Unter Segeln

Weit über 1000 Kilometer habe ich bis hierhin auf Booten zurückgelegt. Alles war dabei: Ruderboote, Schlauchboote, Holzboote, Fischerboote, Katamarane und ein Flusskreuzfahrtschiff. Slow-Boote und Speedboote, Massentransportmittel und Privatbeförderung. Mal hatte ich eine Einzelkabine, manchmal habe ich auf Deck geschlafen und wieder andere Male fühlte ich mich wie auf einem hoffnungslos überladenen Flüchtlingsboot. Einige Boote wurden mit dem klassischen asiatischen Longtail-Motor angetrieben und manche hatten sage und schreibe sechs 500 PS starke Außenbordmotoren.

Aber erst jetzt in Australien, bin ich das erste Mal wieder auf einem Segelboot. Die „Broomstick“ war in ihrem früheren Leben mal eine Regatta-Yacht. Das 23,2 Meter lange Extremsportgerät wurde in Südafrika gebaut und hat an den bedeutendsten Hochsee-Regatten der Welt teilgenommen, bis sie zur Touristenbespaßung ausgebaut wurde und jetzt 28 (!) Menschen beherbergen kann. Der Rennspirit ist trotzdem noch voll da. Auf dem Boot finden sich 15 Winschen, die größten von ihnen haben die Ausmaße von 50-Liter-Bierfässern und verfügen über Dreigang-Getriebe. Die sogenannten Coffee-Grinder werden von zwei Mannschaftsmitgliedern an einer in der Bootsmitte festmontierten Kurbelanlage bedient. Sowas kannte ich bislang nur aus dem Fernsehen.

Aber nicht nur die Yacht, auch die Whitsundays haben einiges zu bieten. Schon James Cook segelte 1770 durch die 74 Inseln und gab ihnen ihren heutigen Namen, „Pfingstsonntagsinseln“.

Es sieht aus wie in der Karibik, vielleicht ja sogar besser, warum sonst wurden hier Teile des aktuellen „Fluch der Karibik“-Films gedreht? Die unendlichen Strände, allen voran der legendäre Whitehaven-Beach gelten mit einem Quarzgehhalt von 99 Prozent als weißeste der Welt. Ins Wasser kann man trotzdem nur mit einem Stingersuit. Ohne den Burkini wäre es hier lebensgefährlich, denn natürlich sind in Australien auch die Quallen potentiell tödlich.

Die Whitsundays gelten nicht umsonst als eines der besten Segelreviere der Welt, denn das Great Barrier Reef dient als natürlicher Unterwasserwellenbrecher, während der Wind ungebrochen bleibt. Keine Wellen und 25 Knoten Wind sind so ziemlich das, was man als bestes Segelwetter bezeichnet. So erreichen wir trotz maximaler Menschenfracht eine angenehme Reisegeschwindigkeit von zwölf bis dreizehn Knoten. Erst, wenn das Wasser dank der Krängung leeseitig auf das Boot läuft, fängt es an, Spaß zu machen.

28 Leute auf einem 23-Meterboot sind jedoch schon recht nah an der Schmerzgrenze; für vier Tage jedoch gerade noch auszuhalten. Zum Glück sind keine Totalausfälle dabei, im Gegenteil, alle sind irgendwie cool drauf und überhaupt bildet sich auf so einem Segelboot immer schnell eine Art Mannschaftsgeist. Den Rest erledigen der reichlich vorhandene Alkohol und das traumhafte Wetter, das dazu einlädt, die Nächte an Deck zu verbringen.

All das erinnert mich daran, dass ich dringend öfter Segeln gehen muss und auf meiner Projektliste für den Sommer unterstreiche ich fett den Punkt „Sportküstenschifferschein“.

Ich ahne, dass ich besser ein paar Punkte für die Zeit nach meiner Wiederkehr auf dem Zettel habe, damit ich nicht plötzlich planlos und gelangweilt bin, wenn diese nicht enden wollende Kette von Abenteuern und Erlebnissen plötzlich abreißt.

Fledermausland

Als ich in Cairns den Nachtmarkt verlasse und auf die Straße trete, komme ich mir einen Moment vor, wie Raoul Duke in der Wüste Nevadas. Ich sehe überall Fledermäuse und zwar nicht diese kleinen niedlichen, die ab und an von Höhlendecken hängen, sondern eher so das Modell „mutierter Riesenvampir“; jedenfalls nicht das, was man im Stadtzentrum erwartet. Mein Gesichtsausdruck dürfte daher auch in etwa genauso skeptisch, wie der von Duke gewesen sein, als ich inmitten der Abertausenden Tiere, die eine Flügelspannweite von bis zu 1,50 Meter besitzen, gen Himmel blicke. Im Gegensatz zu Duke bin ich jedoch nicht der Einzige, der die Flughunde – so die korrekte Bezeichnung – sehen kann. Zig Asiaten wussten natürlich schon vorher bestens über dieses täglich bei Dämmerung stattfindende Schauspiel Bescheid und versuchen schon fleißig, sich mit ihren Selfie-Sticks die Augen auszustechen. Auch ich mache ein paar Fotos mit meinem Handy, das aber (wie immer) nicht in der Lage ist, die ganze Dramatik des Augenblicks einzufangen.

Ich erfahre, dass die Tiere hier tagsüber in der Stadt in ihren „Wohnbäumen“ abhängen und dann bei Einbruch der Dämmerung zu ihren Fressplätzen aufbrechen. Das war mir bislang gar nicht aufgefallen, obwohl es hier angeblich mehr Flughunde als Vögel gibt.

Überhaupt ist die Natur in Australien eine Stufe verrückter, als überall sonst auf der Welt. Jedes Tier ist zwei Nummern größer und giftiger als auf dem Rest des Planeten. Von oben grüßen Kakadus und von unten metergroße Echsen. Wie in einem riesigen Zoo ohne Käfige.

Auch sonst mangelt es nicht an Superlativen, zum Beispiel dem Great Barrier Reef. Das Korallenriff ist die Größte von Lebewesen geschaffene Struktur auf der Erde und weil sie vielleicht bald auch die größte von Lebewesen wieder zerstörte Struktur auf der Erde sein wird, beeile ich mich, dort noch ein paar Tauchgänge zu unternehmen. Ich bin nicht als einziger auf die Idee gekommen. Ein Ausflug zum Riff ist eine Massenveranstaltung. Circa 80 Taucher und Schnorchler sind auf dem Boot. Einzelne Gruppen werden per Lautsprecherdurchsage aufgefordert ins Wasser zu springen und es bleibt kaum Zeit, die Ausrüstung in Ruhe zu überprüfen.

Dann öffnet sich der Blick auf das Riff. Es ist – natürlich – gewaltig. Korallen so weit das Auge reicht. Es gibt Schluchten und kleine Höhlen zu erkunden, Korallenberge zu bestaunen und Täler zu durchschweben. Auch wenn man kein Meeresbiologe ist, kann man allerdings deutlich sehen, dass das Riff leidet. Die globale Erwärmung lässt die Korallen ihre Farbe und gleichzeitig ihr Leben verlieren, der Kohleabbau führt zu Hafenerweiterungen und dem Ausbau von Schifffahrtswegen und dann sind da noch die zwei Millionen Touristen jährlich, die aufgrund mangelnden Respekts oder mangelnder Tauchkünste auch nicht gerade pfleglich mit dem Riff umgehen. Hin und wieder kommt auch mal ein (ausnahmsweise nicht menschengemachter) Dornenkronenseestern des Weges und frisst ein paar Hektar Korallen mit Haut und Haar einfach auf. So ist das eben, wenn man nicht ganz oben in der Nahrungskette steht.

Die Überlebensaussichten für dieses Naturwunder würde ich im Moment als eher mittelprächtig einschätzen. Auch die Riffbewohner sind zwar noch vorhanden, man muss jedoch schon etwas genauer hinschauen, bis man mal einer Meeresschildkröte beim gemütlichen Grasen zusehen kann oder sich beim Anblick der giftigen Skorpionfische gruseln kann.

Ich sauge also noch so viele Eindrücke wie eben möglich in dieser faszinierenden Unterwasserwelt auf, bevor auch dieses Riff in die Geschichte der von Menschenhand zerstörten Weltnaturwunder eingeht.

Adrenalin

Natürlich habe ich keine guten Vorsätze für das neue Jahr, was mich jedoch nicht davon abhält, trotzdem mal wieder einen Blick auf meine Bucket-List zu werfen; freilich erst, nach dem ich einen Tag ausgekatert habe. Fallschirmspringen steht dort ganz oben und warum sollte man das nicht über dem Great Barrier Reef und dem Daintree Regenwald anstatt über einem deutschen Acker machen? Ich nehme also mal wieder ein Bündel australische Plastik-Dollarnoten in die Hand und werfe sie mit beiden Händen in den australischen Wirtschaftskreislauf. Langsam höre ich auf, über den Wert des Geldes nachzudenken. Geld ist nur buntes Papier und so lange es noch aus der Wand kommt, ist meines Erachtens alles in bester Ordnung. Das australische Geld ist wirklich schön und bunt, was hilft, es als eine Art Monopoly-Spielgeld zu betrachten. Wie in Südostasien: Ein paar Millionen hier, ein paar Millionen dort; wer weniger nachdenkt, hat auch weniger Sorgen. Außerdem war es ja mein erklärtes Ziel, meine Ersparnisse nicht für ein Auto oder die Anzahlung für eine Eigentumswohnung rauszuballern, sondern für was Nachhaltigeres, nämlich unvergessliche Erlebnisse.

Und jetzt, wo ich über das Rollfeld des Flughafens in Cairns gehe, ahne ich, dass dies bestimmt ein unvergessliches Erlebnis wird. Die Propellermaschine hebt zwischen den Quantas-Jets ab und ich sitze direkt an der „Tür“. Unten das Reef und der Regenwald während der Höhenmesser steigt, bis auf 15000 Fuß. Das ist immerhin knapp die Hälfte der Höhe, auf der Verkehrsflugzeuge fliegen – nur das ich mit diesem Flugzeug natürlich niemals irgendwo landen werde. Als die Tür aufgeht, sind wir über den Wolken. Angst habe ich nicht, aber der Moment, in dem einem klar wird, dass man sehr bald aus einem fliegenden Flugzeug springen wird, ist gefühlsmäßig mit nichts zu vergleichen, was ich jemals zu vor erlebt habe. Viel machen muss ich nicht, denn natürlich bin ich fest an Craig, meinen Instruktor, angeschnallt, denn irgendeiner muss ja schließlich wissen, was zu tun ist.

Wir sitzen schon an der Kante und warten, dass das Licht auf grün springt. Man ist in diesem Moment so voller Adrenalin, dass es im Nachhinein schwer zu sagen ist, woran man genau denkt. Ich nehme die besprochene Haltung ein und Craig stößt uns raus. Halbe Drehung, Blick nach oben, dort das Flugzeug, das mit offener Tür unbeeindruckt weiterfliegt, drüber nur die Sonne. Drehung in die Freefall-Position, die Arme ausgestreckt, unter den Wolken der Blick auf den Regenwald und das Meer. Man schwebt nicht, man rast mit 200 Km/h Richtung Erdoberfläche. Drehungen, Späße, Winken in die GoPro. 60 Sekunden dauert der Trip, bevor Craig den Schirm öffnet und ich wieder einen klaren Gedanken fassen kann. Ich darf den Schirm steuern, es ist verblüffend einfach. Ich frage Craig, wie viele Tandemsprünge ergemacht hat, bevor er sich das erste Mal allein aus einem Flugzeug gestürzt hat. „Einen, genau wie Du jetzt“, ist seine Antwort.

Aha, interessante Perspektive, denke ich und überlege sogleich, das Fallschirmspringen auf meine Liste neuer, sündhaft teurer Hobbies zu setzen. Jetzt gilt es aber erstmal sicher zu landen. Es gelingt und auch das scheint mir kein Hexenwerk zu sein. Als ich zum Bus gehe, ist der Adrenalin-Rausch längst noch nicht vorüber.Ich könnte sofort wieder ins Flugzeug steigen, genieße aber stattdessen lieber noch das Hochgefühl. Ich ahne jedoch, dass es nicht das letzte mal gewesen sein könnte.

Silvester

Am Silvesternachmittag sitze ich schon wieder im Flugzeug. Ich verlasse das wenig aufregende Melbourne und fliege in den Norden nach Queensland zum Great Barrier Reef. Warum genau meine Reiseroute jetzt irgendwie im Zickzackkurs verläuft, kann ich mir selbst nicht mehr so genau erklären. Irgendwie erschien es mir zwischendurch wohl klüger, auf dem Landweg von Cairns nach Sydney zu reisen, als von Melbourne nach Cairns. Immer noch eine absurd lange Route für ein paar Wochen, aber wohl irgendwie klimatisch vorteilhafter. Außerdem ließ sich so Silvester in Sydney vermeiden, was ein abartig teurer Spaß ist. Offenbar wollen so viele Leute einmal in ihrem Leben das Feuerwerk vor der Kulisse des Hafens und der weltbekannten Oper sehen, dass eine Nacht im mittelmäßigen Hostel gleich mal 80 Euro kostet. Ich lache mich kaputt, als ich bei Facebook die Massen sehe, wie sie sich schon mittags die besten Plätze im Regen sichern, kurz bevor ich einfach über sie hinweg fliege.

Silvester ist für mich sowieso die sinnloseste Veranstaltung aller Zeiten. Was interessiert es mich oder den Lauf der Welt, ob die Erde die Sonne ein weiteres Mal umkreist hat und vor allem, was habe ich dazu beigetragen, dass ich das feiern müsste? Und erst diese ganzen sinnlosen Vorsätze. Als ob schon jemals eine einzige wichtige Lebensentscheidung an Silvester getroffen wurde. Es ist doch immer das gleiche Trauerspiel, überzogene und sogleich enttäuschte Erwartungen an die Nacht der Nächte. Ich kann mich an keine legendäre, aus dem Ruder gelaufene Partynacht erinnern, die im Vorhinein akribisch geplant war. Silvester ist der Jahrestag der Spießer und Langweiler.

Das alles ändert jedoch leider gar nichts daran, dass ich auch schlecht alleine im Hostel sitzen kann, an diesem Abend. Als das Flugzeug in Cairns landet ist es schon 17.30 Uhr. Achso, es gab eine Zeitverschiebung? Wie immer bin ich grandios unvorbereitet und ahnungslos. Von der Ankunftszeit bin ich genauso überrascht, wie vom tropisch heißen Wetter und ich habe noch immer keine Ahnung, was man in Cairns an Silvester (oder überhaupt) so anstellen kann. Im Taxi zum Hostel checke ich Facebook, Internetforen und sogar Tinder ab – irgendwie ist das jetzt aber auch schon zu spät. Ich muss wohl schnell ein paar Freunde im Hostel finden, bevor dort alle ausgeflogen sind. „Schnell Freunde finden müssen“ gehört jetzt nicht unbedingt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen nach einem Reisetag. Ich werfe also meinen Rucksack in den Schlafsaal und gehe zum Pool. Zum Glück sind überhaupt Leute da. Hosteltypisch kommt man schnell ins Gespräch und ich checke einzelne Gruppen mit Leuten ab, die nett aussehen. „Where are you from?“ – Aha, Deutschland. Egal, die Zeit um wählerisch zu sein, ist längst vorbei. Die beiden Jungs sind nett, ihre beiden Freundinnen auch, außerdem noch recht hübsch. Die beiden Pärchen haben gerade Abi gemacht und befinden demzufolge auf dem „Work and Travel“-Planeten. Mit einem Uber fahre ich noch schnell zum letzten geöffneten Liquorstore der Stadt und kaufe Bier. Wir bestellen Pizza und quatschen. Die Vier über ihre Abiturnoten und die Arbeit auf Mangofarmen, ich über Surfen und Tauchen. Die gemeinsamen Gesprächsthemen halten sich zwar in Grenzen, interessant ist es trotzdem. Kraft meiner bloßen Lebenserfahrung genieße ich in der Gruppe den Status eines Altersweisen und es macht Spaß, den ein oder anderen altväterlichen Ratschlag fallen zu lassen.

Beim Feuerwerk am Strand, liegen wir uns in den Armen. Ich hasse Silvester immer noch, bin aber trotzdem froh, dass ich noch nette Gesellschaft gefunden habe. Nach dem Feuerwerk gehen wir in den angesagtesten Backpacker-Club der Stadt. Ich denke mir, jetzt ziehe ich es auch durch. Eine halbe Stunde anstehen, 35 Dollar an der Tür abgeben, um sich in einen völlig überfüllten Laden zu stopfen, der all meine Silvesterbefürchtungen bestätigt. Die Musik als unterirdisch zu bezeichnen, wäre noch arg beschönigt. Der Schweiß tropft von den Wänden, aber nicht in einer guten Art und Weise. Es ist wirklich grausam, genau genommen aber auch nicht viel grausamer als die meisten öffentlichen Silvesterpartys auf denen ich in Deutschland so war.

Wir tanzen, schwitzen und trinken also noch eine Weile, und als ich mich verabschiede, bin ich froh, diesen Jahreswechsel endlich hinter mich gebracht zu haben. Bei einem letzten Bier im Hostel lese ich noch die etlichen unpersönlichen „Guten Rutsch“-Wünsche und lösche all die dämlichen GIFs, während es in Deutschland erst sechs Uhr am Silvesterabend ist und sich noch alle für die „Party des Jahres“ vorbereiten. Wie gut, dass mich von der nächsten Silvesterfeier dank der Zeitverschiebung diesmal neun Stunden mehr trennen.

Go east, arrive west: Welcome to Oz!

Das Flugzeug setzt in Melbourne nicht nur auf einem anderen Kontinent, sondern in einer anderen Welt auf – nämlich im Westen. Nach fünf Monaten Nicht-Westen ist das ein Kulturschock. Alles ist (wieder) teurer, sogar viel teurer als in Deutschland. Alles ist aber auch hübsch reguliert, man kann jetzt offenbar nicht mehr machen, was man will. Es gibt Verbote, Behörden und Polizei. Es gibt Ampeln, vor denen man bei Rot stehen bleiben muss. Natürlich drängt sich mir nach den vergangenen Monaten sofort der Gedanke auf, dass es woanders auch ohne diesen ganzen Schnickschnack funktioniert. Aber Funktionieren ist natürlich relativ. Die Anwesenheit von (echter) Demokratie und die Abwesenheit von Korruption wären dem ein oder anderen Bürger Südostasiens sicher sehr willkommen, der Reisende hat regelmäßig nichts dagegen einzuwenden, wenn gewisse Dinge nicht geregelt sind und niemanden interessieren.

Wie auch immer, ich komme in meinem Hostel im Stadtteil Fitzroy an. Alles mutet sehr europäisch an. Das Szeneviertel ist eine Mischung aus dem Berliner Prenzlauer Berg, Hamburgs St. Georg und einer englischen Dorfidylle.

Das Klima ist angenehm, es ist ein europäischer Hochsommer, nicht bloß eine tropische Trockenzeit. Alle sprechen Englisch und alle verstehen einen. Es ist komisch, nicht mehr aufzufallen. Niemand identifiziert einen hier als Backpacker und deshalb will einem hier auch keiner mehr was verkaufen. Man kann durch die Stadt gehen, als wäre man selbst ein Einheimischer und würde zur Arbeit gehen oder irgendwas tun, was eben Leute mit einem geregelten Alltag tun. Man ist in der Masse wieder perfekt getarnt.

Melbourne ist Australiens Hipster-Hauptstadt und deshalb gibt es jede Menge hervorragender Cafés, Streetart und angesagte Bars. Mein erstes Frühstück in Australien kostet 30 Australische Dollar (20 Euro) und plötzlich leuchtet mir ein, warum es im Hostel eine gut ausgestattete Küche gibt, in der man selbst kochen kann. Sowas habe ich seit St. Petersburg nicht mehr gesehen und mir wird klar, dass ich die letzten fünf Monate dreimal am Tag auswärts Essen gegangen bin. Ich kaufe Lebensmittel im Supermarkt ein und stelle erfreut fest, dass es Vollkornbrot, Käse und Wasser mit Kohlensäure zu kaufen gibt.

Nach zwei eher antisozialen Tagen und der Lektüre von Stuckrad-Barres „Panikherz“ verspüre ich das Bedürfnis, mich ins Nachtleben zu stürzen. Die Bars sehen allesamt aus wie in Berlin: Kein Putz an den Wänden, schummriges Licht und Sofas. Die Clubs sehen leider gar nicht so aus wie in Berlin. Zwar muss man auch hier eine halbe Stunde anstehen, aber nur, um dann in etwas zu kommen, das an eine oldenburger Dorfdisco erinnert. Wer immer mal die Feststellung getroffen hat, Melbourne ist das Berlin Australiens, war entweder niemals in Berlin oder niemals hier feiern. Macht nichts, denn in guter Gesellschaft ist die Kulisse zweitrangig.

Die Nacht hat geholfen, den Kulturschock etwas zu dämpfen. Der Gewöhnungsprozess läuft langsam an. Als wir in der Hostelküche zusammen kochen, legt jemand das Album „In Colour“ von Jamie xx auf. Wenn das kein Zeichen ist: Der Soundtrack des Abspanns meiner Asien-Etappe als australisches Hostelküchen-Deja-Vu. Alles erscheint in diesem Moment gerade sehr, sehr folgerichtig.

Melbourne ist ansonsten das, was man gemeinhin als Stadt mit hoher Lebensqualität bezeichnet: Saubere Straßen, sehr viel Grün, Museen und Kultur, Bars, Meer, Strand und so weiter und so fort. Es ist immer was los, zum Beispiel macht gerade das Volvo Ocean Race hier Station, immerhin die härteste Segelregatta der Welt. Man kann die Rennyachten bestaunen und sich Interviews mit den Seglern anhören.

Alles ganz nett hier. „Nett“, wie eben jemand „nett“ ist, mit dem man es zwar aushalten kann, aber keinesfalls eine Beziehung eingehen möchte.

Und deshalb muss ich jetzt auch langsam mal los. Es soll ja noch andere Städte in Australien geben. Vielleicht sogar welche, die ein bisschen mehr als nur „nett“ sind.

Balifornication

Mit dem Schnellboot geht es weiter westwärts nach Nusa Lembongan. Ich brauche eine Nacht in einem Privatbungalow, um mich von den Strapazen des Rinjani-Treks zu erholen, bevor ich mich Tags drauf wieder mit der K. treffe, die hier Tauchen lernen will. Lembongan ist als ausgezeichnetes Tauchrevier bekannt und auch ich tauche hier wieder ab und lasse mich zum „Advanced Adventurer Diver“ ausbilden, was immer das auch genau bedeuten mag.

Auf der Insel stelle ich fest, dass ich bislang wohl Glück hatte mit dem Wetter in Indonesien, denn eigentlich ist hier Regenzeit und das ist dem Wetter wohl auch gerade wieder eingefallen. Zum Glück ist das unter Wasser eher nebensächlich, aber wenn das Tauchboot zu den Dive-Sites rausfährt, muss man sich schon recht gut festhalten.

Nachdem wir alle Unterwassersehenswürdigkeiten abgeklappert haben, verbringen wir noch zwei Tage auf der Nachbarinsel Nusa Penida, die auch überirdisch einiges zu bieten hat. Was die Natur hergibt, besichtigen wir mit zwei Reiseabschnittsgenossinen allerdings gleich in Badeshorts bzw. Bikini; Nichts, gar Nichts würde hier auch nur eine Sekunde trocken bleiben. Der Tag halbnackt im 30 Grad warmen Dauersturzregen ist ein absurder Spaß – ja, man kann uns wirklich nicht vorwerfen, dass wir nicht das Beste aus der Situation machen. Die Sonne vermisse ich trotzdem langsam und dass die meisten meiner Klamotten mittlerweile nass sind und bei 120 Prozent Luftfeuchtigkeit auch niemals mehr trocknen werden (also sehr bald anfangen werden zu stinken), macht es auch nicht besser.

Um tags drauf mit dem Speedboat nach Bali zu kommen, müssen wir um halb sechs aufstehen, denn das ist offenbar die einzige Tageszeit, zu der das Meer die Überfahrt noch gestattet, bevor gegen Mittag Wind und Wellen die See wieder für sich allein beanspruchen.

Ich habe nur noch Zeit für eine Stadt auf Bali und so fällt die Wahl auf das Surfer-Paradies Canggu. Wir steigen im LayDay-Surfhostel ab, was für seine entspannte Atmosphäre und seine ab 9 Uhr morgens geöffnete Bar bekannt ist. Leider ist die Herberge ein bisschen weit ab vom Schuss, weshalb man jeden Weg mit dem Roller zurücklegen muss, was ziemlich ungünstig ist, wenn alle schon mittags anfangen zu saufen. Egal, wir können mit dem ersten Bier warten, bis alle Besorgungen in der Stadt erledigt sind. Nur abends wird die Lage zum Problem. Weil auch dieses Hostel Nachbarn hat, die gelegentlich mal schlafen müssen, geht um elf Uhr die Musik aus und alle fahren in die Stadt. Nun kann man in Canggu leider auch nicht einfach ein Uber oder ein Taxi bestellen, denn die lokale Mafia hat dafür gesorgt, das kein Taxifahrer, dem was an seiner Gesundheit oder seinem Gefährt liegt, hier noch irgendjemanden befördern würde. Gleichzeitig haben sie jedoch keine funktionierende Parallelinfrastruktur geschaffen. Canggus Straßen sind also jede Nacht vollgestopft mit Westerners, die in den abenteuerlichsten Zuständen in die Bars und Clubs fahren und gegen Morgen wieder zurück. Polizei gibt es hier nicht. Es ist natürlich unnötig zu erwähnen, dass die Leute sich hier in schöner Regelmäßigkeit umbringen, jedenfalls aber schwer verletzen. In Indonesien sterben schon mal 60 Rollerfahrer an einem einzigen Tag. Das scheint uns nicht übermäßig verlockend zu sein, was jedoch auf völliges Unverständnis stößt. Erzählt man, dass man betrunken lieber nicht fahren mag, reagieren die Leute, als würde man offenbaren, dass man aus Prinzip kein Smartphone benutze. Besoffen zu fahren ist hier so selbstverständlich wie eben besoffen zu sein. Wir finden trotzdem Wege, um von A nach B zu kommen, ohne selbst zu fahren. Nicht immer komfortabel, selten preisgünstig und oft unzuverlässig. Nachts warten die vierzehnjährigen Kids mit ihren Rollern vor den Bars und Clubs, um ihr Taschengeld aufzubessern. Es erscheint mir allemal sicherer, als bei meinen Hostelgenossen hinten aufzusteigen – sofern die überhaupt noch in der Lage sind, sich selbst auf den Roller zu schwingen. Nicht wenige fallen sofort mitsamt ihres Gefährts wieder um.

Natürlich lerne auch ich in Canggu Surfen. Wenn nicht hier, wo dann? In Australien will ich es schließlich schon können und hier sind Surfstunden noch bezahlbar. Es klappt überraschend gut. Zum Glück, denn ich habe nicht mehr ewig Zeit.

Seit ich in Indonesien bin, habe ich es immer bedauert, nicht mehr Zeit zu haben. Zwischenzeitlich habe ich sogar auf den (immer noch erwarteten) Ausbruch des Mount Agung gehofft. Ein gecancelter Flug ist hier ein gutes Argument für eine Visumsverlängerung.

Aber gerade jetzt, kurz vor meiner Abreise, fühlt es sich gar nicht mehr so verkehrt an, dass ich bald die Kurve kratze. Der Dauerregen schlägt auf die Stimmung und auch die K. und ich gehen uns jetzt manchmal auf die Nerven. Es ist eigentlich genau der richtige Zeitpunkt, um zu einem neuen sonnigen Kontinent, einer neuen Etappe aufzubrechen.

Den ersten Weihnachtstag verbringe ich noch im Hostel, wo Weihnachten im Grunde bedeutet, dass man einfach noch mehr trinkt als sonst. Mein Flug nach Melbourne geht um 23.00 Uhr und da ich später das Gate noch finden muss, kann ich leider nicht voll in die Feierlichkeiten miteinsteigen. Ein, zwei letzte Bintang-Biere, dann kommt mein Taxi. Der Fahrer überlässt mir die Musikauswahl und das Album „In Colour“ von Jamie xx wird der Soundtrack dieser letzten Autofahrt in Asien. Die Musik passt zu meiner Stimmung, die irgendwo zwischen melancholisch und freudiger Erwartung liegt. Draußen regnet es mal wieder und drinnen blase ich nachdenklich den Rauch der gefühlt hundertsten Zigarette an diesem Tag gegen die Windschutzscheibe. Die roten Rücklichter des chaotischen indonesischen Verkehrs spiegeln sich im Dunkeln auf der regennassen Fahrbahn und für die zehn Kilometer zum Flughafen brauchen wir über eine Stunde. Farewell Asia.

Die nagelneue Boing 787 riecht innen wie ein neues Auto und das Mädel am gegenüberliegenden Fenster schenkt mir ein Lächeln – einfach so. Ich schließe den Anschnallgurt. *klick*. Als das Flugzeug abhebt, läuft der tropische Regen in dicken Schlieren die großen Panoramafenster des Dreamliners entlang. Ich habe die Sitzreihe für mich allein, mache es mir gemütlich, und schlafe sofort ein.

Kopf gegen Körper

Auf Gili Air ist nicht viel los. Zwar ist das Captain Coconuts Hostel ein großartiger Ort, aber was nützt das schon, wenn man der einzige Gast ist.

Es durstet mich nach Action und Abenteuer und so entscheide ich mich für eine Trekking-Tour auf den Mount Rinjani. Indonesiens zweitgrößter Vulkan bestimmt das Landschaftsbild Lomboks und soll sich hervorragend zum Trekken eignen. Ausnahmslos Alle, die ich getroffen habe, haben geschwärmt von der Landschaft und dem Ausblick. Allerdings haben auch Alle gesagt, dass es ein verdammt harter Trek ist.

Na ja, denke ich noch, es ist ja nicht mein erster Trek und so wild kann es schon nicht sein. Ein Irrtum, wie sich bald herausstellen sollte.

Die Suche nach einem passenden Veranstalter ist schwerer als gedacht. Es gibt hunderte Trekking-Agenturen, von hochgradig unseriös bis Premium und nicht alle starten Touren jeden Tag. Eine Tour mit unqualifizierten und unterbezahlten Guides gibt es schon für 100 USD. Wer einen lizensierten Guide haben möchte und zudem sicher sein will, dass das Equipment halbwegs hochwertig ist, muss tiefer in die Tasche greifen. Die Recherchen ergeben, dass man für alle halbwegs vertrauenswürdigen Agenturen mindestens das Doppelte bezahlen muss. Dafür kann man sich dann aber auf gute Verpflegung verlassen und darauf hoffen, dass Guides und Träger anständig bezahlt werden. Ich finde eine Agentur, die garantiert, keinen Müll auf dem Berg zurückzulassen und sogar noch einen 5%-Discount verspricht, wenn man auf dem Rückweg selbst noch einen Beutel Müll einsammelt.

Das ist es mir Wert, und so bricht unsere Dreiergruppe am nächsten Tag zur Gipfelbesteigung auf. Zufällig ist auch der F. dabei, mit dem ich in Komodo den Tauchkurs absolviert habe. Die Welt ist klein. Der 24-jährige Portugiese ist frischgebackener Arzt, ich hoffe jedoch inständig, dass er seine Fähigkeiten hier nicht unter Beweis stellen muss.

Am ersten Tag geht es rauf zum Kraterrand. Schon jetzt ist klar, dass das kein Kinderspiel wird. Es ist sauanstrengend, aber der Guide und die Träger sind nett, das Essen ist (für die Bedingungen) hervorragend und der Wille ist stark. Wenn man den Trägern außerdem dabei zusieht, wie sie in Flipflops Lebensmittel, Kochequipment, Zelte, Isomatten und Trinkwasser den Berg raufschleppen, kommt Beschweren sowieso nicht in Frage.

Als wir am Kraterrand ankommen, bin ich einigermaßen zerstört, aber noch funktionsfähig. Kaum vorstellbar, dass der Vulkan mal über 5000 Meter hoch war, bevor ein Ausbruch irgendwann im 11. Jahrundert einfach die komplette obere Berghälfte weggepustet hat. Die Aschewolke reichte 45 Kilometer in den Himmel und hat die Sonne so sehr verdunkelt, dass in Europa ein ganzes Jahr lang Winter war. Heute liegt im Krater ein See, aus dem ein kleinerer neuer Vulkan hervorragt, der seit dem Ausbruch im letzten Jahr gemütlich vor sich hinqualmt.

Am nächsten Tag klingelt der Wecker um zwei Uhr nachts. Ein Toast mit Marmelade und ein Kaffee ist alles, was uns Energie für den Aufstieg zum Gipfel liefern wird, den wir zum Sonnenaufgang erreichen wollen.

Es gilt einen weiteren Höhenkilometer zu überwinden und jetzt wird sich zeigen, wer Spreu und wer Weizen ist.

Ein Vulkan ist kein gewöhnlicher Berg, es ist vielmehr ein Haufen aus Schutt, Geröll und sandartiger Asche. Zum Gipfel führt ein schmaler Grat, der im Schein unserer Taschenlampen schimmert. Ich muss kämpfe: Für zwei Schritte nach vorn rutscht man einen zurück. Ich schwitze, obwohl es fünf Grad sind und ich nur ein T-Shirt und eine Softshelljacke anhabe. Sobald man stehenbleibt, sorgt der eisige Wind im Zusammenspiel mit dem kalten Schweiß dafür, dass man fast erfriert. Mir wird klar, dass ich dieses Unterfangen hoffnungslos unterschätzt habe. Die Muskeln brennen noch vom Vortag. Pure Verzweifelung beim Blick nach oben: Es ist zu weit, zu hoch. Dass auch der erfahrene Trekker im Team und sogar der Guide Blut und Wasser schwitzen, tröstet mich kein Bisschen. Ich rutsche aus und falle auf die Knie. Immer wieder die Frage: „Warum“? Ich sage mir nicht mehr, dass das aber „sauanstrengend“ ist, sondern wünsche nur noch, aus diesem Albtraum aufzuwachen. Meine körperliche Grenze ist in unmittelbarerer Sichtweite, nicht bloß zu erahnen, nein, hier laufen alle Maschinen auf Maximalauslastung im roten Bereich.

Ich hatte ja keine verdammte Ahnung.

„Auf deine mentale Stärke wird es ankommen, wenn es auf den Gipfel geht“, hat Jul, der Inhaber der Trekking-Agentur mir mit auf den Weg gegeben. Und jetzt bin ich mittendrin, im Kampf „Kopf gegen Körper“. Jul‘s Worte würden das Aufgeben gleichzeitig auch zu einer Niederlage des Geistes machen. Sich einzugestehen, dass man körperlich nicht in der Lage ist, ist einfach – sich einzugestehen, dass man mental nicht in der Lage ist, keineswegs.

Ich gucke nicht mehr nach oben, denke nicht mehr drüber nach, dass dieser Kampf noch mindestens eine Stunde dauern wird. Das Ziel ist ab jetzt immer nur noch der nächste Schritt.

„Einen Fuß vor den anderen; Kleine Schritte; Konstante Geschwindigkeit; Auf keinen Fall nach oben gucken.“

Diese Sätze sind das Mantra, dass ich in Endlosschleife vor mich hinmurmle.

Als ich auf dem Gipfel ankomme, kann ich es kaum glauben. So fühlt es sich also an, wenn man einen Berg bezwungen hat! Richtigerweise muss man natürlich sagen, wenn man sich selbst bezwungen hat.

Es ist schier nicht zu fassen, dass ich die 3200 Höhenmeter mit meinen eigenen Beinen erklommen habe. Endorphine fluten das Gehirn und nehmen sämtliche Synapsen unter Beschuss. Man liegt sich in den Armen und klatscht sich selbst auf die Schulter – pausenlos. Man fühlt sich unbesiegbar. Kratzer, Blasen an den Füßen, eisige Kälte, Muskelkater, Hunger, Durst, Schmerz, Verzweifelung – alles weg. Der körpereigene Hormon-Cocktail und die aufgehende Sonne vernebeln einem alle Sinne.

Bevor man endgültig erfriert, muss man sich jedoch wieder mit der Realität befassen. Der Abstieg zurück zum Kraterrand wird weitere eineinhalb Stunden dauern und sehr rutschig werden.

Zurück am Zelt wird es ca. 8 Uhr sein und der Trekking-Tag fängt dann erst richtig an. Nach dem Frühstück folgt der Abstieg in den Krater, Mittagessen am See, dann den Kraterrand wieder raufklettern, um auf der anderen Seite zu zelten.

Muskel- und Gliederschmerzen werden nicht besser. An diesem Tag sind wir 14 Stunden auf den Beinen. Das Bad in den heißen Vulkanquellen kann nur wenig Abhilfe schaffen. Beim Abstieg an Tag drei, spürt man die Blasen an den Füßen schon gar nicht mehr. Man ist darauf trainiert, die Warnsignale seines Körpers zu ignorieren. Auf den steilen Pfaden rutscht man aus, fällt hin, steht wieder auf, auch wenn die Knie weich sind und die Beine zittern.

Nein, es macht keinen Spaß, wirklich nicht.

Aber um Spaß geht es beim Trekking anscheinend auch nicht. Es geht auch nicht darum, irgendwo anzukommen und vielleicht geht es noch nichtmal um die Natur. Es scheint in erster Linie um den Kampf mit oder vielmehr gegen sich selbst zu gehen. Es geht um Beharrlichkeit, ums Durchhalten; darum, sich und seine Gedanken zu fokussieren, sich nicht ablenken zu lassen, nicht ans Aufgeben zu denken, seine Schwäche zu überwinden. Und manchmal geht es auch darum, zu erkennen, dass man das Unmögliche möglich machen kann – mit reiner Willenskraft.

Das Erfolgsgefühl ist nachhaltig, auch wenn – das muss nochmal betont werden – es wirklich keinen Spaß gemacht hat. Ich bereue es keinesfalls das Abenteuer gewagt zu haben; Lust auf eine baldige Wiederholung verspüre dennoch nicht.

Aber wer weiß, wie es ist, wenn der Erfolgsrausch in einigen Wochen abklingt. Vielleicht werde ich dann wieder ein Kribbeln in den Beinen spüren und die neuseeländischen Berge rufen hören.

Man soll ja niemals „nie“ sagen.

Reisende – Folge 3: Der Faker

Der Faker gehört zu nervigsten Personen, die einem auf Reisen begegnen können. Er tritt dabei sowohl in männlicher als auch weiblicher Gestalt auf, wobei auffällt, dass sein Herkunftsland überdurchschnittlich oft Deutschland ist. Der Faker ist immer um die dreißig und hat immer einen Hochschulabschluss. Beheimatet ist er zumeist in der unseriösesten Branche überhaupt, den (Unternehmens-)Beratungen.

Nicht das Fernweh hat den Faker dazu veranlasst, seinen Rucksack aufzuschnallen und loszuziehen, vielmehr war auch diese Entscheidung das Ergebnis einer (Unternehmens-)beratung. Der Faker hat sich nämlich selbst beraten und dabei festgestellt, dass sein Leben jämmerlich und öde ist. Seine Instagram-Likes sind im Keller und seine „Freunde“ wenden sich nur noch gelangweilt ab, wenn er zum tausendsten Mal erzählt, dass er mal wieder irgendwo ein paar Leute um ihre Jobs gebracht hat, um marode Unternehmen noch maroder zu machen und damit für eine lukrative Zerschlagung vorzubereiten.

Der Faker hat in der Folge eine innere Leere verspürt – nicht jedoch mit Einsicht zu verwechseln – die seinen Minderwertigkeitskomplex noch verstärkt hat. Anstatt jedoch das einzig Richtige zu tun und sein hart erspartes Geld zu einem Therapeuten zu tragen, hat er einen neuen Weg erdacht, um seine narzisstische Persönlichkeitsstörung auszuleben: Er wird neuen Content durch Reisen generieren.

In seiner Unternehmensberatung hat er sich dafür exakt sechs Monate beurlauben lassen, um seinen perfekt durchdachten Plan in Rekordgeschwindigkeit abzuarbeiten. Ganz so lange kann er seiner dringend benötigten Karriere dann nämlich doch nicht fernbleiben. In diesen sechs Monaten wird er jedes Land bereisen, dem er Kraft seines unfehlbaren Urteilsvermögens genug Bedeutung beigemessen hat, um mit seiner Anwesenheit beehrt zu werden. Denn sein Ziel ist es, nach seiner Rückkehr die Abgeklärtheit desjenigen zu besitzen, der behaupten kann, er habe schon alles gesehen. Seine Reisegeschwindigkeit macht den Faker – zum Glück – aber auch zu einer Art Gewitter; er verschwindet so schnell wieder, wie er gekommen ist.

Der Faker ist extrem schnell zu enttarnen und noch schneller zu durchschauen. Schon von weitem kann man ihn an seinen Klamotten erkennen. Er (oder sie) hat exakt die Klamotten an, die man anzieht, wenn man nach dem Bürotag auf einer Vernissage eingeladen ist und krampfhaft locker aussehen will. Wenn der Faker im Hostel dann Kurs auf den eigenen Tisch nimmt, dann ist es jedoch bereits zu spät.

Sofort labert der Faker einen voll. Ja, BWL habe er studiert aber jetzt suche er nach den wahren Erfahrungen des Lebens. Er macht einem klar, dass er zu einer gesellschaftlichen Elite gehört, jetzt aber gleichwohl hier im Hostel im Zehner-Schlafsaal nächtigt, denn er suche ja den Kontakt zu den Menschen. „Ja, vielen Dank“ denkt man sich. Sein nicht endenwollender Monolog hat so ungefähr zum Inhalt, dass er – obwohl ja eigentlich was Besseres – jetzt auch einer von uns sei. Was das bedeuten soll, „einer von uns“, fragt man sich. Vermutlich hat einen der Faker längst schon in die Schublade „Banana-Pancake-Trail-Idiot“ – also ungefähr „Bachelor“ – eingeordnet. Das Weltbild des Fakers ist so feststehend, wie das eines AfD-Wählers.

Während man panisch verzweifelte Blicke Richtung Klo, Tür oder gar Fenster wirft, redet sich der Faker in einen Rausch. Wie toll das alles sei, die Erfahrungen, die Gespräche mit den Menschen. Er zwingt einen, sich mit ihm auf Facebook zu befreunden, damit man auch ja keinen seiner Blogspots verpasse oder keines seines Instagram-Bilder auf denen er mit einem kambodschanischen Kind zu sehen ist. „Die Menschen dort seien ja so herzlich“, schwärmt er, während man sich fragt, ob er im gleichen Kambodscha war, wie man selbst. Alles was der Faker erlebt, ist großartig, atemberaubend und überwältigend. Der perfekte gestylte Social-Media-Auftritt des Fakers lässt keinen Zweifel daran, dass er ein Gewinnertyp auf dem Gewinnerpfad ist. Er braucht die Likes, wie ein Junkie sein Heroin, denn mangels innerer Ausgeglichenheit ist die geheuchelte Bewunderung der Menschen (die er eigentlich gar nicht mag) das Einzige, was seiner Existenz eine vermeintliche Bedeutung verleiht.

Während man selbst noch immer kein Wort gesagt hat, versucht man mit seinem psychologischen Halbwissen, die Merkmale einzelner Persönlichkeitsstörungen an ihm herauszuarbeiten. Er macht es einem leicht. Eigentlich ist das das Enttäuschendste am Faker, seine dümmliche Stümperhaftigkeit. Wie kann so jemand sich nur ernsthaft an einen Konferenztisch in einem Unternehmen gesetzt und einem Vorstandsvorsitzenden erklärt haben, wie sich der Karren angeblich aus dem Dreck ziehen lässt? So jemandem würde ich nichtmal eine Sonnenbrille am Strand abkaufen.

Nach ca. einer halben Stunde fängt er dann an, einem leid zu tun. Sitzt da, labert einen Haufen Schwachsinn zusammen und nimmt sich gleichzeitig so furchtbar ernst. Es ist immer dasselbe mit diesen Leuten, die sich selbst zu ernst nehmen; sie sind einfach keine gute Gesellschaft.

Während der Faker unbeholfen an einem Joint zieht, um seine wilde Abenteuerlust zu hervorzuheben, wird es Zeit, selbst auch mal was zum Gespräch beizutragen. Das erste und letzte, was man an so einem Abend sagen wird, ist, dass man müde sei und nun ins Bett müsse. Es ist nicht gelogen.

The wooden boat

Mit der Tauchlizenz in der Tasche reise ich weiter Richtung Westen. Irgendwann muss ich auf Bali ankommen, um meinen Flug nach Australien zu erwischen. Die 500 Kilometer von Flores nach Lombok lege ich in einem Holzboot zurück, denn vom Hörensagen habe ich erfahren, dass das nicht nur eine hervorragende Art zu reisen sei, sondern auch, um die die auf dem Weg liegenden Inseln zu erkunden.

Das Boot fasst 25 Passagiere aber ich muss mir den Platz nur mit einem kanadischen Pärchen teilen. Das habe ich nicht nur der Nebensaison zu verdanken, sondern auch der Tatsache, dass der seicht vor sich hinqualmende Mount Agung auf Bali anscheinend zahlreiche Urlauber der nördlichen Hemisphäre dazu veranlasst hat, ihren Indonesien-Urlaub gleich ganz abzusagen. Für die meisten scheint das Land, dessen Ausmaße man nur als gewaltig beschreiben kann, sich nur auf die Ferieninsel zu erstrecken. Eine Katastrophe für die Tourismusbranche hier, ein Glück für mich.

Wir drei haben jede Menge Platz auf dem doch recht großen Schiff und die sechsköpfige Crew hat verhältnismäßig wenig zu tun. Für sie ist die Fahrt auch eine Art Urlaub. Wir erkunden die Inseln des Komodo-Nationalparks, machen Fotos mit den bis zu drei metergroßen Komodowaranen und schnorcheln mit Schildkröten und Mantarochen.

Wir haben alle drei die „Deckklasse“ gebucht, das heißt, unsere Unterbringung besteht aus einer Isomatte, die wir nach Belieben auf dem Schiff platzieren können. Man rollt zwar bei jeder Welle runter, aber den Sternenhimmel beim einschlafen zu sehen, ist einfach unbezahlbar. Wir stehen ohnehin jeden Tag früh auf, sei es um den Sonnenaufgang vom höchsten Berg der Insel Padar zu genießen oder um eine morgendliche Wanderung zum Wasserfall auf Palau Moyo zu unternehmen.

Ich frage mich zwischendurch mal, wie die Crew das Schiff überhaupt navigiert, so ganz ohne irgendein Instrument. Wenn ich Segeln gehe, gibt es auf den Yachten Radar, Kartenplotter mit AIS, Funk und allerlei technischen Schnickschnack, der auf dem „wooden boat“ offenbar überflüssig ist. Nun ja, die Crew wird schon wissen, was sie tut. Jedenfalls wussten sie es auch, als die Ruderkette gerissen ist – einfach eine Leine dazwischen geknotet und weiter gings. Ob sie es auch wussten, als sich nachts der Anker gelöst hat oder sie mich eine halbe Stunde lang haben fahren lassen, sei mal dahingestellt.

Die Frage nach der Navigation quittiert der Kapitän jedenfalls mit einem Lachen. Meistens würde man ja die Küste sehen und nachts könne man einfach auf die anderen Boote achten. Das habe ich bei meinem Bootsführerschein zwar geringfügig anders gelernt, aber ich bin hier ja auch nicht verantwortlich. Zum Glück bin ich auch nicht fürs Kochen verantwortlich, sondern die Crew; und so gibt es jeden Tag das, was gerade angebissen hat oder beim Schnorcheln eingesammelt wurde.

Kurz vor Lombok legen wir noch einen ungeplanten Zwischenstopp auf der kleinen Insel Medang ein. Auf dem Heimateiland des Kapitäns lernen wir seine drei Frauen kennen und sind bei ihm zu Hause zum Essen eingeladen. Außerdem sammeln wir noch ein paar Inselbewohner ein, die auch nach Lombok wollen. Als die zwölfjährigen Nachbarskinder uns auf ihren Motorrädern die Insel zeigen, wird uns klar, dass vermutlich noch nie ein Tourist einen Fuß auf dieses Land gesetzt hat, denn wir sind eine Attraktion – und gern gesehene Gäste in jeder Hütte.

Nachdem wir wieder abgelegt haben und die Nacht hereinbricht, können wir Sternschnuppen zählen während am Horizont schon die ersten Lichter Lomboks zu erahnen sind.

Unter Wasser

In Indonesien starte ich auf der Insel Flores, wo ich auf dem kleinsten Flughafen aller Zeiten in Labuan Bajo ankomme. In der kleinen Hafenstadt selbst ist nicht viel los. Die Kulisse hat sich im Vergleich zu Singapur wieder radikal verändert. Die Menschen wohnen in Hütten und die Straßen sind staubig. Fünf mal am Tag ruft der Muezzin zum Gebet, weil in Labuan Bajo – im Gegensatz zum Rest der Insel – verhältnismäßig viele Moslems leben. Es erinnert ein wenig an Kambodscha, scheint aber gleichzeitig nicht halb so arm zu sein. Das Highlight ist der Fischmarkt am Hafen, wo die Fische ohne Eis auf den Tischen liegen. Man sucht sich den Fisch einfach nach Farbenpracht und Schönheit durch zeigen aus und kann sich sogleich selbst – mittels eines Blickes in die Kiemen – davon überzeugen, dass er seinen letzten Atemzug vor weniger als einer Stunde getan hat.

Fische sind auch der Grund, warum es mich hierher verschlagen hat. Allerdings nicht die auf dem Teller, sondern die lebenden unter Wasser. West-Flores grenzt an den knapp 2000 Quadratkilometer großen Komodo-Nationalpark, der zu einem guten Drittel aus Inseln besteht, die die Heimat der legendären Riesenkomodowarane sind und zu zwei Dritteln aus Wasser. Hier – so heißt es – sei eines der besten Tauchreviere der Welt; und ich will tauchen lernen.

Meine Basis für dieses Unterfangen wird das „Komodo Dragon Dive Hostel“. Eine bunte Oase zwischen den eher slumartig wirkenden Hütten, erdacht und vor fünf Monaten erbaut und eröffnet von Manu, einem französischen Visionär, der hier mit Ende Zwanzig seinen Traum lebt. Er war selbst die meiste Zeit seines Lebens ein Reisender und hat einen Ort für Reisende geschaffen, der kaum Wünsche offen lässt. Nur die Nachbarn waren anfangs nicht begeistert, hatten sie doch von ihren Fenstern nun besten Blick auf leichtbekleidete Mädels am Pool. Na ja, vielleicht waren es auch eher die Ehefrauen der Nachbarn, die ihre Männer, die nun häufiger mit dem Handy filmend am Fenster zu sehen waren, auch mal wieder von vorn sehen wollten. Eine große bunte Sichtschutzwand konnte den Frieden schließlich wieder herstellen.

Hier im Hostel hängen die Tauchlehrer abends zusammen mit den Travellern und Tauchschülern beim Bier ab, während alle durch das gemeinsame Interesse zusammengeschweißt sind. Bierpong-Turniere und Erfahrungsaustausch gehen hier Hand in Hand.

Tauchen ist ein bisschen wie Segeln: Macht man es das erste Mal, dann scheint es furchtbar kompliziert; und so heißt es auch erstmal Theoriewissen büffeln und sich mit dem umfangreichen Equipment vertraut machen, bevor es rausgeht. Was ich dann am nächsten Tag erfahre, als ich die Luft aus meiner „BC-Weste“ ablasse und abtauche, lässt sich nur schwer beschreiben. Die ersten Atemzüge unter Wasser sind wie ein kleines Wunder. Die Natur ist ausgetrickst, das Unmögliche ist möglich geworden. In etwa so, wie wenn man das erste Mal in einem Flugzeug sitzt. Unterwasser ist es allerdings deutlich interessanter als in der Luft, denn hier ist tatsächlich eine weitere Welt, von der ich vorher bestenfalls eine grobe Ahnung hatte, deren tatsächliche Existenz mich dann aber doch in großes Erstaunen versetzt. Endlose bunte Korallenriffe und die gesamte Besetzung aus „Findet Nemo“ in tausendfacher Ausführung. Vielleicht bin ich auch deshalb so verblüfft, weil ich irgendwie angenommen habe, dass der Mensch all diese Wunder längst zerstört habe und bunte Fische nur noch in Aquarien und Animationsfilmen existieren. Aber hier ist alles echt, alles ist wirklich da, vor meiner Nase.

Man muss sich anfangs wirklich konzentrieren, dass man vor lauter Staunen nicht vergisst, sich noch um die zahllosen Dinge zu kümmern, die den Aufenthalt hier überhaupt möglich machen. Man kann zwar in knapp zwanzig Meter Tiefe atmen, als wäre man an der Oberfläche, aber man ist nicht an der Oberfläche sondern dort, wo kein Mensch für gewöhnlich lebensfähig ist. Alles muss man ständig im Blick haben: Atmung, Auftrieb, Atemluft, den Dive-Buddy, den Tauchlehrer, die Korallen, die Strömung und so weiter. Auch das ist wie beim Segeln: Wirklich gefährlich ist es nicht, solange man alles im Blick hat und keine Fehler macht, bzw. wenn man welche macht, nicht in Panik ausbricht. Aber wenn man das erste unwohlige Gefühl erstmal überwunden hat, dann fällt es leicht, nicht in Panik auszubrechen, denn alles ist unfassbar friedlich hier unten. Alle Meeresbewohner gehen gelassen ihren Geschäften nach, während man zum Blubbern der eigenen Atmung schwerelos als Gast dabei zusehen darf. Niemand lässt sich hier von uns stören. Ich hatte zunächst befürchtet, das vielleicht einige potentiell gefährliche Tierchen es wenig lustig finden, wenn man in ihren Lebensraum eindringt. Aber Scorpion-, Stein-, Löwen- und Rotfeuerfische denken gar nicht daran, streit mit uns anzufangen. Stachelrochen und Muränen liegen friedlich am Boden und warten auf ihre Beute, zu der wir offensichtlich nicht gehören und als wir die ersten – immerhin eineinhalbmeter großen – Riffhaie sichten, suchen diese lieber schnell das Weite, anstatt uns ein Bein abzubeißen. Nur die riesigen Manta-Rochen mit ihrer Spannweite von vier Metern sind neugierig und schauen interessiert unseren ersten Gehversuchen hier unten zu. Obwohl noch bis vor kurzem unter Seeleuten zahlreiche Horrorgeschichten über die anmutigen Tiere kursierten, sind sie völlig harmlose Planktonfresser, die mit Sicherheit noch niemals ein Schiff samt Besatzung in die Tiefe gerissen haben. Direkt neben so einem riesigen Tier im Wasser zu schweben, gehört auf alle Fälle zu den eindrucksvollsten Erfahrungen, die ich bislang auf meiner Reise gemacht habe. Einige der erfahreneren Taucher haben mir jedoch gleich mit auf den Weg gegeben: Gewöhn dich nicht dran, es ist nicht überall so schön.

Beinahe möchte man annehmen, dass die Welt hier unten noch in Ordnung sei, aber das ist sie natürlich nicht. Fast alle dieser Tiere sind in irgendeiner Form durch den Menschen bedroht, sei es weil sie köstlich sind oder wichtiger Bestandteil von traditioneller chinesischer Medizin. Noch offensichtlicher ist aber auch hier in Indonesien die Vermüllung der Ozeane. An der Oberfläche ist es haarsträubend aber auch unter der Oberfläche sieht man dann und wann Plastikmüll. Ich bin kein Ökofreak, aber um zu erkennen, dass das alles katastrophale Auswirkungen hat und haben wird, braucht es nur ein bisschen gesunden Menschenverstand. Vom Offensichtlichen mal abgesehen, muss man sich auch klar machen, dass die ganzen Fische, die das Plastik essen, früher oder später auch auf unseren Tellern landen – und sei es, weil ein kleiner Fisch im Bauch eines Thunfischs landet, der dann schon morgen auf einer Berliner Pizza liegt. Ich nehme mir vor, irgendeine Organisation zu unterstützen, die sich den Schutz der Ozeane auf die Flagge geschrieben hat. Man kann nicht aufhören, sich zu fragen, warum zum Teufel das hier niemanden ernsthaft zu interessieren scheint. Mein Bewusstsein für die Müllproblematkik ist durchs Tauchen zwar in diesem Moment besonders geschärft, was jedoch nicht heißen soll, dass es in den übrigen Ländern Südostasiens auch nur ein bisschen besser wäre – im Gegenteil. Vielleicht ist es ja noch nicht zu spät, diese großartigen Lebensräume zu retten.

Nach drei Tagen halte ich dann endlich meine „Open Water Diver“-Lizenz in den Händen. Der Grundstein für ein weiteres exorbitant teures Hobby wäre damit also gelegt und ich kann nur jeden warnen: Es macht sehr, sehr schnell süchtig.