Geteilte Städte

Geteilte Städte sind ein wiederkehrendes Motiv in meinem Leben. Berlin, kürzlich Jerusalem und nun St. Petersburg. St. Petersburg ist gleich zweifach geteilt, mentalitätsmäßig und räumlich. Letzteres allerdings nicht 24 Stunden am Tag sondern nur nachts. Dann werden die Brücken über der Newa, die quer durch die Stadt fließt, geöffnet, damit die Schiffe passieren können. Man stellt dann besser sicher, dass man auf der richtigen Seite der Stadt ist, wenn man aus einer Bar oder einem Club kommt, ansonsten kann man gleich wieder umdrehen und noch ein Bier bestellen, bis die Brücken um 5 Uhr morgens wieder runtergeklappt werden. 

Die mentalitsmäßige Teilung hingegen konnte man am vergangenen Wochenende beobachten. St. Petersburg ist nämlich eine durchaus hippe, wenn man so will „westliche“ Stadt. Entgegen meiner Erwartung sprechen viele (junge) Leute englisch und eine nicht allzu kleine Hipster-Szene sorgt für gemütliche Hostels, Cafés mit Premium-Kaffeesorten und allerlei selbstgemachtem Bio-Fairtrade-Essen. Der Kulturschock hält sich also zunächst in Grenzen, wenn man aus Berlin anreist. Unnötig zu erwähnen, dass St. Petersburg natürlich viel prachtvoller ist als Berlin.

Schon an meinem zweiten Tag fiel es jedoch deutlich schwerer, St. Petersburg mit einer westlichen Hipstermetropole zu verwechseln. Auf dem Palastplatz wurde schweres Militärgerät aufgefahren, das mir bislang allenfalls aus den Tagesthemen bekannt war, wenn dort mal wieder von nordkoreanischen Raketentests die Rede war und auf der Newa ankerten die Flaggschiffe der russischen Seekriegsflotte. 

Den russischen Marinetag wollte der Präsident in diesem Jahr offenbar mal wieder mit einer zünftigen Militärparade begehen und kam auch gleich selbst nach St. Petersburg um selbige abzunehmen. Auch das Volk ist gekommen und frohlockte. Fast alle – vom Kleinkind bis zum Veteranen – trugen irgendwelche Militärdevotionalien bei sich und jubelten ihrem Präsidenten und den Atom-U-Booten zu, wie sie allesamt über die Newa schipperten. 


Man stelle sich mal vor, zigtausend Leute jubeln Angela Merkel zu, wie sie im Hamburger Hafen eine Militärparade abnimmt. Aber St. Petersburg ist nicht Hamburg, Merkel ist nicht Putin und die Russen sind eben doch nicht alle westlich orientierte Hipster, sondern eben auch Bürger eines stolzen Landes. Und sie sind beinahe putzig, so begeistert wie sie sind. Man kann an diesem Tag ein nationales Indentitätsbewusstsein beobachten, das uns Deutschen völlig unbekannt ist und manch einem heimatlosen Travellergenossen sogar etwas Bewunderung abringt. „Wie im alten Rom“, bemerkte einer. Alle feiern (und trinken) ausgelassen, während die ausnahmsweise auch tagsüber geöffneten Brücken die Stadt endgültig in totales Verkehrschaos stürzten. Irgendwie hat Putin es sogar geschafft, dass den ganzen Tag die Sonne scheint – das tut sie sonst nämlich nie in St. Petersburg und dann besteht kein Zweifel mehr: Ich bin in Russland angekommen.

one way

Das Klicken des Anschnallgurtes im Flugzeug ist für mich seit jeher ein Moment, dem ich ganz besondere Aufmerksamkeit widme, wenn ich irgendwohin aufbreche. Ich erinnere mich daran, wie ich diesen Moment während der Examenklausuren herbeigesehnt habe, denn ich wusste, dass es das erste Geräusch eines neuen Kapitels in Budapest sein wird.

So ist es auch heute. Das Leben, wie ich es kannte, wird heute einstweilen aufhören und Platz für Neues machen. Ich fliege nicht in den Urlaub, ich habe kein Rückflugticket. Alles was ich zukünftig besitzen werde, passt in einen Rucksack, den ich gerade dabei beobachte, wie er auf dem Weg zu seinem Platz, ca. einem Meter unter meinem ist. Man braucht nicht viel, denke ich und wundere mich, wofür ich den ganzen anderen Kram brauche, den ich über die Jahre angesammelt habe.

*klick* – take off.

Blick aus dem Fenster: Die Stadt wird kleiner. Alles wird kleiner. Die Menschen, meine Wohnung, das Arbeitsamt – bis Berlin nur noch wie ein putziges Miniatur-Wunderland aussieht, in dem die Ringbahnen Runde um Runde um den Fernsehturm drehen.

Berlin aus dem Flugzeug

Sie werden auch dann noch unermüdlich kreisen, wenn ich sie wegen des Regens und der Entfernung schon längst nicht mehr sehen kann. So, wie alles weitergehen wird, nur eben ohne mich. Die alten Freunde gehen in der Heimat aufs Libori-Fest und die neuen Freunde grillen im Volkspark und verbringen die lauen Abende im Freiluftkino. Der berliner Sommer wird ohne mich stattfinden, sofern er denn überhaupt noch stattfindet. Meine Freundin, die ich sehr vermissen werde, wird sich ihren Hobbys und neuen Projekten widmen. Biere im Park werden ohne mich getrunken werden und mein Vater wird seinen 60. Geburtstag ohne mich feiern. Weihnachten werde ich nicht bei meinen Lieben sein.

Dann, als das Flugzeug die Wolkendecke durchbricht: gleißendes Sonnenlicht.

Getting shit done

Nichts, was es sich zu haben lohnt, wird einem geschenkt. Auch meine Reise fällt mir (leider) nicht einfach so in die Arme.

Nur noch eine Woche bis ich das Flugzeug nach Russland besteige, und jetzt gilt es erstmal, ein gewöhnliches bürgerliches Leben für ein halbes Jahr auf Eis zu legen. In Deutschland ein nicht zu unterschätzender bürokratischer Aufwand. Ich denke an vieles, aber die Zeit reicht nicht mehr, um alles zu klären. Manche Sachen müssen egal werden. Lücke im Rentenversicherungslebenslauf? Egal. Anwaltszulassung besser behalten oder zurückgeben? Weg damit; Ballast abwerfen. Und dann ist da noch das Arbeitsamt: tonnenweise Papier und keine Zeit mehr den ganzen Mist zu lesen. Zehnseitige Bescheide über Arbeitslosengeldbewilligungen und Sperrfristen – selbst auf ein Anwaltsgesicht legt sich da ein fragender „what the fuck?“-Ausdruck.

Leichtes Panikgefühl macht sich breit: Stimmt wirklich alles, was ich in irgendwelchen unseriösen Weltreise-Foren über das Arbeitslosengeld gelesen habe oder werde ich gar nach meiner Rückkehr völlig mittellos sein? Vielleicht sollte ich noch was unternehmen? Aber was? Vor meinem geistigen Auge rinnt feiner Quarzsand durch ein Zeitglas und mir wird klar, dass die Entscheidungen, die ich jetzt treffe, besser gute Entscheidungen sein sollten. Denn wenn ich erstmal in der Wüste Gobi bin und in ein selbst gegrabenes Loch scheiße, brauche ich auch nicht mehr zu versuchen, eine Klage an das Sozialgericht zu formulieren. Aber das schaffe ich jetzt auch nicht mehr und ehrlich gesagt, reicht die Zeit nicht einmal für einen passablen Widerspruch. Soll sich also der zukünftige Basti darum kümmern, wenn er wieder da ist – ihm wird schon irgendwas einfallen.

Der gegenwärtige Basti musste indes erstmal alle Reiseplanungen vernächlässigen, um seine Wohnung unterzuvermieten. Trotz hoher Nachfrage kein leichtes Unterfangen. Plötzlich ist man selbst das Arschloch, das Menschen nur nach ihrem Einkommen beurteilt. Jemand Sympathisches, der nach drei Monaten die Miete nicht mehr bezahlen kann, wäre für mich eine Katastrophe und wer Kohle ohne Ende hat, hat auch in Berlin die freie Auswahl bei der Wohnungssuche und wenig Lust, sich auf einen vorgegebenen Zeitraum festnageln zu lassen. Das Bauchgefühl ist schließlich auch nicht zu vernächlässigen: Manche Leute möchte ich mir einfach nicht vorstellen, wie sie in meinem Bett ficken; und deshalb werden sie es auch nicht. Trotz eines leichten Anflugs von zwischenzeitlicher Verzweifelung ging die Sache mit dem Untermieter übrigens doch noch gut aus. Durchatmen und Weitermachen hat sich auch hier wieder als die erfolgreichere Taktik entpuppt, im Gegensatz zum wiederholten gedanklichen Durchspielen des Szenarios: was wäre, wenn ich niemand Geeignetes finde?

Am Ende stellt sich doch immer die gleiche Frage: Zerdenke ich alles bis zum Gehtnichtmehr und schlage mir dann die Nächte mit ziellosem Grübeln um die Ohren oder stehe ich auf und get shit done?

Letztlich ist die Vorbereitung einer Weltreise Projektmanagement: Entscheidungen treffen, Kompromisse machen, Konsequenzen vorhersehen und tragen, nervende Behörden und gewaltiger Zeitdruck. Keineswegs fühle ich mich daher auch nur annähernd arbeitslos – im Gegenteil: Ich bin ungleich gestresster als zuvor und bin doch motivierter, obwohl ich keinen Cent verdiene.

So fühlt es sich an, wenn man wirklich für ein Projekt brennt.

(K)ein Gedi

Die Wüste Negev ist lebensfeindlicher Ort. Im Sommer ist es schweineheiß und im Winter bitterkalt. Aber es gibt kleine Oasen – im besten Sinne des Wortes. Ein Gedi ist eine solche Oase am toten Meer. Man kann hier im Nationalpark wunderbar beobachten, wie ein bisschen Süßwasser Leben für Tiere und Pflanzen schenkt. Ein Garten Eden in der Steinwüste. Es gibt auch einen Strand – verspricht jedenfalls der Lonely Planet in seiner aktuellsten Auflage von 2015. Wer im Jahr 2017 dort ein Bad nehemen will, wähnt sich allerdings eher im Film „The day after tomorrow“ als am Badestrand. Kein Mensch. Umgeknickte Straßenlaternen. Eine verwaiste Tankstelle. Die Palmen verharren in brauner Leichenstarre und in den verfallenen Umkleidekabinen die Spuren der letzten Menschen, die hier Obdach gesucht haben. Die Landschaft wird von riesigen Kratern unterbrochen. Oder ist das hier doch eher der Jurassic Park und es handelt sich um Dinosaurier-Fußstapfen?

kein gedi

Rafael, der in einem Zelt am Strand lebt, erzählt, dass sich hier noch vor zwei Jahren die Touristen gestapelt haben und er seinen Lebensunterhalt damit bestreiten konnte, am Strand nach ihrem verlorenen Schmuck zu tauchen. What the fuck has happend here? Die Antwort lautet „Sinkholes“. Kurz: Nach und nach tut sich der Boden auf und verschluckt alles: Die Zapfsäulen der Tankstelle, das Baywatch-Häuschen, den Parkplatz, den Imbiss und vielleicht irgendwann auch Rafael. 

Das Phänomen ist nicht unbekannt. Es liegt daran, dass der Meeresspiegel des toten Meeres jedes Jahr um einen Meter sinkt. Wasser ist knapp im nahen Osten und der Jordan, als einziger Zufluss des toten Meeres, ist eine begehrte Süßwasserquelle sowohl für Jordanien, den Libanon und Syrien als auch für Israel. Unter dem vertrockneten Uferstreifen, der an einigen Stellen bereits bis zu einem Kilometer misst, werden große Salzkammern von abfließendem Wasser ausgewaschen, bis sie schließlich einstürzen. Eine Katastrophe für die Umwelt und den Tourismus, die weit über Ein Gedi hinausreicht.

Baden kann man trotzdem noch, wenn man denn erstmal zum Wasser hinuntergekraxelt ist; man sollte nur ein bisschen Süßwasser zum Duschen im Gepäck haben, weil das Salz des toten Meeres – spült man es nicht ab – den Körper zusammenschrumpeln lässt, wie eine alte Rosine. Unnötig zu erwähnen, dass die Duschen dort schon lange nicht mehr funktionieren. Es bleibt ein besuchenswerter Ort, vor allem, wenn man sich auch hierzulande gern an den sogenannten „Lost Places“ rumtreibt, wie es sie in Berlin zahlreich gibt. Man kann sich bei der Vorstellung gruseln, dass ein tödliches Virus jegliches Leben ausgelöscht hat oder dass man beim nächsten Schritt gleich selbst von einem Sinkhole verschluckt wird.

Zurück bleibt nur die Frage, wie es weitergehen wird mit dem toten Meer, das bei ungehindertem Fortlauf in einigen Jahrzehnten bestenfalls noch eine tote Pfütze sein wird.

Welcome to Israel

„Welcome to Israel“: Wer hätte gedacht, dass man diesen Satz auch dann noch häufig hört, wenn man schon gesagt hat, dass man Deutscher ist, nach allem was – na ja, sagen wir mal „vorgefallen“ ist, also historisch gesehen. Vergeben und vergessen? Ich weiß nicht, aber jedenfalls scheint man in Israel nach vorn zu schauen und nicht nachtragend zu sein.

Liegt vielleicht aber auch daran, dass die Bedrohung ja heute eher von anderer Seite zu kommen scheint. Immerhin kann man als israelischer Polizist nie ganz sicher sein, was man so erlebt und ob es nicht das letzte ist, was man erlebt. Es ist kaum zwei Wochen her, da ist eine israelische Polizistin nahe der Jerusalemer Altstadt bei einem Messerangriff tödlich verletzt worden und genau diese Nachrichten veranlassen manch einen Daheimgebliebenen anzunehmen, man verreise in ein Kriegsgebiet.

Mit einem Kriegsgebiet hat Israel allerdings wenig gemein. Natürlich fällt eine gewisse Militärpräsenz auf, was auch damit zu tun hat, dass sich gefühlt das halbe Land stets im Miltärdienst befindet. Dazu kommt noch, dass offenbar alle ihre Waffen mit nach Hause nehmen dürfen. Und man wundert sich, dass im Hostel beim Frühstück plötzlich ein halbwüchsiger in Shorts und Flipflops neben einem steht, dem eine TAR-21 über der Schulter baumelt. Was hat er damit vor? Im Hostel? Will er einen Kampf um die letzte Portion Shakshuka beginnen? Ich greife mal lieber zum Hummus, da ich heute gänzlich unbewaffnet am Buffet erschienen bin. Auf Nachfrage erklärte mir daraufhin ein Einheimischer, warum sie ihre Waffen nicht einfach in der Kaserne lassen: Na, ja, druckste er, die machen das vielleicht, um die Mädels zu beeindrucken. Kurz darauf sah ich ein 19-jähriges Mädel im Minirock mit einer M-16 umherlaufen. War ich beeindruckt? Nun ja, meine Aufmerksamkeit gehörte jedenfalls ganz ihr.

Ansonsten scheint mir Israel eher eines der sichersten – und nicht etwa der unsichersten – Länder zu sein. Obwohl in Tel Aviv (und Jerusalem) das Leben tobt, wie in New York oder Berlin, kann man zu jeder Tages- und Nachtzeit völlig sicher durch jede Ecke der Stadt gehen. Vielleicht liefern die westlichen Medien ja doch nicht immer ein ausgewogenes Bild?

Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie es wäre, wenn man sich von Berlin ein Bild allein anhand der Serie „4 Blocks“ und der Polizeimeldungen machen würde? Die Bars in Neukölln wären sicher nicht ganz so überfüllt.

Trotz oder gerade wegen der eher spärlich gesäten Lobeshymnen über Israel, sollte man sich aber auf jeden Fall selbst ein Bild von diesem interessanten, vielseitigen aber auch komplizierten Land machen.

Aufbruch

Nicht nur Menschen befinden sich manchmal in Aufbruchsstimmung, auch Länder. Das Kosovo ist so ein Land. Der jüngste Staat Europas hat zweifelsohne einiges mitgemacht in der jüngsten Vergangenheit und der Gedanke, dort Urlaub zu machen fühlt sich noch nicht ganz vertraut an – aber was soll man machen wenn Flüge nach Lissabon am Himmelfahrtswochende gefühlte 5000 € kosten? Bestimmt nicht auf der Couch liegen bleiben.

Man kommt in ein Land, dass sich nach der turbolenten Vergangenheit langsam wieder sammelt. Damaged but not broken, sozuzusagen. So ist das eben: Der Krieg ist vorbei und das Leben geht weiter. Nur, dass das Kosovo im Gegensatz zu z.B. Vietnam nicht mit großartiger Natur und Sehenswürdigkeiten en masse aufwarten kann, so dass man als Tourist schon selbst eine kleine Sehenswürdigkeit ist. Was also tun drei Tage lang in einem Land, wo es im Grunde nichts zu sehen gibt? Ganz einfach, man tut das was man sonst auch tut. Ausgehen, sich unter die Leute mischen und sich vom Flow der Stadt treiben lassen und man stellt fest: Die überwiegend jungen Kosovarinnen und Kosovaren wissen gutes Essen, gute Drinks und gute Musik ebenso zu schätzen, wie man selbst. Warum bin ich überhaupt überrascht? Habe ich denn erwartet, dass alle fortlaufend schlecht drauf sind, nur weil es kein Berghain und am Flughafen keinen öffentlichen Nahverkehr gibt?

Das Gegenteil war der Fall: Obwohl sich der Lebensstandard deutlich von dem in Deutschland unterscheidet, konnte man durchaus eine Art Aufbruchsstimmung wahrnehmen. Die überwiegend sehr freundlichen Leute feiern ausgelassen in hippen Bars und Jazzclubs und man wünscht sich irgendwie, dass sie ihre Energie nutzen, um das Land ein wenig aufzumöbeln. #newborn

Auf Dinge scheißen

Auf Dinge zu scheißen gehört vielleicht zu den wichtigsten Tugenden heutzutage. Vor allem, wenn man – wie ich – von Soziologen  als Angehöriger der Generation Y klassifiziert wird; bekanntermaßen ja eine Gruppe von Menschen, die ob der unendlichen Möglichkeiten am Leben schier verzweifeln. Wohl also dem, der die Gelassenheit hat, sich um gewisse Dinge einen Dreck zu scheren.

Das ist gar nicht so einfach, wie wir gerne behaupten. Zwar versichern wir uns nur zu gern, was Andere von uns denken, sei uns egal, aber wer kann es sich schon leisten, auf die Meinung des Chefs zu scheißen? Oder wann bist du das letzte Mal ohne Hose zur Arbeit gekommen? Und ist unsere gesamte Existenz nicht völlig bedeutungslos ohne die Wertschätzung und Achtung unseres sozialen Umfelds? Vor allem die Meinung unserer Freunde ist uns deshalb auch meistens ganz und gar nicht egal. Und gerade die, die am vehementesten betonen, wie sehr sie darauf scheißen, was die Anderen von ihnen denken, habe ich im Verdacht, dass sie sich besonders darin gefallen, von eben diesen Anderen als unabhängige Freigeister wahrgenommen zu werden.

Wenn ich den Leuten erzähle, dass ich eine Weltreise plane, dann hat jeder ein paar gute Ratschläge parat. „Dort musst Du unbedingt hin …“ oder „Da darfst Du auf keinen Fall hin, alles voller Touristen“.

Ich muss aber erstmal gar nichts. Ich muss höchstens sterben, aber das habe ich in absehbarer Zeit nicht vor – wobei das immerhin eine Reise an einen Ort wäre, an den wirklich noch kein Tourist zuvor einen Fuß gesetzt hat.

Es scheint, als seien Reisen und Erlebnisse die neuen Statussymbole. Nicht mehr: „mein Auto, mein Pool, mein Haus“ sondern, „meine Südamerikareise, meine Afrikareise, meine Nordkoreareise“ – von Thailand gar nicht zu reden, da fährt ja nur noch der Pauschaltouristenpöbel hin. Du hast also 12 Länder in drei Monaten „gemacht“? Du hast diesen oder jenen Flecken der Erde ganz bestimmt schon erkundet, bevor die Massen kamen? I dont’t give a fuck!

Ich werde nicht von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hetzen, ich werde die Qualität der Reise nicht nach der Anzahl der Stempel in meinem Reisepass messen, ich werde auch nicht um jeden Preis couchsurfen (vielleicht aber auch doch) und ich werde auch nicht abends weinend in der Dusche sitzen, falls ich mal versehentlich einen Ort bereise, an dem schon ein oder eine Million Touristen vor mir waren. Mein Statussymbol wird höchstens die Freiheit sein.

Ich werde einfach machen, wonach mir der Sinn steht. Vielleicht bleibe ich länger an einem langweiligen Ort oder viel zu kurz an einem Interssanten. Vielleicht fliege ich dahin, wo schon Tausende vor mir waren oder dorthin, wo auch niemand nach mir mehr hin will. Vielleicht komme ich nie wieder zurück – oder schon nach vier Wochen.

Was Andere davon halten? Fuck it! Hopefully.