Gestrandet in Phnom Penh

Ich bin zurück in dem, was sie Zivilisation nennen, was aber nicht weiter davon entfernt sein könnte. Phnom Penh liegt auf meinem Weg nach Vietnam, aber ich steige hier nicht um, ich steige aus. Ich hänge gewissermaßen fest, denn ich warte auf mein Visum für Vietnam. Der mächtigste Reisepass der Welt schützt einen nicht vor südostasiatischer Bürokratie. Die K. ist bereits weitergezogen und ich bin wieder ganz Herr über meine Reise. Die neu erhaltene Freiheit feiere ich damit, dass ich mich in ein verhältnismäßig luxuriöses Hotel einmiete. Wenn ich schon gezwungen bin hier abzuhängen, dann wenigstens auf dreißig Quadratmetern mit Schreibtisch und eigenem Balkon. Ach ja, denke ich, so fühlt sich Privatsphäre an. Ich verstreue meine Sachen im Zimmer, lasse die Badezimmertür auf und flaniere nackt durch meine drei Räume. Einen ganz so üblen Eindruck macht Phnom Penh gerade gar nicht mehr.


Und tatsächlich scheint sich die Stadt bei meinem zweiten Besuch von einer geringfügig freundlicheren Seite zu zeigen. Während ich durch die Straßen schlendere, offenbart sich hier und da sogar ein bisschen von dem Flair, für das ich Großstädte so liebe. Man muss schon genau hinschauen, aber es gibt sie, die kleinen netten Ecken mit gemütlichen Cafés und sogar etwas grün ringsum. 

Und beinahe hätte mir die Stadt anlässlich meiner Rückkehr noch ein besonderes Willkommensgeschenk gemacht: Nachdem ich die erste Nacht im Hostel verbracht habe, bin ich zu einem Spaziergang am Mekong-Boulevard aufgebrochen. Das Wetter ist ausnahmsweise nicht ganz so schwül und weil die Flusspromenade den Blick auf die Skyline freigibt, kann man sich für einen Moment der Illusion hingeben, an einem glamouröseren Ort zu sein. Nur einmal wende ich meinen Blick vom anderen Flussufer ab, als ich meine Zigarette in einer Pfütze lösche. Ich traue meinen Augen nicht, denn dort neben dem Mülleimer lacht mich Benjamin Franklin an. Franklins Lächeln ist in Kambodscha gern gesehen, denn hier bezahlt man mit US-Dollar und sein Konterfei ziert den 100-Dollar-Schein. Franklin hat Gesellschaft von einem Jointstummel und einem durchsichtigen Plastikbeutelchen mit ZIP-Verschluss und Resten von etwas, das bestimmt kein Gras ist. Ich ahne, dass niemand dieses Geld für mich hier hinterlegt hat, bleibe cool, schmeiße meine Zigarette in den Mülleimer und gehe ein paar Schritte weiter. Was ist, wenn der Schein einem Drogendealer aus der Tasche gefallen ist? 

Ich setze mich auf eine nahegelegene Parkbank, rauche eine weitere Zigarette und beobachte die Umgebung. Jetzt, da ich wieder allein unterwegs bin, lasse ich lieber Vorsicht walten, zumal in einem Moloch wie Phnom Penh. Schließlich möchte ich nur ungern irgendjemandes Geschäfte stören. Es lungert ein Haufen Leute in der Nähe rum, aber niemand scheint den Mülleimer zu beobachten. Ich gehe zurück, lösche die Zigarette in derselben Pfütze und lasse den Schein unauffällig in meiner Tasche verschwinden. Ich beeile mich zurück ins Hostel zu kommen und halte den Schein in meiner Hosentasche fest in der Hand. Hier, wo ich nichtmal mein Handy rausholen würde, stehe ich besser nicht mitten auf der Promenade und halte ein kambodschanisches Jahresgehalt gegen die Sonne. Außerdem stelle ich mir vor, wie jeden Moment der Dealer auftaucht und verzweifelt seine Tageseinnahmen sucht oder ein Polizist, der sein Bestechungsgeld vermisst. Auf dem Weg zurück überlege ich, die Hälfte für meinen Aufenthalt im Luxushotel zu verwenden und die andere Hälfte unter den Frauen zu verteilen, die hier allerorts mit ihren nackten Babies auf dem Bürgersteig liegen.

Zurück im Hostel sitze ich mit der Engländerin und der Schwedin, die ich beim Frühstück kennengelernt habe, kreisförmig um den Schein. Der Schein wandert durch alle Hände, wird gegen das Licht gehalten und zwischen den Fingern gerieben. Google wird befragt und die Sicherheitsmerkmale akribisch abgeglichen. Nach zehn Minuten hat die Jury einstimmig ihr Urteil gefällt: Nicht echt.

So ist das in Phnom Penh. Hier kriegt man nichts geschenkt; ich nicht und die bettelarme Bevölkerung erst recht nicht. Nicht die Frauen mit den nackten Babies und auch nicht die fünfjährigen Kinder, die die Nächte in den Shops oder als Snackverkäufer in den Bars durcharbeiten. 


Die Stadt ist und bleibt ein Drecksloch, auch wenn an der ein oder anderen Stelle ein bisschen Zivilisation aufblitzt, kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Stadt außerhalb des Zentrums bzw. der Expat-Areas ein einziges Elendsviertel ist. 

Jeder Backpacker, den ich bislang getroffen habe, kennt jemanden, dem hier irgendwas entrissen wurde – Handys, Portemonaies, Kameras oder gleich der ganze Rucksack. Wikitravel.com warnt davor, dass die Clubs nachts voll von den Kindern der korrupten Eliten des Landes sind und dass diese „fast immer bewaffnet“ seien, genau wie die Entourage, die sie im Schlepptau haben. Was soll man noch mehr sagen?

Ich denke nochmal darüber nach, wie es wohl gewesen wäre, wenn ich die drei Monate meines Referendariats nicht in Budapest, sondern hier verbracht hätte. Vermutlich hätte ich mich schon arrangiert mit der Stadt, so wie man sich eben immer arrangiert. Schließlich hat mir hier bislang noch niemand eine Pistole ins Gesicht gehalten – weder im Club noch nachts auf der Straße. Dieses mal werde ich trotzdem im nächsten Bus Richtung Vietnam sitzen, sobald die dortige Einwanderungsbehörde das Visum rausgerückt hat. 

Bevor ich in mein Luxushotel einchecke, gebe ich noch einer der Frauen mit den nackten Babies ein paar Dollar, aber das wird hier natürlich auch nichts ändern.

Das kleine Paradies

Kleine Paradiese findet man immer mal wieder, wenn man unterwegs ist, aber das Nest am 4K-Beach auf Koh Rong ist ein besonderes Juwel. Hier passt einfach alles. Die entspannte Bar, das gute Essen, die netten Mitarbeiter, die coolen Gäste und die relative Abgeschiedenheit. Es ist ein Ort zum verweilen. Eigentlich wollten wir auch auf die kleinere Nachbarinsel, aber schnell wird uns klar, dass wir im Nest bleiben wollen. Was bitte soll auf der anderen Insel schon besser sein als hier?

Hier, wo das Meer vor unserer Haustüre liegt und ich in der Hängematte, scheint die Welt in Ordnung zu sein. Für einen kurzen Moment sind wir Zeit-Millionäre. Aus der Bar kann man stundenlang auf das Meer schauen und auf den Matratzen dösen. Ich lese soviel, wie schon lang nicht mehr. Der Beat der Musik ist der niemals aufhörende Herzschlag dieser Oase und auch der eigene Herzschlag verlangsamt sich. Hier, wo alle Leute zu jeder Tageszeit Gras rauchen, kümmert es niemanden, dass das Internet nur in homöopathischen Dosen verfügbar ist, das Bier nicht immer kalt und die Dusche nicht immer warm ist. 

Nach dem Aufstehen schwimmen wir im Meer und nach dem Frühstück erkunden die umliegenden Inseln mit dem Jetski. Wenn es längst dunkel ist und wir rausschwimmen, beginnt das Meer zu leuchten. Floureszierendes Plankton verwandelt das unendliche Schwarz unter uns in ein leuchtendes Universerum aus abertausenden von funkelnden Sternen. In diesen Momenten, wenn der Himmel sowohl über als auch unter einem seine Unendlichkeit preisgibt, kann man sich für einen Moment selbst verlieren; und vielleicht muss man sich manchmal kurz selbst verlieren, damit man sich zu einem späterem Zeitpunkt wiederfinden kann.

Nun ist die Sache mit Paradiesen die, dass man nicht ewig dort bleiben kann (Danke, Adam und Eva!). Reisen ist wie das Leben selbst, es muss immer vorwärts gehen. 

Unsere Tage sind gezählt. Nicht nur die Tage hier im Paradies, sondern auch die Tage, in denen die K. und ich diese Erfahrungen miteinander teilen werden. Wir werden nun bald wieder unsere eigenen Wege gehen und unseren eigenen Träumen hinterherlaufen. Manche Träume lassen sich nicht gemeinsam verwirklichen und um sich selbst zu finden, muss man halt ganz bei sich sein.

Wir reden darüber, wie es sein wird, wenn wir uns wieder allein durchschlagen und dass wir schweren Herzens sind. Es wird eine erhebliche Umstellung sein, aber wir spüren auch die wohlige Aufgeregtheit, die uns flutet. Der Duft von absoluter Freiheit und Abenteuer liegt wieder in der Luft.

Alles hat eben seine Zeit.

Reisende – Folge 1: Der Bachelor 

Auf Reisen trifft man viele Leute, die man sonst nicht treffen würde. Deshalb behaupten Reisende gerne, es seien nicht die Orte, die sie bewegen, sondern die Menschen, die sie treffen. Diese abgedroschene Floskel zielt natürlich darauf ab, nicht als oberflächlicher Sehenswürdigkeiten-Anglotzer wahrgenommen zu werden, sondern als jemand, der tiefer geht und hinter die Fassaden schaut. 

Hauptsächlich trifft man auf Reisen jedoch andere Reisende. Die helfen einem dann zwar wenig dabei, die einheimische Kultur zu verstehen, sprechen aber immerhin passables Englisch. 

Aber muss man wirklich um die Welt reisen, um diese Leute kennenzulernen? Ja, denn man trifft dann und wann wirklich tolle und interessante Menschen, mit denen man sonst niemals in Kontakt gekommen wäre. Aber viele Reisende sind auch Klischeetypen. Und weil in jedem Klischee auch immer ein bisschen Wahrheit steckt und der erste Eindruck – wie das Leben gelehrt hat – immer zutreffend ist, wage ich den Versuch, Schubladen zu definieren, die helfen sollen, die Menschen flux einzuordnen, damit man sich nicht mehr die Mühe machen muss, sie kennenzulernen. Selbstverständlich hochwissenschaftlich, politisch korrekt, objektiv, zurückhaltend und allgemeingültig. Endlich wieder einfache Antworten für unsere komplizierte Welt.

Die erste Folge beginnt mit dem südostasiatischen Standardmodell, dem Bachelor. Der Bachelor tritt ebensohäufig auch in seiner weiblichen Form, der Bachelorette auf. Erkennungszeichen ist zunächst sein Bachelorabschluss. Zur Tarnung lässt er jedoch meistens nicht erkennen, dass er über ein gewisses Bildungsniveau verfügt. Mit seinen ca. 23 Jahren musste er schon einiges durchmachen, nämlich sein hochanspruchsvolles Bachelorstudium. Die Zeit an der Uni hat ihn sehr hungrig gemacht, auf das, was er Leben nennt. Mit Leben meint er allerdings eher saufen und hungrig ist er höchstens auf seine Artgenossinnen.

Das Paarungsverhalten im Bachelormilieu geht dabei wild durcheinander, was auch daran liegt, dass man mit twentysomething noch in der Lage ist, sich jeden Abend abzulitern, ohne dass sich die Kater irgendwann zum totalen Systemausfall aufsummieren. Der Bachelor ist eigentlich ein Ballermann-Tourist mit Flugticket nach Bangkok anstatt nach Palma. 

Äußerlich erkennt man ihn am Muscle-Shirt mit Aufdruck von der letzten Bar, wo er seiner Hauptbeschäftigung nachgegangen ist und sich das Kleidungsstück durch das Trinken von zehn Shots hintereinander verdient hat. 

Die Bachelor-Fraktion ist immer ein bisschen aufgebretzelter als der Rest der Reisenden, schließlich sind sie immer auf der Jagd. Die Jungs präsentieren ihre Waschbrettbäuche und die Mädels sind immer geschminkt. Trotzdem gelingt es Letzteren damit nicht immer, die Abnutzungserscheinungen an ihren Körpern zu überdecken, die der Wochen- oder monatelange Exzess in jederlei Hinsicht hinterlässt.

Der Bachelor hat geringe Ansprüche ans Reisen und wird deshalb selten enttäuscht. Außerdem ist man in Südostasien bestens auf ihn eingestellt: Happy Hour, Full-Moon-Partys, und Booze-Cruise-Touren decken seine Grundbedürfnisse ab. 

Zusammenfassend kann man sagen, dass der Bachelor kein Ärgernis ist, wie zum Beispiel der Chinese (im Ausland). Im Gegenteil: Er gehört zur Szenerie dazu und die für ihn eingerichteten Infrastrukturen kann man bequem mitbenutzen. Ihm sind Beer-Pong-Turniere und „Free shots at the bar“ zu verdanken. Manchmal fühlt man sich in seiner Gegenwart alt, manchmal aber auch (wieder) jung. Der Bachelor ist Teil des Unterhaltungsprogramms und vielleicht bewahrheitet sich hier ja auch ein bisschen die alte Weisheit: Ohne Asis kein Spaß.

Nicht allein

Es ist schon komisch. Da sind die K. und ich aufgebrochen, um auf eigene Faust die Welt zu erkunden und dann hat der Zufall uns am anderen Ende der Welt wieder aufeinandertreffen lassen. Und weil wir uns sehr gern haben und zudem den gleichen Weg, haben wir uns zusammengetan. Jetzt reisen wir schon fünf Wochen zusammen. Das ist nicht weiter schlimm, denn wir verstehen uns gut – wir kennen uns ja schließlich auch schon eine Ewigkeit. Wir reisen schon länger zusammen als wir jemals mit einem Partner zusammen gereist sind und vielleicht auch je hätten reisen können. Beinahe sind wir schon länger zusammen unterwegs, als wir jemals allein gereist sind. Es grenzt an ein verdammtes Wunder, dass wir uns nicht auf die Nerven gehen, denn mir fallen nur sehr wenige Leute ein, mit denen ich so eine 24/7 Aktion über Wochen und Monate durchziehen könnte.

Nun ist es sicherlich sehr hilfreich, dass sich unsere Wege jederzeit trennen können, denn wir haben uns nichts versprochen. Ausgestattet mit dieser Gelassenheit entscheiden wir uns jeden Tag dafür, weiter zusammen in die gleiche Richtung zu gehen.

Dazu kommt natürlich noch, dass das Reisen zu zweit sehr viel bequemer ist, als allein. Es ist ein ganz anderer Modus Operandi des Reisens: Man muss sich nur über halb so viele Sachen den Kopf zerbrechen, sich nur um halb so viele Sachen kümmern, man braucht nie alleine Essen, oder allein ein Bier in einer Bar trinken. Man kann sich auch gelegentlich ein Privatzimmer teilen, wenn einem das Dorm-Gewusel auf den Keks geht. Wir haben uns eine kleine gemütliche Komfortzone eingerichtet. Ist doch verrückt, denke ich: Erst vor wenigen Monaten habe ich noch größte Anstrengungen unternommen, um aus meiner Komfortzone auszubrechen und jetzt das. Was zum Teufel ist nur los mit mir?

Im Grunde ist das hier ein Pärchenurlaub – aber wir sind kein Pärchen und erst recht nicht sind wir mit dieser Vorstellung vom Reisen aufgebrochen. 

Und so schwebt ein bisschen die Frage im Raum, ob uns hier nicht klammheimlich etwas entgeht, ja vielleicht sogar verloren geht. Zum Beispiel der rege Kontakt mit anderen Reisenden, die vielen neuen Leute oder auch ganz schlicht die Erfahrungen, die man nur allein machen kann: der ganze Selbstfindungskram und so; die Erfahrung, dass man auch allein in den unmöglichsten Situationen zurecht kommt. Ich habe das als bereichernd empfunden, als ich allein unterwegs war. Die K. hatte dieselben Erwartungen an die Reise und bislang noch weniger Gelegenheit, ihr Ding allein durchzuziehen.

Und so müssen wir uns früher oder später fragen, was wir hier eigentlich noch zusammen gewinnen können.

24.654 Kilometer bis zum Meer

24.654 Kilometer bin ich gereist und jetzt stehe ich am Meer. Natürlich hätte ich das Meer auch schon in St. Petersburg sehen können oder in Shanghai. Habe ich aber nicht. Erst jetzt stehe ich auf Koh Rong Barfuß im schneeweißen Sand und blicke auf das kristallklare Wasser, das zugleich tiefblau und smaragdgrün ist. 

Ich frage mich, ob es eine Kindheitsprägung ist, dass man am Meer immer gleich mit einem wohligen Urlaubsgefühl geflutet wird. Hier, wo wir uns am leeren Strand in die Liegestühle hauen und Mango-Passionfruit-Shakes trinken, habe ich zum ersten Mal auf der Reise das Gefühl, irgendwo angekommen zu sein. Das ist natürlich Quatsch, denn Ankommen tut man bei einer Weltreise bekanntlich nie. Aber das Gefühl ist trotzdem wohlig. Ein kleines verdammtes Paradies, weit weg von allem.

Pittoreske Fischerboote liegen vor dicht bewaldeten kleinen Eilanden und ich liege da, wo das Wasser seicht ist und vergesse für einen Moment Raum und Zeit und alles um mich herum.

Wo der Pfeffer wächst

Wir haben ihn gefunden, den Ort, an den schon so viele Menschen hinverflucht wurden: Der Ort, an dem der Pfeffer wächst. Er heißt Kampot und liegt ruhig und beschaulich im Süden Kambodschas. 

Offensichtlich sind die meisten der Verfluchten hier jedoch niemals angekommen, es geht hier nämlich recht ruhig zu. Kampot ist ein ausgelassener Aussteigerort voller hängengebliebener Alt-68er. Ich frage mich, ob all diese betagten Auswanderer oder Langzeitreisenden auch irgendwann mal von irgendjemandem dahin gewünscht wurden, wo der Pfeffer wächst und ob es ihnen heute leid tut. Ich werde es nie erfahren.

In Kampot kann man ganz ausgezeichnet dem Nichtstun frönen, denn es gibt Billiardtische, Minigolf und gutes Essen und zwar alles auf dem Gelände des Hostels, in dem wir mit vier anderen Leuten und etlichen Geckos den nach draußen offenen Penthouse-Dorm bewohnen. Auf der riesigen Dachterasse kann man lesen und rauchen, während die rote Sonne hinter der Stadt in den Reisfeldern versinkt. Das Meer ist schon in Riechweite. 

Bevor wir zum Meer fahren, müssen wir sie dann aber doch noch sehen, die legendären Pfefferplantagen. Hier wächst nämlich nicht irgendein Mainstream-Pfeffer. Hier wächst der beste Pfeffer der Welt. Es ist der Jamón Ibérico der Pfefferwelt – und auf der Plantage können wir ihn uns direkt vom Strauch in den Mund stecken. Und so probieren wir die scharfen Körner wie bei einer Weinprobe, bis uns die Tränen in die Augen steigen. Beilagen gibt es hier leider nicht und Tomatensaft und Vodka werden auch nicht gereicht – ich wette jedoch, in einer anständigen Bloody Mary könnte das Zeug sein Talent noch besser entfalten. 

Egal – auf meiner ersten Pfefferverkostung konzentriere ich mich auf das Wesentliche und Kampot-Pfeffer ist wesentlich, in den Sterneküchen der Welt. 


Und so wird es dann doch noch kulinarisch in Kambodscha. Wer hätte das Gedacht, wo ich doch bei fast jedem Khmer-Gericht behauptet habe, dass es schon seinen Grund hat, dass es in Berlin kein einziges kambodschanisches Restaurant gibt. 

Ein weiterer Irrtum übrigens, denn es gibt sogar zwei: in der Neuköllner Kanalstraße oder der Moabiter Paulstraße. Falls der ein oder andere sich also selbst ein Bild von der Khmer-Küche machen will, bin ich auf Erfahrungsberichte gespannt.

Krieg und Liebe

Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt, heißt es. Die beiden extremsten Zustände menschlichen Daseins scheinen über alle Regeln erhaben zu sein. Über nichts werden mehr Lieder gesungen, Bücher geschrieben und Filme gedreht. Es sind die bestimmenden Themen der Menschheit und hier in Phnom Penh, Kambodschas Hauptstadt, suchen sie mich beide heim. 

Ein Unterschied zwischen Krieg und Liebe liegt darin, dass das Ende des Ersteren ein Grund zur Freude ist, während mit dem Ende von Letzterem das Drama erst in Fahrt kommt. In beiden Fällen bleibt ein Scherbenhaufen zurück.

Phnom Penh kann man nur als hochgradig unseriös bezeichnen und nicht wenige Backpacker, die ich getroffen habe, haben die Stadt gar als „Shithole“ bezeichnet. 

Wer sich bislang nicht mit dem Khmer-Rouge-Regime befasst hat, muss dies spätestens in der Hauptstadt tun. Alle Sehenwürdigkeiten hier stehen in der „Liste der deprimierendsten Orte der Welt“ entweder direkt vor oder nach Ausschwitz. Kein Detail wird ausgespart. Es ist nur schwer zu ertragen. Man möchte das Wort „beispiellos“ verwenden, aber traurigerweise ist es das ja nicht. 

Die Auseinandersetzung mit der Verwüstung und dem Genozid durch die Khmer-Rouge ist wahrlich schon verstörend genug. Aber in diesen Tagen werde ich zusätzlich noch von einer persönlichen Krise verstört.

Meine Beziehung hat die Reise nicht überlebt. Für sowas gibt es immer Gründe, aber immer ist es ein Desaster. Dass man die Tränen nicht zu Hause in sein eigenes Kopfkissen weinen kann, macht es keinesfalls besser.

Ich kann nur von Glück reden, dass die K. bei mir ist. Gibt es eigentlich eine Mastercard-Werbung mit Trennungssituation?

  • Luxushotel in Phnom Pen: 32$
  • Doppelter Scotch: 2$
  • Pizzalieferservice ins Hotel: 25$
  • Zigaretten (Original, nicht gefälscht): 1,25$
  • Passion Fruit Mojoto: 3$
  • geschätzte Person zum Reden, wenn man am Arsch der Welt ist: unbezahlbar.

Jaja, es gibt Dinge die kann man nicht kaufen.

Die K. ist es letztlich auch, die mich überredet, die restlichen Top-Schauplätze der Grausamkeit im Schnelldurchlauf abzufrühstücken, um am selben Tag noch den Zug raus aus dieser gottverlassenen Agglomeration des Elends zu erwischen.

Wir fahren ans Meer.

Vor den Toren der Stadt

In den Straßen von Battambang liegt dichter Rauch. Heute scheint mal wieder Plastikverbrennungstag in Kambodscha zu sein. Nun könnte man dem Irrtum erliegen, dass das ein Zivilisationsmerkmal ist, denn schließlich wird ja auch in Deutschland das meiste Plastik verbrannt, das zuvor so fleißig in die gelben Säcke sortiert wurde; bei uns nennt man das bloß thermische Wiederverwertung. Aber hier liegen zusätzlich Berge von Müll auf der Straße und in den Feldern. Hühner picken Plastik und Rinder grasen im Müll. Eine Müllabfuhr gibt es nicht – jedenfalls nicht für alle Abfälle. Manche Dinge scheint man allerdings noch zu Geld machen zu können, so reißen einem die bettelnden Kinder die Coladosen aus der Hand. Anderes verrottet einfach in den Straßengräben.

Wir haben einiges gelernt über Kambodscha heute – nicht nur über Müll. Mit Savet, unserem Fahrer, sind wir den Tag über draußen auf den Dörfern unterwegs. Wir profitieren davon, dass Savet – trotz Uniabschluss – keinen besseren Job als eben TukTuk-Fahrer gefunden hat. Er spricht perfektes Englisch und weiß mehr über kambodschanische Geschichte als wir über die Deutsche. Wir plaudern  mit ihm über Korruption und die Verhaftung des Oppositionsführers, über die Khmer-Rouge-Vergangenheit des Präsidenten und überhaupt über die Vergangenheit, die hier am liebsten alle möglichst schnell vergessen würden. Diese Smalltalk-Themen stehen bei den Khmer sonst eher nicht so hoch im Kurs.

Wir kriegen nicht nur eine 1A Geschichtsstunde, sondern bekommen auch Einblicke in die traditionelle Herstellung von Reispapier, Reisschnaps, Bananenchips und dem traditionellen Bamboo-Klebreis. Wir probieren alles, obwohl die Produktionsbedingungen nicht ganz den europäischen Standards entsprechen – oder überhaupt irgendwelchen Standards.

Nach der Hälfte der Vorlesung gibt es Mittagessen bei Savet zu Hause. Seine Frau hat traditionelles Khmer-Essen gekocht – „Bio-Hühnchen“, versichert Savet. Er meint damit, dass das Hühnchen nicht aus einer Fabrik kommt. Ob es jedoch auch nur Bio-Plastik am Straßenrand gegessen hat, wage ich zu bezweifeln. Das wenige Fleisch von den Knochen zu lösen, hat man sich in Kambodscha gar nicht erst angewöhnt. Der Vogel wird einfach mit allen Knochen in mundgerechte Stücke gehackt und wir müssen uns konzentrieren, um uns nicht versehentlich mit einem spitzen Knochen ein Luftloch in die Backe zu stechen. Es schmeckt trotzdem ausgezeichnet. 

Savet erzählt von seiner Hochzeit vor ein paar Monaten. 600 Gäste hat er auf seinem winzigen Grundstück empfangen. Er lebt hier mit seinen Eltern und drei Brüdern, aber jetzt – nach der Hochzeit – hat er mit seiner Frau endlich ein eigenes Zimmer. Überraschenderweise ist sie auch gleich schwanger geworden. 

Der Preis für den Tag lag zwar deutlich über dem durchschnittlichen Niveau in Battambang, die Qualität der Tour aber auch. Für Savet hoffe ich trotzdem, dass er eines Tages nochmal einen cooleren Job finden wird. Wahrscheinlich ist es nicht. 

Vor seiner Karriere als Guide war er Lehrer, heute verdient er deutlich mehr.