Am Ende des Mekong

Ungefähr 4500 Kilometer hat sich der Mekong bis zu seinem Mündungsdelta mäandert. Einer der größten Flüsse der Welt, Lebensader Südostasiens und mein ständiger Begleiter und Wegweiser in den letzten Wochen. Yunnan, Ban Houayxay, Pakbeng, Luang Prabang, die 4000 Inseln, Phnom Penh und jetzt schließlich das Delta in Südvietnam. Sehr bald wird der Fluss im Südchinesischen Meer verschwinden und ich von seiner Seite.

Can Tho ist zwar die Größte Stadt im Delta, aber hier ist nichts los. Das Leben spielt sich hier nicht in den Städten, sondern auf dem Wasser ab. Ich erkunde daher das Delta zusammen mit ein paar anderen Leuten aus dem Hostel per Boot. 

Die unendlichen Verzweigungen und Nebenflüsse durchziehen die Region wie das Arteriensystem den menschlichen Körper und sie sind für die Deltabewohner nicht minder wichtig. Ihre Hütten haben sie auf Stelzen bis in das Wasser gebaut und ihre Geschäfte machen sie auf den so genannten schwimmenden Märkten. 


Wege für Landfahrzeuge gibt es hier nicht. Die Straßen der hier Lebenden bestehen aus Wasser und die Geschäftigkeit, die man anderswo in den Gassen und auf den Plätzen beobachten kann, findet hier auf Booten statt. Auch die Vermüllung hört nicht auf, nur weil es keine befestigten Straßen gibt, auf die man den Müll werfen könnte. Zwei Mal müssen wir anhalten, um den Antriebspropeller von einer Plastiktüte zu befreien, die ihn blockiert. Mehrere Male sehe ich, wie aus den Fenstern der Hütten ganze Müllsäcke ins Wasser fliegen. 

Es ist unbegreiflich: die Leute waschen sich hier im Fluss und essen seine Fische. Man möchte sie am liebsten schütteln und sie Fragen, ob sie überhaupt noch was merken. Fairerweise muss ich jedoch zugeben, dass ich gerade auch keinen besseren Lösungsvorschlag für die Müllentsorgung parat habe. Wenn in Berlin plötzlich die Müllabfuhr nicht mehr kommen würde, müsste ich den Müll wohl ebenfalls auf die Straße werfen. Es bleibt uns also für den Moment nichts weiter übrig, als kopfschüttelnd zuzusehen. 


Am nächsten Morgen stehe ich ein letztes Mal am Ufer und frage mich, was aus dem mystischen Sehnsuchtsort meiner Fantasie geworden ist. Die Vorstellung wurde durch die echte Erfahrung abgelöst – Entmystifiziert und durch ein reales Bild ersetzt, wenn man so will.

Was passiert eigentlich mit unseren Träumen, wenn wir sie uns erfüllt haben? Verlieren wir sie? 

Die Reise des Mekong mag sich hier dem Ende zuneigen, meine Reise tut es noch lange nicht. Ich habe noch tausend Träume im Gepäck. Ich drehe mich um und winke ein Motorradtaxi zum Flughafen herbei.

„Alles ist im Fluss“, denke ich noch, als ich mich und meinen Rucksack hinten auf das Motorrad schwinge und den Mekong endgültig hinter mir lasse.

Die Stadt, die Lichter

Als ich in Saigon den rostigen Bus verlasse, funkelt die Stadt mich an. Hochhäuser, Musik, Gucci. Nur fünf oder sechs Stunden Busfahrt trennen mich von Phnom Penh und doch bin ich in einer anderen Welt. 

Kambodschas Wirtschaft mag boomen im Vergleich zu Vietnam, aber hier ist man in einer gewachsenen Megacity mit jahrhunderte alter Geschichte und Hauptstadt-Flair. Und Hauptstadt war Saigon ja auch mal, bevor man ihr 1975 den umständlichen Namen Ho-Chi-Minh-Stadt gegeben hat, weil die Geschichte so verlief, wie sie nun mal eben verlief – nämlich kompliziert. 

Es nervt mich ein bisschen, dass ich so wenig davon weiß, wie die Region zu dem geworden ist, was sie ist und so kaufe ich mir das Buch „Der Tod im Reisfeld“, gehe ins Kriegsmuseum und besichtige ein ehemaliges Schlachtfeld. Im Westen von Saigon hat der Vietcong ein Tunnelsystem über drei Ebenen mit einer Gesamtlänge von 200 Kilometern angelegt. Die Tunnel haben einen Durchmesser von maximal 50 Zentimetern und als ich probehalber 100 Meter im Tunnel mit meinem Rucksack zurücklege, bleibe ich nur deshalb nicht stecken, weil der Schweiß mir bei 40 Grad und 100% Luftfeuchtigkeit im Tunnel in Bächen vom Körper rinnt und als Schmiermittel fungiert. 


Ich stelle mir vor, wie es ist, aus diesen Maulwurfsgängen heraus eine Schlacht zu schlagen. Sie müssen schon verdammt harte Krieger gewesen sein, die Vietcong-Kämpfer. Überhaupt kann man sich hier ganz gut ein Bild davon machen, wie es wohl gewesen sein mag, damals. Die Szenerie ist von ohrenbetäubenden Maschinengewehr-Salven untermalt, denn hier dürfen sich die Touristen mit allem austoben, was in Deutschland so unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fällt. Es ist absurd, aber weniger absurd als in Kombodscha neben den „Killing Fields“, wo es ebenfalls „Feuer frei“ für die Touristen hieß. Auf diesem Schlachtfeld wurde immerhin ein richtiger Krieg geführt, mit Soldaten und so. 

Zurück in der Stadt konzentriere ich mich wieder auf die schönen Dinge des Lebens, Essen zum Beispiel. Kulinarisch wird es ab jetzt steil bergauf gehen. Vietnam ist ein Foodmekka, das Essen ist sogar noch ein bisschen geiler als in Thailand. Die vielen Garküchen in Saigon kommen mir seltsam vertraut vor, denn seit vielen Jahren sorgt der Si An-Clan in Berlin dafür, dass man auch bei uns exzellentes vietnamesisches Essen in diversen Restaurants mit authentischem Ambiente genießen kann. Und tatsächlich kann nicht jede Pho-Suppe in Saigon mit dem mithalten, was man in Berlin geboten kriegt. Dafür ist es allerdings lächerlich günstig und so bleibt noch genug Geld fürs Nachtleben übrig. 

Wenn es dunkel wird, erwachen die Bars und Clubs zum Leben. Die Vietnamesen wissen jedenfalls, wie man feiert. Die kleinen Bars in den Seitengassen haben ihre typischen winzigen Pastikhöckerchen auf den Gehsteig gestellt und die Musik aufgedreht. Die Gefahren des Nachtlebens gehen hier nicht von bewaffneten Bonzenkindern aus, sondern eher vom Straßenverkehr. In der Stadt der Roller gibt es keinen Stau wie in Bangkok, hier ist alles immer in Bewegung. 

Angeblich gibt es hier 5 Millionen Motobikes auf 7 Millionen Einwohner. Mit einem Roller kann man überall fahren: auf den Bürgersteigen und sogar auf der falschen Straßenseite. Niemand beachtet die Ampeln auch nur ansatzweise. Den deutschen Reflex, bei grün auf die Straße zu treten, kann man hier schnell mit dem Leben bezahlen – vor allem wenn man schon das ein oder andere Bier getrunken hat und die Wachsamkeit dem beschwingten Leichtsinn weicht. Der Verkehrsstrom reißt niemals ab. Wenn man nicht irgendwann einfach auf die Straße tritt und darauf vertraut, dass die Rollerfahrer schon ausweichen werden, wird man für immer auf einer Seite gefangen sein. 

Es ist ein ganz und gar faszinierendes Chaos hier, dessen Ausmaß sich erst bei Nacht von einer der zahllosen Rooftop-Bars in Gänze bestaunen lässt. In den Häuserschluchten reihen sich nicht ordentlich die Lichterpaare der Autos hintereinander, hier zwängen sich abertausende einzelner kleiner Glühwürmchen durch jedes Nadelöhr, das sich ihnen öffnet. Die Straßen sehen von oben aus, wie Flüsse voll von fluoreszierendem Plankton. Alles scheint jedoch trotzdem irgendeiner Ordnung zu folgen, so wie auch das Gewusel in einem Ameisenhaufen irgendeiner Ordnung folgt, die dem äußeren Betrachter nur verborgen bleibt.


Vom unaufhörlichen Menschenstrom lasse ich mich noch ein Stück in die Nacht treiben, bevor ich weiter Richtung Süden reise.

Reisende – Folge 1: Der Bachelor 

Auf Reisen trifft man viele Leute, die man sonst nicht treffen würde. Deshalb behaupten Reisende gerne, es seien nicht die Orte, die sie bewegen, sondern die Menschen, die sie treffen. Diese abgedroschene Floskel zielt natürlich darauf ab, nicht als oberflächlicher Sehenswürdigkeiten-Anglotzer wahrgenommen zu werden, sondern als jemand, der tiefer geht und hinter die Fassaden schaut. 

Hauptsächlich trifft man auf Reisen jedoch andere Reisende. Die helfen einem dann zwar wenig dabei, die einheimische Kultur zu verstehen, sprechen aber immerhin passables Englisch. 

Aber muss man wirklich um die Welt reisen, um diese Leute kennenzulernen? Ja, denn man trifft dann und wann wirklich tolle und interessante Menschen, mit denen man sonst niemals in Kontakt gekommen wäre. Aber viele Reisende sind auch Klischeetypen. Und weil in jedem Klischee auch immer ein bisschen Wahrheit steckt und der erste Eindruck – wie das Leben gelehrt hat – immer zutreffend ist, wage ich den Versuch, Schubladen zu definieren, die helfen sollen, die Menschen flux einzuordnen, damit man sich nicht mehr die Mühe machen muss, sie kennenzulernen. Selbstverständlich hochwissenschaftlich, politisch korrekt, objektiv, zurückhaltend und allgemeingültig. Endlich wieder einfache Antworten für unsere komplizierte Welt.

Die erste Folge beginnt mit dem südostasiatischen Standardmodell, dem Bachelor. Der Bachelor tritt ebensohäufig auch in seiner weiblichen Form, der Bachelorette auf. Erkennungszeichen ist zunächst sein Bachelorabschluss. Zur Tarnung lässt er jedoch meistens nicht erkennen, dass er über ein gewisses Bildungsniveau verfügt. Mit seinen ca. 23 Jahren musste er schon einiges durchmachen, nämlich sein hochanspruchsvolles Bachelorstudium. Die Zeit an der Uni hat ihn sehr hungrig gemacht, auf das, was er Leben nennt. Mit Leben meint er allerdings eher saufen und hungrig ist er höchstens auf seine Artgenossinnen.

Das Paarungsverhalten im Bachelormilieu geht dabei wild durcheinander, was auch daran liegt, dass man mit twentysomething noch in der Lage ist, sich jeden Abend abzulitern, ohne dass sich die Kater irgendwann zum totalen Systemausfall aufsummieren. Der Bachelor ist eigentlich ein Ballermann-Tourist mit Flugticket nach Bangkok anstatt nach Palma. 

Äußerlich erkennt man ihn am Muscle-Shirt mit Aufdruck von der letzten Bar, wo er seiner Hauptbeschäftigung nachgegangen ist und sich das Kleidungsstück durch das Trinken von zehn Shots hintereinander verdient hat. 

Die Bachelor-Fraktion ist immer ein bisschen aufgebretzelter als der Rest der Reisenden, schließlich sind sie immer auf der Jagd. Die Jungs präsentieren ihre Waschbrettbäuche und die Mädels sind immer geschminkt. Trotzdem gelingt es Letzteren damit nicht immer, die Abnutzungserscheinungen an ihren Körpern zu überdecken, die der Wochen- oder monatelange Exzess in jederlei Hinsicht hinterlässt.

Der Bachelor hat geringe Ansprüche ans Reisen und wird deshalb selten enttäuscht. Außerdem ist man in Südostasien bestens auf ihn eingestellt: Happy Hour, Full-Moon-Partys, und Booze-Cruise-Touren decken seine Grundbedürfnisse ab. 

Zusammenfassend kann man sagen, dass der Bachelor kein Ärgernis ist, wie zum Beispiel der Chinese (im Ausland). Im Gegenteil: Er gehört zur Szenerie dazu und die für ihn eingerichteten Infrastrukturen kann man bequem mitbenutzen. Ihm sind Beer-Pong-Turniere und „Free shots at the bar“ zu verdanken. Manchmal fühlt man sich in seiner Gegenwart alt, manchmal aber auch (wieder) jung. Der Bachelor ist Teil des Unterhaltungsprogramms und vielleicht bewahrheitet sich hier ja auch ein bisschen die alte Weisheit: Ohne Asis kein Spaß.

24.654 Kilometer bis zum Meer

24.654 Kilometer bin ich gereist und jetzt stehe ich am Meer. Natürlich hätte ich das Meer auch schon in St. Petersburg sehen können oder in Shanghai. Habe ich aber nicht. Erst jetzt stehe ich auf Koh Rong Barfuß im schneeweißen Sand und blicke auf das kristallklare Wasser, das zugleich tiefblau und smaragdgrün ist. 

Ich frage mich, ob es eine Kindheitsprägung ist, dass man am Meer immer gleich mit einem wohligen Urlaubsgefühl geflutet wird. Hier, wo wir uns am leeren Strand in die Liegestühle hauen und Mango-Passionfruit-Shakes trinken, habe ich zum ersten Mal auf der Reise das Gefühl, irgendwo angekommen zu sein. Das ist natürlich Quatsch, denn Ankommen tut man bei einer Weltreise bekanntlich nie. Aber das Gefühl ist trotzdem wohlig. Ein kleines verdammtes Paradies, weit weg von allem.

Pittoreske Fischerboote liegen vor dicht bewaldeten kleinen Eilanden und ich liege da, wo das Wasser seicht ist und vergesse für einen Moment Raum und Zeit und alles um mich herum.

Wo der Pfeffer wächst

Wir haben ihn gefunden, den Ort, an den schon so viele Menschen hinverflucht wurden: Der Ort, an dem der Pfeffer wächst. Er heißt Kampot und liegt ruhig und beschaulich im Süden Kambodschas. 

Offensichtlich sind die meisten der Verfluchten hier jedoch niemals angekommen, es geht hier nämlich recht ruhig zu. Kampot ist ein ausgelassener Aussteigerort voller hängengebliebener Alt-68er. Ich frage mich, ob all diese betagten Auswanderer oder Langzeitreisenden auch irgendwann mal von irgendjemandem dahin gewünscht wurden, wo der Pfeffer wächst und ob es ihnen heute leid tut. Ich werde es nie erfahren.

In Kampot kann man ganz ausgezeichnet dem Nichtstun frönen, denn es gibt Billiardtische, Minigolf und gutes Essen und zwar alles auf dem Gelände des Hostels, in dem wir mit vier anderen Leuten und etlichen Geckos den nach draußen offenen Penthouse-Dorm bewohnen. Auf der riesigen Dachterasse kann man lesen und rauchen, während die rote Sonne hinter der Stadt in den Reisfeldern versinkt. Das Meer ist schon in Riechweite. 

Bevor wir zum Meer fahren, müssen wir sie dann aber doch noch sehen, die legendären Pfefferplantagen. Hier wächst nämlich nicht irgendein Mainstream-Pfeffer. Hier wächst der beste Pfeffer der Welt. Es ist der Jamón Ibérico der Pfefferwelt – und auf der Plantage können wir ihn uns direkt vom Strauch in den Mund stecken. Und so probieren wir die scharfen Körner wie bei einer Weinprobe, bis uns die Tränen in die Augen steigen. Beilagen gibt es hier leider nicht und Tomatensaft und Vodka werden auch nicht gereicht – ich wette jedoch, in einer anständigen Bloody Mary könnte das Zeug sein Talent noch besser entfalten. 

Egal – auf meiner ersten Pfefferverkostung konzentriere ich mich auf das Wesentliche und Kampot-Pfeffer ist wesentlich, in den Sterneküchen der Welt. 


Und so wird es dann doch noch kulinarisch in Kambodscha. Wer hätte das Gedacht, wo ich doch bei fast jedem Khmer-Gericht behauptet habe, dass es schon seinen Grund hat, dass es in Berlin kein einziges kambodschanisches Restaurant gibt. 

Ein weiterer Irrtum übrigens, denn es gibt sogar zwei: in der Neuköllner Kanalstraße oder der Moabiter Paulstraße. Falls der ein oder andere sich also selbst ein Bild von der Khmer-Küche machen will, bin ich auf Erfahrungsberichte gespannt.

Krieg und Liebe

Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt, heißt es. Die beiden extremsten Zustände menschlichen Daseins scheinen über alle Regeln erhaben zu sein. Über nichts werden mehr Lieder gesungen, Bücher geschrieben und Filme gedreht. Es sind die bestimmenden Themen der Menschheit und hier in Phnom Penh, Kambodschas Hauptstadt, suchen sie mich beide heim. 

Ein Unterschied zwischen Krieg und Liebe liegt darin, dass das Ende des Ersteren ein Grund zur Freude ist, während mit dem Ende von Letzterem das Drama erst in Fahrt kommt. In beiden Fällen bleibt ein Scherbenhaufen zurück.

Phnom Penh kann man nur als hochgradig unseriös bezeichnen und nicht wenige Backpacker, die ich getroffen habe, haben die Stadt gar als „Shithole“ bezeichnet. 

Wer sich bislang nicht mit dem Khmer-Rouge-Regime befasst hat, muss dies spätestens in der Hauptstadt tun. Alle Sehenwürdigkeiten hier stehen in der „Liste der deprimierendsten Orte der Welt“ entweder direkt vor oder nach Ausschwitz. Kein Detail wird ausgespart. Es ist nur schwer zu ertragen. Man möchte das Wort „beispiellos“ verwenden, aber traurigerweise ist es das ja nicht. 

Die Auseinandersetzung mit der Verwüstung und dem Genozid durch die Khmer-Rouge ist wahrlich schon verstörend genug. Aber in diesen Tagen werde ich zusätzlich noch von einer persönlichen Krise verstört.

Meine Beziehung hat die Reise nicht überlebt. Für sowas gibt es immer Gründe, aber immer ist es ein Desaster. Dass man die Tränen nicht zu Hause in sein eigenes Kopfkissen weinen kann, macht es keinesfalls besser.

Ich kann nur von Glück reden, dass die K. bei mir ist. Gibt es eigentlich eine Mastercard-Werbung mit Trennungssituation?

  • Luxushotel in Phnom Pen: 32$
  • Doppelter Scotch: 2$
  • Pizzalieferservice ins Hotel: 25$
  • Zigaretten (Original, nicht gefälscht): 1,25$
  • Passion Fruit Mojoto: 3$
  • geschätzte Person zum Reden, wenn man am Arsch der Welt ist: unbezahlbar.

Jaja, es gibt Dinge die kann man nicht kaufen.

Die K. ist es letztlich auch, die mich überredet, die restlichen Top-Schauplätze der Grausamkeit im Schnelldurchlauf abzufrühstücken, um am selben Tag noch den Zug raus aus dieser gottverlassenen Agglomeration des Elends zu erwischen.

Wir fahren ans Meer.

Vor den Toren der Stadt

In den Straßen von Battambang liegt dichter Rauch. Heute scheint mal wieder Plastikverbrennungstag in Kambodscha zu sein. Nun könnte man dem Irrtum erliegen, dass das ein Zivilisationsmerkmal ist, denn schließlich wird ja auch in Deutschland das meiste Plastik verbrannt, das zuvor so fleißig in die gelben Säcke sortiert wurde; bei uns nennt man das bloß thermische Wiederverwertung. Aber hier liegen zusätzlich Berge von Müll auf der Straße und in den Feldern. Hühner picken Plastik und Rinder grasen im Müll. Eine Müllabfuhr gibt es nicht – jedenfalls nicht für alle Abfälle. Manche Dinge scheint man allerdings noch zu Geld machen zu können, so reißen einem die bettelnden Kinder die Coladosen aus der Hand. Anderes verrottet einfach in den Straßengräben.

Wir haben einiges gelernt über Kambodscha heute – nicht nur über Müll. Mit Savet, unserem Fahrer, sind wir den Tag über draußen auf den Dörfern unterwegs. Wir profitieren davon, dass Savet – trotz Uniabschluss – keinen besseren Job als eben TukTuk-Fahrer gefunden hat. Er spricht perfektes Englisch und weiß mehr über kambodschanische Geschichte als wir über die Deutsche. Wir plaudern  mit ihm über Korruption und die Verhaftung des Oppositionsführers, über die Khmer-Rouge-Vergangenheit des Präsidenten und überhaupt über die Vergangenheit, die hier am liebsten alle möglichst schnell vergessen würden. Diese Smalltalk-Themen stehen bei den Khmer sonst eher nicht so hoch im Kurs.

Wir kriegen nicht nur eine 1A Geschichtsstunde, sondern bekommen auch Einblicke in die traditionelle Herstellung von Reispapier, Reisschnaps, Bananenchips und dem traditionellen Bamboo-Klebreis. Wir probieren alles, obwohl die Produktionsbedingungen nicht ganz den europäischen Standards entsprechen – oder überhaupt irgendwelchen Standards.

Nach der Hälfte der Vorlesung gibt es Mittagessen bei Savet zu Hause. Seine Frau hat traditionelles Khmer-Essen gekocht – „Bio-Hühnchen“, versichert Savet. Er meint damit, dass das Hühnchen nicht aus einer Fabrik kommt. Ob es jedoch auch nur Bio-Plastik am Straßenrand gegessen hat, wage ich zu bezweifeln. Das wenige Fleisch von den Knochen zu lösen, hat man sich in Kambodscha gar nicht erst angewöhnt. Der Vogel wird einfach mit allen Knochen in mundgerechte Stücke gehackt und wir müssen uns konzentrieren, um uns nicht versehentlich mit einem spitzen Knochen ein Luftloch in die Backe zu stechen. Es schmeckt trotzdem ausgezeichnet. 

Savet erzählt von seiner Hochzeit vor ein paar Monaten. 600 Gäste hat er auf seinem winzigen Grundstück empfangen. Er lebt hier mit seinen Eltern und drei Brüdern, aber jetzt – nach der Hochzeit – hat er mit seiner Frau endlich ein eigenes Zimmer. Überraschenderweise ist sie auch gleich schwanger geworden. 

Der Preis für den Tag lag zwar deutlich über dem durchschnittlichen Niveau in Battambang, die Qualität der Tour aber auch. Für Savet hoffe ich trotzdem, dass er eines Tages nochmal einen cooleren Job finden wird. Wahrscheinlich ist es nicht. 

Vor seiner Karriere als Guide war er Lehrer, heute verdient er deutlich mehr.

Angkor, What!?

Über Kambodscha habe ich mir bislang nur einmal eine Vorstellung gemacht. Das war vor knapp vier Jahren, als ich mich um einen Platz für die Wahlstation im Referendariat beworben habe. Ich habe einen Ort möglichst weit weg und möglichst verschieden von Berlin gesucht. Das Auswärtige Amt hat dann entscheiden, dass ich nicht drei Monate in Pnom Penh, sondern in Budapest wohnen werde.

Jetzt bin ich in Kambodscha und kann mir ein Bild von dem machen, was ich verpasst habe. Ich komme mittelgut vorbereitet in Siem Reap an. Die erste Anlaufstation, wenn man aus Laos kommt, ist der Ausgangspunkt für Ausflüge nach Angkor. Im ehemaligen Zentrum des historischen Khmer-Reichs befinden sich die spektakulärsten Tempelanlagen Südostasiens; Angkor Wat ist gar die größte Tempelanlage der Welt. Das beste kommt diesmal nicht zum Schluss. 


Die zahlreichen Tempel sind durchaus beeindruckend und man kann sicher behaupten, wer sie nicht gesehen hat, war nicht in Kambodscha. Wir scheuen keine Mühen und das Wetter verlangt uns einiges ab. Ich stelle leichte Abnutzungserscheinungen bei meiner Begeisterungsfähigkeit fest. Angkor ist nicht das erste aus der Kategorie größte/beste/älteste der Welt, das ich auf meiner Reise zu Gesicht bekomme. Es ist Teil des Programms, aber ob es mich wirklich nachhaltig beeindrucken wird, kann ich im Moment noch nicht wirklich sagen. Auch Sightseeing kann einen inflationären Effekt entwickeln.


Aber in Kambodscha gibt es mehr als Tempel. Landminen zum Beispiel. Mein Reiseabschnittsgefährte aus China pflegte zu sagen: „Kambodscha ist ein Land voller Landminen und Arschlöcher.“ Aber stimmt das wirklich? Wir werden es rausfinden in den nächsten Wochen. Was ist das für ein Land in dem jeder, der älter als 40 Jahre ist, Überlebender eines Genozids ist? Klar ist, es ist ein verdammt armes Land in dem das durchschnittliche Jahreseinkommen in etwa dem Wert des Mobiltelefons entspricht, auf dem ich gerade diese Zeilen schreibe. Es ist daher kein Wunder, dass mir schon mehrere Leute erzählt haben, dass ihnen ihre iPhones von drive-by-Moped-Piraten aus den Händen gerissen wurden, während sie arglos und verpeilt Google-Maps nach dem Weg gefragt haben. „Thank you!“ sollen sie angeblich noch gerufen haben.

Oder liegt es daran, dass, nachdem die roten Khmer jeden umgebracht haben, dessen Intelligenzquotent über der Lufttemperatur lag, der Genpool einfach nicht mehr der beste ist? Mal sehen, was wir in Erfahrung bringen können über dieses Land, das sich die Meinungen vieler Reisenden so entzweit.