Familienausflug: Ha Long Bay

Nach dem Festival herrscht Endorphinkaterstimmung in meiner Teilzeit-Peergroup. Zurück in unserer Basis Hanoi sammeln wir bei vietnamesischem Streetfood neue Kräfte für unseren Trip in die Ha Long-Bucht. Die Bucht gehört unbestreitbar zu den Top-Zielen des Landes. Natürlich ist sie längst kein Geheimtipp mehr und so stellen wir bei unserer Ankunft auf Cat Ba einigermaßen ernüchtert fest, dass die Insel eine große Baustelle ist. Unansehnliche touristische Infrastruktur bestimmt das Bild von Cat Ba Stadt.

Wir beeilen uns daher auf ein Boot zu kommen, um für ein paar Tage in unberührteres Terrain vorzudringen. Über 2000 Karstfelsen ragen in der Bucht hunderte Meter aus dem Wasser. Weltkulturerbe – mal wieder.

Die Schnorchelausrüstung kann man zwar getrost zu Hause lassen, denn unter Wasser ist der Genozid an Korallen und Fischen längst abgeschlossen; über der Wasseroberfläche sieht es jedoch aus, als hätte sich jahrtausendelang nichts verändert. Ich wäre nicht verwundert, wenn jeden Moment eine Seekriegsflotte aus dem Game-of-Thrones-Universum aus den Nebelschwaden hervortreten würde. Wir schlafen auf einer der einsamen Inseln in Bungalows und kajaken durch stockfinstere Höhlen zu grünen Lagunen. Ich muss zugeben, es ist schon recht beeindruckend.

In der Bucht zeigt sich auch mal wieder, wie sehr die Qualität des Reisens von den Leuten abhängt, mit denen man diese Erlebnisse teilt. Nicht immer hat man Glück mit den Menschen, die einem so begegnen, aber wir sind immer noch in unserer bewährten Vierer-Combo unterwegs, die wir liebevoll unsere „Familie“ nennen. Eigentlich ist es hochgradig absurd, wie man sich in diesen kleinen Zweckgemeinschaften zusammenfindet, um dann einige Tage oder gar Wochen alles miteinander zu teilen und sich anschließend wieder in alle Himmelsrichtungen zu zerstreuen. Wer unterwegs nicht vereinsamen will, ist in der Regel zu einem gewissen Grad darauf angewiesen, hin und wieder ein Stückchen mit anderen Leuten zurückzulegen und wenn es gut läuft, kann das äußerst bereichernd sein.

Mit meiner „Familie“ habe ich jetzt schon mehr Zeit verbracht, als mit manchen Schulfreunden seit dem Abitur. Das erzeugt auch eine seltsame Intimität, in der man sich gegenseitig Dinge erzählt, die man sonst niemanden erzählen würde. Wir sind in vielen Belangen auf einer Wellenlänge, trotzdem ist die Gruppe in ihrer zufälligen Zusammensetzung äußerst heterogen. Nein, wir sind sicher nicht alle aus dem gleichen Holz geschnitzt, aber gerade das macht es so interessant und eröffnet einem ganz neue Blickwinkel auf das Leben. Das Wissen, dass man die anderen nach der gemeinsamen Zeit wahrscheinlich nie wieder sehen wird, macht es auch überflüssig sich zu verstellen – man kann einfach sein, wie man ist. Es ist eine Ausnahmesituation, die nur unter den außergewöhnlichen Umständen des Reisens geboren werden kann und deren Existenzvoraussetzung ihre absehbare Endlichkeit ist.

Deshalb bin ich auch nicht traurig, dass diese Familiengeschichte bald zu Ende erzählt sein wird. Man soll ja ohnehin aufhören, wenn es am schönsten ist, und mit ein bisschen Glück treffe ich auch demnächst wieder Leute mit denen man mehr als nur den Tisch in der Bar teilen kann.

Fear and Loathing at the QuestFest

Drei Tage nach meiner Ankunft in Hanoi finde ich mich erneut an einem Ort wieder, den ich nicht auf dem Zettel hatte. Das Quest Festival vor den Toren der Hauptstadt ist ein Ort jenseits von Raum und Zeit. Ich bin zusammen mit dem D. und der C. hier, die ich bei meiner Flucht vor dem Unwetter in Zentralvietnam kennengelernt habe.

Das QuestFest ist das größte Musikfestival Südostasiens – trotzdem ist es weder groß, noch steht hier die Musik im Vordergrund. Mit gerade mal 6000 Leuten ist es für westliche Verhältnisse eher eine Familienveranstaltung und niemand, den ich getroffen habe, kennt auch nur einen der Musiker, die dort auftreten. Aber darum geht es auch gar nicht.

Das Hippie-Künstler-Festival findet auf einer Art Halbinsel in einer abgelegenen Seenlandschaft statt und vereint vom Konzept her legendäre Veranstaltungen wie das „Burning Man“ und die „Fusion“. Dementsprechend ist auch das Publikum drauf. Hier finden sich fast ausnahmslos Backpacker und Langzeitreisende, also Leute, die ohnehin schon ziellos durch die Weltgeschichte irren, vielleicht vor irgendwas davonlaufen, jedenfalls aber das „Leben im Hier und Jetzt“ zur Maxime erhoben haben. Nur selten treffen wir Leute, wie die drei Püppchen aus Hamburg, die auf ihrem Mädelsurlaub hier einen Stop einlegen, bevor sie nächste Woche wieder in ihren Marketingabteilungen sitzen und sich die Nägel lackieren. Sie wirken in dieser Umgebung wie Aliens, die versehentlich auf dem falschen Planeten gelandet sind. Die restlichen Anwesenden sind aufrichtig auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen und haben dafür auch das nötige Equipment im Handgepäck. Hier gibt es alles: MDMA, Speed, Extasy, Mescalin, Acid, Pep, Poppers, Pilze, Uppers und Downers. Pillen, Pülverchen, Plättchen, Pipetten, Nasensprays, Pflaster, Zäpfchen und ein paar Dinge deren genaue Anwendung bis zuletzt schleierhaft bleibt. Obwohl ich in Berlin wohne, habe ich das meiste von dem Zeug noch nie gesehen und auch nicht wenige der Anwesenden machen hier ganz neue Entdeckungen.

Ich nehme keine Drogen und fühle mich daher zeitweise selbst wie ein Tourist in einer fremden Welt. Ausnahmslos alle, mit denen ich hier bin, steigen fröhlich mit ein – ich lehne dankend ab. Es ist nicht so, dass hier irgendjemand irgendeine Art von Druck ausüben würde, gleichwohl überkommt mich zeitweise das Gefühl, dass ich nicht ganz teilnehme an dem, was hier vor sich geht.

Ein Stück weit kann ich das sogar nachvollziehen: Ich kenne die Situation, wenn man mit einer Gruppe in einer Bar sitzt und diese besondere Stimmung in der Luft liegt, die dir ins Ohr flüstert, dass es eine dieser Nächte werden könnte, die legendär aus dem Ruder laufen. Wenn dann jemand am Tisch sitzt und sagt, er trinke generell keinen Alkohol, dann schaut man selbst manchmal ein bisschen misstrauisch. Was stimmt mit dieser Person nicht? Man hat diese Person dann ungewollt im Verdacht, ein Kontrollfreak zu sein, jemand der sich nicht fallenlassen kann. Mit dieser Person wird man vermutlich nicht in ein verlassenes Fabrikgebäude einbrechen, vom Dach den Sonnenaufgang beobachten und stundenlang philosophieren. Man wird mit ihr auch kein morgendliches Bad in der Spree nehmen und auch keine Pferde stehlen. Kurzum: Man wird nicht das gleiche Ding durchziehen und nicht das Gleiche erleben. So eine Einstellung wirft natürlich allerhand ernsthafte Fragen über den Zustand unserer Gesellschaft und ihren Umgang mit Alkohol auf, aber darum soll es hier nicht gehen. Ich ahne jedenfalls, dass meine sieben Zeltgenossen etwas ähnliches über mich denken könnten, auch wenn sie das niemals zugeben würden.

Ich bestreite also das Wochenende mit Bier und Drinks und hier und da mal einer Haschzigarette oder einem Lachgas-Ballon, den man – wie häufig in Südostasien – an der Bar bestellen kann.

Die Abstinenz von harten Drogen hat indes einige Vorteile, zum Beispiel, dass ich nicht stundenlang mit einem Löffel in der Hand durch die Gegend laufe und versuche, mit selbigem Energie auf andere Leute zu übertragen. Na ja, vielleicht ist das auch ein Nachteil, je nach nachdem wie viel Energie der Löffel wirklich überträgt. Unglücklich sehen sie jedenfalls nicht aus, all die Menschen, die hier neue Bewusstseinsebenen erkunden, von denen ich mir höchstens erzählen lassen kann. Dafür muss ich allerdings – im Gegensatz zu allen Anderen – ab und zu schlafen und essen, was wohl der Preis ist, wenn man seinen Prinzipien treu bleibt.

Auch ohne Drogen lässt sich die Stimmung an diesem Ort jedoch wunderbar aufsaugen. Es ist ein bisschen wie Urlaub vom Urlaub. Man streift über das Gelände, geht zur Impro-Comedy, schwimmt eine Runde im See oder döst ein paar Stunden in einer der zahlreichen Hängematten. Ich treffe die K. wieder, mit der ich ein wenig Zeit verbringe und endlich mal wieder deutsch reden kann. Alles ist untermalt von den Bässen, die 72 Stunden lang nonstop an den Fäden der Marionetten mit den kleinen Pupillen ziehen.

Was für ein magisches kleines Wunderland, denke ich. Hier draußen in der Natur, auf dieser Halbinsel, eingebettet in die Seen, auf denen der Nebel liegt, wie in einer märchenhaften Erzählung von Feen und Elfen. Und tatsächlich ist es im Grunde nichts anderes als ein Märchen – zauberhaft und nicht real. Nach den drei Tagen, wenn alle ihre Feenkostüme abgelegt haben, wird die Stille der Natur die Insel wieder zurückerobert haben und nichts wird mehr darauf hinweisen, dass hier drei Tage lang ein magischer Ausnahmezustand geherrscht hat.

In 80 Stunden durch Vietnam

Das schöne am Reisen ist, dass man niemals weiß, wo man in drei Tagen sein wird. Vor drei Tagen jedenfalls war ich im Mekong-Delta, ganz im Süden des Landes. Heute, drei Tage später finde ich mich in Hanoi wieder – wer hätte das gedacht. 

Schon im Süden haben mich die Nachrichten von Taifun Damrey erreicht, der alsbald in Vietnam auf Land schlagen und mindestens für ungemütliches Wetter sorgen wird. Das und die Tatsache, dass es in Can Tho einen Flughafen gibt, haben mich veranlasst, meine Reise in Zentralvietnam fortzusetzen. Dank des in diesen Tagen stattfindenden APEC-Gipfels gibt es nämlich auch in Da Nang einen nagelneuen Flughafen, den ich mit einer vietnamesischen Schrott-Airline für den Preis eines Bustickets erreichen kann. Ich mache also Hoi An zum neuen Startpunkt für meine Entdeckungstour durch die Mitte des Landes. Hoi An ist ein „must see“. UNESCO-Weltkulturerbe, großartige alte Gebäude, wunderschöne Tempel, hinreißende Altstadt und so weiter und so fort. Ich fliege mit VietSchrott-Air gefühlte fünf Meter vor dem Taifun her, was sich vor allem daran bemerkbar macht, dass die Leute links und rechts von mir sich die Seele aus dem Leib kotzen.

Dummerweise regnet es auch in Hoi An noch. ‚Scheiß drauf’ denke ich, in Südostasien regnet es halt manchmal für ein, zwei Stunden am Tag und dann kommt die Sonne wieder raus. Ich irre mich. Es regnet einfach immer weiter. In der Bar des Hostels warte ich darauf, dass mein Bett im Schlafsaal frei wird. Draußen schüttet es weiter. Wie zum Teufel soll ich mir bei dem Kackwetter auch nur was zu essen besorgen?


Das Blatt wendet sich, als ich meinen Vierer-Dorm beziehe. Ich habe verdammtes Glück, denn mit den Leuten, die schon ein paar Tage auf dem Zimmer sind, verstehe ich mich sofort bestens. Das muss nicht immer so sein. Manchmal redet man kein Wort miteinander, manchmal gehen einem die „Roomies“ mit ihrem Gelaber auch hart auf die Nerven. Aber die Engländerin, die Griechin, der Amerikaner und ich werden uns in den folgenden 80 Stunden nicht mehr von der Seite weichen. Wir kämpfen uns durch den nicht enden wollenden Regen für das beste Banh Mi der Stadt und wir harren am Abend auf unserem Dorm aus, als an Rausgehen schon nicht mehr zu denken ist. Wir spielen Karten, trinken Bier und erzählen uns unsere Lebensgeschichten. 

Ich frage mich, woran das liegt, dass man sich mit manchen Menschen auf Anhieb verbrüdert und man Anderen schon nach drei Sätzen die Pest an den Hals wünscht.

Die Witze sind schmutzig und die Stimmung ist bestens. Keiner wird verschont. Nicht das schmutzige Witze neuerdings ein Qualitätsmerkmal für gute Unterhaltungen oder gar menschliche Beziehungen wären, aber wenn man sich drei Stunden kennt, und die anderen mit einem herzlichen „What‘s up Motherfuckers?“ begrüßen kann und jeder weiß, dass es nett gemeint ist, dann ist das ein starkes Indiz dafür, dass sich niemand im Raum selbst zu ernst nimmt. Leute, die sich selbst nicht zu ernst nehmen sind eine so viel angenehmere Gesellschaft als Leute für die Humor bloß das Erzählen von Witzen ist.


Am nächsten Morgen regnet es immer noch. Nun sind wir ein bisschen ratlos. Als wir die Klamotten von der Schneiderin der Mädels abholen, erklärt uns der holländische Freund der Schneiderin beim Craft-Beer, das beide in ihrer Hipster-Schneiderei verkaufen, dass in Zentralvietnam die Regenzeit gerade erst anfängt. „Was?“, denke ich, „Wie zum Teufel konnte mir das entgehen?“ Die Antwort ist eigentlich simpel, denn mein Kopf ist schon rund um die Uhr damit beschäftigt, die vielen Eindrücke zu verarbeiten und zu überlegen, was ich als nächstes für Programmpunkte auf die Tagesordnung setze. Gleichzeitig muss ich überlegen, wo ich danach hin will und wie ich dann dorthin komme. Es wäre schlicht zu kompliziert, würde ich außerdem für jeden Landstrich die klimatischen Besonderheiten studieren und meine Route auch noch nach dem Wetter ausrichten. Nein, ich fahre dahin wo ich will und von sowas, wie ein bisschen Regen lasse ich mir nicht den Reiseplan diktieren. Aber es regnet nicht nur ein bisschen, es regnet wie wahnsinnig und es hört nicht mal für fünf Minuten auf. Jedes Mal wenn wir einen Fuß vor die Tür setzen, sind wir komplett nass. Die billigen Regencapes, die einem an jeder Ecke angedreht werden, helfen nur geringfügig. Die Mädels holen Banh Mis für den ganzen Tag und draußen verschwindet die Straße in braunem Wasser. Dann verschwinden auch die Bürgersteige und die Treppe zu unserem Hostel. 


„Wir sollten unsere Badeklamotten anziehen und schwimmen gehen“, sagt jemand. Es ist einer dieser Momente, in denen jene Geschichten beginnen, an die man sich den Rest seines Lebens erinnern wird. Niemand zögert und zwei Minuten später haben wir alle unsere Badeklamotten an und gehen unter den ungläubigen Blicken der anderen Hostelbewohner auf die Straße in Richtung Altstadt. An uns schwimmt Müll und Inventar der umliegenden Geschäfte vorbei. Das Wasser steht uns bereits bis zum Bauchnabel, als auch die ersten Boote an uns vorbeifahren. Wir sind Barfuß und haben keine Ahnung wo wir hintreten. Manches fühlt sich an wie Müll, manches wie eine tote Ratte. Aber tote Ratten schwimmen – im Gegensatz zu ihren lebenden Artgenossen – an der Oberfläche. Natürlich könnte man sich in so einem Moment fragen, ob das nicht nur ein wenig fahrlässig sondern auch total bescheuert ist. Tun wir aber nicht. Wir kommen aus dem Lachen nicht mehr raus. Wir sind nicht betrunken, nur berauscht vom Moment und der Verrücktheit, die uns sonst im Leben allzu häufig abgeht. Abwasser und tote Kakerlaken, Ratten und Müll, Löcher und Glasscherben, verborgen auf der Straße – es kümmert uns kein bisschen. Wir schwimmen durch die Altstadt von Hoi An. Wir machen das Beste aus der Ausnahmesituation und die Bewohner feiern uns dafür. Es ist surreal wie in einem Film von Tim Burten und es ist einer der Momente, in denen man sich sehr lebendig fühlt.


Mit der Rückkehr zum Hostel kehrt jedoch auch die Ratlosigkeit zurück. Die Bar im Erdgeschoss ist bereits geflutet und die Wettervorhersage verspricht auch keine Besserung. Die meisten Geschäfte haben geschlossen und Banh Mis haben wir auch keine mehr. Wie sollen wir hier jemals wieder wegkommen und was sollen wir nur tagelang machen, jetzt wo wir das größte und möglicherweise auch einzige Vergnügen, das Hoi An in diesen Tagen zu bieten hat, schon hinter uns haben? Das Wasser im Hostel klettert bereits die Treppenstufen hoch und dann fällt auch noch der Strom aus. Das bedeutet nicht nur gemütliches Beisammensein bei Kerzenschein, sondern auch warmes Bier, kein W-LAN und keine Möglichkeit mehr, die Handys zu laden. In anderen Hostels ist das Wasser bereits im ersten Stock, erfahren wir von Bekannten. Sie spielen dort den Titanic-Soundtrack. 

Solange jedenfalls vor unserem Hostel das Wasser erst hüfthoch steht, haben wir noch eine reelle Chance zu flüchten und unsere Rucksäcke trocken zu halten. Wir stopfen also unsere nassen Sachen in die Rucksäcke, ziehen unsere Badehosen an, springen ins Wasser und retten uns zum höchsten Punkt der Stadt, wo wir ein Taxi nach Da Nang nehmen.

In Da Nang gibt es nichts zu sehen, außer vielleicht Donald Trump, der heute zum APEC-Gipfel anreist. Davon abgesehen regnet es immer noch ununterbrochen. Währenddessen wird weiter südlich die Altstadt von Hoi An bereits evakuiert. Ich muss einsehen, dass es dieses Mal nichts wird mit Zentralvietnam; nichts mit der Motorradtour nach Hue und nichts mit den Höhlen von Phong Nha. Sie sollen zu den größten und beeindruckendsten der Welt gehören, aber im Moment sind auch sie wegen Überflutung geschlossen. 

Ich kann keinen Regen mehr sehen und trockene Klamotten habe ich auch keine mehr – so buche einen Flug nach Hanoi für den nächsten Tag. Die Verabschiedung von meinen drei Mitreisenden ist ungewöhnlich herzlich, dafür dass wir uns bloß 80 Stunden gekannt haben.


Jetzt bin ich also in Hanoi, nach drei Tagen. Für die Strecke aus dem Delta hierher hatte ich mindestens drei Wochen eingeplant. 

Aber der Plan hat sich jetzt eben geändert und ich bin gespannt, was mich hier erwartet und wo ich wohl in drei Tagen sein werde.

Am Ende des Mekong

Ungefähr 4500 Kilometer hat sich der Mekong bis zu seinem Mündungsdelta mäandert. Einer der größten Flüsse der Welt, Lebensader Südostasiens und mein ständiger Begleiter und Wegweiser in den letzten Wochen. Yunnan, Ban Houayxay, Pakbeng, Luang Prabang, die 4000 Inseln, Phnom Penh und jetzt schließlich das Delta in Südvietnam. Sehr bald wird der Fluss im Südchinesischen Meer verschwinden und ich von seiner Seite.

Can Tho ist zwar die Größte Stadt im Delta, aber hier ist nichts los. Das Leben spielt sich hier nicht in den Städten, sondern auf dem Wasser ab. Ich erkunde daher das Delta zusammen mit ein paar anderen Leuten aus dem Hostel per Boot. 

Die unendlichen Verzweigungen und Nebenflüsse durchziehen die Region wie das Arteriensystem den menschlichen Körper und sie sind für die Deltabewohner nicht minder wichtig. Ihre Hütten haben sie auf Stelzen bis in das Wasser gebaut und ihre Geschäfte machen sie auf den so genannten schwimmenden Märkten. 


Wege für Landfahrzeuge gibt es hier nicht. Die Straßen der hier Lebenden bestehen aus Wasser und die Geschäftigkeit, die man anderswo in den Gassen und auf den Plätzen beobachten kann, findet hier auf Booten statt. Auch die Vermüllung hört nicht auf, nur weil es keine befestigten Straßen gibt, auf die man den Müll werfen könnte. Zwei Mal müssen wir anhalten, um den Antriebspropeller von einer Plastiktüte zu befreien, die ihn blockiert. Mehrere Male sehe ich, wie aus den Fenstern der Hütten ganze Müllsäcke ins Wasser fliegen. 

Es ist unbegreiflich: die Leute waschen sich hier im Fluss und essen seine Fische. Man möchte sie am liebsten schütteln und sie Fragen, ob sie überhaupt noch was merken. Fairerweise muss ich jedoch zugeben, dass ich gerade auch keinen besseren Lösungsvorschlag für die Müllentsorgung parat habe. Wenn in Berlin plötzlich die Müllabfuhr nicht mehr kommen würde, müsste ich den Müll wohl ebenfalls auf die Straße werfen. Es bleibt uns also für den Moment nichts weiter übrig, als kopfschüttelnd zuzusehen. 


Am nächsten Morgen stehe ich ein letztes Mal am Ufer und frage mich, was aus dem mystischen Sehnsuchtsort meiner Fantasie geworden ist. Die Vorstellung wurde durch die echte Erfahrung abgelöst – Entmystifiziert und durch ein reales Bild ersetzt, wenn man so will.

Was passiert eigentlich mit unseren Träumen, wenn wir sie uns erfüllt haben? Verlieren wir sie? 

Die Reise des Mekong mag sich hier dem Ende zuneigen, meine Reise tut es noch lange nicht. Ich habe noch tausend Träume im Gepäck. Ich drehe mich um und winke ein Motorradtaxi zum Flughafen herbei.

„Alles ist im Fluss“, denke ich noch, als ich mich und meinen Rucksack hinten auf das Motorrad schwinge und den Mekong endgültig hinter mir lasse.

24.654 Kilometer bis zum Meer

24.654 Kilometer bin ich gereist und jetzt stehe ich am Meer. Natürlich hätte ich das Meer auch schon in St. Petersburg sehen können oder in Shanghai. Habe ich aber nicht. Erst jetzt stehe ich auf Koh Rong Barfuß im schneeweißen Sand und blicke auf das kristallklare Wasser, das zugleich tiefblau und smaragdgrün ist. 

Ich frage mich, ob es eine Kindheitsprägung ist, dass man am Meer immer gleich mit einem wohligen Urlaubsgefühl geflutet wird. Hier, wo wir uns am leeren Strand in die Liegestühle hauen und Mango-Passionfruit-Shakes trinken, habe ich zum ersten Mal auf der Reise das Gefühl, irgendwo angekommen zu sein. Das ist natürlich Quatsch, denn Ankommen tut man bei einer Weltreise bekanntlich nie. Aber das Gefühl ist trotzdem wohlig. Ein kleines verdammtes Paradies, weit weg von allem.

Pittoreske Fischerboote liegen vor dicht bewaldeten kleinen Eilanden und ich liege da, wo das Wasser seicht ist und vergesse für einen Moment Raum und Zeit und alles um mich herum.

Vor den Toren der Stadt

In den Straßen von Battambang liegt dichter Rauch. Heute scheint mal wieder Plastikverbrennungstag in Kambodscha zu sein. Nun könnte man dem Irrtum erliegen, dass das ein Zivilisationsmerkmal ist, denn schließlich wird ja auch in Deutschland das meiste Plastik verbrannt, das zuvor so fleißig in die gelben Säcke sortiert wurde; bei uns nennt man das bloß thermische Wiederverwertung. Aber hier liegen zusätzlich Berge von Müll auf der Straße und in den Feldern. Hühner picken Plastik und Rinder grasen im Müll. Eine Müllabfuhr gibt es nicht – jedenfalls nicht für alle Abfälle. Manche Dinge scheint man allerdings noch zu Geld machen zu können, so reißen einem die bettelnden Kinder die Coladosen aus der Hand. Anderes verrottet einfach in den Straßengräben.

Wir haben einiges gelernt über Kambodscha heute – nicht nur über Müll. Mit Savet, unserem Fahrer, sind wir den Tag über draußen auf den Dörfern unterwegs. Wir profitieren davon, dass Savet – trotz Uniabschluss – keinen besseren Job als eben TukTuk-Fahrer gefunden hat. Er spricht perfektes Englisch und weiß mehr über kambodschanische Geschichte als wir über die Deutsche. Wir plaudern  mit ihm über Korruption und die Verhaftung des Oppositionsführers, über die Khmer-Rouge-Vergangenheit des Präsidenten und überhaupt über die Vergangenheit, die hier am liebsten alle möglichst schnell vergessen würden. Diese Smalltalk-Themen stehen bei den Khmer sonst eher nicht so hoch im Kurs.

Wir kriegen nicht nur eine 1A Geschichtsstunde, sondern bekommen auch Einblicke in die traditionelle Herstellung von Reispapier, Reisschnaps, Bananenchips und dem traditionellen Bamboo-Klebreis. Wir probieren alles, obwohl die Produktionsbedingungen nicht ganz den europäischen Standards entsprechen – oder überhaupt irgendwelchen Standards.

Nach der Hälfte der Vorlesung gibt es Mittagessen bei Savet zu Hause. Seine Frau hat traditionelles Khmer-Essen gekocht – „Bio-Hühnchen“, versichert Savet. Er meint damit, dass das Hühnchen nicht aus einer Fabrik kommt. Ob es jedoch auch nur Bio-Plastik am Straßenrand gegessen hat, wage ich zu bezweifeln. Das wenige Fleisch von den Knochen zu lösen, hat man sich in Kambodscha gar nicht erst angewöhnt. Der Vogel wird einfach mit allen Knochen in mundgerechte Stücke gehackt und wir müssen uns konzentrieren, um uns nicht versehentlich mit einem spitzen Knochen ein Luftloch in die Backe zu stechen. Es schmeckt trotzdem ausgezeichnet. 

Savet erzählt von seiner Hochzeit vor ein paar Monaten. 600 Gäste hat er auf seinem winzigen Grundstück empfangen. Er lebt hier mit seinen Eltern und drei Brüdern, aber jetzt – nach der Hochzeit – hat er mit seiner Frau endlich ein eigenes Zimmer. Überraschenderweise ist sie auch gleich schwanger geworden. 

Der Preis für den Tag lag zwar deutlich über dem durchschnittlichen Niveau in Battambang, die Qualität der Tour aber auch. Für Savet hoffe ich trotzdem, dass er eines Tages nochmal einen cooleren Job finden wird. Wahrscheinlich ist es nicht. 

Vor seiner Karriere als Guide war er Lehrer, heute verdient er deutlich mehr.

Grüner wirds nicht 

Hier in der Mekong-Region kann man noch ursprüngliche Natur erleben. Regen- und Monsunwälder bedecken jedes Fitzelchen der Erde bis hoch zu den Bergwipfeln. Zwar hat man sich auch in Laos größte Mühe gegeben, mit der Natur möglichst mies umzugehen, dennoch kann ich mich nicht entsinnen, zuvor schonmal eine derartige Vegetation gesehen zu haben. Der Ausdruck „sattes Grün“ muss hier erfunden worden sein.

Ist es eine grüne Hölle oder ein grünes Paradies? Viel spricht für Letzteres. Palmen  bestimmen das Landschaftsbild und blaue Wasserfälle spenden ersehnte Abkühlung. Die Altstadt von Luang Prabang ist nicht ohne Grund UNESCO-Weltkulturerbe und für ein Entwicklungsland ist die Infrastruktur zum Backpacken mehr als ausreichend – jedenfalls solange man kein ernsthaftes medizinisches Problem hat. 

Ernsthafte medizinische Probleme hatten zu Beginn des Jahrtausends jedenfalls einige Backpacker in Vang Vieng, wo wir auf unserem Weg Richtung Süden einen mehrtägigen Stop einlegen. Noch vor einigen Jahren war Vang Vieng der feuchte Traum aller Rucksackreisenden mit Drogen- und Alkoholproblem. Der ganze Ort war darauf ausgerichtet, den maximalen Exzess zu zelebrieren. „Tubing“ auf dem Nam Song-Fluss, Wandern, Klettern und Klippenspringen sind jedoch nicht immer die schlaueste Idee, wenn man Alkohol und Drogen konsumiert hat. Und so haben es die überwiegend jugendlichen Backpacker mit der Zeit geschafft, sich auf verschiedenste Art und Weise im Rausch umzubringen. Das „Krankenhaus“ in Vang Vieng ist allerdings eher keine spezialisierte Unfallklinik und der lange Transport nach Bangkok war dann für so Manchen die letzte Reise seines Lebens. Als 2011 ganze 22 Urlauber den Heimweg aus dem 25.000-Seelen-Ort im Frachtraum eines Flugzeugs antreten mussten, kam der laotische Präsident vorbei, hat nahezu alle Bars dicht gemacht und so den Normalzustand wieder hergestellt.

Wir sind nicht traurig drum, denn für derartige Eskapaden sind wir ohnehin zu alt. So können wir Vang Vieng als Homebase nutzen, um die umliegende Landschaft mit dem Kajak zu erkunden. 

Das berüchtigte „Tubing“ gibt es immer noch. Man lässt sich in einem LKW-Reifen den Fluss hinuntertreiben und kann an zahlreichen Bars Tankstopps einlegen. Auch wir machen an einer der Tankstellen am Flussufer halt, um ein nachmittägliches Bier zu trinken und dem ausgelassenen ballermannesken Treiben zuzusehen. Ich weiß nicht, ist es lustig oder panne? Der Pegel des Flusses ist für die Regenzeit eher niedrig, der Pegel der Tuber dafür umso höher. Es liegt nicht außerhalb meiner Vorstellungskraft, dass hier schon die oder andere Schnapsleiche mit dem Kopf gegen einen der Felsen gespült wurde.

Auch ohne Tubing haben wir in Laos mit kleineren und größeren Gefahren zu kämpfen. In Luang Prabang bin ich vollgepackt in ein Loch gerutscht als unter mir ein maroder Gullideckel nachgegeben hat. Auf dem Weg nach Vang Vieng hat gleich die ganze Passstraße nachgegeben. 

Angesichts der Erdrutsche und der Felsbrocken, die mitten auf der Straße liegen, kommt man kaum noch dazu, sich über die Warnung des Auswärtigen Amtes zu sorgen, dass es hier in letzter Zeit vermehrt zu bewaffneten Raubüberfällen auf Busse gekommen ist. Weder das eine noch das andere können wir ändern und außerdem ist dies ohnehin die einzige Straße die in unseren Zielort führt. Wenigstens fährt der Fahrer ausnahmsweise nicht wie ein Irrer, denn die Fahrt im Minivan müssen wir je zur Hälfte unangeschnallt auf dem Notsitz zwischen Fahrer und Beifahrer verbringen.  

Andere Gefahren hängen unsichtbar wie Damoklesschwerter über uns. Malaria und Dengue-Fieber sind nur zwei der Unannehmlichkeiten, die hier gerade in der Regenzeit besonders häufig vorkommen und vor denen man nur sicher ist, wenn man keinen einzigen Mückenstich abkriegt. Ein Ding der Unmöglichkeit im Urwald. Wir versuchen uns durch den exzessiven Konsum hochprozentigen DEETs zu schützen; in der gnadenlosen tropischen Hitze fließt einem das teure Zeug jedoch mit den Schweißbächen erst in die Augen und dann in die Flipflops. Man kann nur jedes Mal hoffen, dass die Mücke, der man gerade eine Blutmahlzeit spendiert hat, sich nicht mit einer potentiell lebensgefährlichen Krankheit dafür bedankt.

Noch geht es uns allerdings bestens – sieht man mal von kleineren Schnitt- oder Schürfwunden ab. Den Umstand wollen wir heute mit einigen Drinks würdigen und wir machen uns auf ins Nachtleben, um uns unter die anderen Backpacker zu mischen.

Laos: Same Same?

In Laos ticken die Uhren anders – wenn sie denn überhaupt ticken. Viele Uhren stehen nämlich einfach oder sie laufen, zeigen aber eine falsche Zeit an. Man macht sich hier nicht viel aus Zeit; oder aus Geld. 

Laoten brauchen nur zwei Dinge: Ein Moped und ein Smart Phone. Solange sie Benzin für das eine und High-Speed-Internet für das andere bezahlen können, würde kein Laot auch nur ein Fitzelchen mehr arbeiten als nötig. Alle schlafen in ihren Geschäften, sofern sie denn überhaupt dort anzutreffen sind. Macht aber nichts, denn in allen Geschäften gibt es das Gleiche: Waren des täglichen Bedarfs. Pro Einwohner ein Geschäft. 

Ich ahne, woher der asiatische Sprichwort kommt: „In Kambodscha pflanzen sie den Reis, in Vietnam verkaufen sie ihn und in Laos hören sie ihm beim wachsen zu.“ Die Gelassenheit hier – man könnte es auch ein wenig böse ‚Faulheit‘ nennen – springt sofort auf einen über. Alles läuft in halber Geschwindigkeit ab und mit deutscher Pünktlichkeit erreicht man hier rein gar nichts. Also wird man selbst ein wenig träge.

Weitere Unterschiede zu Deutschland werden beim Abendessen sichtbar. Wir wollen authentisches laotisches Essen, weshalb wir in ein Restaurant gehen, in dem weit und breit kein Tourist zu sehen ist. Das Restaurant stellt seine Authentizität auch gleich unter Beweis, als die Bedienung die Bestellung von zwei Bier nicht versteht, obwohl die einzige Marke hier „Beerlao“ heißt. 

Authentizität ist aber im Grunde auch egal, denn was laotische Küche sein soll, wissen die Laoten anscheinend selbst nicht so genau. Sie schaffen es, etwas zuzubereiten, das entfernt an eine vietnamesische Pho-Suppe erinnert. An die hygienischen Standards sollte man hier besser ebenfalls nicht allzu große Anforderungen stellen und so kippen wir unter Missachtung sämtlicher Empfehlungen weitere Eiswürfel aus dem Kübel auf unseren Tisch in unser Getränk. Nur Gott weiß, wo sie die hergeholt haben, aber warmes Bier ist leider gar nicht geil.

Schlussendlich werden wir noch Zeuge eines Wunders: Des Wunders der Geburt. Das vermutlich gar nicht so seltene Naturschauspiel ereignet sich keine 50 Zentimeter von meiner Suppenschüssel entfernt. Als die handtellergroße Spinne ihr zweieurostückgroßes Ei abwirft springt die K. längst von Stuhl zu Stuhl. Dass an der Decke über uns noch hunderte weitere Spinnen ihrem Tagesgeschäft nachgehen, behalte ich lieber für mich, solange sie sich nicht in unser Essen fallen lassen. Ich bleibe äußerlich cool, lasse aber weder die Spinne noch das Ei aus den Augen. 

Auch die Echse, die sich mittlerweile zu uns gesellt hat schaut interessiert zu. Obwohl das Reptil viermal so groß ist, wie ein gewöhnlicher Gecko mit dem man in Südostasien jeden Hostel-Dorm teilen muss, hat sie mich nur im ersten Moment irritiert, als ich sie noch für eine Schlange hielt. Es wird zunehmend schwerer, sich bei der ganzen wunderbaren Fauna noch auf das Essen zu konzentrieren. Nur zu gut, dass ich nicht weiß, welcher Teil der Fauna für meine Suppe ausgekocht wurde. Wo ist eigentlich die Echse?

Als dann tausende kleine Spinnenbabys das Licht der Welt erblicken, ordern wir die Rechnung. Für heute haben wir die Natur genug gewertschätzt.