24.654 Kilometer bis zum Meer

24.654 Kilometer bin ich gereist und jetzt stehe ich am Meer. Natürlich hätte ich das Meer auch schon in St. Petersburg sehen können oder in Shanghai. Habe ich aber nicht. Erst jetzt stehe ich auf Koh Rong Barfuß im schneeweißen Sand und blicke auf das kristallklare Wasser, das zugleich tiefblau und smaragdgrün ist. 

Ich frage mich, ob es eine Kindheitsprägung ist, dass man am Meer immer gleich mit einem wohligen Urlaubsgefühl geflutet wird. Hier, wo wir uns am leeren Strand in die Liegestühle hauen und Mango-Passionfruit-Shakes trinken, habe ich zum ersten Mal auf der Reise das Gefühl, irgendwo angekommen zu sein. Das ist natürlich Quatsch, denn Ankommen tut man bei einer Weltreise bekanntlich nie. Aber das Gefühl ist trotzdem wohlig. Ein kleines verdammtes Paradies, weit weg von allem.

Pittoreske Fischerboote liegen vor dicht bewaldeten kleinen Eilanden und ich liege da, wo das Wasser seicht ist und vergesse für einen Moment Raum und Zeit und alles um mich herum.

Wo der Pfeffer wächst

Wir haben ihn gefunden, den Ort, an den schon so viele Menschen hinverflucht wurden: Der Ort, an dem der Pfeffer wächst. Er heißt Kampot und liegt ruhig und beschaulich im Süden Kambodschas. 

Offensichtlich sind die meisten der Verfluchten hier jedoch niemals angekommen, es geht hier nämlich recht ruhig zu. Kampot ist ein ausgelassener Aussteigerort voller hängengebliebener Alt-68er. Ich frage mich, ob all diese betagten Auswanderer oder Langzeitreisenden auch irgendwann mal von irgendjemandem dahin gewünscht wurden, wo der Pfeffer wächst und ob es ihnen heute leid tut. Ich werde es nie erfahren.

In Kampot kann man ganz ausgezeichnet dem Nichtstun frönen, denn es gibt Billiardtische, Minigolf und gutes Essen und zwar alles auf dem Gelände des Hostels, in dem wir mit vier anderen Leuten und etlichen Geckos den nach draußen offenen Penthouse-Dorm bewohnen. Auf der riesigen Dachterasse kann man lesen und rauchen, während die rote Sonne hinter der Stadt in den Reisfeldern versinkt. Das Meer ist schon in Riechweite. 

Bevor wir zum Meer fahren, müssen wir sie dann aber doch noch sehen, die legendären Pfefferplantagen. Hier wächst nämlich nicht irgendein Mainstream-Pfeffer. Hier wächst der beste Pfeffer der Welt. Es ist der Jamón Ibérico der Pfefferwelt – und auf der Plantage können wir ihn uns direkt vom Strauch in den Mund stecken. Und so probieren wir die scharfen Körner wie bei einer Weinprobe, bis uns die Tränen in die Augen steigen. Beilagen gibt es hier leider nicht und Tomatensaft und Vodka werden auch nicht gereicht – ich wette jedoch, in einer anständigen Bloody Mary könnte das Zeug sein Talent noch besser entfalten. 

Egal – auf meiner ersten Pfefferverkostung konzentriere ich mich auf das Wesentliche und Kampot-Pfeffer ist wesentlich, in den Sterneküchen der Welt. 


Und so wird es dann doch noch kulinarisch in Kambodscha. Wer hätte das Gedacht, wo ich doch bei fast jedem Khmer-Gericht behauptet habe, dass es schon seinen Grund hat, dass es in Berlin kein einziges kambodschanisches Restaurant gibt. 

Ein weiterer Irrtum übrigens, denn es gibt sogar zwei: in der Neuköllner Kanalstraße oder der Moabiter Paulstraße. Falls der ein oder andere sich also selbst ein Bild von der Khmer-Küche machen will, bin ich auf Erfahrungsberichte gespannt.

Krieg und Liebe

Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt, heißt es. Die beiden extremsten Zustände menschlichen Daseins scheinen über alle Regeln erhaben zu sein. Über nichts werden mehr Lieder gesungen, Bücher geschrieben und Filme gedreht. Es sind die bestimmenden Themen der Menschheit und hier in Phnom Penh, Kambodschas Hauptstadt, suchen sie mich beide heim. 

Ein Unterschied zwischen Krieg und Liebe liegt darin, dass das Ende des Ersteren ein Grund zur Freude ist, während mit dem Ende von Letzterem das Drama erst in Fahrt kommt. In beiden Fällen bleibt ein Scherbenhaufen zurück.

Phnom Penh kann man nur als hochgradig unseriös bezeichnen und nicht wenige Backpacker, die ich getroffen habe, haben die Stadt gar als „Shithole“ bezeichnet. 

Wer sich bislang nicht mit dem Khmer-Rouge-Regime befasst hat, muss dies spätestens in der Hauptstadt tun. Alle Sehenwürdigkeiten hier stehen in der „Liste der deprimierendsten Orte der Welt“ entweder direkt vor oder nach Ausschwitz. Kein Detail wird ausgespart. Es ist nur schwer zu ertragen. Man möchte das Wort „beispiellos“ verwenden, aber traurigerweise ist es das ja nicht. 

Die Auseinandersetzung mit der Verwüstung und dem Genozid durch die Khmer-Rouge ist wahrlich schon verstörend genug. Aber in diesen Tagen werde ich zusätzlich noch von einer persönlichen Krise verstört.

Meine Beziehung hat die Reise nicht überlebt. Für sowas gibt es immer Gründe, aber immer ist es ein Desaster. Dass man die Tränen nicht zu Hause in sein eigenes Kopfkissen weinen kann, macht es keinesfalls besser.

Ich kann nur von Glück reden, dass die K. bei mir ist. Gibt es eigentlich eine Mastercard-Werbung mit Trennungssituation?

  • Luxushotel in Phnom Pen: 32$
  • Doppelter Scotch: 2$
  • Pizzalieferservice ins Hotel: 25$
  • Zigaretten (Original, nicht gefälscht): 1,25$
  • Passion Fruit Mojoto: 3$
  • geschätzte Person zum Reden, wenn man am Arsch der Welt ist: unbezahlbar.

Jaja, es gibt Dinge die kann man nicht kaufen.

Die K. ist es letztlich auch, die mich überredet, die restlichen Top-Schauplätze der Grausamkeit im Schnelldurchlauf abzufrühstücken, um am selben Tag noch den Zug raus aus dieser gottverlassenen Agglomeration des Elends zu erwischen.

Wir fahren ans Meer.

Vor den Toren der Stadt

In den Straßen von Battambang liegt dichter Rauch. Heute scheint mal wieder Plastikverbrennungstag in Kambodscha zu sein. Nun könnte man dem Irrtum erliegen, dass das ein Zivilisationsmerkmal ist, denn schließlich wird ja auch in Deutschland das meiste Plastik verbrannt, das zuvor so fleißig in die gelben Säcke sortiert wurde; bei uns nennt man das bloß thermische Wiederverwertung. Aber hier liegen zusätzlich Berge von Müll auf der Straße und in den Feldern. Hühner picken Plastik und Rinder grasen im Müll. Eine Müllabfuhr gibt es nicht – jedenfalls nicht für alle Abfälle. Manche Dinge scheint man allerdings noch zu Geld machen zu können, so reißen einem die bettelnden Kinder die Coladosen aus der Hand. Anderes verrottet einfach in den Straßengräben.

Wir haben einiges gelernt über Kambodscha heute – nicht nur über Müll. Mit Savet, unserem Fahrer, sind wir den Tag über draußen auf den Dörfern unterwegs. Wir profitieren davon, dass Savet – trotz Uniabschluss – keinen besseren Job als eben TukTuk-Fahrer gefunden hat. Er spricht perfektes Englisch und weiß mehr über kambodschanische Geschichte als wir über die Deutsche. Wir plaudern  mit ihm über Korruption und die Verhaftung des Oppositionsführers, über die Khmer-Rouge-Vergangenheit des Präsidenten und überhaupt über die Vergangenheit, die hier am liebsten alle möglichst schnell vergessen würden. Diese Smalltalk-Themen stehen bei den Khmer sonst eher nicht so hoch im Kurs.

Wir kriegen nicht nur eine 1A Geschichtsstunde, sondern bekommen auch Einblicke in die traditionelle Herstellung von Reispapier, Reisschnaps, Bananenchips und dem traditionellen Bamboo-Klebreis. Wir probieren alles, obwohl die Produktionsbedingungen nicht ganz den europäischen Standards entsprechen – oder überhaupt irgendwelchen Standards.

Nach der Hälfte der Vorlesung gibt es Mittagessen bei Savet zu Hause. Seine Frau hat traditionelles Khmer-Essen gekocht – „Bio-Hühnchen“, versichert Savet. Er meint damit, dass das Hühnchen nicht aus einer Fabrik kommt. Ob es jedoch auch nur Bio-Plastik am Straßenrand gegessen hat, wage ich zu bezweifeln. Das wenige Fleisch von den Knochen zu lösen, hat man sich in Kambodscha gar nicht erst angewöhnt. Der Vogel wird einfach mit allen Knochen in mundgerechte Stücke gehackt und wir müssen uns konzentrieren, um uns nicht versehentlich mit einem spitzen Knochen ein Luftloch in die Backe zu stechen. Es schmeckt trotzdem ausgezeichnet. 

Savet erzählt von seiner Hochzeit vor ein paar Monaten. 600 Gäste hat er auf seinem winzigen Grundstück empfangen. Er lebt hier mit seinen Eltern und drei Brüdern, aber jetzt – nach der Hochzeit – hat er mit seiner Frau endlich ein eigenes Zimmer. Überraschenderweise ist sie auch gleich schwanger geworden. 

Der Preis für den Tag lag zwar deutlich über dem durchschnittlichen Niveau in Battambang, die Qualität der Tour aber auch. Für Savet hoffe ich trotzdem, dass er eines Tages nochmal einen cooleren Job finden wird. Wahrscheinlich ist es nicht. 

Vor seiner Karriere als Guide war er Lehrer, heute verdient er deutlich mehr.

Angkor, What!?

Über Kambodscha habe ich mir bislang nur einmal eine Vorstellung gemacht. Das war vor knapp vier Jahren, als ich mich um einen Platz für die Wahlstation im Referendariat beworben habe. Ich habe einen Ort möglichst weit weg und möglichst verschieden von Berlin gesucht. Das Auswärtige Amt hat dann entscheiden, dass ich nicht drei Monate in Pnom Penh, sondern in Budapest wohnen werde.

Jetzt bin ich in Kambodscha und kann mir ein Bild von dem machen, was ich verpasst habe. Ich komme mittelgut vorbereitet in Siem Reap an. Die erste Anlaufstation, wenn man aus Laos kommt, ist der Ausgangspunkt für Ausflüge nach Angkor. Im ehemaligen Zentrum des historischen Khmer-Reichs befinden sich die spektakulärsten Tempelanlagen Südostasiens; Angkor Wat ist gar die größte Tempelanlage der Welt. Das beste kommt diesmal nicht zum Schluss. 


Die zahlreichen Tempel sind durchaus beeindruckend und man kann sicher behaupten, wer sie nicht gesehen hat, war nicht in Kambodscha. Wir scheuen keine Mühen und das Wetter verlangt uns einiges ab. Ich stelle leichte Abnutzungserscheinungen bei meiner Begeisterungsfähigkeit fest. Angkor ist nicht das erste aus der Kategorie größte/beste/älteste der Welt, das ich auf meiner Reise zu Gesicht bekomme. Es ist Teil des Programms, aber ob es mich wirklich nachhaltig beeindrucken wird, kann ich im Moment noch nicht wirklich sagen. Auch Sightseeing kann einen inflationären Effekt entwickeln.


Aber in Kambodscha gibt es mehr als Tempel. Landminen zum Beispiel. Mein Reiseabschnittsgefährte aus China pflegte zu sagen: „Kambodscha ist ein Land voller Landminen und Arschlöcher.“ Aber stimmt das wirklich? Wir werden es rausfinden in den nächsten Wochen. Was ist das für ein Land in dem jeder, der älter als 40 Jahre ist, Überlebender eines Genozids ist? Klar ist, es ist ein verdammt armes Land in dem das durchschnittliche Jahreseinkommen in etwa dem Wert des Mobiltelefons entspricht, auf dem ich gerade diese Zeilen schreibe. Es ist daher kein Wunder, dass mir schon mehrere Leute erzählt haben, dass ihnen ihre iPhones von drive-by-Moped-Piraten aus den Händen gerissen wurden, während sie arglos und verpeilt Google-Maps nach dem Weg gefragt haben. „Thank you!“ sollen sie angeblich noch gerufen haben.

Oder liegt es daran, dass, nachdem die roten Khmer jeden umgebracht haben, dessen Intelligenzquotent über der Lufttemperatur lag, der Genpool einfach nicht mehr der beste ist? Mal sehen, was wir in Erfahrung bringen können über dieses Land, das sich die Meinungen vieler Reisenden so entzweit.

4000 Inseln

Hat sie jemals jemand gezählt, die Inseln hier, wo der Mekong mit circa 14 Kilometern am breitesten ist? Und wenn ja, sind es exakt 4000?

Wir sind auf einer der größeren Inseln hier, die gleichzeitig eine der Wenigen ist, die touristisch erschlossen ist. Das heißt, es gibt Unterkünfte und Bars. Von Straßen kann nicht die Rede sein und auch 24 Stunden Elektrizität am Tag gibt es erst seit kurzem. Also theoretisch, denn volle 24 Stunden kommt in Laos nur selten Strom aus der Steckdose. Die meisten Unterkünfte sind Hütten ohne Dusche und Klo, aber wir entscheiden uns zunächst für die Premium-Variante mit Glasfenstern und Klimaanlage. Die sieben Euro pro Nacht sind gut investiert. Ansonsten ist nicht viel los auf Don Det. Die zahlreichen Bars lassen erahnen, dass hier in der Hauptsaison der Bär steppt – aber es ist Regenzeit und die meisten Laoten schlafen bloß in ihren leeren Bars und Restaurants.

Wir erkunden die Inseln mit dem, was uns hier für einen Euro am Tag als Fahrrad vermietet wurde. Wir sind nicht schneller als zu Fuß, es ist wie Trekking mit einem Rollator. Den Drahtesel müssen wir durch knietiefe Schlammlöcher wuchten und wir hätten vielleicht besser für zwei Euro am Tag ein Moped oder lieber gleich einen richtigen Esel geliehen.

So kämpfen wir uns im Schneckentempo zu den Mekong-Fällen, immerhin die größte Wasserfall-Landschaft in Südostasien, und wir suchen die Eilande nach weiteren Unterkünften ab. Das Tipi-Dorf ohne W-LAN und mit Outdoordusche, das wir auserkoren hatten, ist leider verlassen; es hat nur in der Hauptsaison geöffnet, erzählt der Nachbar, nachdem er uns einen Magic-Mushroom-Shake angeboten hat. Am Ende wird es ein Bungalow mit zwei Hängematten auf der Terasse und Mekong-Blick. Eine Klimaanlage gibt es zwar nicht und eine Glasscheibe befindet sich auch nur in der Tür, aber das ist egal: Für fünf Euro die Nacht haben wir hier mit der zugehörigen Bar am Wasser den perfekten Hangout gefunden. Zum Schreiben und Lesen braucht man nicht viel. Gutes Essen, gelegentlich ein kühles Bier und chillige Musik sind genug, um seinen Gedanken nachzuhängen, während der Monsun auf das Wellblechdach prasselt.

Jetzt haben wir endlich Zeit, uns zu überlegen, ob wir noch einen Schlenker über Myanmar einlegen. Lohnen sich die Strapazen einer notwendigen Busfahrt nach Bangkok? Schon die Reise hierunter war nicht gerade erholsam. 22 Stunden im Wechsel zwischen überfüllten Minivans, TukTuks und dem Bettenbus hinterlassen Spuren auf der Wohlfühl-Kurve und schreien nicht nach sofortiger Wiederholung.

Überdies wollte ich es tunlichst vermeiden, einen Zickzackkurs einzuschlagen. Und dann wäre da noch dieser hässliche Genozid im ehemaligen Burma. Der lässt sich jedoch kaum als Argument gegen einen Besuch dort ins Feld führen. Fahren wir hin, unterstützen wir weder die Regierung noch sonst irgendwen; fahren wir nicht hin, hört die Massenvertreibung und das Morden auch nicht auf. Mitkriegen von der Katastrophe würden wir höchstwahrscheinlich nichts – anscheinend kriegt es ja nicht mal Aung San Suu Kyi selbst mit. 

Letztendlich liegt Kambodscha hier in Sichtweite und wenn ich nach Myanmar gewollt hätte, dann hätte ich mir das vielleicht in China überlegen sollen – und das habe ich eigentlich auch. Mit dem nagenden Gefühl der Unvollständigkeit muss ohnehin jeder Weltreisende zurechtkommen. Also fuck it. 

Die Seite im Pass wird einstweilen freibleiben für ein anderes schönes Land, an das ich heute vielleicht noch gar nicht denke.

Grüner wirds nicht 

Hier in der Mekong-Region kann man noch ursprüngliche Natur erleben. Regen- und Monsunwälder bedecken jedes Fitzelchen der Erde bis hoch zu den Bergwipfeln. Zwar hat man sich auch in Laos größte Mühe gegeben, mit der Natur möglichst mies umzugehen, dennoch kann ich mich nicht entsinnen, zuvor schonmal eine derartige Vegetation gesehen zu haben. Der Ausdruck „sattes Grün“ muss hier erfunden worden sein.

Ist es eine grüne Hölle oder ein grünes Paradies? Viel spricht für Letzteres. Palmen  bestimmen das Landschaftsbild und blaue Wasserfälle spenden ersehnte Abkühlung. Die Altstadt von Luang Prabang ist nicht ohne Grund UNESCO-Weltkulturerbe und für ein Entwicklungsland ist die Infrastruktur zum Backpacken mehr als ausreichend – jedenfalls solange man kein ernsthaftes medizinisches Problem hat. 

Ernsthafte medizinische Probleme hatten zu Beginn des Jahrtausends jedenfalls einige Backpacker in Vang Vieng, wo wir auf unserem Weg Richtung Süden einen mehrtägigen Stop einlegen. Noch vor einigen Jahren war Vang Vieng der feuchte Traum aller Rucksackreisenden mit Drogen- und Alkoholproblem. Der ganze Ort war darauf ausgerichtet, den maximalen Exzess zu zelebrieren. „Tubing“ auf dem Nam Song-Fluss, Wandern, Klettern und Klippenspringen sind jedoch nicht immer die schlaueste Idee, wenn man Alkohol und Drogen konsumiert hat. Und so haben es die überwiegend jugendlichen Backpacker mit der Zeit geschafft, sich auf verschiedenste Art und Weise im Rausch umzubringen. Das „Krankenhaus“ in Vang Vieng ist allerdings eher keine spezialisierte Unfallklinik und der lange Transport nach Bangkok war dann für so Manchen die letzte Reise seines Lebens. Als 2011 ganze 22 Urlauber den Heimweg aus dem 25.000-Seelen-Ort im Frachtraum eines Flugzeugs antreten mussten, kam der laotische Präsident vorbei, hat nahezu alle Bars dicht gemacht und so den Normalzustand wieder hergestellt.

Wir sind nicht traurig drum, denn für derartige Eskapaden sind wir ohnehin zu alt. So können wir Vang Vieng als Homebase nutzen, um die umliegende Landschaft mit dem Kajak zu erkunden. 

Das berüchtigte „Tubing“ gibt es immer noch. Man lässt sich in einem LKW-Reifen den Fluss hinuntertreiben und kann an zahlreichen Bars Tankstopps einlegen. Auch wir machen an einer der Tankstellen am Flussufer halt, um ein nachmittägliches Bier zu trinken und dem ausgelassenen ballermannesken Treiben zuzusehen. Ich weiß nicht, ist es lustig oder panne? Der Pegel des Flusses ist für die Regenzeit eher niedrig, der Pegel der Tuber dafür umso höher. Es liegt nicht außerhalb meiner Vorstellungskraft, dass hier schon die oder andere Schnapsleiche mit dem Kopf gegen einen der Felsen gespült wurde.

Auch ohne Tubing haben wir in Laos mit kleineren und größeren Gefahren zu kämpfen. In Luang Prabang bin ich vollgepackt in ein Loch gerutscht als unter mir ein maroder Gullideckel nachgegeben hat. Auf dem Weg nach Vang Vieng hat gleich die ganze Passstraße nachgegeben. 

Angesichts der Erdrutsche und der Felsbrocken, die mitten auf der Straße liegen, kommt man kaum noch dazu, sich über die Warnung des Auswärtigen Amtes zu sorgen, dass es hier in letzter Zeit vermehrt zu bewaffneten Raubüberfällen auf Busse gekommen ist. Weder das eine noch das andere können wir ändern und außerdem ist dies ohnehin die einzige Straße die in unseren Zielort führt. Wenigstens fährt der Fahrer ausnahmsweise nicht wie ein Irrer, denn die Fahrt im Minivan müssen wir je zur Hälfte unangeschnallt auf dem Notsitz zwischen Fahrer und Beifahrer verbringen.  

Andere Gefahren hängen unsichtbar wie Damoklesschwerter über uns. Malaria und Dengue-Fieber sind nur zwei der Unannehmlichkeiten, die hier gerade in der Regenzeit besonders häufig vorkommen und vor denen man nur sicher ist, wenn man keinen einzigen Mückenstich abkriegt. Ein Ding der Unmöglichkeit im Urwald. Wir versuchen uns durch den exzessiven Konsum hochprozentigen DEETs zu schützen; in der gnadenlosen tropischen Hitze fließt einem das teure Zeug jedoch mit den Schweißbächen erst in die Augen und dann in die Flipflops. Man kann nur jedes Mal hoffen, dass die Mücke, der man gerade eine Blutmahlzeit spendiert hat, sich nicht mit einer potentiell lebensgefährlichen Krankheit dafür bedankt.

Noch geht es uns allerdings bestens – sieht man mal von kleineren Schnitt- oder Schürfwunden ab. Den Umstand wollen wir heute mit einigen Drinks würdigen und wir machen uns auf ins Nachtleben, um uns unter die anderen Backpacker zu mischen.

Laos: Same Same?

In Laos ticken die Uhren anders – wenn sie denn überhaupt ticken. Viele Uhren stehen nämlich einfach oder sie laufen, zeigen aber eine falsche Zeit an. Man macht sich hier nicht viel aus Zeit; oder aus Geld. 

Laoten brauchen nur zwei Dinge: Ein Moped und ein Smart Phone. Solange sie Benzin für das eine und High-Speed-Internet für das andere bezahlen können, würde kein Laot auch nur ein Fitzelchen mehr arbeiten als nötig. Alle schlafen in ihren Geschäften, sofern sie denn überhaupt dort anzutreffen sind. Macht aber nichts, denn in allen Geschäften gibt es das Gleiche: Waren des täglichen Bedarfs. Pro Einwohner ein Geschäft. 

Ich ahne, woher der asiatische Sprichwort kommt: „In Kambodscha pflanzen sie den Reis, in Vietnam verkaufen sie ihn und in Laos hören sie ihm beim wachsen zu.“ Die Gelassenheit hier – man könnte es auch ein wenig böse ‚Faulheit‘ nennen – springt sofort auf einen über. Alles läuft in halber Geschwindigkeit ab und mit deutscher Pünktlichkeit erreicht man hier rein gar nichts. Also wird man selbst ein wenig träge.

Weitere Unterschiede zu Deutschland werden beim Abendessen sichtbar. Wir wollen authentisches laotisches Essen, weshalb wir in ein Restaurant gehen, in dem weit und breit kein Tourist zu sehen ist. Das Restaurant stellt seine Authentizität auch gleich unter Beweis, als die Bedienung die Bestellung von zwei Bier nicht versteht, obwohl die einzige Marke hier „Beerlao“ heißt. 

Authentizität ist aber im Grunde auch egal, denn was laotische Küche sein soll, wissen die Laoten anscheinend selbst nicht so genau. Sie schaffen es, etwas zuzubereiten, das entfernt an eine vietnamesische Pho-Suppe erinnert. An die hygienischen Standards sollte man hier besser ebenfalls nicht allzu große Anforderungen stellen und so kippen wir unter Missachtung sämtlicher Empfehlungen weitere Eiswürfel aus dem Kübel auf unseren Tisch in unser Getränk. Nur Gott weiß, wo sie die hergeholt haben, aber warmes Bier ist leider gar nicht geil.

Schlussendlich werden wir noch Zeuge eines Wunders: Des Wunders der Geburt. Das vermutlich gar nicht so seltene Naturschauspiel ereignet sich keine 50 Zentimeter von meiner Suppenschüssel entfernt. Als die handtellergroße Spinne ihr zweieurostückgroßes Ei abwirft springt die K. längst von Stuhl zu Stuhl. Dass an der Decke über uns noch hunderte weitere Spinnen ihrem Tagesgeschäft nachgehen, behalte ich lieber für mich, solange sie sich nicht in unser Essen fallen lassen. Ich bleibe äußerlich cool, lasse aber weder die Spinne noch das Ei aus den Augen. 

Auch die Echse, die sich mittlerweile zu uns gesellt hat schaut interessiert zu. Obwohl das Reptil viermal so groß ist, wie ein gewöhnlicher Gecko mit dem man in Südostasien jeden Hostel-Dorm teilen muss, hat sie mich nur im ersten Moment irritiert, als ich sie noch für eine Schlange hielt. Es wird zunehmend schwerer, sich bei der ganzen wunderbaren Fauna noch auf das Essen zu konzentrieren. Nur zu gut, dass ich nicht weiß, welcher Teil der Fauna für meine Suppe ausgekocht wurde. Wo ist eigentlich die Echse?

Als dann tausende kleine Spinnenbabys das Licht der Welt erblicken, ordern wir die Rechnung. Für heute haben wir die Natur genug gewertschätzt.