Am Ende des Mekong

Ungefähr 4500 Kilometer hat sich der Mekong bis zu seinem Mündungsdelta mäandert. Einer der größten Flüsse der Welt, Lebensader Südostasiens und mein ständiger Begleiter und Wegweiser in den letzten Wochen. Yunnan, Ban Houayxay, Pakbeng, Luang Prabang, die 4000 Inseln, Phnom Penh und jetzt schließlich das Delta in Südvietnam. Sehr bald wird der Fluss im Südchinesischen Meer verschwinden und ich von seiner Seite.

Can Tho ist zwar die Größte Stadt im Delta, aber hier ist nichts los. Das Leben spielt sich hier nicht in den Städten, sondern auf dem Wasser ab. Ich erkunde daher das Delta zusammen mit ein paar anderen Leuten aus dem Hostel per Boot. 

Die unendlichen Verzweigungen und Nebenflüsse durchziehen die Region wie das Arteriensystem den menschlichen Körper und sie sind für die Deltabewohner nicht minder wichtig. Ihre Hütten haben sie auf Stelzen bis in das Wasser gebaut und ihre Geschäfte machen sie auf den so genannten schwimmenden Märkten. 


Wege für Landfahrzeuge gibt es hier nicht. Die Straßen der hier Lebenden bestehen aus Wasser und die Geschäftigkeit, die man anderswo in den Gassen und auf den Plätzen beobachten kann, findet hier auf Booten statt. Auch die Vermüllung hört nicht auf, nur weil es keine befestigten Straßen gibt, auf die man den Müll werfen könnte. Zwei Mal müssen wir anhalten, um den Antriebspropeller von einer Plastiktüte zu befreien, die ihn blockiert. Mehrere Male sehe ich, wie aus den Fenstern der Hütten ganze Müllsäcke ins Wasser fliegen. 

Es ist unbegreiflich: die Leute waschen sich hier im Fluss und essen seine Fische. Man möchte sie am liebsten schütteln und sie Fragen, ob sie überhaupt noch was merken. Fairerweise muss ich jedoch zugeben, dass ich gerade auch keinen besseren Lösungsvorschlag für die Müllentsorgung parat habe. Wenn in Berlin plötzlich die Müllabfuhr nicht mehr kommen würde, müsste ich den Müll wohl ebenfalls auf die Straße werfen. Es bleibt uns also für den Moment nichts weiter übrig, als kopfschüttelnd zuzusehen. 


Am nächsten Morgen stehe ich ein letztes Mal am Ufer und frage mich, was aus dem mystischen Sehnsuchtsort meiner Fantasie geworden ist. Die Vorstellung wurde durch die echte Erfahrung abgelöst – Entmystifiziert und durch ein reales Bild ersetzt, wenn man so will.

Was passiert eigentlich mit unseren Träumen, wenn wir sie uns erfüllt haben? Verlieren wir sie? 

Die Reise des Mekong mag sich hier dem Ende zuneigen, meine Reise tut es noch lange nicht. Ich habe noch tausend Träume im Gepäck. Ich drehe mich um und winke ein Motorradtaxi zum Flughafen herbei.

„Alles ist im Fluss“, denke ich noch, als ich mich und meinen Rucksack hinten auf das Motorrad schwinge und den Mekong endgültig hinter mir lasse.

Die Stadt, die Lichter

Als ich in Saigon den rostigen Bus verlasse, funkelt die Stadt mich an. Hochhäuser, Musik, Gucci. Nur fünf oder sechs Stunden Busfahrt trennen mich von Phnom Penh und doch bin ich in einer anderen Welt. 

Kambodschas Wirtschaft mag boomen im Vergleich zu Vietnam, aber hier ist man in einer gewachsenen Megacity mit jahrhunderte alter Geschichte und Hauptstadt-Flair. Und Hauptstadt war Saigon ja auch mal, bevor man ihr 1975 den umständlichen Namen Ho-Chi-Minh-Stadt gegeben hat, weil die Geschichte so verlief, wie sie nun mal eben verlief – nämlich kompliziert. 

Es nervt mich ein bisschen, dass ich so wenig davon weiß, wie die Region zu dem geworden ist, was sie ist und so kaufe ich mir das Buch „Der Tod im Reisfeld“, gehe ins Kriegsmuseum und besichtige ein ehemaliges Schlachtfeld. Im Westen von Saigon hat der Vietcong ein Tunnelsystem über drei Ebenen mit einer Gesamtlänge von 200 Kilometern angelegt. Die Tunnel haben einen Durchmesser von maximal 50 Zentimetern und als ich probehalber 100 Meter im Tunnel mit meinem Rucksack zurücklege, bleibe ich nur deshalb nicht stecken, weil der Schweiß mir bei 40 Grad und 100% Luftfeuchtigkeit im Tunnel in Bächen vom Körper rinnt und als Schmiermittel fungiert. 


Ich stelle mir vor, wie es ist, aus diesen Maulwurfsgängen heraus eine Schlacht zu schlagen. Sie müssen schon verdammt harte Krieger gewesen sein, die Vietcong-Kämpfer. Überhaupt kann man sich hier ganz gut ein Bild davon machen, wie es wohl gewesen sein mag, damals. Die Szenerie ist von ohrenbetäubenden Maschinengewehr-Salven untermalt, denn hier dürfen sich die Touristen mit allem austoben, was in Deutschland so unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fällt. Es ist absurd, aber weniger absurd als in Kombodscha neben den „Killing Fields“, wo es ebenfalls „Feuer frei“ für die Touristen hieß. Auf diesem Schlachtfeld wurde immerhin ein richtiger Krieg geführt, mit Soldaten und so. 

Zurück in der Stadt konzentriere ich mich wieder auf die schönen Dinge des Lebens, Essen zum Beispiel. Kulinarisch wird es ab jetzt steil bergauf gehen. Vietnam ist ein Foodmekka, das Essen ist sogar noch ein bisschen geiler als in Thailand. Die vielen Garküchen in Saigon kommen mir seltsam vertraut vor, denn seit vielen Jahren sorgt der Si An-Clan in Berlin dafür, dass man auch bei uns exzellentes vietnamesisches Essen in diversen Restaurants mit authentischem Ambiente genießen kann. Und tatsächlich kann nicht jede Pho-Suppe in Saigon mit dem mithalten, was man in Berlin geboten kriegt. Dafür ist es allerdings lächerlich günstig und so bleibt noch genug Geld fürs Nachtleben übrig. 

Wenn es dunkel wird, erwachen die Bars und Clubs zum Leben. Die Vietnamesen wissen jedenfalls, wie man feiert. Die kleinen Bars in den Seitengassen haben ihre typischen winzigen Pastikhöckerchen auf den Gehsteig gestellt und die Musik aufgedreht. Die Gefahren des Nachtlebens gehen hier nicht von bewaffneten Bonzenkindern aus, sondern eher vom Straßenverkehr. In der Stadt der Roller gibt es keinen Stau wie in Bangkok, hier ist alles immer in Bewegung. 

Angeblich gibt es hier 5 Millionen Motobikes auf 7 Millionen Einwohner. Mit einem Roller kann man überall fahren: auf den Bürgersteigen und sogar auf der falschen Straßenseite. Niemand beachtet die Ampeln auch nur ansatzweise. Den deutschen Reflex, bei grün auf die Straße zu treten, kann man hier schnell mit dem Leben bezahlen – vor allem wenn man schon das ein oder andere Bier getrunken hat und die Wachsamkeit dem beschwingten Leichtsinn weicht. Der Verkehrsstrom reißt niemals ab. Wenn man nicht irgendwann einfach auf die Straße tritt und darauf vertraut, dass die Rollerfahrer schon ausweichen werden, wird man für immer auf einer Seite gefangen sein. 

Es ist ein ganz und gar faszinierendes Chaos hier, dessen Ausmaß sich erst bei Nacht von einer der zahllosen Rooftop-Bars in Gänze bestaunen lässt. In den Häuserschluchten reihen sich nicht ordentlich die Lichterpaare der Autos hintereinander, hier zwängen sich abertausende einzelner kleiner Glühwürmchen durch jedes Nadelöhr, das sich ihnen öffnet. Die Straßen sehen von oben aus, wie Flüsse voll von fluoreszierendem Plankton. Alles scheint jedoch trotzdem irgendeiner Ordnung zu folgen, so wie auch das Gewusel in einem Ameisenhaufen irgendeiner Ordnung folgt, die dem äußeren Betrachter nur verborgen bleibt.


Vom unaufhörlichen Menschenstrom lasse ich mich noch ein Stück in die Nacht treiben, bevor ich weiter Richtung Süden reise.

Reisende – Folge 2: Die Junggesellin 

Die Junggesellin darf trotz begrifflicher Verwechselungsgefahr nicht mit der Bachelorette in einen Topf geworfen werden, denn es handelt sich hier um eine ganz eigene Gattung von Reisenden.

Die Jungesellin gibt es nur in der weiblichen Form. Sie ist in fast allen Fällen zwischen 29 und 33 Jahren alt und – wenig überraschend – allein unterwegs. Sie hat im Schnitt die letzten sechs Jahre in einer Beziehung verbracht und ist dabei ein wenig zu tief in Träumereien von Kindern, Haus, Hund und weißem Gartenzaun versunken. Vor lauter Träumerei hat sie dabei allerdings einige wichtige Dinge übersehen, zum Beispiel dass ihre Beziehung sich in eine ganz andere Richtung entwickelt hat, nämlich ins Nirwana. Na ja, manchmal ist man eben blind und taub für das was offensichtlich ist und sei es, weil das ticken der biologischen Uhr lauter ist, als die Stimme der Vernunft. 

Ist am Ende aber auch egal, denn jetzt ist sie ja hier, am Ende der Welt und macht sich ein feines Leben von dem Geld, das sie eigentlich fürs Stäbchenparkett zurückgelegt hat. 

Emotional ist sie „damaged but not broken“, was sie prinzipiell zu einer interessanten Gesprächspartnerin macht, weil sie eine Geschichte zu erzählen hat. Sie ist grds. selbstbewusst und verfügt über ausreichend Lebenserfahrung, um eine anregende Unterhaltung zu führen, die über das übliche Traveller-Smalltalk-BlaBla hinausgeht. Naturgemäß muss sie gerade viel über „das Leben“ nachdenken, weshalb man mit ihr regelmäßig wunderbar über selbiges philosophieren kann. Jetzt, wo die Junggesellin mit einem Drink am Strand liegt, tut es ihr auch gar nicht mehr so furchtbar leid, dass sie die Katze nicht mehr jeden Tag füttern muss, sondern endlich mal ihr eigenes Ding durchziehen kann. Die Junggesellin weiß also, was sie will im Leben und strahlt doch gleichzeitig die Gelassenheit aus, die nur Leute ausstrahlen, die sich gerade selbst neu erfinden. Davon lasse ich mich gerne anstecken. 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Junggesellin für jeden Scheiß zu haben ist, sei es fürs Feiern gehen, für Tagesausflüge, Museumsbesuche oder einfach nur zum quatschen beim Abendessen mit ein bis zwei Flaschen Wein. Sie ist also multifunktional einsetzbar, was sie zur idealen Kurzzeit-Reisebegleiterin macht.

24.654 Kilometer bis zum Meer

24.654 Kilometer bin ich gereist und jetzt stehe ich am Meer. Natürlich hätte ich das Meer auch schon in St. Petersburg sehen können oder in Shanghai. Habe ich aber nicht. Erst jetzt stehe ich auf Koh Rong Barfuß im schneeweißen Sand und blicke auf das kristallklare Wasser, das zugleich tiefblau und smaragdgrün ist. 

Ich frage mich, ob es eine Kindheitsprägung ist, dass man am Meer immer gleich mit einem wohligen Urlaubsgefühl geflutet wird. Hier, wo wir uns am leeren Strand in die Liegestühle hauen und Mango-Passionfruit-Shakes trinken, habe ich zum ersten Mal auf der Reise das Gefühl, irgendwo angekommen zu sein. Das ist natürlich Quatsch, denn Ankommen tut man bei einer Weltreise bekanntlich nie. Aber das Gefühl ist trotzdem wohlig. Ein kleines verdammtes Paradies, weit weg von allem.

Pittoreske Fischerboote liegen vor dicht bewaldeten kleinen Eilanden und ich liege da, wo das Wasser seicht ist und vergesse für einen Moment Raum und Zeit und alles um mich herum.

Wo der Pfeffer wächst

Wir haben ihn gefunden, den Ort, an den schon so viele Menschen hinverflucht wurden: Der Ort, an dem der Pfeffer wächst. Er heißt Kampot und liegt ruhig und beschaulich im Süden Kambodschas. 

Offensichtlich sind die meisten der Verfluchten hier jedoch niemals angekommen, es geht hier nämlich recht ruhig zu. Kampot ist ein ausgelassener Aussteigerort voller hängengebliebener Alt-68er. Ich frage mich, ob all diese betagten Auswanderer oder Langzeitreisenden auch irgendwann mal von irgendjemandem dahin gewünscht wurden, wo der Pfeffer wächst und ob es ihnen heute leid tut. Ich werde es nie erfahren.

In Kampot kann man ganz ausgezeichnet dem Nichtstun frönen, denn es gibt Billiardtische, Minigolf und gutes Essen und zwar alles auf dem Gelände des Hostels, in dem wir mit vier anderen Leuten und etlichen Geckos den nach draußen offenen Penthouse-Dorm bewohnen. Auf der riesigen Dachterasse kann man lesen und rauchen, während die rote Sonne hinter der Stadt in den Reisfeldern versinkt. Das Meer ist schon in Riechweite. 

Bevor wir zum Meer fahren, müssen wir sie dann aber doch noch sehen, die legendären Pfefferplantagen. Hier wächst nämlich nicht irgendein Mainstream-Pfeffer. Hier wächst der beste Pfeffer der Welt. Es ist der Jamón Ibérico der Pfefferwelt – und auf der Plantage können wir ihn uns direkt vom Strauch in den Mund stecken. Und so probieren wir die scharfen Körner wie bei einer Weinprobe, bis uns die Tränen in die Augen steigen. Beilagen gibt es hier leider nicht und Tomatensaft und Vodka werden auch nicht gereicht – ich wette jedoch, in einer anständigen Bloody Mary könnte das Zeug sein Talent noch besser entfalten. 

Egal – auf meiner ersten Pfefferverkostung konzentriere ich mich auf das Wesentliche und Kampot-Pfeffer ist wesentlich, in den Sterneküchen der Welt. 


Und so wird es dann doch noch kulinarisch in Kambodscha. Wer hätte das Gedacht, wo ich doch bei fast jedem Khmer-Gericht behauptet habe, dass es schon seinen Grund hat, dass es in Berlin kein einziges kambodschanisches Restaurant gibt. 

Ein weiterer Irrtum übrigens, denn es gibt sogar zwei: in der Neuköllner Kanalstraße oder der Moabiter Paulstraße. Falls der ein oder andere sich also selbst ein Bild von der Khmer-Küche machen will, bin ich auf Erfahrungsberichte gespannt.

Krieg und Liebe

Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt, heißt es. Die beiden extremsten Zustände menschlichen Daseins scheinen über alle Regeln erhaben zu sein. Über nichts werden mehr Lieder gesungen, Bücher geschrieben und Filme gedreht. Es sind die bestimmenden Themen der Menschheit und hier in Phnom Penh, Kambodschas Hauptstadt, suchen sie mich beide heim. 

Ein Unterschied zwischen Krieg und Liebe liegt darin, dass das Ende des Ersteren ein Grund zur Freude ist, während mit dem Ende von Letzterem das Drama erst in Fahrt kommt. In beiden Fällen bleibt ein Scherbenhaufen zurück.

Phnom Penh kann man nur als hochgradig unseriös bezeichnen und nicht wenige Backpacker, die ich getroffen habe, haben die Stadt gar als „Shithole“ bezeichnet. 

Wer sich bislang nicht mit dem Khmer-Rouge-Regime befasst hat, muss dies spätestens in der Hauptstadt tun. Alle Sehenwürdigkeiten hier stehen in der „Liste der deprimierendsten Orte der Welt“ entweder direkt vor oder nach Ausschwitz. Kein Detail wird ausgespart. Es ist nur schwer zu ertragen. Man möchte das Wort „beispiellos“ verwenden, aber traurigerweise ist es das ja nicht. 

Die Auseinandersetzung mit der Verwüstung und dem Genozid durch die Khmer-Rouge ist wahrlich schon verstörend genug. Aber in diesen Tagen werde ich zusätzlich noch von einer persönlichen Krise verstört.

Meine Beziehung hat die Reise nicht überlebt. Für sowas gibt es immer Gründe, aber immer ist es ein Desaster. Dass man die Tränen nicht zu Hause in sein eigenes Kopfkissen weinen kann, macht es keinesfalls besser.

Ich kann nur von Glück reden, dass die K. bei mir ist. Gibt es eigentlich eine Mastercard-Werbung mit Trennungssituation?

  • Luxushotel in Phnom Pen: 32$
  • Doppelter Scotch: 2$
  • Pizzalieferservice ins Hotel: 25$
  • Zigaretten (Original, nicht gefälscht): 1,25$
  • Passion Fruit Mojoto: 3$
  • geschätzte Person zum Reden, wenn man am Arsch der Welt ist: unbezahlbar.

Jaja, es gibt Dinge die kann man nicht kaufen.

Die K. ist es letztlich auch, die mich überredet, die restlichen Top-Schauplätze der Grausamkeit im Schnelldurchlauf abzufrühstücken, um am selben Tag noch den Zug raus aus dieser gottverlassenen Agglomeration des Elends zu erwischen.

Wir fahren ans Meer.

Grüner wirds nicht 

Hier in der Mekong-Region kann man noch ursprüngliche Natur erleben. Regen- und Monsunwälder bedecken jedes Fitzelchen der Erde bis hoch zu den Bergwipfeln. Zwar hat man sich auch in Laos größte Mühe gegeben, mit der Natur möglichst mies umzugehen, dennoch kann ich mich nicht entsinnen, zuvor schonmal eine derartige Vegetation gesehen zu haben. Der Ausdruck „sattes Grün“ muss hier erfunden worden sein.

Ist es eine grüne Hölle oder ein grünes Paradies? Viel spricht für Letzteres. Palmen  bestimmen das Landschaftsbild und blaue Wasserfälle spenden ersehnte Abkühlung. Die Altstadt von Luang Prabang ist nicht ohne Grund UNESCO-Weltkulturerbe und für ein Entwicklungsland ist die Infrastruktur zum Backpacken mehr als ausreichend – jedenfalls solange man kein ernsthaftes medizinisches Problem hat. 

Ernsthafte medizinische Probleme hatten zu Beginn des Jahrtausends jedenfalls einige Backpacker in Vang Vieng, wo wir auf unserem Weg Richtung Süden einen mehrtägigen Stop einlegen. Noch vor einigen Jahren war Vang Vieng der feuchte Traum aller Rucksackreisenden mit Drogen- und Alkoholproblem. Der ganze Ort war darauf ausgerichtet, den maximalen Exzess zu zelebrieren. „Tubing“ auf dem Nam Song-Fluss, Wandern, Klettern und Klippenspringen sind jedoch nicht immer die schlaueste Idee, wenn man Alkohol und Drogen konsumiert hat. Und so haben es die überwiegend jugendlichen Backpacker mit der Zeit geschafft, sich auf verschiedenste Art und Weise im Rausch umzubringen. Das „Krankenhaus“ in Vang Vieng ist allerdings eher keine spezialisierte Unfallklinik und der lange Transport nach Bangkok war dann für so Manchen die letzte Reise seines Lebens. Als 2011 ganze 22 Urlauber den Heimweg aus dem 25.000-Seelen-Ort im Frachtraum eines Flugzeugs antreten mussten, kam der laotische Präsident vorbei, hat nahezu alle Bars dicht gemacht und so den Normalzustand wieder hergestellt.

Wir sind nicht traurig drum, denn für derartige Eskapaden sind wir ohnehin zu alt. So können wir Vang Vieng als Homebase nutzen, um die umliegende Landschaft mit dem Kajak zu erkunden. 

Das berüchtigte „Tubing“ gibt es immer noch. Man lässt sich in einem LKW-Reifen den Fluss hinuntertreiben und kann an zahlreichen Bars Tankstopps einlegen. Auch wir machen an einer der Tankstellen am Flussufer halt, um ein nachmittägliches Bier zu trinken und dem ausgelassenen ballermannesken Treiben zuzusehen. Ich weiß nicht, ist es lustig oder panne? Der Pegel des Flusses ist für die Regenzeit eher niedrig, der Pegel der Tuber dafür umso höher. Es liegt nicht außerhalb meiner Vorstellungskraft, dass hier schon die oder andere Schnapsleiche mit dem Kopf gegen einen der Felsen gespült wurde.

Auch ohne Tubing haben wir in Laos mit kleineren und größeren Gefahren zu kämpfen. In Luang Prabang bin ich vollgepackt in ein Loch gerutscht als unter mir ein maroder Gullideckel nachgegeben hat. Auf dem Weg nach Vang Vieng hat gleich die ganze Passstraße nachgegeben. 

Angesichts der Erdrutsche und der Felsbrocken, die mitten auf der Straße liegen, kommt man kaum noch dazu, sich über die Warnung des Auswärtigen Amtes zu sorgen, dass es hier in letzter Zeit vermehrt zu bewaffneten Raubüberfällen auf Busse gekommen ist. Weder das eine noch das andere können wir ändern und außerdem ist dies ohnehin die einzige Straße die in unseren Zielort führt. Wenigstens fährt der Fahrer ausnahmsweise nicht wie ein Irrer, denn die Fahrt im Minivan müssen wir je zur Hälfte unangeschnallt auf dem Notsitz zwischen Fahrer und Beifahrer verbringen.  

Andere Gefahren hängen unsichtbar wie Damoklesschwerter über uns. Malaria und Dengue-Fieber sind nur zwei der Unannehmlichkeiten, die hier gerade in der Regenzeit besonders häufig vorkommen und vor denen man nur sicher ist, wenn man keinen einzigen Mückenstich abkriegt. Ein Ding der Unmöglichkeit im Urwald. Wir versuchen uns durch den exzessiven Konsum hochprozentigen DEETs zu schützen; in der gnadenlosen tropischen Hitze fließt einem das teure Zeug jedoch mit den Schweißbächen erst in die Augen und dann in die Flipflops. Man kann nur jedes Mal hoffen, dass die Mücke, der man gerade eine Blutmahlzeit spendiert hat, sich nicht mit einer potentiell lebensgefährlichen Krankheit dafür bedankt.

Noch geht es uns allerdings bestens – sieht man mal von kleineren Schnitt- oder Schürfwunden ab. Den Umstand wollen wir heute mit einigen Drinks würdigen und wir machen uns auf ins Nachtleben, um uns unter die anderen Backpacker zu mischen.

2000 Light Years from Home?

In Chiang Mai treffe ich meine gute Freundin K. Sie ist gerade zwischen zwei Jobs und hat nun Zeit zum Reisen. Wie es der Zufall so will, sind wir in die gleiche Richtung unterwegs und können so einen Teil unseres Weges zusammen bestreiten. Es ist ein gutes Gefühl nach knapp zwei Monaten wieder jemand Vertrautes bei mir zu haben und wir trinken und quatschen bis in die Nacht und schmieden gemeinsam Reisepläne.

Die Begegnung lässt mich auch an Deutschland denken, an zu Hause. Sie erinnert mich daran, dass ich eines Tages wieder zurück sein werde in dem, was Reisende gemeinhin als das „echte Leben“ bezeichnen. Nebenbei bemerkt eine recht tollkühne Bezeichnung: Wer sagt denn, dass ich hier nicht gerade das richtige Leben lebe und alle anderen Zuhause ein Fake-Leben?

Aber was ist überhaupt zu Hause? Die Frage mag sich seltsam anhören, haben doch die meisten Menschen eine eindeutige Antwort darauf parat. Dass man die Frage trotzdem aufwerfen kann, kam mir erstmals in den Sinn, als ich Daniel Schreibers kluges Buch zur dieser „Suche unseres Lebens“ gelesen habe. Und wo, wenn nicht auf Reisen, ist diese Suche gegenwärtiger? 

Der Reisende ist nicht zu Hause, soviel steht fest; und zumeist gibt es einen Grund, warum er es nicht ist. Vielleicht weiß er nicht, wo sein Zuhause ist?

Es ist schon möglich, dass jeder Mensch ein Zuhause braucht. Treffe ich andere Reisende, die seit Jahren unterwegs sind, habe ich nicht selten den Eindruck, dass sie verloren sind, so ganz ohne festen Bezugspunkt im Leben. Gleichzeitig kann ich die Freuden der unbedingten Freiheit nur allzugut nachvollziehen. Ich lebe schließlich selbst gerade das freieste Leben, das ich mir ausmalen kann. Und dennoch weiß ich, dass es kein Konzept für die Ewigkeit ist. Der Wert der Grenzenlosigkeit wird sich gewiss mit der Zeit verbrauchen. Ohne Zuhause ist man nicht vollständig, gewissermaßen wurzellos. 

In St. Petersburg habe ich den V. getroffen. Der IT-Spezialist hat sein Zuhause früh aus den Augen verloren. Er ist in Indien aufgewachsen und als seine Eltern sich getrennt haben, hielt ihn nichts mehr in seiner Heimat. Er hat einige Jahre in Singapur und weitere Jahre im Silicon Valley gelebt. Heute, mit 26 Jahren, hat er ein Neues Zuhause für sich gefunden, in Hamburg. In fünf Jahren kann er Deutscher Staatsbürger werden und wenn man ihn sagen hört, dass er seinen indischen Pass am liebsten sofort in die Tonne kloppen würde, dann kauft man es ihm ab: Er ist zu Hause angekommen. 

Und wo ist mein Zuhause? In Europa? In Deutschland? In Berlin? In meiner Wohnung? Da wo meine Freunde und meine Liebsten sind? Da wo mein zukünftiger Job sein wird?

Im Moment ist mein Platz überall auf der Welt, aber eines Tages wird er wieder einen Namen tragen.