Angkor, What!?

Über Kambodscha habe ich mir bislang nur einmal eine Vorstellung gemacht. Das war vor knapp vier Jahren, als ich mich um einen Platz für die Wahlstation im Referendariat beworben habe. Ich habe einen Ort möglichst weit weg und möglichst verschieden von Berlin gesucht. Das Auswärtige Amt hat dann entscheiden, dass ich nicht drei Monate in Pnom Penh, sondern in Budapest wohnen werde.

Jetzt bin ich in Kambodscha und kann mir ein Bild von dem machen, was ich verpasst habe. Ich komme mittelgut vorbereitet in Siem Reap an. Die erste Anlaufstation, wenn man aus Laos kommt, ist der Ausgangspunkt für Ausflüge nach Angkor. Im ehemaligen Zentrum des historischen Khmer-Reichs befinden sich die spektakulärsten Tempelanlagen Südostasiens; Angkor Wat ist gar die größte Tempelanlage der Welt. Das beste kommt diesmal nicht zum Schluss. 


Die zahlreichen Tempel sind durchaus beeindruckend und man kann sicher behaupten, wer sie nicht gesehen hat, war nicht in Kambodscha. Wir scheuen keine Mühen und das Wetter verlangt uns einiges ab. Ich stelle leichte Abnutzungserscheinungen bei meiner Begeisterungsfähigkeit fest. Angkor ist nicht das erste aus der Kategorie größte/beste/älteste der Welt, das ich auf meiner Reise zu Gesicht bekomme. Es ist Teil des Programms, aber ob es mich wirklich nachhaltig beeindrucken wird, kann ich im Moment noch nicht wirklich sagen. Auch Sightseeing kann einen inflationären Effekt entwickeln.


Aber in Kambodscha gibt es mehr als Tempel. Landminen zum Beispiel. Mein Reiseabschnittsgefährte aus China pflegte zu sagen: „Kambodscha ist ein Land voller Landminen und Arschlöcher.“ Aber stimmt das wirklich? Wir werden es rausfinden in den nächsten Wochen. Was ist das für ein Land in dem jeder, der älter als 40 Jahre ist, Überlebender eines Genozids ist? Klar ist, es ist ein verdammt armes Land in dem das durchschnittliche Jahreseinkommen in etwa dem Wert des Mobiltelefons entspricht, auf dem ich gerade diese Zeilen schreibe. Es ist daher kein Wunder, dass mir schon mehrere Leute erzählt haben, dass ihnen ihre iPhones von drive-by-Moped-Piraten aus den Händen gerissen wurden, während sie arglos und verpeilt Google-Maps nach dem Weg gefragt haben. „Thank you!“ sollen sie angeblich noch gerufen haben.

Oder liegt es daran, dass, nachdem die roten Khmer jeden umgebracht haben, dessen Intelligenzquotent über der Lufttemperatur lag, der Genpool einfach nicht mehr der beste ist? Mal sehen, was wir in Erfahrung bringen können über dieses Land, das sich die Meinungen vieler Reisenden so entzweit.

4000 Inseln

Hat sie jemals jemand gezählt, die Inseln hier, wo der Mekong mit circa 14 Kilometern am breitesten ist? Und wenn ja, sind es exakt 4000?

Wir sind auf einer der größeren Inseln hier, die gleichzeitig eine der Wenigen ist, die touristisch erschlossen ist. Das heißt, es gibt Unterkünfte und Bars. Von Straßen kann nicht die Rede sein und auch 24 Stunden Elektrizität am Tag gibt es erst seit kurzem. Also theoretisch, denn volle 24 Stunden kommt in Laos nur selten Strom aus der Steckdose. Die meisten Unterkünfte sind Hütten ohne Dusche und Klo, aber wir entscheiden uns zunächst für die Premium-Variante mit Glasfenstern und Klimaanlage. Die sieben Euro pro Nacht sind gut investiert. Ansonsten ist nicht viel los auf Don Det. Die zahlreichen Bars lassen erahnen, dass hier in der Hauptsaison der Bär steppt – aber es ist Regenzeit und die meisten Laoten schlafen bloß in ihren leeren Bars und Restaurants.

Wir erkunden die Inseln mit dem, was uns hier für einen Euro am Tag als Fahrrad vermietet wurde. Wir sind nicht schneller als zu Fuß, es ist wie Trekking mit einem Rollator. Den Drahtesel müssen wir durch knietiefe Schlammlöcher wuchten und wir hätten vielleicht besser für zwei Euro am Tag ein Moped oder lieber gleich einen richtigen Esel geliehen.

So kämpfen wir uns im Schneckentempo zu den Mekong-Fällen, immerhin die größte Wasserfall-Landschaft in Südostasien, und wir suchen die Eilande nach weiteren Unterkünften ab. Das Tipi-Dorf ohne W-LAN und mit Outdoordusche, das wir auserkoren hatten, ist leider verlassen; es hat nur in der Hauptsaison geöffnet, erzählt der Nachbar, nachdem er uns einen Magic-Mushroom-Shake angeboten hat. Am Ende wird es ein Bungalow mit zwei Hängematten auf der Terasse und Mekong-Blick. Eine Klimaanlage gibt es zwar nicht und eine Glasscheibe befindet sich auch nur in der Tür, aber das ist egal: Für fünf Euro die Nacht haben wir hier mit der zugehörigen Bar am Wasser den perfekten Hangout gefunden. Zum Schreiben und Lesen braucht man nicht viel. Gutes Essen, gelegentlich ein kühles Bier und chillige Musik sind genug, um seinen Gedanken nachzuhängen, während der Monsun auf das Wellblechdach prasselt.

Jetzt haben wir endlich Zeit, uns zu überlegen, ob wir noch einen Schlenker über Myanmar einlegen. Lohnen sich die Strapazen einer notwendigen Busfahrt nach Bangkok? Schon die Reise hierunter war nicht gerade erholsam. 22 Stunden im Wechsel zwischen überfüllten Minivans, TukTuks und dem Bettenbus hinterlassen Spuren auf der Wohlfühl-Kurve und schreien nicht nach sofortiger Wiederholung.

Überdies wollte ich es tunlichst vermeiden, einen Zickzackkurs einzuschlagen. Und dann wäre da noch dieser hässliche Genozid im ehemaligen Burma. Der lässt sich jedoch kaum als Argument gegen einen Besuch dort ins Feld führen. Fahren wir hin, unterstützen wir weder die Regierung noch sonst irgendwen; fahren wir nicht hin, hört die Massenvertreibung und das Morden auch nicht auf. Mitkriegen von der Katastrophe würden wir höchstwahrscheinlich nichts – anscheinend kriegt es ja nicht mal Aung San Suu Kyi selbst mit. 

Letztendlich liegt Kambodscha hier in Sichtweite und wenn ich nach Myanmar gewollt hätte, dann hätte ich mir das vielleicht in China überlegen sollen – und das habe ich eigentlich auch. Mit dem nagenden Gefühl der Unvollständigkeit muss ohnehin jeder Weltreisende zurechtkommen. Also fuck it. 

Die Seite im Pass wird einstweilen freibleiben für ein anderes schönes Land, an das ich heute vielleicht noch gar nicht denke.

Grüner wirds nicht 

Hier in der Mekong-Region kann man noch ursprüngliche Natur erleben. Regen- und Monsunwälder bedecken jedes Fitzelchen der Erde bis hoch zu den Bergwipfeln. Zwar hat man sich auch in Laos größte Mühe gegeben, mit der Natur möglichst mies umzugehen, dennoch kann ich mich nicht entsinnen, zuvor schonmal eine derartige Vegetation gesehen zu haben. Der Ausdruck „sattes Grün“ muss hier erfunden worden sein.

Ist es eine grüne Hölle oder ein grünes Paradies? Viel spricht für Letzteres. Palmen  bestimmen das Landschaftsbild und blaue Wasserfälle spenden ersehnte Abkühlung. Die Altstadt von Luang Prabang ist nicht ohne Grund UNESCO-Weltkulturerbe und für ein Entwicklungsland ist die Infrastruktur zum Backpacken mehr als ausreichend – jedenfalls solange man kein ernsthaftes medizinisches Problem hat. 

Ernsthafte medizinische Probleme hatten zu Beginn des Jahrtausends jedenfalls einige Backpacker in Vang Vieng, wo wir auf unserem Weg Richtung Süden einen mehrtägigen Stop einlegen. Noch vor einigen Jahren war Vang Vieng der feuchte Traum aller Rucksackreisenden mit Drogen- und Alkoholproblem. Der ganze Ort war darauf ausgerichtet, den maximalen Exzess zu zelebrieren. „Tubing“ auf dem Nam Song-Fluss, Wandern, Klettern und Klippenspringen sind jedoch nicht immer die schlaueste Idee, wenn man Alkohol und Drogen konsumiert hat. Und so haben es die überwiegend jugendlichen Backpacker mit der Zeit geschafft, sich auf verschiedenste Art und Weise im Rausch umzubringen. Das „Krankenhaus“ in Vang Vieng ist allerdings eher keine spezialisierte Unfallklinik und der lange Transport nach Bangkok war dann für so Manchen die letzte Reise seines Lebens. Als 2011 ganze 22 Urlauber den Heimweg aus dem 25.000-Seelen-Ort im Frachtraum eines Flugzeugs antreten mussten, kam der laotische Präsident vorbei, hat nahezu alle Bars dicht gemacht und so den Normalzustand wieder hergestellt.

Wir sind nicht traurig drum, denn für derartige Eskapaden sind wir ohnehin zu alt. So können wir Vang Vieng als Homebase nutzen, um die umliegende Landschaft mit dem Kajak zu erkunden. 

Das berüchtigte „Tubing“ gibt es immer noch. Man lässt sich in einem LKW-Reifen den Fluss hinuntertreiben und kann an zahlreichen Bars Tankstopps einlegen. Auch wir machen an einer der Tankstellen am Flussufer halt, um ein nachmittägliches Bier zu trinken und dem ausgelassenen ballermannesken Treiben zuzusehen. Ich weiß nicht, ist es lustig oder panne? Der Pegel des Flusses ist für die Regenzeit eher niedrig, der Pegel der Tuber dafür umso höher. Es liegt nicht außerhalb meiner Vorstellungskraft, dass hier schon die oder andere Schnapsleiche mit dem Kopf gegen einen der Felsen gespült wurde.

Auch ohne Tubing haben wir in Laos mit kleineren und größeren Gefahren zu kämpfen. In Luang Prabang bin ich vollgepackt in ein Loch gerutscht als unter mir ein maroder Gullideckel nachgegeben hat. Auf dem Weg nach Vang Vieng hat gleich die ganze Passstraße nachgegeben. 

Angesichts der Erdrutsche und der Felsbrocken, die mitten auf der Straße liegen, kommt man kaum noch dazu, sich über die Warnung des Auswärtigen Amtes zu sorgen, dass es hier in letzter Zeit vermehrt zu bewaffneten Raubüberfällen auf Busse gekommen ist. Weder das eine noch das andere können wir ändern und außerdem ist dies ohnehin die einzige Straße die in unseren Zielort führt. Wenigstens fährt der Fahrer ausnahmsweise nicht wie ein Irrer, denn die Fahrt im Minivan müssen wir je zur Hälfte unangeschnallt auf dem Notsitz zwischen Fahrer und Beifahrer verbringen.  

Andere Gefahren hängen unsichtbar wie Damoklesschwerter über uns. Malaria und Dengue-Fieber sind nur zwei der Unannehmlichkeiten, die hier gerade in der Regenzeit besonders häufig vorkommen und vor denen man nur sicher ist, wenn man keinen einzigen Mückenstich abkriegt. Ein Ding der Unmöglichkeit im Urwald. Wir versuchen uns durch den exzessiven Konsum hochprozentigen DEETs zu schützen; in der gnadenlosen tropischen Hitze fließt einem das teure Zeug jedoch mit den Schweißbächen erst in die Augen und dann in die Flipflops. Man kann nur jedes Mal hoffen, dass die Mücke, der man gerade eine Blutmahlzeit spendiert hat, sich nicht mit einer potentiell lebensgefährlichen Krankheit dafür bedankt.

Noch geht es uns allerdings bestens – sieht man mal von kleineren Schnitt- oder Schürfwunden ab. Den Umstand wollen wir heute mit einigen Drinks würdigen und wir machen uns auf ins Nachtleben, um uns unter die anderen Backpacker zu mischen.

Laos: Same Same?

In Laos ticken die Uhren anders – wenn sie denn überhaupt ticken. Viele Uhren stehen nämlich einfach oder sie laufen, zeigen aber eine falsche Zeit an. Man macht sich hier nicht viel aus Zeit; oder aus Geld. 

Laoten brauchen nur zwei Dinge: Ein Moped und ein Smart Phone. Solange sie Benzin für das eine und High-Speed-Internet für das andere bezahlen können, würde kein Laot auch nur ein Fitzelchen mehr arbeiten als nötig. Alle schlafen in ihren Geschäften, sofern sie denn überhaupt dort anzutreffen sind. Macht aber nichts, denn in allen Geschäften gibt es das Gleiche: Waren des täglichen Bedarfs. Pro Einwohner ein Geschäft. 

Ich ahne, woher der asiatische Sprichwort kommt: „In Kambodscha pflanzen sie den Reis, in Vietnam verkaufen sie ihn und in Laos hören sie ihm beim wachsen zu.“ Die Gelassenheit hier – man könnte es auch ein wenig böse ‚Faulheit‘ nennen – springt sofort auf einen über. Alles läuft in halber Geschwindigkeit ab und mit deutscher Pünktlichkeit erreicht man hier rein gar nichts. Also wird man selbst ein wenig träge.

Weitere Unterschiede zu Deutschland werden beim Abendessen sichtbar. Wir wollen authentisches laotisches Essen, weshalb wir in ein Restaurant gehen, in dem weit und breit kein Tourist zu sehen ist. Das Restaurant stellt seine Authentizität auch gleich unter Beweis, als die Bedienung die Bestellung von zwei Bier nicht versteht, obwohl die einzige Marke hier „Beerlao“ heißt. 

Authentizität ist aber im Grunde auch egal, denn was laotische Küche sein soll, wissen die Laoten anscheinend selbst nicht so genau. Sie schaffen es, etwas zuzubereiten, das entfernt an eine vietnamesische Pho-Suppe erinnert. An die hygienischen Standards sollte man hier besser ebenfalls nicht allzu große Anforderungen stellen und so kippen wir unter Missachtung sämtlicher Empfehlungen weitere Eiswürfel aus dem Kübel auf unseren Tisch in unser Getränk. Nur Gott weiß, wo sie die hergeholt haben, aber warmes Bier ist leider gar nicht geil.

Schlussendlich werden wir noch Zeuge eines Wunders: Des Wunders der Geburt. Das vermutlich gar nicht so seltene Naturschauspiel ereignet sich keine 50 Zentimeter von meiner Suppenschüssel entfernt. Als die handtellergroße Spinne ihr zweieurostückgroßes Ei abwirft springt die K. längst von Stuhl zu Stuhl. Dass an der Decke über uns noch hunderte weitere Spinnen ihrem Tagesgeschäft nachgehen, behalte ich lieber für mich, solange sie sich nicht in unser Essen fallen lassen. Ich bleibe äußerlich cool, lasse aber weder die Spinne noch das Ei aus den Augen. 

Auch die Echse, die sich mittlerweile zu uns gesellt hat schaut interessiert zu. Obwohl das Reptil viermal so groß ist, wie ein gewöhnlicher Gecko mit dem man in Südostasien jeden Hostel-Dorm teilen muss, hat sie mich nur im ersten Moment irritiert, als ich sie noch für eine Schlange hielt. Es wird zunehmend schwerer, sich bei der ganzen wunderbaren Fauna noch auf das Essen zu konzentrieren. Nur zu gut, dass ich nicht weiß, welcher Teil der Fauna für meine Suppe ausgekocht wurde. Wo ist eigentlich die Echse?

Als dann tausende kleine Spinnenbabys das Licht der Welt erblicken, ordern wir die Rechnung. Für heute haben wir die Natur genug gewertschätzt.

Mein Mekong

Nach einem Zwischenstopp in Chiang Rai überqueren wir die Grenze zu Laos. Die 220 Kilometer bis ins Landesinnere nach Luang Prabang legen wir mit dem Boot zurück. 

Die Fahrt mit dem Slow-Boat auf dem Mekong ist ein Meilenstein auf meiner Reise, denn der Mekong ist nach der Transsibirischen Eisenbahn ein weiterer Sehnsuchtsort für mich gewesen. Eine weitere Sehnsucht, die dank einer Fernsehreportage den Weg in meinen Kopf gefunden hat. Während die Transsib-Idee wegen der Doku „Mit dem Zug von Berlin nach Peking“ geboren wurde, ist diesmal ARD-Korrespondent Robert Hetkämper schuld. „Mein Mekong“ hieß seine Doku, an die ich noch so oft zurückdenken sollte. Heute mache ich mir selbst ein Bild von meinem Mekong.

Die K. und ich haben reichlich Zeit dafür, denn das Boot ist zwei Tage unterwegs. Der 15jährige Steuermann hat das Boot beim ausparken nur gerade so weit beschädigt, dass die Fahrtüchtigkeit noch erhalten blieb und steuert uns nun im Zick-Zack-Kurs zwischen den, aus dem Wasser hervorschauenden Felsen durch. Zum Glück macht er seine Sache gut, denn die fünf Schwimmwesten, die sich die mindestens 60 Leute an Bord teilen müssen, sehen aus wie Attrappen.

Das Wetter meint es gut mit uns, denn obwohl Regenzeit ist, scheint die Sonne. Und wie sie scheint: bei 95 Prozent Luftfeuchtigkeit rinnt einem der Schweiß in jede Ritze des Körpers, auch wenn man sich nicht bewegt. Immerhin haben wir es der Nebensaison zu verdanken, dass wir einigermaßen Platz auf dem Holzkahn haben. In der Hauptsaison sind die Boote nämlich voller als die Shanghaier U-Bahn zur Rushhour. Auf den 70 Plätzen tummeln sich dann schonmal bis zu 120 Menschen.

Heute können wir die Beine lang machen und lesen oder musikhören. An den Bergen, die den Fluss säumen, hängt derweil maximal krasse Urwaldvegetation. Bizarre Wolkenformationen krönen die Szenerie und lassen den nächsten Monsun vorwegahnen.

Über Nacht machen wir eine Pause in Pakbeng. Der Mekong ist nachts nicht befahrbar. Es gibt kein einziges Schiffahrtszeichen, dass auf eine der zahlreich vorhandenen Gefahrenstellen oder sonst irgendwas hinweisen würde und die meisten Gefährte, die hier unterwegs sind, verfügen noch nichtmal über eine Kerze als Lampe. Natürlich haben die Boote auch keine Instrumente, nichtmal einen Drehzahlmesser für den Motor gibt es.

Ich vermute mal, auch die laotische Binnenschifffahrtsverordnung ist ein bisschen kürzer als die Deutsche. Anders kann ich mir nicht erklären, dass hier so ein reger Speedboat-Verkehr herrscht. Die Boote von der Größe eines Kanus und der Form eines Grashalms überholen uns des Öfteren mit einer Geschwindigkeit von mindestens 60 Km/h und erinnern mich vom Geräusch her stark an Formel1 Autos. Beim Ablick der kreuz und quer aus dem Wasser wachsenden Felsen ahne ich, warum jeder Passagier einen Motorradhelm trägt – ein Gadget, das in Laos ansonsten völlig unbekannt ist. Aktivitäten, die sogar im Reiseforum des Lonely Planet als gefährlich eingestuft werden, sollte man tatsächlich besser meiden, sofern man auch nur ein bisschen an seinem Leben hängt.

Das Slow-Boat jedenfalls hat alles unbeschadet an seine Zielorte entlang des Flusses gebracht: Die Laotischen Familen, ihre Wocheneinkäufe, ihre Paletten thailändischen Red Bulls, tausende Eier, ein Dutzend Mopeds sowie etliche Kanister Benzin für dieselben.

In Luang Prabang hustet das Boot dann noch alle verbliebenen Westerners – also auch uns – an den Pier. Die Koberer der Hostels warten schon, aber wir wollen uns in der Stadt erstmal in Ruhe umsehen.

2000 Light Years from Home?

In Chiang Mai treffe ich meine gute Freundin K. Sie ist gerade zwischen zwei Jobs und hat nun Zeit zum Reisen. Wie es der Zufall so will, sind wir in die gleiche Richtung unterwegs und können so einen Teil unseres Weges zusammen bestreiten. Es ist ein gutes Gefühl nach knapp zwei Monaten wieder jemand Vertrautes bei mir zu haben und wir trinken und quatschen bis in die Nacht und schmieden gemeinsam Reisepläne.

Die Begegnung lässt mich auch an Deutschland denken, an zu Hause. Sie erinnert mich daran, dass ich eines Tages wieder zurück sein werde in dem, was Reisende gemeinhin als das „echte Leben“ bezeichnen. Nebenbei bemerkt eine recht tollkühne Bezeichnung: Wer sagt denn, dass ich hier nicht gerade das richtige Leben lebe und alle anderen Zuhause ein Fake-Leben?

Aber was ist überhaupt zu Hause? Die Frage mag sich seltsam anhören, haben doch die meisten Menschen eine eindeutige Antwort darauf parat. Dass man die Frage trotzdem aufwerfen kann, kam mir erstmals in den Sinn, als ich Daniel Schreibers kluges Buch zur dieser „Suche unseres Lebens“ gelesen habe. Und wo, wenn nicht auf Reisen, ist diese Suche gegenwärtiger? 

Der Reisende ist nicht zu Hause, soviel steht fest; und zumeist gibt es einen Grund, warum er es nicht ist. Vielleicht weiß er nicht, wo sein Zuhause ist?

Es ist schon möglich, dass jeder Mensch ein Zuhause braucht. Treffe ich andere Reisende, die seit Jahren unterwegs sind, habe ich nicht selten den Eindruck, dass sie verloren sind, so ganz ohne festen Bezugspunkt im Leben. Gleichzeitig kann ich die Freuden der unbedingten Freiheit nur allzugut nachvollziehen. Ich lebe schließlich selbst gerade das freieste Leben, das ich mir ausmalen kann. Und dennoch weiß ich, dass es kein Konzept für die Ewigkeit ist. Der Wert der Grenzenlosigkeit wird sich gewiss mit der Zeit verbrauchen. Ohne Zuhause ist man nicht vollständig, gewissermaßen wurzellos. 

In St. Petersburg habe ich den V. getroffen. Der IT-Spezialist hat sein Zuhause früh aus den Augen verloren. Er ist in Indien aufgewachsen und als seine Eltern sich getrennt haben, hielt ihn nichts mehr in seiner Heimat. Er hat einige Jahre in Singapur und weitere Jahre im Silicon Valley gelebt. Heute, mit 26 Jahren, hat er ein Neues Zuhause für sich gefunden, in Hamburg. In fünf Jahren kann er Deutscher Staatsbürger werden und wenn man ihn sagen hört, dass er seinen indischen Pass am liebsten sofort in die Tonne kloppen würde, dann kauft man es ihm ab: Er ist zu Hause angekommen. 

Und wo ist mein Zuhause? In Europa? In Deutschland? In Berlin? In meiner Wohnung? Da wo meine Freunde und meine Liebsten sind? Da wo mein zukünftiger Job sein wird?

Im Moment ist mein Platz überall auf der Welt, aber eines Tages wird er wieder einen Namen tragen.

Glaube nichts! 

„Glaube nur das, was du selbst als wahr erkannt hast.“ – Buddha

Dass man im Buddhismus an nichts glauben muss, kommt mir sehr gelegen. Ich habe nämlich keine Lust, mein Schicksal in die Hände eines höheren Wesens zu legen, dessen Existenz ich mir herbeiglauben muss und dessen Versprechungen mir nur vom Hörensagen bekannt sind. 

Meine Sinnsuche fängt daher woanders an. Ich bin für drei Tage in einem buddhistischen Meditations-Retreat im nordthailändischen Urwald. Es ist eine Oase mit mehreren Meditationstätten, viel Grün, Feuerstellen, Bambusschaukeln und ruhigen Rückzugsorten mit Hängematten.


Hier in Pa Pae lerne ich mit zehn weiteren Leuten etwas über die Grundideen des Buddhismus. Weniger Religion als Lebenseinstellung, geht es um Wahrheit, Weisheit und Erkenntnis. Das sind Begriffe, mit denen ich etwas anfangen kann. 

Leider gibt es Weisheit und Erkenntnis nicht geschenkt. Ich habe es geahnt, denn nichts, was es sich zu haben lohnt, kriegt man geschenkt im Leben. Der buddhistische Weg zur Erleuchtung heißt Meditation und ist um ein Vielfaches komplizierter als der bloße Glaube an einen Gott, der einen durch sein willkürliches Urteil möglicherweise irgendwann erlösen wird. 

Meditieren heißt nicht bloß seinen Gedanken nachzuhängen, erklärt uns der Mönch. Es geht darum, einen bestimmten Status des Bewusstseins zu erreichen. Den gedanklichen Fokus auf die Mitte des Körpers zu legen und alles andere auszublenden, stellt mich und viele andere Teilnehmer jedoch vor eine schier unlösbare Aufgabe. 

Der Geist ist immer in Bewegung und er hat eine eine Aufmerksamkeitsspanne, die gerade ausreicht, um eine WhatsApp-Nachricht zu lesen. Als hätte man ein hyperaktives Eichhörnchen im Kopf.

Ich hatte eigentlich angenommen, dass das mit ein bisschen fachkundiger Anleitung schon laufen werde. In Wahrheit ist es, wie das Erlernen eines Musikinstruments: Zunächst bluten einem die Finger und die Ohren und erst nach jahrelangem Üben lassen sich zum Beispiel einer Geige wohlklingende Töne entlocken.

Im Retreat stehen wir um 5.30 Uhr auf, singen zusammen und Meditieren. Nach dem Frühstück wird wieder meditiert bis zum Mittagessen. Nachmittags ein bisschen Gartenarbeit oder Dorfbesichtigung, bevor bis zum Schlafengehen wieder meditiert wird. Zwischendurch lehrt der Mönch interessantes über Buddhismus. Es ist unaufdringlich. Keiner versucht uns zu bekehren. Abgesehen vom einzigen anderen Deutschen, der pausenlos von Jesus redet, obwohl wir doch zum Schweigen angehalten sind. Als er von tollen freien Gemeinden in Berlin erzählt und mir die Kontaktdaten geben will, möchte ich ihm am liebsten eine Kopfnuss geben, um ihn zum Schweigen zu bringen. Aber das würde Buddha ganz sicher nicht erfreuen und außerdem übe ich mich hier ja in Gelassenheit.

Es ist Schwerstarbeit. Der Versuch eine Stunde fokussiert zu bleiben, ist eine Geschichte des Scheiterns. Wieder und wieder schweife ich ab. Es ist mir nicht möglich, mich auch nur auf meinen Atem zu konzentrieren. Stattdessen kreisen meine Gedanken um alles Mögliche. Aber das sei am Anfang normal, wird mir versichert. Der Weg ist eben lang und Buddha wurde auch nicht vom einen auf den anderen Tag erleuchtet.

Am dritten Tag kann ich kleinste Fortschritte verzeichnen. Ich bin froh, dass ich nicht die Zwei-Wochen-Variante gewählt habe. Ein wenig ärgert es mich schon, dass ich mich nicht zusammenreißen kann.

Trotzdem hat mich der Aufenthalt im Retreat bereichert. Buddhistische Lebensphilosophie überzeugt mich auch weiterhin in großen Teilen und erscheint mir als brauchbare Anleitung für ein glückliches Leben. Möglicherweise werde ich die Erleuchtung durch Meditation jedoch einstweilen auf einen späteren Lebensabschnitt verschieben. Das Rüstzeug habe ich ja nun im Gepäck.

Jetzt freue ich mich erstmal wieder auf ein kaltes Bier und eine Zigarette.

China, wir müssen reden

Wie soll ich anfangen? Wir hatten eine gute Zeit. Fast vier Wochen war ich in dir, aber ich spüre, dass es nun Zeit wird, weiterzuziehen. 

Ich finde dich echt nett und deine Kochkünste habe ich sehr genossen, aber wenn wir mal ehrlich sind, dann sind wir uns doch fremd geblieben. Wir sprechen nicht dieselbe Sprache und nur allzu oft haben wir aneinander vorbeigeredet. Immerzu hast du mich angeplärrt aus all deinen Lautsprechern und Walkie-Talkies, die du so liebst, immerzu bin ich ratlos zurückgeblieben. 

Ich mag deine Landschaften und deine Natur; ich hatte tolle Erlebnisse in dir. Aber ich kann kaum mitansehen, wie du deinen Körper ruinierst. Mit deiner Go-West-Strategie ritzt du dir Autobahnen und Eisenbahntrassen in die Haut bis in den letzten unberührten Winkel deines Körpers; Scars on Land. Ja, ich weiß, die Menschen brauchen Arbeit, aber denkst du auch mal an die Zukunft? Glaubst du nicht, dass diese keynesianische Gießkannenpoltik irgendwann zum Platzen einer Blase führt?

Davon abgesehen vertraust du mir nicht. Du verbietest mit Facebook, Instagram und Google. Deine zahllosen Polizisten und dein Militär lassen mich nie aus den Augen. Warum sind sie mit zweimeterlangen Ninja-Stangen bewaffnet?

Abgesehen vom großen Ganzen sind es am Ende vielleicht auch die kleinen Dinge gewesen, die einer wahrhaftigen emotionalen Annäherung im Wege standen. All die Dinge, die ich am Anfang noch interessant fand, die dann aber mit der Zeit an meinen Nerven genagt haben. 

Warum spucken deine Menschen ständig aus und rotzen sich die Nasenlöcher ohne Taschentuch frei? Und warum tun sie das auch in Gebäuden und sogar in Zügen? Warum machen sie ständig heimlich Fotos von mir, sogar wenn ich am essen bin? Warum gucken sie immer und überall Videos auf ihren Smartphones in voller Lautstärke an – auch mitten in der Nacht im 36-Betten Schlafwagen?

Na gut, ich gebe zu: Auch ich habe möglicherweise einen Anteil am Scheitern dieser Laison. Vielleicht war ich nicht immer ausreichend um Verständnis bemüht, oder es fehlte mir einfach die Geduld. 

Am Ende wird man wohl sagen können, dass wir einfach zu verschieden sind. Das ist okay, ich respektiere das. Wo kämen wir auch hin, wenn wir alle gleich wären? Aber wenn man nicht die gleichen Werte teilt, dann kann man auf Dauer auch nicht zusammenbleiben.

Es war trotzdem ein unvergessliches Abenteuer mit dir, das ich nicht missen möchte. Du bist mir nicht unsympathisch und deshalb wünsche ich dir alles Gute. Außerdem sieht man sich ja bekanntlich immer zweimal im Leben!

Bis dahin, xie xie und leb wohl!