Unter Wasser

In Indonesien starte ich auf der Insel Flores, wo ich auf dem kleinsten Flughafen aller Zeiten in Labuan Bajo ankomme. In der kleinen Hafenstadt selbst ist nicht viel los. Die Kulisse hat sich im Vergleich zu Singapur wieder radikal verändert. Die Menschen wohnen in Hütten und die Straßen sind staubig. Fünf mal am Tag ruft der Muezzin zum Gebet, weil in Labuan Bajo – im Gegensatz zum Rest der Insel – verhältnismäßig viele Moslems leben. Es erinnert ein wenig an Kambodscha, scheint aber gleichzeitig nicht halb so arm zu sein. Das Highlight ist der Fischmarkt am Hafen, wo die Fische ohne Eis auf den Tischen liegen. Man sucht sich den Fisch einfach nach Farbenpracht und Schönheit durch zeigen aus und kann sich sogleich selbst – mittels eines Blickes in die Kiemen – davon überzeugen, dass er seinen letzten Atemzug vor weniger als einer Stunde getan hat.

Fische sind auch der Grund, warum es mich hierher verschlagen hat. Allerdings nicht die auf dem Teller, sondern die lebenden unter Wasser. West-Flores grenzt an den knapp 2000 Quadratkilometer großen Komodo-Nationalpark, der zu einem guten Drittel aus Inseln besteht, die die Heimat der legendären Riesenkomodowarane sind und zu zwei Dritteln aus Wasser. Hier – so heißt es – sei eines der besten Tauchreviere der Welt; und ich will tauchen lernen.

Meine Basis für dieses Unterfangen wird das „Komodo Dragon Dive Hostel“. Eine bunte Oase zwischen den eher slumartig wirkenden Hütten, erdacht und vor fünf Monaten erbaut und eröffnet von Manu, einem französischen Visionär, der hier mit Ende Zwanzig seinen Traum lebt. Er war selbst die meiste Zeit seines Lebens ein Reisender und hat einen Ort für Reisende geschaffen, der kaum Wünsche offen lässt. Nur die Nachbarn waren anfangs nicht begeistert, hatten sie doch von ihren Fenstern nun besten Blick auf leichtbekleidete Mädels am Pool. Na ja, vielleicht waren es auch eher die Ehefrauen der Nachbarn, die ihre Männer, die nun häufiger mit dem Handy filmend am Fenster zu sehen waren, auch mal wieder von vorn sehen wollten. Eine große bunte Sichtschutzwand konnte den Frieden schließlich wieder herstellen.

Hier im Hostel hängen die Tauchlehrer abends zusammen mit den Travellern und Tauchschülern beim Bier ab, während alle durch das gemeinsame Interesse zusammengeschweißt sind. Bierpong-Turniere und Erfahrungsaustausch gehen hier Hand in Hand.

Tauchen ist ein bisschen wie Segeln: Macht man es das erste Mal, dann scheint es furchtbar kompliziert; und so heißt es auch erstmal Theoriewissen büffeln und sich mit dem umfangreichen Equipment vertraut machen, bevor es rausgeht. Was ich dann am nächsten Tag erfahre, als ich die Luft aus meiner „BC-Weste“ ablasse und abtauche, lässt sich nur schwer beschreiben. Die ersten Atemzüge unter Wasser sind wie ein kleines Wunder. Die Natur ist ausgetrickst, das Unmögliche ist möglich geworden. In etwa so, wie wenn man das erste Mal in einem Flugzeug sitzt. Unterwasser ist es allerdings deutlich interessanter als in der Luft, denn hier ist tatsächlich eine weitere Welt, von der ich vorher bestenfalls eine grobe Ahnung hatte, deren tatsächliche Existenz mich dann aber doch in großes Erstaunen versetzt. Endlose bunte Korallenriffe und die gesamte Besetzung aus „Findet Nemo“ in tausendfacher Ausführung. Vielleicht bin ich auch deshalb so verblüfft, weil ich irgendwie angenommen habe, dass der Mensch all diese Wunder längst zerstört habe und bunte Fische nur noch in Aquarien und Animationsfilmen existieren. Aber hier ist alles echt, alles ist wirklich da, vor meiner Nase.

Man muss sich anfangs wirklich konzentrieren, dass man vor lauter Staunen nicht vergisst, sich noch um die zahllosen Dinge zu kümmern, die den Aufenthalt hier überhaupt möglich machen. Man kann zwar in knapp zwanzig Meter Tiefe atmen, als wäre man an der Oberfläche, aber man ist nicht an der Oberfläche sondern dort, wo kein Mensch für gewöhnlich lebensfähig ist. Alles muss man ständig im Blick haben: Atmung, Auftrieb, Atemluft, den Dive-Buddy, den Tauchlehrer, die Korallen, die Strömung und so weiter. Auch das ist wie beim Segeln: Wirklich gefährlich ist es nicht, solange man alles im Blick hat und keine Fehler macht, bzw. wenn man welche macht, nicht in Panik ausbricht. Aber wenn man das erste unwohlige Gefühl erstmal überwunden hat, dann fällt es leicht, nicht in Panik auszubrechen, denn alles ist unfassbar friedlich hier unten. Alle Meeresbewohner gehen gelassen ihren Geschäften nach, während man zum Blubbern der eigenen Atmung schwerelos als Gast dabei zusehen darf. Niemand lässt sich hier von uns stören. Ich hatte zunächst befürchtet, das vielleicht einige potentiell gefährliche Tierchen es wenig lustig finden, wenn man in ihren Lebensraum eindringt. Aber Scorpion-, Stein-, Löwen- und Rotfeuerfische denken gar nicht daran, streit mit uns anzufangen. Stachelrochen und Muränen liegen friedlich am Boden und warten auf ihre Beute, zu der wir offensichtlich nicht gehören und als wir die ersten – immerhin eineinhalbmeter großen – Riffhaie sichten, suchen diese lieber schnell das Weite, anstatt uns ein Bein abzubeißen. Nur die riesigen Manta-Rochen mit ihrer Spannweite von vier Metern sind neugierig und schauen interessiert unseren ersten Gehversuchen hier unten zu. Obwohl noch bis vor kurzem unter Seeleuten zahlreiche Horrorgeschichten über die anmutigen Tiere kursierten, sind sie völlig harmlose Planktonfresser, die mit Sicherheit noch niemals ein Schiff samt Besatzung in die Tiefe gerissen haben. Direkt neben so einem riesigen Tier im Wasser zu schweben, gehört auf alle Fälle zu den eindrucksvollsten Erfahrungen, die ich bislang auf meiner Reise gemacht habe. Einige der erfahreneren Taucher haben mir jedoch gleich mit auf den Weg gegeben: Gewöhn dich nicht dran, es ist nicht überall so schön.

Beinahe möchte man annehmen, dass die Welt hier unten noch in Ordnung sei, aber das ist sie natürlich nicht. Fast alle dieser Tiere sind in irgendeiner Form durch den Menschen bedroht, sei es weil sie köstlich sind oder wichtiger Bestandteil von traditioneller chinesischer Medizin. Noch offensichtlicher ist aber auch hier in Indonesien die Vermüllung der Ozeane. An der Oberfläche ist es haarsträubend aber auch unter der Oberfläche sieht man dann und wann Plastikmüll. Ich bin kein Ökofreak, aber um zu erkennen, dass das alles katastrophale Auswirkungen hat und haben wird, braucht es nur ein bisschen gesunden Menschenverstand. Vom Offensichtlichen mal abgesehen, muss man sich auch klar machen, dass die ganzen Fische, die das Plastik essen, früher oder später auch auf unseren Tellern landen – und sei es, weil ein kleiner Fisch im Bauch eines Thunfischs landet, der dann schon morgen auf einer Berliner Pizza liegt. Ich nehme mir vor, irgendeine Organisation zu unterstützen, die sich den Schutz der Ozeane auf die Flagge geschrieben hat. Man kann nicht aufhören, sich zu fragen, warum zum Teufel das hier niemanden ernsthaft zu interessieren scheint. Mein Bewusstsein für die Müllproblematkik ist durchs Tauchen zwar in diesem Moment besonders geschärft, was jedoch nicht heißen soll, dass es in den übrigen Ländern Südostasiens auch nur ein bisschen besser wäre – im Gegenteil. Vielleicht ist es ja noch nicht zu spät, diese großartigen Lebensräume zu retten.

Nach drei Tagen halte ich dann endlich meine „Open Water Diver“-Lizenz in den Händen. Der Grundstein für ein weiteres exorbitant teures Hobby wäre damit also gelegt und ich kann nur jeden warnen: Es macht sehr, sehr schnell süchtig.

Disneyland mit Todesstrafe

Dem Zufall – oder vielmehr dem Vulkan auf Bali – habe ich es zu verdanken, dass ich zwei Tage in Singapur bin. Auf meiner ursprünglichen Route war der Stadtstaat eigentlich nicht vorgesehen, weil er bekanntermaßen exorbitant teuer ist. Und so treffe ich in meinem Hostel auch keine anderen Backpacker sondern nur Leute, deren Aufenthaltszweck sich mir nicht wirklich erschließt, die sich aber offensichtlich auch nichts anderes leisten können. Mit 15 Euro pro Nacht ist es hier viermal so teuer wie in Vietnam – dafür kriegt man aber dreimal so wenig Komfort geboten.

Die Stadt dagegen ist durchaus sehenswert. Ich wette, jeder Architekt würde beim Spaziergang um die Marina Bay ganz wuschig werden. Alles wurde hier sorgsam am Reißbrett arrangiert und wenn die Sonne hinter der Skyline verschwindet und alles zu leuchten beginnt, dann kommt man sich vor wie in einem kleinem Wunderland. Hier fahren die U-Bahnen längst ohne Fahrer und die Rentner haben Chipkarten, mit denen sie an den Ampeln die Grünphasen für Fußgänger verlängern können. Es gibt ausgezeichnetes Essen und superschicke Bars mit Bier für 12 Euro, wo das blasse Bürovolk sich den Feierabend schöntrinken kann. Es ist ein Disneyland für „white collar worker“. Ein Disneyland mit strengen Regeln und drakonischen Strafen. Nirgends darf man Rauchen und tut man es doch, muss man gleich ein halbes Jahresgehalt Strafe bezahlen. Für den Besitz kleinster Mengen Gras wird man hingerichtet und was immer auch in Singapur als unangemessenes Verhalten gegenüber Frauen gelten mag, kann mit Prügelstrafe geahndet werden. Man kann hier zwar in jeder Bar sein iPhone auf dem Tisch liegen lassen, während man aufs Klo geht, kann dann aber keinesfalls sicher sein, nicht dafür bestraft zu werden im Stehen zu pinkeln. Ständig fragt man sich, ob Dieses oder Jenes erlaubt ist oder ob das Überqueren der Straße bei Rot gleich mit 1000 Singapur-Dollar zu Buche schlägt. Essen und trinken in der U-Bahn ist jedenfalls mit 300 Euro aufwärts bepreist.

In Phnom Penh musste man sich „nur“ darum sorgen, nicht überfallen zu werden, was unterm Strich sicher günstiger gewesen wäre, als hier ein (ohnehin verbotenes) Kaugummi auf die Straße zu spucken. Hier muss man sich bei jedem Schritt unter den allgegenwärtigen Kameras und Dronen fragen, ob man nicht gegen irgendein unsinniges Gesetz verstößt. Der Chillfaktor leidet jedenfalls ein wenig unter dieser Polizeistaatmentalität.

Natürlich schaue ich auch im Marina Bay Sands Hotel vorbei – jedenfalls um einen Blick von der Aussichtsplattform zu werfen. Bei meinem Streifzug durch den Luxusbunker kommt mir mein Fünf-Sterne-Hotel in Kuala Lumpur wie ein Rattenloch vor. Wie wäre es wohl, hier für eine Woche abzusteigen? Zimmer neben der Stadtautobahn gibt es schon für 300€ die Nacht. Der riesige Dachgarten, der natürlich nur für Hotelgäste zugänglich ist, sieht durchaus verlockend aus. Ich überlege eine Sekunde lang, einen Aufenthalt hier auf meine Bucket-List zu setzen, bevor mir klar wird, wie lächerlich der Gedanke ist. Ein Hotelaufenthalt für mehrere tausend Euro auf der Bucket-List? Wenn es so weit gekommen ist, hat man wohl endgültig das Wesentliche aus den Augen verloren. Außerdem möchte ich mich keinesfalls unter diese neureichen Prolls mischen, die hier über die Gänge stolzieren. Der Blick von der Aussichtsplattform ist trotzdem atemberaubendend.

Beim anschließenden Spaziergang durch die Innenstadt versuche ich eine Bar zu finden, in der man auch in Shorts und T-Shirt einkehren kann und nicht den Gegenwert einer Nacht im Hostel für ein Bier auf den Tresen legen muss. Während ich umherstreife, wird mir klar, was das Problem der Stadt ist: Sie hat keine Seele. Wie ein perfekter Körper ohne Geist. Eine Hülle wie eine bunte Filmkulisse ohne Leben hinter den Fenstern. Es gibt keine alternative Szene und keine Kunst – jedenfalls keine, die nicht eingekauft wurde.

Obwohl hier Menschen aus aller Herren Ländern mit verschiedensten Religionen friedlich zusammenleben, zeichnet sich die Stadt durch völlige Abwesenheit von Kultur aus. Die Stadt scheint einfach keinen fruchtbaren Boden für die Entfaltung von künstlerischer Kreativität zu bieten.

Irgendwie scheint man sich dieses Problems in Singapur auch bewusst zu sein, denn man kann durchaus Anstrengungen erkennen, die Stadt zu einem Ort der Kunst zu machen. Auf staatliches Betreiben hin wurden Museen eröffnet und internationale Galeristen in die Stadt gelockt. Dem liegt natürlich das Missverständnis zu Grunde, dass der Import einer Kunstbranche gleichbedeutend mit der Etablierung einer Kunstkultur sei. Eine solche Kultur setzt jedoch mindestens die Anwesenheit von Künstlern voraus, von denen sich nach wie vor kein Einziger hierher verirren würde. Die Einsicht, dass man Kultur nicht kaufen kann, wird sich in einer Stadt, in der Geld das Wichtigste ist, wohl niemals durchsetzen. Kultur kann nur organisch wachsen. Und genau das ist das Dilemma dieser Hauptstadt des Designs, denn das organisch Gewachsene ist stets der natürliche Feind des Designs.

KL

KL, so nennen Einheimische (und jeder, der das mal aufgeschnappt hat – also auch ich) die Hauptstadt Malaysias, Kuala Lumpur. Ich mache hier ein paar Tage Zwischenstopp und weil ich mal irgendwo gelesen habe, dass man hier in 5-Sterne-Hotels für den Preis einer Tankfüllung absteigen kann, sitze ich gerade in einem 40-Quadratmeter-Zimmer mit Blick auf die Skyline und im einem Klo mit integriertem Bidet.

Lustig, denke ich: Gestern habe ich noch in einer runtergerockten Hanoier Altstadt-Bar Happy-Ballons konsumiert und heute lasse ich mich mit „Sir“ anreden und muss mich im „Club“ des Hotels an den Dresscode halten. From rags to riches; na ja nicht ganz, denn in meinem Budget sind solche Eskapaden eigentlich nicht vorgesehen. Aber was soll’s? Ich mache hier eh was ich will.

Kuala Lumpur ist auf eine Art eine unwirkliche Stadt. Eine Stadt, von der man weiß, dass sie existiert aber auch nicht viel mehr. Natürlich kannte ich die ikonische Skyline mit den Petronas-Twin-Towers, aber ehrlich gesagt, wusste ich vor ein paar Jahren noch nichtmal wo Malaysia genau liegt.

Ich nutze meine Luxussuite zum Durchatmen, ich fühle nämlich eine leichte Reiseerschöpfung. Es ist kein Heimweh, aber mein Interesse an der Stadt da unten vor meinem Fenster hält sich gerade irgendwie in Grenzen. An meinem riesigen Schreibtisch schreibe ich ein paar längst überfällige E-Mails und skype mit diversen Menschen, die mir wichtig sind.

Nachdem die Twin-Towers erklommen und die wichtigsten Eckpunkte der Stadt abgegrast sind, packe ich meinen Rucksack, um zum Flughafen zu fahren. Strand und Sonne auf Bali werden mein Gemüt schon wieder aufhellen. Eine Stunde bevor ich los will, checke ich nochmal den Flugstatus und stelle fest, was nicht ganz unvorhersehbar war, bislang jedoch von meiner optimistischen Einstellung erfolgreich beiseite geschoben wurde: Der Flug ist wegen des Vulkanausbruchs gestrichen. Das fällt AirAsia natürlich drei Stunden vor Abflug ein und das, obwohl der Flughafen auf Bali noch nichtmal geschlossen ist – im Gegensatz zu dem auf Lombok, weshalb spontanes Ausweichen dorthin auch nicht möglich ist.

Immerhin bin ich noch nicht am Flughafen und ziehe erstmal in ein Hostel um, um die laufenden Kosten wieder auf ein handhabbares Niveau zu drücken. Im Hostel suche ich andere Flugrouten nach Indonesien; ich bin allerdings nicht der einzige und die Preise gehen durch die Decke.

Eigentlich wollte ich auch die S. – mit der ich schon zusammen auf der Transsib war – auf Bali treffen. Lange haben wir überlegt, wann und wo sich unsere Wege wieder kreuzen würden. Die letzte Gelegenheit ist nun vom Vulkan endgültig weggepustet worden.

Jetzt fühle ich mich noch erschöpfter. Ich gehe eine Runde spazieren, aber die Stadt nervt mich. Als ich – wieder im Hostel – auf meinem Bett liege, vibriert mein Handy. Ich hatte meinen Vermieter gefragt, ob er die Untervermietung meiner Wohnung noch ein paar Monate länger genehmigen würde. Er schreibt, ich solle die Wohnung gleich komplett an ihn zurückgeben, „das wäre wohl für alle das Beste“. Ich habe ja schon immer geahnt, dass er wahnsinnig ist und war froh, dass er mich bislang in Ruhe gelassen hat. Jetzt hab ich es schwarz auf weiß, dass er nicht mehr alle Tassen im Regal hat. Natürlich ist mir klar, dass er mich nicht einfach rauswerfen kann, aber die Vorstellung, das mit ihm vom Ende der Welt aus zu diskutieren, lässt Übelkeit in mir aufkommen. Die Vorstellung einige Monate auf die Mietzahlungen der Untermieterin zu verzichten auch.

Ich möchte den Mülleimer in meinem Dorm weggetreten, aber ich bin zu müde. Ich fühle ich mich leer und ein wenig verloren. Nicht, weil mich die Sache mit der Wohnung finanziell ruinieren würde oder weil ich ernsthaft befürchte, keinen Weg nach Indonesien zu finden, es ist einfach ein kurzzeitiger Krisenzustand, hervorgerufen durch widrige Umstände gepaart mit Erschöpfung. Jeder Reisende kennt das Gefühl, wenn mal alles zu viel wird und man nur noch kotzen möchte. Ja, auch das gehört dazu und es trifft Jeden mal. Vielleicht muss es ja so sein, denke ich, vielleicht kann man die Hochs ohne die Tiefs ja auch gar nicht richtig wertschätzen. Solche pseudoschlauen Erkenntnisse helfen in der Situation selbst aber natürlich kein bisschen weiter.

Ich gehe runter ins Restaurant, bestelle Essen, habe aber keinen Hunger. Eigentlich will ich ins Bett und diesem Tag durch Schlaf endgültig entfliehen, aber ich bin ruhelos. Ich gehe in die Rooftop-Bar und trinke den Gin-Tonic, den jeder Gast als Welcome-Drink bekommt. Ich suche Zuspruch und körperliche Nähe und finde sie bei einer anderen Backpackerin, die dort ebenfalls allein sitzt.

Am nächsten Tag kommt die K. ins Hostel. Der ausgefallene Flug hat uns ein unerwartetes Wiedersehen beschert. Auch sie kennt natürlich diese kleinen Krisen, die einen dann und wann ereilen. Wir betrinken uns auf der Dachterrasse und versinken in endlose Gespräche über das Reisen und das Leben, während die Petronas-Towers in der Skyline funkeln, als sei das hier New-York. Irgendwie surreal alles.

Am nächsten Morgen buche ich beim Frühstück Flüge nach Singapur und Flores, während die Sonne sich langsam ihren Weg durch die Wolken bahnt.

Silver lining.

Home Noi

Hanoi hat eine besondere Bedeutung für mich erlangt, denn es ist bislang der einzige Ort meiner Reise, an den ich vier Mal zurückgekehrt bin. Die Stadt ist damit zu einem merkwürdig vertrauten Ort geworden, an dem die Mitarbeiter des fabulösen Cocoon Inn Hostels mich schon mit „welcome back“ begrüßen.

Ich mag Hanoi. Nicht nur weil ich mittlerweile weiß, wo es das beste Streetfood gibt, sondern auch weil in der Altstadt so ein gemütliches Chaos herrscht. Nicht so ein stressiges Chaos, wie in Bangkok oder Shanghai, nein, ein entspanntes Chaos. Überwältigende Sehenswürdigkeiten gibt es indes nicht. Vielmehr sind es die kleinen Dinge, die man entdeckt, wenn man sich ein Stück vom Gewusel der engen Gassen treiben lässt. Da ist zum Beispiel der Bun-Cha-Laden, in dem schon Obama gespeist hat – kein Sterne-Restaurant, eher einer dieser kleinen versteckten Läden, in denen es keine Hygiene-Standards gibt, das Essen dafür aber umso besser schmeckt. Man kann hier die Obama-Combo bestellen: Bun Cha, Beer Ha Noi und eine frittierte Seafood Frühlingsrolle.

In Hanoi vergeht die Zeit wie im Flug, ohne dass man von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hetzt. Man kann hier stundenlang im Café sitzen und dem geschäftigen Treiben zusehen, während der typische, vietnamesische Kaffee quälend langsam aus seinem silbernen Filtertöpfchen auf die süße und zähflüssige Kondensmilch am Boden des Glases tropft.

Wir trinken ein Bier auf der Trainstreet, die eigentlich keine Straße, sondern eine Eisenbahntrasse ist. Trotzdem sind links und rechts kleine Geschäfte und Bars für die Locals die hier in ihren offenen Wohnzimmern nur wenige Zentimeter von den vorbeirauschenden Zügen entfernt vor ihren Fernsehern sitzen. Die Besitzerin des Train-Cafés weist uns an, in der Mitte zwischen den Gleisen Platz zu nehmen, da der Rand des Gleisbetts den Locals als Bürgersteig dient und diese wenig Lust haben, über biertrinkende Traveller hinwegzuklettern. Der vietnamesische Fahrplan ist bestenfalls eine grobe Empfehlung und so weiß man nie genau, wann sich hier ein Zug sein Terrain zurückerobert. Wir kriegen es natürlich nicht mit, als die Straßen, die die Trainstreet kreuzen, gesperrt werden, aber die Besitzerin hat nicht zum ersten Mal Touristen in ihrem Café sitzen und scheucht uns auf. In Windeseile schnappen wir unsere Biere und die für Vietnam typischen winzigen Plastikstühlchen, auf denen wir sitzen und drücken unsere Rücken gegen die Wände der angrenzenden Häuser. Ich traue meinen Augen nicht, als nur wenige Sekunden später tatsächlich ein Zug zehn Zentimeter vor meiner Nase durch die Gasse brettert. Keine Lore und kein Schienenbus – ein richtiger Fernzug, der so hoch ist, wie die angrenzenden Hütten und keinen Gedanken daran verschwendet, die Geschwindigkeit zu drosseln, nur weil er gerade durch eine Fußgängerzone rast. Ein Erlebnis, dass ich ganz sicher nie vergesse und ich kriege einen Lachkrampf, wenn ich mir den Gesichtsausdruck eines deutschen Ordnungsbeamten vorstelle, der diese Szene mitansehen müsste. Wie viele Unfälle es hier schon gegeben hat, bringe ich mal besser nicht in Erfahrung.

Hier in Hanoi habe ich auch mein erstes Thanksgiving gefeiert. D. und ein paar andere Amerikaner haben darauf bestanden, als ginge es um Weihnachten oder noch was Wichtigeres. So komme ich in Vietnam noch zu Truthahn mit Preisselbeeren, Kartoffelbrei und Bratensoße. Ist der Sinn von Thanksgiving eigentlich, dass man sich überlegt, wofür man so dankbar ist im Leben? Falls ja, müsste ich nicht lange nachdenken. Eine Aufzählung an dieser Stelle ist jedoch nicht nötig; es genügt, wenn man für sich selbst Gewissheit hat. Ich sehe in die Runde von Fremden, die zu Freunden geworden sind und werde ein bisschen wehmütig. Es ist unser letzter gemeinsamer Abend, meine letzte Nacht in Hanoi und auch in Vietnam – und es war eine verdammt gute Zeit. Morgen früh geht mein Flug nach Kuala Lumpur.

True north

Nach einem weiteren Zwischenstopp in Hanoi brechen wir in den Norden auf, um zu Wandern und eine Motorradtour zu unternehmen. Der Norden gehört – glaubt man den Leuten – zu den „must sees“ in Vietnam. Aber was gehört hier eigentlich nicht dazu, in diesem vielseitigen Land? Traditionell ist Sapa im Norden der erste Anlaufpunkt, aber der Bus dorthin war im Hostel bereits ausgebucht. Am Busbahnhof finden wir einen Schlepper, der uns in unseriösester Weise zu einem anderen Busunternehmen überredet. Was solls? Sapa oder nicht Sapa ist hier die Frage.

Als wir in Sapa ankommen sehen wir: nichts. Die Stadt in den Bergen ist in dichten Nebel gehüllt und außerdem ist es bitterkalt. Überraschung: In Nord-Vietnam gibt es vier Jahreszeiten und gerade ist Winter. Hier hat man im November auch schon mal Schnee gesehen. Alles erinnert an einen Skiort in den Alpen: Bars mit Musik, Läden mit (allerdings gefälschten) North-Face-Klamotten und steile Bergstraßen. Für einen ganz kurzen Moment bekomme ich Lust, Ski zu fahren und vermisse den europäischen Winter. Der Moment ist allerdings wirklich sehr kurz und schnell wird uns klar, dass es keinen Grund für uns gibt, hier länger zu verweilen. Am nächsten Tag brechen wir also nach Ha Giang – ebenfalls im Norden – auf. Der Kleinbus ist dermaßen überfüllt und unbequem, dass die achtstündige Fahrt es mühelos in meine Top 5 der furchtbarsten Busfahrten auf dieser Reise schafft. Die mörderische Fahrweise des sogenannten Busfahrers wird auch nicht besser, als er seine Nerven in der Mittagspause mit einem großem Bier beruhigt; seine Lust auf asiatischen Trash-Techno in voller Lautstärke leider auch nicht.

In Ha Giang angekommen, ist das Wetter jedenfalls trocken und wir organisieren uns Motorräder. Eine Motorradtour gehört in Vietnam zum Pflichtprogramm und wer sich nicht gleich für 100 Dollar ein Motorrad kauft und damit quer durchs Land fährt, der mietet eben eins für ein paar Tage. Ursprünglich hatte ich das schon in Hoi An geplant, aber der Taifun Damrey hatte für den Landstrich zu der Zeit bekanntermaßen andere Pläne. Jetzt aber starten wir mit ca. 15 Leuten zum legendären „Northern Loop“. Unsere Karawane schlängelt sich die Serpentinen hoch und es ist ein großartiges Gefühl nach den ganzen Busfahrten endlich wieder selbst Gas zu geben. Die Straßen entsprechen ebensowenig europäischen Standards, wie die Verkehrssitten. Es geht durchaus abenteuerlich zu auf den engen Pässen. LKWs überholen einen bergab und wollen bergauf selbst überholt werden. Busse tauchen mit ungeheuerer Geschwindigkeit hinter den Felswänden auf und seine Begleiter muss man ebenfalls stets im Blick haben.

Da ich mit einigen Anderen eine zweistündige Hotpot-Mittagspause einlege, teilt sich die Gruppe am Nachmittag und weil mein Kumpel D. vietnamesisch spricht, pfeifen wir auf die Karte und auf Google Maps. Wir fragen die Einheimischen nach dem Weg. Ein Fehler, wie sich bald herausstellt, denn der uns gewiesene Weg ist zwar der kürzeste aber nicht der komfortabelste. Wir nehmen die Abkürzung und fahren direkt über den Berg. Die Straße, die auf keiner Karte verzeichnet ist, befindet sich in einem Zustand irgendwo zwischen zerstört und im Bau. Erdrutsche und Steinschläge bestimmen das Bild und unsere Motorräder ächzen unter der Last, als sie sich durch Schlamm und Geröll wühlen. Die Sichtweite beträgt zwischendurch weniger als zwei Meter und ich habe ein Skiunterhemd, drei T-Shirts, einen Hoodie, eine Softshelljacke und eine Regenjacke übereinander an. All das Zeug, das ich monatelang nutzlos mitgeschleppt habe, hat heute seine Daseinsberechtigung zurückerlangt. Wir fühlen uns wie richtige Abenteuerer, Pioniere im Nirgendwo. Dass es nicht ganz ungefährlich ist, macht das Gefühl nur intensiver. Das hier ist kein Sprung an einem TÜV-geprüften Bungee-Seil, das ist das wahre Leben und wir fühlen uns sehr lebendig in diesem Moment.

Als wir Abends im Homestay mit 20er-Schlafsaal die anderen wieder treffen und wir nach der ersten Etappe bei Bier und Musik zusammensitzen, erlebe ich einen dieser kostbaren Momente von Glückseligkeit. Einer der Momente, in denen man erkennt, dass es gut ist, wie es ist; in denen man weiß, warum man hier draußen ist und nicht im Neonlicht irgendeines Büros. Kein abgeschlossenes Projekt und kein gewonnenes Gerichtsverfahren vermögen diesen wahrhaftigen Rausch zu erzeugen. Es geht mir nicht allein so.

Die nächsten beiden Tage sind wettertechnisch eine Herausforderung. Nässe, Nebel und Kälte machen uns zu schaffen. Wir kämpfen mit den Unzulänglichkeiten unserer Maschinen: Die Herausforderung einen steilen Pass hinabzufahren wird ohne Bremsbelege nicht gerade kleiner. „Vietnam halt“, sagen wir uns und lachen. Was will man auch erwarten für fünf Dollar am Tag? Belohnt werden wir mit atemberaubenden Ausblicken und dem Gefühl unbegrenzter Freiheit. Am Ende bin ich froh, dass es noch geklappt hat mit mir, Vietnam und dem Motorrad. Von kleineren Stürzen mal abgesehen haben wir das Abenteuer alle heil überstanden. Vielleicht werde ich eines Tages zurückkommen und das Land komplett mit dem Motorrad bereisen.

Dann aber im Sommer.

Familienausflug: Ha Long Bay

Nach dem Festival herrscht Endorphinkaterstimmung in meiner Teilzeit-Peergroup. Zurück in unserer Basis Hanoi sammeln wir bei vietnamesischem Streetfood neue Kräfte für unseren Trip in die Ha Long-Bucht. Die Bucht gehört unbestreitbar zu den Top-Zielen des Landes. Natürlich ist sie längst kein Geheimtipp mehr und so stellen wir bei unserer Ankunft auf Cat Ba einigermaßen ernüchtert fest, dass die Insel eine große Baustelle ist. Unansehnliche touristische Infrastruktur bestimmt das Bild von Cat Ba Stadt.

Wir beeilen uns daher auf ein Boot zu kommen, um für ein paar Tage in unberührteres Terrain vorzudringen. Über 2000 Karstfelsen ragen in der Bucht hunderte Meter aus dem Wasser. Weltkulturerbe – mal wieder.

Die Schnorchelausrüstung kann man zwar getrost zu Hause lassen, denn unter Wasser ist der Genozid an Korallen und Fischen längst abgeschlossen; über der Wasseroberfläche sieht es jedoch aus, als hätte sich jahrtausendelang nichts verändert. Ich wäre nicht verwundert, wenn jeden Moment eine Seekriegsflotte aus dem Game-of-Thrones-Universum aus den Nebelschwaden hervortreten würde. Wir schlafen auf einer der einsamen Inseln in Bungalows und kajaken durch stockfinstere Höhlen zu grünen Lagunen. Ich muss zugeben, es ist schon recht beeindruckend.

In der Bucht zeigt sich auch mal wieder, wie sehr die Qualität des Reisens von den Leuten abhängt, mit denen man diese Erlebnisse teilt. Nicht immer hat man Glück mit den Menschen, die einem so begegnen, aber wir sind immer noch in unserer bewährten Vierer-Combo unterwegs, die wir liebevoll unsere „Familie“ nennen. Eigentlich ist es hochgradig absurd, wie man sich in diesen kleinen Zweckgemeinschaften zusammenfindet, um dann einige Tage oder gar Wochen alles miteinander zu teilen und sich anschließend wieder in alle Himmelsrichtungen zu zerstreuen. Wer unterwegs nicht vereinsamen will, ist in der Regel zu einem gewissen Grad darauf angewiesen, hin und wieder ein Stückchen mit anderen Leuten zurückzulegen und wenn es gut läuft, kann das äußerst bereichernd sein.

Mit meiner „Familie“ habe ich jetzt schon mehr Zeit verbracht, als mit manchen Schulfreunden seit dem Abitur. Das erzeugt auch eine seltsame Intimität, in der man sich gegenseitig Dinge erzählt, die man sonst niemanden erzählen würde. Wir sind in vielen Belangen auf einer Wellenlänge, trotzdem ist die Gruppe in ihrer zufälligen Zusammensetzung äußerst heterogen. Nein, wir sind sicher nicht alle aus dem gleichen Holz geschnitzt, aber gerade das macht es so interessant und eröffnet einem ganz neue Blickwinkel auf das Leben. Das Wissen, dass man die anderen nach der gemeinsamen Zeit wahrscheinlich nie wieder sehen wird, macht es auch überflüssig sich zu verstellen – man kann einfach sein, wie man ist. Es ist eine Ausnahmesituation, die nur unter den außergewöhnlichen Umständen des Reisens geboren werden kann und deren Existenzvoraussetzung ihre absehbare Endlichkeit ist.

Deshalb bin ich auch nicht traurig, dass diese Familiengeschichte bald zu Ende erzählt sein wird. Man soll ja ohnehin aufhören, wenn es am schönsten ist, und mit ein bisschen Glück treffe ich auch demnächst wieder Leute mit denen man mehr als nur den Tisch in der Bar teilen kann.

Fear and Loathing at the QuestFest

Drei Tage nach meiner Ankunft in Hanoi finde ich mich erneut an einem Ort wieder, den ich nicht auf dem Zettel hatte. Das Quest Festival vor den Toren der Hauptstadt ist ein Ort jenseits von Raum und Zeit. Ich bin zusammen mit dem D. und der C. hier, die ich bei meiner Flucht vor dem Unwetter in Zentralvietnam kennengelernt habe.

Das QuestFest ist das größte Musikfestival Südostasiens – trotzdem ist es weder groß, noch steht hier die Musik im Vordergrund. Mit gerade mal 6000 Leuten ist es für westliche Verhältnisse eher eine Familienveranstaltung und niemand, den ich getroffen habe, kennt auch nur einen der Musiker, die dort auftreten. Aber darum geht es auch gar nicht.

Das Hippie-Künstler-Festival findet auf einer Art Halbinsel in einer abgelegenen Seenlandschaft statt und vereint vom Konzept her legendäre Veranstaltungen wie das „Burning Man“ und die „Fusion“. Dementsprechend ist auch das Publikum drauf. Hier finden sich fast ausnahmslos Backpacker und Langzeitreisende, also Leute, die ohnehin schon ziellos durch die Weltgeschichte irren, vielleicht vor irgendwas davonlaufen, jedenfalls aber das „Leben im Hier und Jetzt“ zur Maxime erhoben haben. Nur selten treffen wir Leute, wie die drei Püppchen aus Hamburg, die auf ihrem Mädelsurlaub hier einen Stop einlegen, bevor sie nächste Woche wieder in ihren Marketingabteilungen sitzen und sich die Nägel lackieren. Sie wirken in dieser Umgebung wie Aliens, die versehentlich auf dem falschen Planeten gelandet sind. Die restlichen Anwesenden sind aufrichtig auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen und haben dafür auch das nötige Equipment im Handgepäck. Hier gibt es alles: MDMA, Speed, Extasy, Mescalin, Acid, Pep, Poppers, Pilze, Uppers und Downers. Pillen, Pülverchen, Plättchen, Pipetten, Nasensprays, Pflaster, Zäpfchen und ein paar Dinge deren genaue Anwendung bis zuletzt schleierhaft bleibt. Obwohl ich in Berlin wohne, habe ich das meiste von dem Zeug noch nie gesehen und auch nicht wenige der Anwesenden machen hier ganz neue Entdeckungen.

Ich nehme keine Drogen und fühle mich daher zeitweise selbst wie ein Tourist in einer fremden Welt. Ausnahmslos alle, mit denen ich hier bin, steigen fröhlich mit ein – ich lehne dankend ab. Es ist nicht so, dass hier irgendjemand irgendeine Art von Druck ausüben würde, gleichwohl überkommt mich zeitweise das Gefühl, dass ich nicht ganz teilnehme an dem, was hier vor sich geht.

Ein Stück weit kann ich das sogar nachvollziehen: Ich kenne die Situation, wenn man mit einer Gruppe in einer Bar sitzt und diese besondere Stimmung in der Luft liegt, die dir ins Ohr flüstert, dass es eine dieser Nächte werden könnte, die legendär aus dem Ruder laufen. Wenn dann jemand am Tisch sitzt und sagt, er trinke generell keinen Alkohol, dann schaut man selbst manchmal ein bisschen misstrauisch. Was stimmt mit dieser Person nicht? Man hat diese Person dann ungewollt im Verdacht, ein Kontrollfreak zu sein, jemand der sich nicht fallenlassen kann. Mit dieser Person wird man vermutlich nicht in ein verlassenes Fabrikgebäude einbrechen, vom Dach den Sonnenaufgang beobachten und stundenlang philosophieren. Man wird mit ihr auch kein morgendliches Bad in der Spree nehmen und auch keine Pferde stehlen. Kurzum: Man wird nicht das gleiche Ding durchziehen und nicht das Gleiche erleben. So eine Einstellung wirft natürlich allerhand ernsthafte Fragen über den Zustand unserer Gesellschaft und ihren Umgang mit Alkohol auf, aber darum soll es hier nicht gehen. Ich ahne jedenfalls, dass meine sieben Zeltgenossen etwas ähnliches über mich denken könnten, auch wenn sie das niemals zugeben würden.

Ich bestreite also das Wochenende mit Bier und Drinks und hier und da mal einer Haschzigarette oder einem Lachgas-Ballon, den man – wie häufig in Südostasien – an der Bar bestellen kann.

Die Abstinenz von harten Drogen hat indes einige Vorteile, zum Beispiel, dass ich nicht stundenlang mit einem Löffel in der Hand durch die Gegend laufe und versuche, mit selbigem Energie auf andere Leute zu übertragen. Na ja, vielleicht ist das auch ein Nachteil, je nach nachdem wie viel Energie der Löffel wirklich überträgt. Unglücklich sehen sie jedenfalls nicht aus, all die Menschen, die hier neue Bewusstseinsebenen erkunden, von denen ich mir höchstens erzählen lassen kann. Dafür muss ich allerdings – im Gegensatz zu allen Anderen – ab und zu schlafen und essen, was wohl der Preis ist, wenn man seinen Prinzipien treu bleibt.

Auch ohne Drogen lässt sich die Stimmung an diesem Ort jedoch wunderbar aufsaugen. Es ist ein bisschen wie Urlaub vom Urlaub. Man streift über das Gelände, geht zur Impro-Comedy, schwimmt eine Runde im See oder döst ein paar Stunden in einer der zahlreichen Hängematten. Ich treffe die K. wieder, mit der ich ein wenig Zeit verbringe und endlich mal wieder deutsch reden kann. Alles ist untermalt von den Bässen, die 72 Stunden lang nonstop an den Fäden der Marionetten mit den kleinen Pupillen ziehen.

Was für ein magisches kleines Wunderland, denke ich. Hier draußen in der Natur, auf dieser Halbinsel, eingebettet in die Seen, auf denen der Nebel liegt, wie in einer märchenhaften Erzählung von Feen und Elfen. Und tatsächlich ist es im Grunde nichts anderes als ein Märchen – zauberhaft und nicht real. Nach den drei Tagen, wenn alle ihre Feenkostüme abgelegt haben, wird die Stille der Natur die Insel wieder zurückerobert haben und nichts wird mehr darauf hinweisen, dass hier drei Tage lang ein magischer Ausnahmezustand geherrscht hat.

In 80 Stunden durch Vietnam

Das schöne am Reisen ist, dass man niemals weiß, wo man in drei Tagen sein wird. Vor drei Tagen jedenfalls war ich im Mekong-Delta, ganz im Süden des Landes. Heute, drei Tage später finde ich mich in Hanoi wieder – wer hätte das gedacht. 

Schon im Süden haben mich die Nachrichten von Taifun Damrey erreicht, der alsbald in Vietnam auf Land schlagen und mindestens für ungemütliches Wetter sorgen wird. Das und die Tatsache, dass es in Can Tho einen Flughafen gibt, haben mich veranlasst, meine Reise in Zentralvietnam fortzusetzen. Dank des in diesen Tagen stattfindenden APEC-Gipfels gibt es nämlich auch in Da Nang einen nagelneuen Flughafen, den ich mit einer vietnamesischen Schrott-Airline für den Preis eines Bustickets erreichen kann. Ich mache also Hoi An zum neuen Startpunkt für meine Entdeckungstour durch die Mitte des Landes. Hoi An ist ein „must see“. UNESCO-Weltkulturerbe, großartige alte Gebäude, wunderschöne Tempel, hinreißende Altstadt und so weiter und so fort. Ich fliege mit VietSchrott-Air gefühlte fünf Meter vor dem Taifun her, was sich vor allem daran bemerkbar macht, dass die Leute links und rechts von mir sich die Seele aus dem Leib kotzen.

Dummerweise regnet es auch in Hoi An noch. ‚Scheiß drauf’ denke ich, in Südostasien regnet es halt manchmal für ein, zwei Stunden am Tag und dann kommt die Sonne wieder raus. Ich irre mich. Es regnet einfach immer weiter. In der Bar des Hostels warte ich darauf, dass mein Bett im Schlafsaal frei wird. Draußen schüttet es weiter. Wie zum Teufel soll ich mir bei dem Kackwetter auch nur was zu essen besorgen?


Das Blatt wendet sich, als ich meinen Vierer-Dorm beziehe. Ich habe verdammtes Glück, denn mit den Leuten, die schon ein paar Tage auf dem Zimmer sind, verstehe ich mich sofort bestens. Das muss nicht immer so sein. Manchmal redet man kein Wort miteinander, manchmal gehen einem die „Roomies“ mit ihrem Gelaber auch hart auf die Nerven. Aber die Engländerin, die Griechin, der Amerikaner und ich werden uns in den folgenden 80 Stunden nicht mehr von der Seite weichen. Wir kämpfen uns durch den nicht enden wollenden Regen für das beste Banh Mi der Stadt und wir harren am Abend auf unserem Dorm aus, als an Rausgehen schon nicht mehr zu denken ist. Wir spielen Karten, trinken Bier und erzählen uns unsere Lebensgeschichten. 

Ich frage mich, woran das liegt, dass man sich mit manchen Menschen auf Anhieb verbrüdert und man Anderen schon nach drei Sätzen die Pest an den Hals wünscht.

Die Witze sind schmutzig und die Stimmung ist bestens. Keiner wird verschont. Nicht das schmutzige Witze neuerdings ein Qualitätsmerkmal für gute Unterhaltungen oder gar menschliche Beziehungen wären, aber wenn man sich drei Stunden kennt, und die anderen mit einem herzlichen „What‘s up Motherfuckers?“ begrüßen kann und jeder weiß, dass es nett gemeint ist, dann ist das ein starkes Indiz dafür, dass sich niemand im Raum selbst zu ernst nimmt. Leute, die sich selbst nicht zu ernst nehmen sind eine so viel angenehmere Gesellschaft als Leute für die Humor bloß das Erzählen von Witzen ist.


Am nächsten Morgen regnet es immer noch. Nun sind wir ein bisschen ratlos. Als wir die Klamotten von der Schneiderin der Mädels abholen, erklärt uns der holländische Freund der Schneiderin beim Craft-Beer, das beide in ihrer Hipster-Schneiderei verkaufen, dass in Zentralvietnam die Regenzeit gerade erst anfängt. „Was?“, denke ich, „Wie zum Teufel konnte mir das entgehen?“ Die Antwort ist eigentlich simpel, denn mein Kopf ist schon rund um die Uhr damit beschäftigt, die vielen Eindrücke zu verarbeiten und zu überlegen, was ich als nächstes für Programmpunkte auf die Tagesordnung setze. Gleichzeitig muss ich überlegen, wo ich danach hin will und wie ich dann dorthin komme. Es wäre schlicht zu kompliziert, würde ich außerdem für jeden Landstrich die klimatischen Besonderheiten studieren und meine Route auch noch nach dem Wetter ausrichten. Nein, ich fahre dahin wo ich will und von sowas, wie ein bisschen Regen lasse ich mir nicht den Reiseplan diktieren. Aber es regnet nicht nur ein bisschen, es regnet wie wahnsinnig und es hört nicht mal für fünf Minuten auf. Jedes Mal wenn wir einen Fuß vor die Tür setzen, sind wir komplett nass. Die billigen Regencapes, die einem an jeder Ecke angedreht werden, helfen nur geringfügig. Die Mädels holen Banh Mis für den ganzen Tag und draußen verschwindet die Straße in braunem Wasser. Dann verschwinden auch die Bürgersteige und die Treppe zu unserem Hostel. 


„Wir sollten unsere Badeklamotten anziehen und schwimmen gehen“, sagt jemand. Es ist einer dieser Momente, in denen jene Geschichten beginnen, an die man sich den Rest seines Lebens erinnern wird. Niemand zögert und zwei Minuten später haben wir alle unsere Badeklamotten an und gehen unter den ungläubigen Blicken der anderen Hostelbewohner auf die Straße in Richtung Altstadt. An uns schwimmt Müll und Inventar der umliegenden Geschäfte vorbei. Das Wasser steht uns bereits bis zum Bauchnabel, als auch die ersten Boote an uns vorbeifahren. Wir sind Barfuß und haben keine Ahnung wo wir hintreten. Manches fühlt sich an wie Müll, manches wie eine tote Ratte. Aber tote Ratten schwimmen – im Gegensatz zu ihren lebenden Artgenossen – an der Oberfläche. Natürlich könnte man sich in so einem Moment fragen, ob das nicht nur ein wenig fahrlässig sondern auch total bescheuert ist. Tun wir aber nicht. Wir kommen aus dem Lachen nicht mehr raus. Wir sind nicht betrunken, nur berauscht vom Moment und der Verrücktheit, die uns sonst im Leben allzu häufig abgeht. Abwasser und tote Kakerlaken, Ratten und Müll, Löcher und Glasscherben, verborgen auf der Straße – es kümmert uns kein bisschen. Wir schwimmen durch die Altstadt von Hoi An. Wir machen das Beste aus der Ausnahmesituation und die Bewohner feiern uns dafür. Es ist surreal wie in einem Film von Tim Burten und es ist einer der Momente, in denen man sich sehr lebendig fühlt.


Mit der Rückkehr zum Hostel kehrt jedoch auch die Ratlosigkeit zurück. Die Bar im Erdgeschoss ist bereits geflutet und die Wettervorhersage verspricht auch keine Besserung. Die meisten Geschäfte haben geschlossen und Banh Mis haben wir auch keine mehr. Wie sollen wir hier jemals wieder wegkommen und was sollen wir nur tagelang machen, jetzt wo wir das größte und möglicherweise auch einzige Vergnügen, das Hoi An in diesen Tagen zu bieten hat, schon hinter uns haben? Das Wasser im Hostel klettert bereits die Treppenstufen hoch und dann fällt auch noch der Strom aus. Das bedeutet nicht nur gemütliches Beisammensein bei Kerzenschein, sondern auch warmes Bier, kein W-LAN und keine Möglichkeit mehr, die Handys zu laden. In anderen Hostels ist das Wasser bereits im ersten Stock, erfahren wir von Bekannten. Sie spielen dort den Titanic-Soundtrack. 

Solange jedenfalls vor unserem Hostel das Wasser erst hüfthoch steht, haben wir noch eine reelle Chance zu flüchten und unsere Rucksäcke trocken zu halten. Wir stopfen also unsere nassen Sachen in die Rucksäcke, ziehen unsere Badehosen an, springen ins Wasser und retten uns zum höchsten Punkt der Stadt, wo wir ein Taxi nach Da Nang nehmen.

In Da Nang gibt es nichts zu sehen, außer vielleicht Donald Trump, der heute zum APEC-Gipfel anreist. Davon abgesehen regnet es immer noch ununterbrochen. Währenddessen wird weiter südlich die Altstadt von Hoi An bereits evakuiert. Ich muss einsehen, dass es dieses Mal nichts wird mit Zentralvietnam; nichts mit der Motorradtour nach Hue und nichts mit den Höhlen von Phong Nha. Sie sollen zu den größten und beeindruckendsten der Welt gehören, aber im Moment sind auch sie wegen Überflutung geschlossen. 

Ich kann keinen Regen mehr sehen und trockene Klamotten habe ich auch keine mehr – so buche einen Flug nach Hanoi für den nächsten Tag. Die Verabschiedung von meinen drei Mitreisenden ist ungewöhnlich herzlich, dafür dass wir uns bloß 80 Stunden gekannt haben.


Jetzt bin ich also in Hanoi, nach drei Tagen. Für die Strecke aus dem Delta hierher hatte ich mindestens drei Wochen eingeplant. 

Aber der Plan hat sich jetzt eben geändert und ich bin gespannt, was mich hier erwartet und wo ich wohl in drei Tagen sein werde.