Vor den Toren der Stadt

In den Straßen von Battambang liegt dichter Rauch. Heute scheint mal wieder Plastikverbrennungstag in Kambodscha zu sein. Nun könnte man dem Irrtum erliegen, dass das ein Zivilisationsmerkmal ist, denn schließlich wird ja auch in Deutschland das meiste Plastik verbrannt, das zuvor so fleißig in die gelben Säcke sortiert wurde; bei uns nennt man das bloß thermische Wiederverwertung. Aber hier liegen zusätzlich Berge von Müll auf der Straße und in den Feldern. Hühner picken Plastik und Rinder grasen im Müll. Eine Müllabfuhr gibt es nicht – jedenfalls nicht für alle Abfälle. Manche Dinge scheint man allerdings noch zu Geld machen zu können, so reißen einem die bettelnden Kinder die Coladosen aus der Hand. Anderes verrottet einfach in den Straßengräben.

Wir haben einiges gelernt über Kambodscha heute – nicht nur über Müll. Mit Savet, unserem Fahrer, sind wir den Tag über draußen auf den Dörfern unterwegs. Wir profitieren davon, dass Savet – trotz Uniabschluss – keinen besseren Job als eben TukTuk-Fahrer gefunden hat. Er spricht perfektes Englisch und weiß mehr über kambodschanische Geschichte als wir über die Deutsche. Wir plaudern  mit ihm über Korruption und die Verhaftung des Oppositionsführers, über die Khmer-Rouge-Vergangenheit des Präsidenten und überhaupt über die Vergangenheit, die hier am liebsten alle möglichst schnell vergessen würden. Diese Smalltalk-Themen stehen bei den Khmer sonst eher nicht so hoch im Kurs.

Wir kriegen nicht nur eine 1A Geschichtsstunde, sondern bekommen auch Einblicke in die traditionelle Herstellung von Reispapier, Reisschnaps, Bananenchips und dem traditionellen Bamboo-Klebreis. Wir probieren alles, obwohl die Produktionsbedingungen nicht ganz den europäischen Standards entsprechen – oder überhaupt irgendwelchen Standards.

Nach der Hälfte der Vorlesung gibt es Mittagessen bei Savet zu Hause. Seine Frau hat traditionelles Khmer-Essen gekocht – „Bio-Hühnchen“, versichert Savet. Er meint damit, dass das Hühnchen nicht aus einer Fabrik kommt. Ob es jedoch auch nur Bio-Plastik am Straßenrand gegessen hat, wage ich zu bezweifeln. Das wenige Fleisch von den Knochen zu lösen, hat man sich in Kambodscha gar nicht erst angewöhnt. Der Vogel wird einfach mit allen Knochen in mundgerechte Stücke gehackt und wir müssen uns konzentrieren, um uns nicht versehentlich mit einem spitzen Knochen ein Luftloch in die Backe zu stechen. Es schmeckt trotzdem ausgezeichnet. 

Savet erzählt von seiner Hochzeit vor ein paar Monaten. 600 Gäste hat er auf seinem winzigen Grundstück empfangen. Er lebt hier mit seinen Eltern und drei Brüdern, aber jetzt – nach der Hochzeit – hat er mit seiner Frau endlich ein eigenes Zimmer. Überraschenderweise ist sie auch gleich schwanger geworden. 

Der Preis für den Tag lag zwar deutlich über dem durchschnittlichen Niveau in Battambang, die Qualität der Tour aber auch. Für Savet hoffe ich trotzdem, dass er eines Tages nochmal einen cooleren Job finden wird. Wahrscheinlich ist es nicht. 

Vor seiner Karriere als Guide war er Lehrer, heute verdient er deutlich mehr.

Angkor, What!?

Über Kambodscha habe ich mir bislang nur einmal eine Vorstellung gemacht. Das war vor knapp vier Jahren, als ich mich um einen Platz für die Wahlstation im Referendariat beworben habe. Ich habe einen Ort möglichst weit weg und möglichst verschieden von Berlin gesucht. Das Auswärtige Amt hat dann entscheiden, dass ich nicht drei Monate in Pnom Penh, sondern in Budapest wohnen werde.

Jetzt bin ich in Kambodscha und kann mir ein Bild von dem machen, was ich verpasst habe. Ich komme mittelgut vorbereitet in Siem Reap an. Die erste Anlaufstation, wenn man aus Laos kommt, ist der Ausgangspunkt für Ausflüge nach Angkor. Im ehemaligen Zentrum des historischen Khmer-Reichs befinden sich die spektakulärsten Tempelanlagen Südostasiens; Angkor Wat ist gar die größte Tempelanlage der Welt. Das beste kommt diesmal nicht zum Schluss. 


Die zahlreichen Tempel sind durchaus beeindruckend und man kann sicher behaupten, wer sie nicht gesehen hat, war nicht in Kambodscha. Wir scheuen keine Mühen und das Wetter verlangt uns einiges ab. Ich stelle leichte Abnutzungserscheinungen bei meiner Begeisterungsfähigkeit fest. Angkor ist nicht das erste aus der Kategorie größte/beste/älteste der Welt, das ich auf meiner Reise zu Gesicht bekomme. Es ist Teil des Programms, aber ob es mich wirklich nachhaltig beeindrucken wird, kann ich im Moment noch nicht wirklich sagen. Auch Sightseeing kann einen inflationären Effekt entwickeln.


Aber in Kambodscha gibt es mehr als Tempel. Landminen zum Beispiel. Mein Reiseabschnittsgefährte aus China pflegte zu sagen: „Kambodscha ist ein Land voller Landminen und Arschlöcher.“ Aber stimmt das wirklich? Wir werden es rausfinden in den nächsten Wochen. Was ist das für ein Land in dem jeder, der älter als 40 Jahre ist, Überlebender eines Genozids ist? Klar ist, es ist ein verdammt armes Land in dem das durchschnittliche Jahreseinkommen in etwa dem Wert des Mobiltelefons entspricht, auf dem ich gerade diese Zeilen schreibe. Es ist daher kein Wunder, dass mir schon mehrere Leute erzählt haben, dass ihnen ihre iPhones von drive-by-Moped-Piraten aus den Händen gerissen wurden, während sie arglos und verpeilt Google-Maps nach dem Weg gefragt haben. „Thank you!“ sollen sie angeblich noch gerufen haben.

Oder liegt es daran, dass, nachdem die roten Khmer jeden umgebracht haben, dessen Intelligenzquotent über der Lufttemperatur lag, der Genpool einfach nicht mehr der beste ist? Mal sehen, was wir in Erfahrung bringen können über dieses Land, das sich die Meinungen vieler Reisenden so entzweit.