisschen verstehen, warum die meisten Reisenden, die ich unterwegs getroffen habe, von Sydney überhaupt nicht angetan waren.

Ich wohne in einem zentral gelegenen Top-Hostel, dessen Dachterrasse einen hervorragenden Blick auf die Skyline freigibt. Es gibt hier nicht viele Must-See-Sehenswürdigkeiten, so dass ich einfach planlos auf Erkundungstour gehe, wann immer mir danach ist. Zu Fuß loszuziehen ist für mich der ultimative Weg eine Stadt zu erkunden und zu erobern. Dem Fußgänger entgeht nichts. Keine Seitengasse, kein Café, kein winziges Geschäft, kein vietnamesisches Streetfood und keine versteckte Streetart. Stundenlang laufe ich so durch die Stadt, mit Musik im Ohr und der Kakophonie der Großstadt als Hintergrundrauschen.

Sydney macht mir gute Laune, extrem gute Laune. Warum, kann ich gar nicht genau sagen; vielleicht ist es nur die Vorfreude auf Neuseeland. Öfters schon habe ich mich dabei ertappt, wie die Vorfreude auf das nächste Ziel beinahe die Freuden der Gegenwart überstrahlt. Vielleicht ist es aber auch nur die immer strahlende Sonne, oder die immerfreundlichen Australier, die einem zu jeder Gelegenheit ein „Cheers Mate!“ zurufen, wobei „Cheers“ das australische Universalwort für „Hallo, Tschüss, Bitte, Danke“ und noch so einiges mehr ist. Sie scheinen wirklich immer gut gelaunt zu sein, diese Aussies und vielleicht springt das ja gerade ein wenig auf mich über.

Ich habe mich auf die andere Seite des Hafens zurückgezogen, von wo aus ich – die Oper und die Brücke im Blick – der untergehenden Sonne zusehe. Ein Kreuzfahrtschiff größer als der Berliner Hauptbahnhof parkt gerade aus und verschwindet in den Weiten des Pazifik. Während die Bugwellen gegen das Ufer plätschern, fällt mir auf, dass ich schon ein halbes Jahr unterwegs bin. Fertig bin ich aber noch lange nicht, nein, ich bin immer noch hungrig.

In ein paar Tagen werde auch wieder in einem der Flugzeuge sitzen, die gerade über der Skyline im Nachthimmel zu immer kleineren Punkten werden, und noch immer fühlt es sich gut an, ein rastloser Nomade zu sein.

The Endless Summer

Es gibt nicht viele Orte auf der Weltkarte, die einen Mythos verkörpern. Goa in Indien ist vielleicht so ein Ort. Und Byron Bay ist so ein Ort. Byron, wie man hier sagt, ist der Prototyp des Surferpardieses schlechthin. Der Name ist untrennbar mit dem Bild des VW T1 – des originalen Bullis – mit dem Surfbrett auf dem Dach verbunden.

Surfen ist mehr als nur ein Sport, es ist eine Lebenseinstellung und diese Lebenseinstellung ist hier zu Hause, wo die Wellen am perfektesten sein sollen und sich über Jahrzehnte Hippies und Aussteiger angesiedelt haben.

Viel zu tun gibt es hier nicht, denn alles dreht sich ums Wellenreiten und so klemme auch ich mir wieder ein Brett unter den Arm und stürze mich in die Fluten, um auf diese Weise ein ganz kleines Bisschen vom Mythos in mich aufzusaugen.

Surfen zählt nicht zu den Dingen, die man auf Anhieb beherrscht, Surfen zu können muss man sich verdienen. Man braucht ein bisschen Talent und vor allem Frustrationstoleranz – und so übe ich jeden Tag, paddele raus bis die Arme nicht mehr können und verbringe kleine Unendlichkeiten damit, auf die perfekte Welle zu warten. Im Gegensatz zum wirklichen Leben gibt es ihn beim Surfen nämlich tatsächlich, den perfekten Moment, den richtigen Zeitpunkt. Man muss geduldig sein und gelassen all die Wellen passieren lassen, die nicht gut genug sind. Es ist ein ziemlich großer Aufwand, den man für die 30 Sekunden Wellenreiten betreibt und es ist sauanstrengend. Mehr als zwei Sessions von ca. eineinhalb Stunden sind am Tag – jedenfalls für mich – nicht zu schaffen. Dazwischen muss man sich erholen. Vermutlich ist das auch der Grund dafür, dass man Surfer entweder im Wasser oder beim Nichtstun sieht.

Ich bin sofort infiziert vom lässigen Lifestyle, aber auch vom Surfen selbst. Es ist anspruchsvoll und aufregend, es erfordert (Körper-)Beherrschung, Gelassenheit und Durchhaltevermögen. Es ist aktiver als Fallschirmspringen und bringt mehr Erfolgsgefühl als Tauchen. Wenn ich nicht im Wasser bin, will ich sofort wieder rein. Muskelkater und Schmerzen sind dann vergessen.

Ist das hier nur die Anfangsbegeisterung, die allen neuen Abenteuern innewohnt oder ist das vielleicht der Beginn von was Größerem? Leider habe ich nur fünf Tage Zeit in diesem Paradies und heute Nacht fahre ich bereits nach Sydney. Ich checke im Internet, wie die Surfmöglichkeiten in Neuseeland sind. Anscheinend gut, auch wenn es dort um einiges kälter ist. Längst fühle ich mich bereit, es ganz alleine zu versuchen und ehe ich mich versehe, stehe ich im Surfladen vor den Neoprenanzügen. Sowas brauche ich doch sowieso zum Tauchen oder nicht?

Dieser östlichste Zipfel Australiens war bis jetzt das Schönste, was ich von diesem Land gesehen habe und vielleicht hat sich der Stop auf diesem Kontinent schon allein hierfür gelohnt. Ich werde ein klein bisschen vom Surferlifestyle im Herzen mitnehmen und freue mich schon jetzt auf die Wellen in Neuseeland.

Champagne-Problems

Das Reisen in hat sich hier in Australien wieder etwas verkompliziert. Konnte man in Indonesien zumeist fünf Minuten vor Checkout entscheiden, ob man noch ein paar Tage am Ort bleibt oder schon nachmittags im Flugzeug sitzt, ist hier wieder Planung gefragt. Das ist zunächst nervig, weil völlige Planlosigkeit natürlich auch absolute Freiheit bedeutet.

Von Airlie Beach will ich Richtung Fraser Island, um dort eine Tour mit einem Geländewagen zu unternehmen und zwar so ungefähr am nächsten Tag. Alles was ich im Internet finde, ist allerdings ausgebucht. Ich recherchiere weiter im Netz und telefoniere mit diversen Reisebüros. Während ich telefonierend vor meinem iPad mit der Tatstatur sitze, witzelt einer meiner Buddys, ob ich mein Büro hier aufgeschlagen hätte. Dieser ganze Organisationskram dauert Stunden und kostet Nerven. All dies wird natürlich später von meiner Erinnerung geflissentlich gelöscht werden und auch im Blog sind diese „Arbeitsphasen“ zu Unterhaltungszwecken natürlich massiv unterrepräsentiert.

Die Wahrheit ist aber, Reisen ist kein Urlaub; über weite Strecken ist es bloß schnödes Projektmanagement. Recherchieren, Telefonieren, Planen, buchen, umbuchen. Hier in Australien ist der Kalender wieder so wichtig, wie im Büro. Richtig realisieren tue ich das allerdings erst, als mein Fraser-Island-Vorhaben endgültig scheitert. An eine Tour mit einem 4×4-Gefährt zum Selberfahren ist nicht mehr dranzukommen – und mit dem Offroader über die unendlichen Sandstrände zu brettern ist schließlich das Hauptvergnügen auf dem Dünen-Eiland. Der Travel-Agent versucht noch, mir eine Bus-Tour über die Insel anzudrehen, aber da fallen mir tausend bessere Möglichkeiten ein, 400 Dollar auszugeben.

Ich buche also den Bus direkt nach Brisbane und bezahle meine Kurzsichtigkeit mit einer zweiundzwanzigstündigen Busfahrt.

Mit dem Tauchausflug und dem Segeltörn hatte ich noch das Glück, die letzten freien Spots zu erwischen, aber jetzt ist klar, auf dieses Glück kann ich mich nicht verlassen. Wenigstens eine Woche im Voraus muss hier klar sein, was auf dem Programm steht. Das riecht nach Arbeit. Alles wird nun etwas chaotisch. Ich buche ein Hostel hier und eine Busfahrt dort, fahre mit dem Finger über die Karte der australischen Ostküste, versuche Entfernungen abzuschätzen und recherchiere Ausflugsmöglichkeiten. Als ich in Brisbane ankomme, bereue ich es sogleich, hier nur einen Tag eingeplant zu haben, denn offenbar kann man von hier auch ganz gute Touren ins Outback unternehmen. Dafür habe ich jetzt aber keine Zeit mehr, denn erst gestern habe ich für 50 Euro meinen Flug nach Neuseeland umgebucht, weil ich ja nun Fraser Island gespart habe.

Es dauert halt ein bisschen, wieder in den Planungsmodus umzuschalten. Ich gewöhne mich besser dran, denn in Neuseeland soll es nicht anders sein, wie ich von einer Freundin erfahre, die gerade dort ist.

Egal, es gibt Schlimmeres, als auf Dachterrasse des Hostels in Brisbane meine Weiterreise zu den nächsten Traumzielen zu planen.

Unter Segeln

Weit über 1000 Kilometer habe ich bis hierhin auf Booten zurückgelegt. Alles war dabei: Ruderboote, Schlauchboote, Holzboote, Fischerboote, Katamarane und ein Flusskreuzfahrtschiff. Slow-Boote und Speedboote, Massentransportmittel und Privatbeförderung. Mal hatte ich eine Einzelkabine, manchmal habe ich auf Deck geschlafen und wieder andere Male fühlte ich mich wie auf einem hoffnungslos überladenen Flüchtlingsboot. Einige Boote wurden mit dem klassischen asiatischen Longtail-Motor angetrieben und manche hatten sage und schreibe sechs 500 PS starke Außenbordmotoren.

Aber erst jetzt in Australien, bin ich das erste Mal wieder auf einem Segelboot. Die „Broomstick“ war in ihrem früheren Leben mal eine Regatta-Yacht. Das 23,2 Meter lange Extremsportgerät wurde in Südafrika gebaut und hat an den bedeutendsten Hochsee-Regatten der Welt teilgenommen, bis sie zur Touristenbespaßung ausgebaut wurde und jetzt 28 (!) Menschen beherbergen kann. Der Rennspirit ist trotzdem noch voll da. Auf dem Boot finden sich 15 Winschen, die größten von ihnen haben die Ausmaße von 50-Liter-Bierfässern und verfügen über Dreigang-Getriebe. Die sogenannten Coffee-Grinder werden von zwei Mannschaftsmitgliedern an einer in der Bootsmitte festmontierten Kurbelanlage bedient. Sowas kannte ich bislang nur aus dem Fernsehen.

Aber nicht nur die Yacht, auch die Whitsundays haben einiges zu bieten. Schon James Cook segelte 1770 durch die 74 Inseln und gab ihnen ihren heutigen Namen, „Pfingstsonntagsinseln“.

Es sieht aus wie in der Karibik, vielleicht ja sogar besser, warum sonst wurden hier Teile des aktuellen „Fluch der Karibik“-Films gedreht? Die unendlichen Strände, allen voran der legendäre Whitehaven-Beach gelten mit einem Quarzgehhalt von 99 Prozent als weißeste der Welt. Ins Wasser kann man trotzdem nur mit einem Stingersuit. Ohne den Burkini wäre es hier lebensgefährlich, denn natürlich sind in Australien auch die Quallen potentiell tödlich.

Die Whitsundays gelten nicht umsonst als eines der besten Segelreviere der Welt, denn das Great Barrier Reef dient als natürlicher Unterwasserwellenbrecher, während der Wind ungebrochen bleibt. Keine Wellen und 25 Knoten Wind sind so ziemlich das, was man als bestes Segelwetter bezeichnet. So erreichen wir trotz maximaler Menschenfracht eine angenehme Reisegeschwindigkeit von zwölf bis dreizehn Knoten. Erst, wenn das Wasser dank der Krängung leeseitig auf das Boot läuft, fängt es an, Spaß zu machen.

28 Leute auf einem 23-Meterboot sind jedoch schon recht nah an der Schmerzgrenze; für vier Tage jedoch gerade noch auszuhalten. Zum Glück sind keine Totalausfälle dabei, im Gegenteil, alle sind irgendwie cool drauf und überhaupt bildet sich auf so einem Segelboot immer schnell eine Art Mannschaftsgeist. Den Rest erledigen der reichlich vorhandene Alkohol und das traumhafte Wetter, das dazu einlädt, die Nächte an Deck zu verbringen.

All das erinnert mich daran, dass ich dringend öfter Segeln gehen muss und auf meiner Projektliste für den Sommer unterstreiche ich fett den Punkt „Sportküstenschifferschein“.

Ich ahne, dass ich besser ein paar Punkte für die Zeit nach meiner Wiederkehr auf dem Zettel habe, damit ich nicht plötzlich planlos und gelangweilt bin, wenn diese nicht enden wollende Kette von Abenteuern und Erlebnissen plötzlich abreißt.

Fledermausland

Als ich in Cairns den Nachtmarkt verlasse und auf die Straße trete, komme ich mir einen Moment vor, wie Raoul Duke in der Wüste Nevadas. Ich sehe überall Fledermäuse und zwar nicht diese kleinen niedlichen, die ab und an von Höhlendecken hängen, sondern eher so das Modell „mutierter Riesenvampir“; jedenfalls nicht das, was man im Stadtzentrum erwartet. Mein Gesichtsausdruck dürfte daher auch in etwa genauso skeptisch, wie der von Duke gewesen sein, als ich inmitten der Abertausenden Tiere, die eine Flügelspannweite von bis zu 1,50 Meter besitzen, gen Himmel blicke. Im Gegensatz zu Duke bin ich jedoch nicht der Einzige, der die Flughunde – so die korrekte Bezeichnung – sehen kann. Zig Asiaten wussten natürlich schon vorher bestens über dieses täglich bei Dämmerung stattfindende Schauspiel Bescheid und versuchen schon fleißig, sich mit ihren Selfie-Sticks die Augen auszustechen. Auch ich mache ein paar Fotos mit meinem Handy, das aber (wie immer) nicht in der Lage ist, die ganze Dramatik des Augenblicks einzufangen.

Ich erfahre, dass die Tiere hier tagsüber in der Stadt in ihren „Wohnbäumen“ abhängen und dann bei Einbruch der Dämmerung zu ihren Fressplätzen aufbrechen. Das war mir bislang gar nicht aufgefallen, obwohl es hier angeblich mehr Flughunde als Vögel gibt.

Überhaupt ist die Natur in Australien eine Stufe verrückter, als überall sonst auf der Welt. Jedes Tier ist zwei Nummern größer und giftiger als auf dem Rest des Planeten. Von oben grüßen Kakadus und von unten metergroße Echsen. Wie in einem riesigen Zoo ohne Käfige.

Auch sonst mangelt es nicht an Superlativen, zum Beispiel dem Great Barrier Reef. Das Korallenriff ist die Größte von Lebewesen geschaffene Struktur auf der Erde und weil sie vielleicht bald auch die größte von Lebewesen wieder zerstörte Struktur auf der Erde sein wird, beeile ich mich, dort noch ein paar Tauchgänge zu unternehmen. Ich bin nicht als einziger auf die Idee gekommen. Ein Ausflug zum Riff ist eine Massenveranstaltung. Circa 80 Taucher und Schnorchler sind auf dem Boot. Einzelne Gruppen werden per Lautsprecherdurchsage aufgefordert ins Wasser zu springen und es bleibt kaum Zeit, die Ausrüstung in Ruhe zu überprüfen.

Dann öffnet sich der Blick auf das Riff. Es ist – natürlich – gewaltig. Korallen so weit das Auge reicht. Es gibt Schluchten und kleine Höhlen zu erkunden, Korallenberge zu bestaunen und Täler zu durchschweben. Auch wenn man kein Meeresbiologe ist, kann man allerdings deutlich sehen, dass das Riff leidet. Die globale Erwärmung lässt die Korallen ihre Farbe und gleichzeitig ihr Leben verlieren, der Kohleabbau führt zu Hafenerweiterungen und dem Ausbau von Schifffahrtswegen und dann sind da noch die zwei Millionen Touristen jährlich, die aufgrund mangelnden Respekts oder mangelnder Tauchkünste auch nicht gerade pfleglich mit dem Riff umgehen. Hin und wieder kommt auch mal ein (ausnahmsweise nicht menschengemachter) Dornenkronenseestern des Weges und frisst ein paar Hektar Korallen mit Haut und Haar einfach auf. So ist das eben, wenn man nicht ganz oben in der Nahrungskette steht.

Die Überlebensaussichten für dieses Naturwunder würde ich im Moment als eher mittelprächtig einschätzen. Auch die Riffbewohner sind zwar noch vorhanden, man muss jedoch schon etwas genauer hinschauen, bis man mal einer Meeresschildkröte beim gemütlichen Grasen zusehen kann oder sich beim Anblick der giftigen Skorpionfische gruseln kann.

Ich sauge also noch so viele Eindrücke wie eben möglich in dieser faszinierenden Unterwasserwelt auf, bevor auch dieses Riff in die Geschichte der von Menschenhand zerstörten Weltnaturwunder eingeht.

Adrenalin

Natürlich habe ich keine guten Vorsätze für das neue Jahr, was mich jedoch nicht davon abhält, trotzdem mal wieder einen Blick auf meine Bucket-List zu werfen; freilich erst, nach dem ich einen Tag ausgekatert habe. Fallschirmspringen steht dort ganz oben und warum sollte man das nicht über dem Great Barrier Reef und dem Daintree Regenwald anstatt über einem deutschen Acker machen? Ich nehme also mal wieder ein Bündel australische Plastik-Dollarnoten in die Hand und werfe sie mit beiden Händen in den australischen Wirtschaftskreislauf. Langsam höre ich auf, über den Wert des Geldes nachzudenken. Geld ist nur buntes Papier und so lange es noch aus der Wand kommt, ist meines Erachtens alles in bester Ordnung. Das australische Geld ist wirklich schön und bunt, was hilft, es als eine Art Monopoly-Spielgeld zu betrachten. Wie in Südostasien: Ein paar Millionen hier, ein paar Millionen dort; wer weniger nachdenkt, hat auch weniger Sorgen. Außerdem war es ja mein erklärtes Ziel, meine Ersparnisse nicht für ein Auto oder die Anzahlung für eine Eigentumswohnung rauszuballern, sondern für was Nachhaltigeres, nämlich unvergessliche Erlebnisse.

Und jetzt, wo ich über das Rollfeld des Flughafens in Cairns gehe, ahne ich, dass dies bestimmt ein unvergessliches Erlebnis wird. Die Propellermaschine hebt zwischen den Quantas-Jets ab und ich sitze direkt an der „Tür“. Unten das Reef und der Regenwald während der Höhenmesser steigt, bis auf 15000 Fuß. Das ist immerhin knapp die Hälfte der Höhe, auf der Verkehrsflugzeuge fliegen – nur das ich mit diesem Flugzeug natürlich niemals irgendwo landen werde. Als die Tür aufgeht, sind wir über den Wolken. Angst habe ich nicht, aber der Moment, in dem einem klar wird, dass man sehr bald aus einem fliegenden Flugzeug springen wird, ist gefühlsmäßig mit nichts zu vergleichen, was ich jemals zu vor erlebt habe. Viel machen muss ich nicht, denn natürlich bin ich fest an Craig, meinen Instruktor, angeschnallt, denn irgendeiner muss ja schließlich wissen, was zu tun ist.

Wir sitzen schon an der Kante und warten, dass das Licht auf grün springt. Man ist in diesem Moment so voller Adrenalin, dass es im Nachhinein schwer zu sagen ist, woran man genau denkt. Ich nehme die besprochene Haltung ein und Craig stößt uns raus. Halbe Drehung, Blick nach oben, dort das Flugzeug, das mit offener Tür unbeeindruckt weiterfliegt, drüber nur die Sonne. Drehung in die Freefall-Position, die Arme ausgestreckt, unter den Wolken der Blick auf den Regenwald und das Meer. Man schwebt nicht, man rast mit 200 Km/h Richtung Erdoberfläche. Drehungen, Späße, Winken in die GoPro. 60 Sekunden dauert der Trip, bevor Craig den Schirm öffnet und ich wieder einen klaren Gedanken fassen kann. Ich darf den Schirm steuern, es ist verblüffend einfach. Ich frage Craig, wie viele Tandemsprünge ergemacht hat, bevor er sich das erste Mal allein aus einem Flugzeug gestürzt hat. „Einen, genau wie Du jetzt“, ist seine Antwort.

Aha, interessante Perspektive, denke ich und überlege sogleich, das Fallschirmspringen auf meine Liste neuer, sündhaft teurer Hobbies zu setzen. Jetzt gilt es aber erstmal sicher zu landen. Es gelingt und auch das scheint mir kein Hexenwerk zu sein. Als ich zum Bus gehe, ist der Adrenalin-Rausch längst noch nicht vorüber.Ich könnte sofort wieder ins Flugzeug steigen, genieße aber stattdessen lieber noch das Hochgefühl. Ich ahne jedoch, dass es nicht das letzte mal gewesen sein könnte.

Silvester

Am Silvesternachmittag sitze ich schon wieder im Flugzeug. Ich verlasse das wenig aufregende Melbourne und fliege in den Norden nach Queensland zum Great Barrier Reef. Warum genau meine Reiseroute jetzt irgendwie im Zickzackkurs verläuft, kann ich mir selbst nicht mehr so genau erklären. Irgendwie erschien es mir zwischendurch wohl klüger, auf dem Landweg von Cairns nach Sydney zu reisen, als von Melbourne nach Cairns. Immer noch eine absurd lange Route für ein paar Wochen, aber wohl irgendwie klimatisch vorteilhafter. Außerdem ließ sich so Silvester in Sydney vermeiden, was ein abartig teurer Spaß ist. Offenbar wollen so viele Leute einmal in ihrem Leben das Feuerwerk vor der Kulisse des Hafens und der weltbekannten Oper sehen, dass eine Nacht im mittelmäßigen Hostel gleich mal 80 Euro kostet. Ich lache mich kaputt, als ich bei Facebook die Massen sehe, wie sie sich schon mittags die besten Plätze im Regen sichern, kurz bevor ich einfach über sie hinweg fliege.

Silvester ist für mich sowieso die sinnloseste Veranstaltung aller Zeiten. Was interessiert es mich oder den Lauf der Welt, ob die Erde die Sonne ein weiteres Mal umkreist hat und vor allem, was habe ich dazu beigetragen, dass ich das feiern müsste? Und erst diese ganzen sinnlosen Vorsätze. Als ob schon jemals eine einzige wichtige Lebensentscheidung an Silvester getroffen wurde. Es ist doch immer das gleiche Trauerspiel, überzogene und sogleich enttäuschte Erwartungen an die Nacht der Nächte. Ich kann mich an keine legendäre, aus dem Ruder gelaufene Partynacht erinnern, die im Vorhinein akribisch geplant war. Silvester ist der Jahrestag der Spießer und Langweiler.

Das alles ändert jedoch leider gar nichts daran, dass ich auch schlecht alleine im Hostel sitzen kann, an diesem Abend. Als das Flugzeug in Cairns landet ist es schon 17.30 Uhr. Achso, es gab eine Zeitverschiebung? Wie immer bin ich grandios unvorbereitet und ahnungslos. Von der Ankunftszeit bin ich genauso überrascht, wie vom tropisch heißen Wetter und ich habe noch immer keine Ahnung, was man in Cairns an Silvester (oder überhaupt) so anstellen kann. Im Taxi zum Hostel checke ich Facebook, Internetforen und sogar Tinder ab – irgendwie ist das jetzt aber auch schon zu spät. Ich muss wohl schnell ein paar Freunde im Hostel finden, bevor dort alle ausgeflogen sind. „Schnell Freunde finden müssen“ gehört jetzt nicht unbedingt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen nach einem Reisetag. Ich werfe also meinen Rucksack in den Schlafsaal und gehe zum Pool. Zum Glück sind überhaupt Leute da. Hosteltypisch kommt man schnell ins Gespräch und ich checke einzelne Gruppen mit Leuten ab, die nett aussehen. „Where are you from?“ – Aha, Deutschland. Egal, die Zeit um wählerisch zu sein, ist längst vorbei. Die beiden Jungs sind nett, ihre beiden Freundinnen auch, außerdem noch recht hübsch. Die beiden Pärchen haben gerade Abi gemacht und befinden demzufolge auf dem „Work and Travel“-Planeten. Mit einem Uber fahre ich noch schnell zum letzten geöffneten Liquorstore der Stadt und kaufe Bier. Wir bestellen Pizza und quatschen. Die Vier über ihre Abiturnoten und die Arbeit auf Mangofarmen, ich über Surfen und Tauchen. Die gemeinsamen Gesprächsthemen halten sich zwar in Grenzen, interessant ist es trotzdem. Kraft meiner bloßen Lebenserfahrung genieße ich in der Gruppe den Status eines Altersweisen und es macht Spaß, den ein oder anderen altväterlichen Ratschlag fallen zu lassen.

Beim Feuerwerk am Strand, liegen wir uns in den Armen. Ich hasse Silvester immer noch, bin aber trotzdem froh, dass ich noch nette Gesellschaft gefunden habe. Nach dem Feuerwerk gehen wir in den angesagtesten Backpacker-Club der Stadt. Ich denke mir, jetzt ziehe ich es auch durch. Eine halbe Stunde anstehen, 35 Dollar an der Tür abgeben, um sich in einen völlig überfüllten Laden zu stopfen, der all meine Silvesterbefürchtungen bestätigt. Die Musik als unterirdisch zu bezeichnen, wäre noch arg beschönigt. Der Schweiß tropft von den Wänden, aber nicht in einer guten Art und Weise. Es ist wirklich grausam, genau genommen aber auch nicht viel grausamer als die meisten öffentlichen Silvesterpartys auf denen ich in Deutschland so war.

Wir tanzen, schwitzen und trinken also noch eine Weile, und als ich mich verabschiede, bin ich froh, diesen Jahreswechsel endlich hinter mich gebracht zu haben. Bei einem letzten Bier im Hostel lese ich noch die etlichen unpersönlichen „Guten Rutsch“-Wünsche und lösche all die dämlichen GIFs, während es in Deutschland erst sechs Uhr am Silvesterabend ist und sich noch alle für die „Party des Jahres“ vorbereiten. Wie gut, dass mich von der nächsten Silvesterfeier dank der Zeitverschiebung diesmal neun Stunden mehr trennen.