Mein Mekong

Nach einem Zwischenstopp in Chiang Rai überqueren wir die Grenze zu Laos. Die 220 Kilometer bis ins Landesinnere nach Luang Prabang legen wir mit dem Boot zurück. 

Die Fahrt mit dem Slow-Boat auf dem Mekong ist ein Meilenstein auf meiner Reise, denn der Mekong ist nach der Transsibirischen Eisenbahn ein weiterer Sehnsuchtsort für mich gewesen. Eine weitere Sehnsucht, die dank einer Fernsehreportage den Weg in meinen Kopf gefunden hat. Während die Transsib-Idee wegen der Doku „Mit dem Zug von Berlin nach Peking“ geboren wurde, ist diesmal ARD-Korrespondent Robert Hetkämper schuld. „Mein Mekong“ hieß seine Doku, an die ich noch so oft zurückdenken sollte. Heute mache ich mir selbst ein Bild von meinem Mekong.

Die K. und ich haben reichlich Zeit dafür, denn das Boot ist zwei Tage unterwegs. Der 15jährige Steuermann hat das Boot beim ausparken nur gerade so weit beschädigt, dass die Fahrtüchtigkeit noch erhalten blieb und steuert uns nun im Zick-Zack-Kurs zwischen den, aus dem Wasser hervorschauenden Felsen durch. Zum Glück macht er seine Sache gut, denn die fünf Schwimmwesten, die sich die mindestens 60 Leute an Bord teilen müssen, sehen aus wie Attrappen.

Das Wetter meint es gut mit uns, denn obwohl Regenzeit ist, scheint die Sonne. Und wie sie scheint: bei 95 Prozent Luftfeuchtigkeit rinnt einem der Schweiß in jede Ritze des Körpers, auch wenn man sich nicht bewegt. Immerhin haben wir es der Nebensaison zu verdanken, dass wir einigermaßen Platz auf dem Holzkahn haben. In der Hauptsaison sind die Boote nämlich voller als die Shanghaier U-Bahn zur Rushhour. Auf den 70 Plätzen tummeln sich dann schonmal bis zu 120 Menschen.

Heute können wir die Beine lang machen und lesen oder musikhören. An den Bergen, die den Fluss säumen, hängt derweil maximal krasse Urwaldvegetation. Bizarre Wolkenformationen krönen die Szenerie und lassen den nächsten Monsun vorwegahnen.

Über Nacht machen wir eine Pause in Pakbeng. Der Mekong ist nachts nicht befahrbar. Es gibt kein einziges Schiffahrtszeichen, dass auf eine der zahlreich vorhandenen Gefahrenstellen oder sonst irgendwas hinweisen würde und die meisten Gefährte, die hier unterwegs sind, verfügen noch nichtmal über eine Kerze als Lampe. Natürlich haben die Boote auch keine Instrumente, nichtmal einen Drehzahlmesser für den Motor gibt es.

Ich vermute mal, auch die laotische Binnenschifffahrtsverordnung ist ein bisschen kürzer als die Deutsche. Anders kann ich mir nicht erklären, dass hier so ein reger Speedboat-Verkehr herrscht. Die Boote von der Größe eines Kanus und der Form eines Grashalms überholen uns des Öfteren mit einer Geschwindigkeit von mindestens 60 Km/h und erinnern mich vom Geräusch her stark an Formel1 Autos. Beim Ablick der kreuz und quer aus dem Wasser wachsenden Felsen ahne ich, warum jeder Passagier einen Motorradhelm trägt – ein Gadget, das in Laos ansonsten völlig unbekannt ist. Aktivitäten, die sogar im Reiseforum des Lonely Planet als gefährlich eingestuft werden, sollte man tatsächlich besser meiden, sofern man auch nur ein bisschen an seinem Leben hängt.

Das Slow-Boat jedenfalls hat alles unbeschadet an seine Zielorte entlang des Flusses gebracht: Die Laotischen Familen, ihre Wocheneinkäufe, ihre Paletten thailändischen Red Bulls, tausende Eier, ein Dutzend Mopeds sowie etliche Kanister Benzin für dieselben.

In Luang Prabang hustet das Boot dann noch alle verbliebenen Westerners – also auch uns – an den Pier. Die Koberer der Hostels warten schon, aber wir wollen uns in der Stadt erstmal in Ruhe umsehen.

2000 Light Years from Home?

In Chiang Mai treffe ich meine gute Freundin K. Sie ist gerade zwischen zwei Jobs und hat nun Zeit zum Reisen. Wie es der Zufall so will, sind wir in die gleiche Richtung unterwegs und können so einen Teil unseres Weges zusammen bestreiten. Es ist ein gutes Gefühl nach knapp zwei Monaten wieder jemand Vertrautes bei mir zu haben und wir trinken und quatschen bis in die Nacht und schmieden gemeinsam Reisepläne.

Die Begegnung lässt mich auch an Deutschland denken, an zu Hause. Sie erinnert mich daran, dass ich eines Tages wieder zurück sein werde in dem, was Reisende gemeinhin als das „echte Leben“ bezeichnen. Nebenbei bemerkt eine recht tollkühne Bezeichnung: Wer sagt denn, dass ich hier nicht gerade das richtige Leben lebe und alle anderen Zuhause ein Fake-Leben?

Aber was ist überhaupt zu Hause? Die Frage mag sich seltsam anhören, haben doch die meisten Menschen eine eindeutige Antwort darauf parat. Dass man die Frage trotzdem aufwerfen kann, kam mir erstmals in den Sinn, als ich Daniel Schreibers kluges Buch zur dieser „Suche unseres Lebens“ gelesen habe. Und wo, wenn nicht auf Reisen, ist diese Suche gegenwärtiger? 

Der Reisende ist nicht zu Hause, soviel steht fest; und zumeist gibt es einen Grund, warum er es nicht ist. Vielleicht weiß er nicht, wo sein Zuhause ist?

Es ist schon möglich, dass jeder Mensch ein Zuhause braucht. Treffe ich andere Reisende, die seit Jahren unterwegs sind, habe ich nicht selten den Eindruck, dass sie verloren sind, so ganz ohne festen Bezugspunkt im Leben. Gleichzeitig kann ich die Freuden der unbedingten Freiheit nur allzugut nachvollziehen. Ich lebe schließlich selbst gerade das freieste Leben, das ich mir ausmalen kann. Und dennoch weiß ich, dass es kein Konzept für die Ewigkeit ist. Der Wert der Grenzenlosigkeit wird sich gewiss mit der Zeit verbrauchen. Ohne Zuhause ist man nicht vollständig, gewissermaßen wurzellos. 

In St. Petersburg habe ich den V. getroffen. Der IT-Spezialist hat sein Zuhause früh aus den Augen verloren. Er ist in Indien aufgewachsen und als seine Eltern sich getrennt haben, hielt ihn nichts mehr in seiner Heimat. Er hat einige Jahre in Singapur und weitere Jahre im Silicon Valley gelebt. Heute, mit 26 Jahren, hat er ein Neues Zuhause für sich gefunden, in Hamburg. In fünf Jahren kann er Deutscher Staatsbürger werden und wenn man ihn sagen hört, dass er seinen indischen Pass am liebsten sofort in die Tonne kloppen würde, dann kauft man es ihm ab: Er ist zu Hause angekommen. 

Und wo ist mein Zuhause? In Europa? In Deutschland? In Berlin? In meiner Wohnung? Da wo meine Freunde und meine Liebsten sind? Da wo mein zukünftiger Job sein wird?

Im Moment ist mein Platz überall auf der Welt, aber eines Tages wird er wieder einen Namen tragen.

Glaube nichts! 

„Glaube nur das, was du selbst als wahr erkannt hast.“ – Buddha

Dass man im Buddhismus an nichts glauben muss, kommt mir sehr gelegen. Ich habe nämlich keine Lust, mein Schicksal in die Hände eines höheren Wesens zu legen, dessen Existenz ich mir herbeiglauben muss und dessen Versprechungen mir nur vom Hörensagen bekannt sind. 

Meine Sinnsuche fängt daher woanders an. Ich bin für drei Tage in einem buddhistischen Meditations-Retreat im nordthailändischen Urwald. Es ist eine Oase mit mehreren Meditationstätten, viel Grün, Feuerstellen, Bambusschaukeln und ruhigen Rückzugsorten mit Hängematten.


Hier in Pa Pae lerne ich mit zehn weiteren Leuten etwas über die Grundideen des Buddhismus. Weniger Religion als Lebenseinstellung, geht es um Wahrheit, Weisheit und Erkenntnis. Das sind Begriffe, mit denen ich etwas anfangen kann. 

Leider gibt es Weisheit und Erkenntnis nicht geschenkt. Ich habe es geahnt, denn nichts, was es sich zu haben lohnt, kriegt man geschenkt im Leben. Der buddhistische Weg zur Erleuchtung heißt Meditation und ist um ein Vielfaches komplizierter als der bloße Glaube an einen Gott, der einen durch sein willkürliches Urteil möglicherweise irgendwann erlösen wird. 

Meditieren heißt nicht bloß seinen Gedanken nachzuhängen, erklärt uns der Mönch. Es geht darum, einen bestimmten Status des Bewusstseins zu erreichen. Den gedanklichen Fokus auf die Mitte des Körpers zu legen und alles andere auszublenden, stellt mich und viele andere Teilnehmer jedoch vor eine schier unlösbare Aufgabe. 

Der Geist ist immer in Bewegung und er hat eine eine Aufmerksamkeitsspanne, die gerade ausreicht, um eine WhatsApp-Nachricht zu lesen. Als hätte man ein hyperaktives Eichhörnchen im Kopf.

Ich hatte eigentlich angenommen, dass das mit ein bisschen fachkundiger Anleitung schon laufen werde. In Wahrheit ist es, wie das Erlernen eines Musikinstruments: Zunächst bluten einem die Finger und die Ohren und erst nach jahrelangem Üben lassen sich zum Beispiel einer Geige wohlklingende Töne entlocken.

Im Retreat stehen wir um 5.30 Uhr auf, singen zusammen und Meditieren. Nach dem Frühstück wird wieder meditiert bis zum Mittagessen. Nachmittags ein bisschen Gartenarbeit oder Dorfbesichtigung, bevor bis zum Schlafengehen wieder meditiert wird. Zwischendurch lehrt der Mönch interessantes über Buddhismus. Es ist unaufdringlich. Keiner versucht uns zu bekehren. Abgesehen vom einzigen anderen Deutschen, der pausenlos von Jesus redet, obwohl wir doch zum Schweigen angehalten sind. Als er von tollen freien Gemeinden in Berlin erzählt und mir die Kontaktdaten geben will, möchte ich ihm am liebsten eine Kopfnuss geben, um ihn zum Schweigen zu bringen. Aber das würde Buddha ganz sicher nicht erfreuen und außerdem übe ich mich hier ja in Gelassenheit.

Es ist Schwerstarbeit. Der Versuch eine Stunde fokussiert zu bleiben, ist eine Geschichte des Scheiterns. Wieder und wieder schweife ich ab. Es ist mir nicht möglich, mich auch nur auf meinen Atem zu konzentrieren. Stattdessen kreisen meine Gedanken um alles Mögliche. Aber das sei am Anfang normal, wird mir versichert. Der Weg ist eben lang und Buddha wurde auch nicht vom einen auf den anderen Tag erleuchtet.

Am dritten Tag kann ich kleinste Fortschritte verzeichnen. Ich bin froh, dass ich nicht die Zwei-Wochen-Variante gewählt habe. Ein wenig ärgert es mich schon, dass ich mich nicht zusammenreißen kann.

Trotzdem hat mich der Aufenthalt im Retreat bereichert. Buddhistische Lebensphilosophie überzeugt mich auch weiterhin in großen Teilen und erscheint mir als brauchbare Anleitung für ein glückliches Leben. Möglicherweise werde ich die Erleuchtung durch Meditation jedoch einstweilen auf einen späteren Lebensabschnitt verschieben. Das Rüstzeug habe ich ja nun im Gepäck.

Jetzt freue ich mich erstmal wieder auf ein kaltes Bier und eine Zigarette.

China, wir müssen reden

Wie soll ich anfangen? Wir hatten eine gute Zeit. Fast vier Wochen war ich in dir, aber ich spüre, dass es nun Zeit wird, weiterzuziehen. 

Ich finde dich echt nett und deine Kochkünste habe ich sehr genossen, aber wenn wir mal ehrlich sind, dann sind wir uns doch fremd geblieben. Wir sprechen nicht dieselbe Sprache und nur allzu oft haben wir aneinander vorbeigeredet. Immerzu hast du mich angeplärrt aus all deinen Lautsprechern und Walkie-Talkies, die du so liebst, immerzu bin ich ratlos zurückgeblieben. 

Ich mag deine Landschaften und deine Natur; ich hatte tolle Erlebnisse in dir. Aber ich kann kaum mitansehen, wie du deinen Körper ruinierst. Mit deiner Go-West-Strategie ritzt du dir Autobahnen und Eisenbahntrassen in die Haut bis in den letzten unberührten Winkel deines Körpers; Scars on Land. Ja, ich weiß, die Menschen brauchen Arbeit, aber denkst du auch mal an die Zukunft? Glaubst du nicht, dass diese keynesianische Gießkannenpoltik irgendwann zum Platzen einer Blase führt?

Davon abgesehen vertraust du mir nicht. Du verbietest mit Facebook, Instagram und Google. Deine zahllosen Polizisten und dein Militär lassen mich nie aus den Augen. Warum sind sie mit zweimeterlangen Ninja-Stangen bewaffnet?

Abgesehen vom großen Ganzen sind es am Ende vielleicht auch die kleinen Dinge gewesen, die einer wahrhaftigen emotionalen Annäherung im Wege standen. All die Dinge, die ich am Anfang noch interessant fand, die dann aber mit der Zeit an meinen Nerven genagt haben. 

Warum spucken deine Menschen ständig aus und rotzen sich die Nasenlöcher ohne Taschentuch frei? Und warum tun sie das auch in Gebäuden und sogar in Zügen? Warum machen sie ständig heimlich Fotos von mir, sogar wenn ich am essen bin? Warum gucken sie immer und überall Videos auf ihren Smartphones in voller Lautstärke an – auch mitten in der Nacht im 36-Betten Schlafwagen?

Na gut, ich gebe zu: Auch ich habe möglicherweise einen Anteil am Scheitern dieser Laison. Vielleicht war ich nicht immer ausreichend um Verständnis bemüht, oder es fehlte mir einfach die Geduld. 

Am Ende wird man wohl sagen können, dass wir einfach zu verschieden sind. Das ist okay, ich respektiere das. Wo kämen wir auch hin, wenn wir alle gleich wären? Aber wenn man nicht die gleichen Werte teilt, dann kann man auf Dauer auch nicht zusammenbleiben.

Es war trotzdem ein unvergessliches Abenteuer mit dir, das ich nicht missen möchte. Du bist mir nicht unsympathisch und deshalb wünsche ich dir alles Gute. Außerdem sieht man sich ja bekanntlich immer zweimal im Leben!

Bis dahin, xie xie und leb wohl!

Unterwegs

Ich bin unterwegs. Bis Pa Pae in Thailand sind es knappe 1000 Kilometer, die ich mit Bussen, Taxis, Nachtzügen, dem Flugzeug und noch mehr Taxis und Minivans zurücklege. 

Ich bin wieder allein. Der S. bleibt noch eine Weile in Yunnan und weil er ohnehin Richtung Westen unterwegs ist, haben sich unsere Wege am Ende der „Tiger leaping gorge“ wieder getrennt. Ohne seine Chinesischkenntnisse muss für die Reiseplanung nun wieder das „Zeige-Wörterbuch“ herhalten. Es ist zum unverzichtbaren Begleiter geworden.

Längst habe ich mich ans Hobo-Leben gewöhnt. Die Gedanken kreisen darum, wo man abends schlafen wird oder wo man die nächste Mahlzeit auftreiben kann. Gerade dann, wenn man unterwegs ist, muss man eine Menge Dinge im Kopf haben. Wo putze ich mir die Zähne? Wann und wo kann man mal wieder aufs Klo? Vom Duschen ganz zu schweigen. 

Ich stinke. Zwei Tage Trekking machen sich bemerkbar. Der Geruch unterscheidet den Traveller vom Touristen, welcher jeden Abend in sein Hotel zu seiner Regenwalddusche zurückkehrt. 

Kekse und Cola, Wartehallen und Holzklasse. Lange wach. Klingt ungesund und unbequem – ist es sicher auch. Trotzdem fühlt es sich gut an. Ich habe Bahnhöfe und Flughäfen schon immer gemocht. Sie sind Symbole für Bewegung und damit – anders als der sogenannte Alltag – Feinde des Stillstands. 


Die meisten Menschen sehnen sich danach, irgendwo anzukommen; und wer nicht ankommen will, der will meistens irgendwohin aufbrechen. Und ich? Ich habe nun Beides – im täglichen Wechsel. Also alle Sehnsüchte befriedigt?


Hotel Dalifornia

Dali ist unsere Zwischenstation auf dem Weg zur legendären Tigersprungschlucht im Norden Yunnans. Die Altstadt ist szenisch gelegen zwischen dem Ěrhǎi-See und den „grünen Bergen“. 

Deswegen, und weil das Leben hier entspannt ist, war Dali noch vor zehn Jahren die erste Anlaufstelle für westliche Hippies – dann kamen die chinesischen Touristen. Als wir ankommen, sehen wir nur noch wenige chinesische Touristen und noch weniger Westerners.

Man kann sich in der Altstadt ganz gut die Zeit vertreiben. Alles ist hübsch hergerichtet, aber echte chinesische Kultur kann man hier genauso wenig erfahren, wie man in Venedig echte italienische Kultur erfahren kann. Überhaupt scheint chinesische Kultur in China nach der Revolution stark vernachlässigt worden zu sein – und zwar überall im Land.

Trotzdem spürt man die Atmosphäre, von der die Anziehungskraft Dalis auf viele Reisende ausgeht oder vielleicht eher ausging. Außerdem gibt es hervorragendes Essen.


Abends in der „Bad Monkey Bar“, sitzen dann alle zusammen: chinesische Hipster, hängengebliebe Westerners jenseits ihrer besten Jahre und Durchreisende wie der S. und ich sowie die zwei Australier, die uns Gesellschaft leisten. Die chinesische Band spielt westliche Musik von Linkin Park bis Rage against the Machine.

Schon verrückt, denke ich. Da sitze ich nun im tiefsten China in dieser Bar, die von ihrem Steam-Punk-Setting her auch im Hamburger Schanzenviertel angesiedelt sein könnte und höre die Lieder meiner Jugend, die schon in unserem Stamm-Kellerclub im tiefen Ostwestfalen gespielt wurden – damals.

Noch vor zwei Jahren war ich Rechtsanwalt in einer großen Kanzlei und hätte mir niemals träumen lassen, dass ich mal nur mit einem Rucksack um die Welt reise. Und davor? In diesem Kellerklub, dessen Bilder durch die Musik gerade wieder an die Oberfläche meines Bewusstseins gespült werden? Damals hätte ich nie gedacht, dass ich mal Berlin wohnen würde und einen anständigen Job haben werde.

Hier schließt sich kein Kreis, denn es gibt keine Kreise im Leben – nur Geraden. Es gibt immer nur eine Richtung: vorwärts. 

Wo werde ich in zwei Jahren sein, und was werde ich tun? Werde ich wieder sagen, dass ich mir das nie hätte träumen lassen?

Es ist ein großes Glück, dass ich es nicht weiß – so gehört meine Zukunft ganz mir.

It’s all part of it

Es gibt Dinge, die kann man auf Reisen kaum vermeiden, Durchfall zum Beispiel. Es gibt aber auch Dinge, die kann man sehr gut vermeiden, den Flug verpassen zum Beispiel. Und dann gibt es noch Dinge, die man theoretisch vermeiden kann, die dann aber praktisch doch passieren, Betrügern auf den Leim zu gehen zum Beispiel. 

Aus eigener Erfahrung kann ich nun sagen, dass das noch eine Nuance ärgerlicher ist als Durchfall, weil man sich fürchterlich über sich selbst ärgern muss. Die heutige Lehrstunde hat mich (zum Glück nur) 20 Euro gekostet.

Als ich allein in Shanghai unterwegs bin, fragen mich zwei jüngere Frauen, ob ich ein Foto von ihnen vor der Brücke machen kann, an der ich gerade vorbeikomme. Natürlich kann ich. Sie verwickeln mich in ein Gespräch. Sie seien Touristen aus Peking und für 5 Tage in Shanghai usw. Es folgt ein kurzer Smalltalk. Sie sagen, sie wollen Richtung Altstadt gehen, ich war eigentlich in die andere Richtung unterwegs. In der Altstadt sei ein Teefestival, ob wir nicht ein Stück zusammen gehen wollen, die alten Gebäude dort müsste man gesehen haben und für sie sei es eine willkommene Gelegenheit, Englisch zu sprechen. Ich zögere, aber sie sagen, sie würden sich sehr freuen, sie träfen doch sonst nie Deutsche.


Tatsächlich ist ihr Englisch so schlecht, dass man sie kaum für Profis halten kann. Ich habe ohnehin kein richtiges Ziel und Leute kennenzulernen gehört zum täglichen Geschäft des Alleinreisenden. 

Ihre Geschichten sind schlüssig und nach einigen hundert Metern kehren wir in einen „Teesalon“ ein, der schon nicht wirklich wie ein Teesalon aussieht. Die Teezeremonie sei Teil des Festivals, erklärern sie mit einem „Festival-Stadtplan“ in der Hand, auf dem ich natürlich kein Wort lesen kann. Es könnte sich durchaus um eine „echte“ Zeremonie handeln.

Zu diesem Zeitpunkt habe ich schon einige Zweifel, aber die beiden halten das Gespräch am laufen und sie sind sehr gut, in dem was sie tun. Warum auch nicht? Nur weil sie Kriminelle sind, heißt das ja nicht, dass ihre Arbeit stümperhaft verrichten. 

Bei der dritten Schale Tee wird mir dann auch der Preiszettel gezeigt. Jeder probierte Tee kostet 49¥, was so ca. sechs Euro sind. „This is fucking expensive!“, protestiere ich.

Aber die Beiden tun so, als wäre es das Normalste der Welt, für einen Tee sechs Euro zu bezahlen. Außerdem könne ich von jedem probierten Tee soviel trinken, wie ich wolle. Es wird immer offensichtlicher, dass es ein abgekartete Spiel ist, aber zu diesem Zeitpunkt sucht mein Gehirn noch verzweifelt nach irgendwelchen Erklärungen, damit ich mir nicht eingestehen muss, auf sie reingefallen zu sein. Gibt es vielleicht doch ein Festival? Ist das vielleicht der beste Tee der Welt? Was weiß ich denn schon?

„You want to try another type?“ fragen sie.

„Hell no! Are you kidding me?“ 

Ich sage, dass wir jetzt bessser gehen sollten. Sie bezahlen ihre Rechnungen – es gehört zu ihrem Geschäftsmodell, dass ich gar nicht merken soll, dass ich abgezogen werde. Sie machen ihren Job sehr gut.

Der für die Selbsttäuschung zuständige Teil meines Gehirns behauptet daher noch immer, dass schon alles seine Richtigkeit haben könnte, aber langsam wird es unglaubwürdig. 

Ich zahle. Die beiden hören derweil nicht auf, einen auf „It was so nice to meet you“ zu machen. Auch das hält mich vermutlich davon ab, sofort zum nächsten Polizisten zu rennen und mich auszuheulen. Erst als sie sich verabschiedet haben, sehe ich wieder klar. Ich brauche gar nicht mehr im Internet zu schauen, ob es wirklich ein Tee-Festival gibt.

Es ist ja schließlich nicht so, als hätte das Auswärtige Amt nicht genau vor dieser Masche gewarnt. Es ist auch nicht so, als wäre ich zum ersten Mal von irgendwelchen Leuten angequatscht worden, die auch clevere Maschen hatten, die ich jedoch sofort durchschaut habe. 

Nur verstanden diese Beiden es eben besonders gut, sich mit einer Aura der Harmlosikkeit zu tarnen.

Überdies kann man auch nicht pausenlos in höchster Alarmstellung sein und würde ich jedem, den ich treffe, immer gleich das Schlimmste unterstellen, wäre das eine sehr einsame Reise. Zudem muss, wer alle Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes peinlich genau befolgt, zu Hause bleiben.

So ist das: Hinterher ist man immer schlauer. Oder von außen betrachet, mag sich manch ein Leser jetzt denken.

Nach einer kurzen Pause beschließe ich, zum Teeladen zurückzukehren und anzubieten, dass ich mein Geld zurückbekomme und im Gegenzug nicht mit der Polizei wiederkomme. Ich finde den Laden nicht mehr. Er ist vermutlich hinter einer Jalousie verschwunden. Ich schaue nochmal in der Umgebung, ob ich die beiden auf der Suche nach ihrem nächsten Opfer wiederfinde. Verdammt, sie sehen alle gleich aus. Das Geld ist mir egal, ich ärgere mich einfach – vor allem über meine eigene irrtümliche Einschätzung.

Ich schreibe die 20 Euro ab und beschließe, nicht den Rest des Nachmittags damit zu vergeuden, mit chinesischen Polizisten den Laden zu suchen. Ich will mich nicht weiter ärgern.

Fehler zu machen gehört zum Reisen dazu – so wie unbequeme Betten und dreckige Klos. Erst wenn die Dinge anders laufen als geplant, wenn alles schiefgeht, wird es interessant. Längst hat sich ja auch in der Arbeitswelt die Einsicht durchgesetzt, dass Scheitern häufig ein wichtiger Bestandteil des Erfolgs ist; und dass man (nur) aus Fehlern lernt, weiß ohnehin jedes Kind. Es muss wehtun.

Es war ein verhältnismäßig folgenloser Irrtum für mich. Immerhin hätte ich auch ausgeraubt werden können. Aber die Geschichte hat mich daran erinnert, dass man nicht alles planen und vorhersehen kann. Schon gar nicht ist man immer auf alles vorbereitet. 

Es wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Dinge schieflaufen – aber das ist okay. An Erfahrung gewinnt man ja bekanntlich immer. Und darum geht es doch, oder etwa nicht?

Bling Bling

Shanghai erreiche ich mit dem Zug. Nicht etwa, weil ich jetzt beschlossen hätte, die ganze Welt mit dem Zug zu umrunden, es war eine pragmatische Entscheidung. Weder war fliegen billiger noch sehr viel schneller. 

Zwischen Peking und Shanghai gibt es eine Highspeed-Verbindung; die über 1300 Kilometer legt man in gut fünf Stunden zurück. Die transsibirische Eisenbahn wäre für die gleiche Strecke zwei Tage lang durchs Land gerumpelt. 

Das Zugmodell gleicht dem deutschen ICE 3 wie ein Ei dem anderen, ein Siemens-Werk hat dieses Gefährt aber ganz bestimmt noch nie von innen gesehen. Eine perfekte Kopie, bis auf dass die Chinesen offenbar der Ansicht sind, dass auch fünf Leute in einer Reihe Platz finden. Im Unterschied zu seinen deutschen Vorbildern hat man dem Klon jedoch gleich noch die passende Trasse spendiert. Hier beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit 300 km/h und nicht die Spitzengeschwindigkeit, wie es in Deutschland vielleicht für 15 Minuten zwischen Köln und Frankfurt der Fall ist. Man stelle sich nur mal vor, man könnte von Berlin nach Rom mit dem Zug in fünf Stunden fahren!

Steigt man in Shanghai aus, ist es ein bisschen, wie das erste Mal in New York zu sein. Der Blick geht nach oben. Es ist ein Wolkenkratzer-Nationalpark. Als ich ankomme, ist die die Sonne längst untergegangen, aber alles strahlt so hell, dass ich sofort meine Sonnenbrille aufsetzen möchte – die ganze Stadt ist ein einziger Times Square. Auf dem Weg hierher bin ich durch unzählige Millionenstädte gefahren, die grau und trist waren und deren Namen niemand in Deutschland kennt oder jemals kennen wird.

Aber das hier ist eine strahlende Mega-City mit Weltstadt-Flair. Man merkt sofort, dass hier ein ganz anderer Film läuft, als in Peking. Es ist eine Mischung aus Las Vegas und Bangkok, die Straßen sind voll und das Leben pulsiert. Sofort kann man sich vom Strom mitreißen lassen und einem wird gleich klar: hierher kommt man nicht, um sich zu erholen.


Das tue ich dann auch nicht. Mit zwei Franzosen, einem Londoner und einem Mädel aus Detroit ziehe ich in einen angesagten shanghaier Technoclub. 

Es handelt sich um die Art von Club, um die jeder Berliner, der noch alle Tassen im Schrank hat, einen großen Bogen machen würde: viel buntes LED-Blinklicht, eine große Bühne für die drei DJs, die ständig Anheiz-Parolen ins Mikrophon brüllen und die Trockeneis- und Konfettikanonen abfeuern. Die Musik ist unterirdisch, es scheint jedoch niemanden zu stören.

Das Absurdeste sind jedoch weder das Ambiente, noch die grauenhafte Musik. Das Absurdeste sind die Preise und dass wir sie nicht bezahlen – oder besser gesagt: warum wir sie nicht bezahlen. Keine 25 Euro Eintritt, keine 22 Euro für einen Gin&Tonic und keine elf Euro für ein kleines Bier.

Weil wir Westerners sind. 

Ja, der einzige Grund, warum uns jemand zu einem VIP-Tisch begleitet, an dem uns alle Drinks für lau gemischt werden ist, das wir weiß sind. Ich frage mich, was hier los ist und ob das nicht alles ein bisschen rassistisch ist. 

Offenbar werten wir den Laden gehörig auf, weil wir Nicht-Chinesen sind. Der 19-jährige Londoner, der gerade einen Forschungsaufenthalt in Shanghai beendet hat, ist schon zum dritten Mal in dem Laden, er ist ein begehrtes Flirt-Ziel für die jungen Chinesinnen. Mir dämmert, dass wir hier zum Entertainment-Programm für die reichen Chinesen gehören. Es ist, wie so oft: Bezahlst du nichts, dann bist du selbst das Produkt.

„It’s insane“, kommentiert einer der Franzosen. Er hat Recht und es kommt mir daher sehr gelegen, dass die Amerikanerin, die in China ‚International Business Administration‘ studiert, nach einigen Stunden in den Club kotzt und wir sie zurück zum Hostel bringen müssen.

Das Produkt war heute wohl leicht mangelhaft.