Fear and Loathing at the QuestFest

Drei Tage nach meiner Ankunft in Hanoi finde ich mich erneut an einem Ort wieder, den ich nicht auf dem Zettel hatte. Das Quest Festival vor den Toren der Hauptstadt ist ein Ort jenseits von Raum und Zeit. Ich bin zusammen mit dem D. und der C. hier, die ich bei meiner Flucht vor dem Unwetter in Zentralvietnam kennengelernt habe.

Das QuestFest ist das größte Musikfestival Südostasiens – trotzdem ist es weder groß, noch steht hier die Musik im Vordergrund. Mit gerade mal 6000 Leuten ist es für westliche Verhältnisse eher eine Familienveranstaltung und niemand, den ich getroffen habe, kennt auch nur einen der Musiker, die dort auftreten. Aber darum geht es auch gar nicht.

Das Hippie-Künstler-Festival findet auf einer Art Halbinsel in einer abgelegenen Seenlandschaft statt und vereint vom Konzept her legendäre Veranstaltungen wie das „Burning Man“ und die „Fusion“. Dementsprechend ist auch das Publikum drauf. Hier finden sich fast ausnahmslos Backpacker und Langzeitreisende, also Leute, die ohnehin schon ziellos durch die Weltgeschichte irren, vielleicht vor irgendwas davonlaufen, jedenfalls aber das „Leben im Hier und Jetzt“ zur Maxime erhoben haben. Nur selten treffen wir Leute, wie die drei Püppchen aus Hamburg, die auf ihrem Mädelsurlaub hier einen Stop einlegen, bevor sie nächste Woche wieder in ihren Marketingabteilungen sitzen und sich die Nägel lackieren. Sie wirken in dieser Umgebung wie Aliens, die versehentlich auf dem falschen Planeten gelandet sind. Die restlichen Anwesenden sind aufrichtig auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen und haben dafür auch das nötige Equipment im Handgepäck. Hier gibt es alles: MDMA, Speed, Extasy, Mescalin, Acid, Pep, Poppers, Pilze, Uppers und Downers. Pillen, Pülverchen, Plättchen, Pipetten, Nasensprays, Pflaster, Zäpfchen und ein paar Dinge deren genaue Anwendung bis zuletzt schleierhaft bleibt. Obwohl ich in Berlin wohne, habe ich das meiste von dem Zeug noch nie gesehen und auch nicht wenige der Anwesenden machen hier ganz neue Entdeckungen.

Ich nehme keine Drogen und fühle mich daher zeitweise selbst wie ein Tourist in einer fremden Welt. Ausnahmslos alle, mit denen ich hier bin, steigen fröhlich mit ein – ich lehne dankend ab. Es ist nicht so, dass hier irgendjemand irgendeine Art von Druck ausüben würde, gleichwohl überkommt mich zeitweise das Gefühl, dass ich nicht ganz teilnehme an dem, was hier vor sich geht.

Ein Stück weit kann ich das sogar nachvollziehen: Ich kenne die Situation, wenn man mit einer Gruppe in einer Bar sitzt und diese besondere Stimmung in der Luft liegt, die dir ins Ohr flüstert, dass es eine dieser Nächte werden könnte, die legendär aus dem Ruder laufen. Wenn dann jemand am Tisch sitzt und sagt, er trinke generell keinen Alkohol, dann schaut man selbst manchmal ein bisschen misstrauisch. Was stimmt mit dieser Person nicht? Man hat diese Person dann ungewollt im Verdacht, ein Kontrollfreak zu sein, jemand der sich nicht fallenlassen kann. Mit dieser Person wird man vermutlich nicht in ein verlassenes Fabrikgebäude einbrechen, vom Dach den Sonnenaufgang beobachten und stundenlang philosophieren. Man wird mit ihr auch kein morgendliches Bad in der Spree nehmen und auch keine Pferde stehlen. Kurzum: Man wird nicht das gleiche Ding durchziehen und nicht das Gleiche erleben. So eine Einstellung wirft natürlich allerhand ernsthafte Fragen über den Zustand unserer Gesellschaft und ihren Umgang mit Alkohol auf, aber darum soll es hier nicht gehen. Ich ahne jedenfalls, dass meine sieben Zeltgenossen etwas ähnliches über mich denken könnten, auch wenn sie das niemals zugeben würden.

Ich bestreite also das Wochenende mit Bier und Drinks und hier und da mal einer Haschzigarette oder einem Lachgas-Ballon, den man – wie häufig in Südostasien – an der Bar bestellen kann.

Die Abstinenz von harten Drogen hat indes einige Vorteile, zum Beispiel, dass ich nicht stundenlang mit einem Löffel in der Hand durch die Gegend laufe und versuche, mit selbigem Energie auf andere Leute zu übertragen. Na ja, vielleicht ist das auch ein Nachteil, je nach nachdem wie viel Energie der Löffel wirklich überträgt. Unglücklich sehen sie jedenfalls nicht aus, all die Menschen, die hier neue Bewusstseinsebenen erkunden, von denen ich mir höchstens erzählen lassen kann. Dafür muss ich allerdings – im Gegensatz zu allen Anderen – ab und zu schlafen und essen, was wohl der Preis ist, wenn man seinen Prinzipien treu bleibt.

Auch ohne Drogen lässt sich die Stimmung an diesem Ort jedoch wunderbar aufsaugen. Es ist ein bisschen wie Urlaub vom Urlaub. Man streift über das Gelände, geht zur Impro-Comedy, schwimmt eine Runde im See oder döst ein paar Stunden in einer der zahlreichen Hängematten. Ich treffe die K. wieder, mit der ich ein wenig Zeit verbringe und endlich mal wieder deutsch reden kann. Alles ist untermalt von den Bässen, die 72 Stunden lang nonstop an den Fäden der Marionetten mit den kleinen Pupillen ziehen.

Was für ein magisches kleines Wunderland, denke ich. Hier draußen in der Natur, auf dieser Halbinsel, eingebettet in die Seen, auf denen der Nebel liegt, wie in einer märchenhaften Erzählung von Feen und Elfen. Und tatsächlich ist es im Grunde nichts anderes als ein Märchen – zauberhaft und nicht real. Nach den drei Tagen, wenn alle ihre Feenkostüme abgelegt haben, wird die Stille der Natur die Insel wieder zurückerobert haben und nichts wird mehr darauf hinweisen, dass hier drei Tage lang ein magischer Ausnahmezustand geherrscht hat.

In 80 Stunden durch Vietnam

Das schöne am Reisen ist, dass man niemals weiß, wo man in drei Tagen sein wird. Vor drei Tagen jedenfalls war ich im Mekong-Delta, ganz im Süden des Landes. Heute, drei Tage später finde ich mich in Hanoi wieder – wer hätte das gedacht. 

Schon im Süden haben mich die Nachrichten von Taifun Damrey erreicht, der alsbald in Vietnam auf Land schlagen und mindestens für ungemütliches Wetter sorgen wird. Das und die Tatsache, dass es in Can Tho einen Flughafen gibt, haben mich veranlasst, meine Reise in Zentralvietnam fortzusetzen. Dank des in diesen Tagen stattfindenden APEC-Gipfels gibt es nämlich auch in Da Nang einen nagelneuen Flughafen, den ich mit einer vietnamesischen Schrott-Airline für den Preis eines Bustickets erreichen kann. Ich mache also Hoi An zum neuen Startpunkt für meine Entdeckungstour durch die Mitte des Landes. Hoi An ist ein „must see“. UNESCO-Weltkulturerbe, großartige alte Gebäude, wunderschöne Tempel, hinreißende Altstadt und so weiter und so fort. Ich fliege mit VietSchrott-Air gefühlte fünf Meter vor dem Taifun her, was sich vor allem daran bemerkbar macht, dass die Leute links und rechts von mir sich die Seele aus dem Leib kotzen.

Dummerweise regnet es auch in Hoi An noch. ‚Scheiß drauf’ denke ich, in Südostasien regnet es halt manchmal für ein, zwei Stunden am Tag und dann kommt die Sonne wieder raus. Ich irre mich. Es regnet einfach immer weiter. In der Bar des Hostels warte ich darauf, dass mein Bett im Schlafsaal frei wird. Draußen schüttet es weiter. Wie zum Teufel soll ich mir bei dem Kackwetter auch nur was zu essen besorgen?


Das Blatt wendet sich, als ich meinen Vierer-Dorm beziehe. Ich habe verdammtes Glück, denn mit den Leuten, die schon ein paar Tage auf dem Zimmer sind, verstehe ich mich sofort bestens. Das muss nicht immer so sein. Manchmal redet man kein Wort miteinander, manchmal gehen einem die „Roomies“ mit ihrem Gelaber auch hart auf die Nerven. Aber die Engländerin, die Griechin, der Amerikaner und ich werden uns in den folgenden 80 Stunden nicht mehr von der Seite weichen. Wir kämpfen uns durch den nicht enden wollenden Regen für das beste Banh Mi der Stadt und wir harren am Abend auf unserem Dorm aus, als an Rausgehen schon nicht mehr zu denken ist. Wir spielen Karten, trinken Bier und erzählen uns unsere Lebensgeschichten. 

Ich frage mich, woran das liegt, dass man sich mit manchen Menschen auf Anhieb verbrüdert und man Anderen schon nach drei Sätzen die Pest an den Hals wünscht.

Die Witze sind schmutzig und die Stimmung ist bestens. Keiner wird verschont. Nicht das schmutzige Witze neuerdings ein Qualitätsmerkmal für gute Unterhaltungen oder gar menschliche Beziehungen wären, aber wenn man sich drei Stunden kennt, und die anderen mit einem herzlichen „What‘s up Motherfuckers?“ begrüßen kann und jeder weiß, dass es nett gemeint ist, dann ist das ein starkes Indiz dafür, dass sich niemand im Raum selbst zu ernst nimmt. Leute, die sich selbst nicht zu ernst nehmen sind eine so viel angenehmere Gesellschaft als Leute für die Humor bloß das Erzählen von Witzen ist.


Am nächsten Morgen regnet es immer noch. Nun sind wir ein bisschen ratlos. Als wir die Klamotten von der Schneiderin der Mädels abholen, erklärt uns der holländische Freund der Schneiderin beim Craft-Beer, das beide in ihrer Hipster-Schneiderei verkaufen, dass in Zentralvietnam die Regenzeit gerade erst anfängt. „Was?“, denke ich, „Wie zum Teufel konnte mir das entgehen?“ Die Antwort ist eigentlich simpel, denn mein Kopf ist schon rund um die Uhr damit beschäftigt, die vielen Eindrücke zu verarbeiten und zu überlegen, was ich als nächstes für Programmpunkte auf die Tagesordnung setze. Gleichzeitig muss ich überlegen, wo ich danach hin will und wie ich dann dorthin komme. Es wäre schlicht zu kompliziert, würde ich außerdem für jeden Landstrich die klimatischen Besonderheiten studieren und meine Route auch noch nach dem Wetter ausrichten. Nein, ich fahre dahin wo ich will und von sowas, wie ein bisschen Regen lasse ich mir nicht den Reiseplan diktieren. Aber es regnet nicht nur ein bisschen, es regnet wie wahnsinnig und es hört nicht mal für fünf Minuten auf. Jedes Mal wenn wir einen Fuß vor die Tür setzen, sind wir komplett nass. Die billigen Regencapes, die einem an jeder Ecke angedreht werden, helfen nur geringfügig. Die Mädels holen Banh Mis für den ganzen Tag und draußen verschwindet die Straße in braunem Wasser. Dann verschwinden auch die Bürgersteige und die Treppe zu unserem Hostel. 


„Wir sollten unsere Badeklamotten anziehen und schwimmen gehen“, sagt jemand. Es ist einer dieser Momente, in denen jene Geschichten beginnen, an die man sich den Rest seines Lebens erinnern wird. Niemand zögert und zwei Minuten später haben wir alle unsere Badeklamotten an und gehen unter den ungläubigen Blicken der anderen Hostelbewohner auf die Straße in Richtung Altstadt. An uns schwimmt Müll und Inventar der umliegenden Geschäfte vorbei. Das Wasser steht uns bereits bis zum Bauchnabel, als auch die ersten Boote an uns vorbeifahren. Wir sind Barfuß und haben keine Ahnung wo wir hintreten. Manches fühlt sich an wie Müll, manches wie eine tote Ratte. Aber tote Ratten schwimmen – im Gegensatz zu ihren lebenden Artgenossen – an der Oberfläche. Natürlich könnte man sich in so einem Moment fragen, ob das nicht nur ein wenig fahrlässig sondern auch total bescheuert ist. Tun wir aber nicht. Wir kommen aus dem Lachen nicht mehr raus. Wir sind nicht betrunken, nur berauscht vom Moment und der Verrücktheit, die uns sonst im Leben allzu häufig abgeht. Abwasser und tote Kakerlaken, Ratten und Müll, Löcher und Glasscherben, verborgen auf der Straße – es kümmert uns kein bisschen. Wir schwimmen durch die Altstadt von Hoi An. Wir machen das Beste aus der Ausnahmesituation und die Bewohner feiern uns dafür. Es ist surreal wie in einem Film von Tim Burten und es ist einer der Momente, in denen man sich sehr lebendig fühlt.


Mit der Rückkehr zum Hostel kehrt jedoch auch die Ratlosigkeit zurück. Die Bar im Erdgeschoss ist bereits geflutet und die Wettervorhersage verspricht auch keine Besserung. Die meisten Geschäfte haben geschlossen und Banh Mis haben wir auch keine mehr. Wie sollen wir hier jemals wieder wegkommen und was sollen wir nur tagelang machen, jetzt wo wir das größte und möglicherweise auch einzige Vergnügen, das Hoi An in diesen Tagen zu bieten hat, schon hinter uns haben? Das Wasser im Hostel klettert bereits die Treppenstufen hoch und dann fällt auch noch der Strom aus. Das bedeutet nicht nur gemütliches Beisammensein bei Kerzenschein, sondern auch warmes Bier, kein W-LAN und keine Möglichkeit mehr, die Handys zu laden. In anderen Hostels ist das Wasser bereits im ersten Stock, erfahren wir von Bekannten. Sie spielen dort den Titanic-Soundtrack. 

Solange jedenfalls vor unserem Hostel das Wasser erst hüfthoch steht, haben wir noch eine reelle Chance zu flüchten und unsere Rucksäcke trocken zu halten. Wir stopfen also unsere nassen Sachen in die Rucksäcke, ziehen unsere Badehosen an, springen ins Wasser und retten uns zum höchsten Punkt der Stadt, wo wir ein Taxi nach Da Nang nehmen.

In Da Nang gibt es nichts zu sehen, außer vielleicht Donald Trump, der heute zum APEC-Gipfel anreist. Davon abgesehen regnet es immer noch ununterbrochen. Währenddessen wird weiter südlich die Altstadt von Hoi An bereits evakuiert. Ich muss einsehen, dass es dieses Mal nichts wird mit Zentralvietnam; nichts mit der Motorradtour nach Hue und nichts mit den Höhlen von Phong Nha. Sie sollen zu den größten und beeindruckendsten der Welt gehören, aber im Moment sind auch sie wegen Überflutung geschlossen. 

Ich kann keinen Regen mehr sehen und trockene Klamotten habe ich auch keine mehr – so buche einen Flug nach Hanoi für den nächsten Tag. Die Verabschiedung von meinen drei Mitreisenden ist ungewöhnlich herzlich, dafür dass wir uns bloß 80 Stunden gekannt haben.


Jetzt bin ich also in Hanoi, nach drei Tagen. Für die Strecke aus dem Delta hierher hatte ich mindestens drei Wochen eingeplant. 

Aber der Plan hat sich jetzt eben geändert und ich bin gespannt, was mich hier erwartet und wo ich wohl in drei Tagen sein werde.

Am Ende des Mekong

Ungefähr 4500 Kilometer hat sich der Mekong bis zu seinem Mündungsdelta mäandert. Einer der größten Flüsse der Welt, Lebensader Südostasiens und mein ständiger Begleiter und Wegweiser in den letzten Wochen. Yunnan, Ban Houayxay, Pakbeng, Luang Prabang, die 4000 Inseln, Phnom Penh und jetzt schließlich das Delta in Südvietnam. Sehr bald wird der Fluss im Südchinesischen Meer verschwinden und ich von seiner Seite.

Can Tho ist zwar die Größte Stadt im Delta, aber hier ist nichts los. Das Leben spielt sich hier nicht in den Städten, sondern auf dem Wasser ab. Ich erkunde daher das Delta zusammen mit ein paar anderen Leuten aus dem Hostel per Boot. 

Die unendlichen Verzweigungen und Nebenflüsse durchziehen die Region wie das Arteriensystem den menschlichen Körper und sie sind für die Deltabewohner nicht minder wichtig. Ihre Hütten haben sie auf Stelzen bis in das Wasser gebaut und ihre Geschäfte machen sie auf den so genannten schwimmenden Märkten. 


Wege für Landfahrzeuge gibt es hier nicht. Die Straßen der hier Lebenden bestehen aus Wasser und die Geschäftigkeit, die man anderswo in den Gassen und auf den Plätzen beobachten kann, findet hier auf Booten statt. Auch die Vermüllung hört nicht auf, nur weil es keine befestigten Straßen gibt, auf die man den Müll werfen könnte. Zwei Mal müssen wir anhalten, um den Antriebspropeller von einer Plastiktüte zu befreien, die ihn blockiert. Mehrere Male sehe ich, wie aus den Fenstern der Hütten ganze Müllsäcke ins Wasser fliegen. 

Es ist unbegreiflich: die Leute waschen sich hier im Fluss und essen seine Fische. Man möchte sie am liebsten schütteln und sie Fragen, ob sie überhaupt noch was merken. Fairerweise muss ich jedoch zugeben, dass ich gerade auch keinen besseren Lösungsvorschlag für die Müllentsorgung parat habe. Wenn in Berlin plötzlich die Müllabfuhr nicht mehr kommen würde, müsste ich den Müll wohl ebenfalls auf die Straße werfen. Es bleibt uns also für den Moment nichts weiter übrig, als kopfschüttelnd zuzusehen. 


Am nächsten Morgen stehe ich ein letztes Mal am Ufer und frage mich, was aus dem mystischen Sehnsuchtsort meiner Fantasie geworden ist. Die Vorstellung wurde durch die echte Erfahrung abgelöst – Entmystifiziert und durch ein reales Bild ersetzt, wenn man so will.

Was passiert eigentlich mit unseren Träumen, wenn wir sie uns erfüllt haben? Verlieren wir sie? 

Die Reise des Mekong mag sich hier dem Ende zuneigen, meine Reise tut es noch lange nicht. Ich habe noch tausend Träume im Gepäck. Ich drehe mich um und winke ein Motorradtaxi zum Flughafen herbei.

„Alles ist im Fluss“, denke ich noch, als ich mich und meinen Rucksack hinten auf das Motorrad schwinge und den Mekong endgültig hinter mir lasse.

Die Stadt, die Lichter

Als ich in Saigon den rostigen Bus verlasse, funkelt die Stadt mich an. Hochhäuser, Musik, Gucci. Nur fünf oder sechs Stunden Busfahrt trennen mich von Phnom Penh und doch bin ich in einer anderen Welt. 

Kambodschas Wirtschaft mag boomen im Vergleich zu Vietnam, aber hier ist man in einer gewachsenen Megacity mit jahrhunderte alter Geschichte und Hauptstadt-Flair. Und Hauptstadt war Saigon ja auch mal, bevor man ihr 1975 den umständlichen Namen Ho-Chi-Minh-Stadt gegeben hat, weil die Geschichte so verlief, wie sie nun mal eben verlief – nämlich kompliziert. 

Es nervt mich ein bisschen, dass ich so wenig davon weiß, wie die Region zu dem geworden ist, was sie ist und so kaufe ich mir das Buch „Der Tod im Reisfeld“, gehe ins Kriegsmuseum und besichtige ein ehemaliges Schlachtfeld. Im Westen von Saigon hat der Vietcong ein Tunnelsystem über drei Ebenen mit einer Gesamtlänge von 200 Kilometern angelegt. Die Tunnel haben einen Durchmesser von maximal 50 Zentimetern und als ich probehalber 100 Meter im Tunnel mit meinem Rucksack zurücklege, bleibe ich nur deshalb nicht stecken, weil der Schweiß mir bei 40 Grad und 100% Luftfeuchtigkeit im Tunnel in Bächen vom Körper rinnt und als Schmiermittel fungiert. 


Ich stelle mir vor, wie es ist, aus diesen Maulwurfsgängen heraus eine Schlacht zu schlagen. Sie müssen schon verdammt harte Krieger gewesen sein, die Vietcong-Kämpfer. Überhaupt kann man sich hier ganz gut ein Bild davon machen, wie es wohl gewesen sein mag, damals. Die Szenerie ist von ohrenbetäubenden Maschinengewehr-Salven untermalt, denn hier dürfen sich die Touristen mit allem austoben, was in Deutschland so unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fällt. Es ist absurd, aber weniger absurd als in Kombodscha neben den „Killing Fields“, wo es ebenfalls „Feuer frei“ für die Touristen hieß. Auf diesem Schlachtfeld wurde immerhin ein richtiger Krieg geführt, mit Soldaten und so. 

Zurück in der Stadt konzentriere ich mich wieder auf die schönen Dinge des Lebens, Essen zum Beispiel. Kulinarisch wird es ab jetzt steil bergauf gehen. Vietnam ist ein Foodmekka, das Essen ist sogar noch ein bisschen geiler als in Thailand. Die vielen Garküchen in Saigon kommen mir seltsam vertraut vor, denn seit vielen Jahren sorgt der Si An-Clan in Berlin dafür, dass man auch bei uns exzellentes vietnamesisches Essen in diversen Restaurants mit authentischem Ambiente genießen kann. Und tatsächlich kann nicht jede Pho-Suppe in Saigon mit dem mithalten, was man in Berlin geboten kriegt. Dafür ist es allerdings lächerlich günstig und so bleibt noch genug Geld fürs Nachtleben übrig. 

Wenn es dunkel wird, erwachen die Bars und Clubs zum Leben. Die Vietnamesen wissen jedenfalls, wie man feiert. Die kleinen Bars in den Seitengassen haben ihre typischen winzigen Pastikhöckerchen auf den Gehsteig gestellt und die Musik aufgedreht. Die Gefahren des Nachtlebens gehen hier nicht von bewaffneten Bonzenkindern aus, sondern eher vom Straßenverkehr. In der Stadt der Roller gibt es keinen Stau wie in Bangkok, hier ist alles immer in Bewegung. 

Angeblich gibt es hier 5 Millionen Motobikes auf 7 Millionen Einwohner. Mit einem Roller kann man überall fahren: auf den Bürgersteigen und sogar auf der falschen Straßenseite. Niemand beachtet die Ampeln auch nur ansatzweise. Den deutschen Reflex, bei grün auf die Straße zu treten, kann man hier schnell mit dem Leben bezahlen – vor allem wenn man schon das ein oder andere Bier getrunken hat und die Wachsamkeit dem beschwingten Leichtsinn weicht. Der Verkehrsstrom reißt niemals ab. Wenn man nicht irgendwann einfach auf die Straße tritt und darauf vertraut, dass die Rollerfahrer schon ausweichen werden, wird man für immer auf einer Seite gefangen sein. 

Es ist ein ganz und gar faszinierendes Chaos hier, dessen Ausmaß sich erst bei Nacht von einer der zahllosen Rooftop-Bars in Gänze bestaunen lässt. In den Häuserschluchten reihen sich nicht ordentlich die Lichterpaare der Autos hintereinander, hier zwängen sich abertausende einzelner kleiner Glühwürmchen durch jedes Nadelöhr, das sich ihnen öffnet. Die Straßen sehen von oben aus, wie Flüsse voll von fluoreszierendem Plankton. Alles scheint jedoch trotzdem irgendeiner Ordnung zu folgen, so wie auch das Gewusel in einem Ameisenhaufen irgendeiner Ordnung folgt, die dem äußeren Betrachter nur verborgen bleibt.


Vom unaufhörlichen Menschenstrom lasse ich mich noch ein Stück in die Nacht treiben, bevor ich weiter Richtung Süden reise.

Reisende – Folge 2: Die Junggesellin 

Die Junggesellin darf trotz begrifflicher Verwechselungsgefahr nicht mit der Bachelorette in einen Topf geworfen werden, denn es handelt sich hier um eine ganz eigene Gattung von Reisenden.

Die Jungesellin gibt es nur in der weiblichen Form. Sie ist in fast allen Fällen zwischen 29 und 33 Jahren alt und – wenig überraschend – allein unterwegs. Sie hat im Schnitt die letzten sechs Jahre in einer Beziehung verbracht und ist dabei ein wenig zu tief in Träumereien von Kindern, Haus, Hund und weißem Gartenzaun versunken. Vor lauter Träumerei hat sie dabei allerdings einige wichtige Dinge übersehen, zum Beispiel dass ihre Beziehung sich in eine ganz andere Richtung entwickelt hat, nämlich ins Nirwana. Na ja, manchmal ist man eben blind und taub für das was offensichtlich ist und sei es, weil das ticken der biologischen Uhr lauter ist, als die Stimme der Vernunft. 

Ist am Ende aber auch egal, denn jetzt ist sie ja hier, am Ende der Welt und macht sich ein feines Leben von dem Geld, das sie eigentlich fürs Stäbchenparkett zurückgelegt hat. 

Emotional ist sie „damaged but not broken“, was sie prinzipiell zu einer interessanten Gesprächspartnerin macht, weil sie eine Geschichte zu erzählen hat. Sie ist grds. selbstbewusst und verfügt über ausreichend Lebenserfahrung, um eine anregende Unterhaltung zu führen, die über das übliche Traveller-Smalltalk-BlaBla hinausgeht. Naturgemäß muss sie gerade viel über „das Leben“ nachdenken, weshalb man mit ihr regelmäßig wunderbar über selbiges philosophieren kann. Jetzt, wo die Junggesellin mit einem Drink am Strand liegt, tut es ihr auch gar nicht mehr so furchtbar leid, dass sie die Katze nicht mehr jeden Tag füttern muss, sondern endlich mal ihr eigenes Ding durchziehen kann. Die Junggesellin weiß also, was sie will im Leben und strahlt doch gleichzeitig die Gelassenheit aus, die nur Leute ausstrahlen, die sich gerade selbst neu erfinden. Davon lasse ich mich gerne anstecken. 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Junggesellin für jeden Scheiß zu haben ist, sei es fürs Feiern gehen, für Tagesausflüge, Museumsbesuche oder einfach nur zum quatschen beim Abendessen mit ein bis zwei Flaschen Wein. Sie ist also multifunktional einsetzbar, was sie zur idealen Kurzzeit-Reisebegleiterin macht.

Gestrandet in Phnom Penh

Ich bin zurück in dem, was sie Zivilisation nennen, was aber nicht weiter davon entfernt sein könnte. Phnom Penh liegt auf meinem Weg nach Vietnam, aber ich steige hier nicht um, ich steige aus. Ich hänge gewissermaßen fest, denn ich warte auf mein Visum für Vietnam. Der mächtigste Reisepass der Welt schützt einen nicht vor südostasiatischer Bürokratie. Die K. ist bereits weitergezogen und ich bin wieder ganz Herr über meine Reise. Die neu erhaltene Freiheit feiere ich damit, dass ich mich in ein verhältnismäßig luxuriöses Hotel einmiete. Wenn ich schon gezwungen bin hier abzuhängen, dann wenigstens auf dreißig Quadratmetern mit Schreibtisch und eigenem Balkon. Ach ja, denke ich, so fühlt sich Privatsphäre an. Ich verstreue meine Sachen im Zimmer, lasse die Badezimmertür auf und flaniere nackt durch meine drei Räume. Einen ganz so üblen Eindruck macht Phnom Penh gerade gar nicht mehr.


Und tatsächlich scheint sich die Stadt bei meinem zweiten Besuch von einer geringfügig freundlicheren Seite zu zeigen. Während ich durch die Straßen schlendere, offenbart sich hier und da sogar ein bisschen von dem Flair, für das ich Großstädte so liebe. Man muss schon genau hinschauen, aber es gibt sie, die kleinen netten Ecken mit gemütlichen Cafés und sogar etwas grün ringsum. 

Und beinahe hätte mir die Stadt anlässlich meiner Rückkehr noch ein besonderes Willkommensgeschenk gemacht: Nachdem ich die erste Nacht im Hostel verbracht habe, bin ich zu einem Spaziergang am Mekong-Boulevard aufgebrochen. Das Wetter ist ausnahmsweise nicht ganz so schwül und weil die Flusspromenade den Blick auf die Skyline freigibt, kann man sich für einen Moment der Illusion hingeben, an einem glamouröseren Ort zu sein. Nur einmal wende ich meinen Blick vom anderen Flussufer ab, als ich meine Zigarette in einer Pfütze lösche. Ich traue meinen Augen nicht, denn dort neben dem Mülleimer lacht mich Benjamin Franklin an. Franklins Lächeln ist in Kambodscha gern gesehen, denn hier bezahlt man mit US-Dollar und sein Konterfei ziert den 100-Dollar-Schein. Franklin hat Gesellschaft von einem Jointstummel und einem durchsichtigen Plastikbeutelchen mit ZIP-Verschluss und Resten von etwas, das bestimmt kein Gras ist. Ich ahne, dass niemand dieses Geld für mich hier hinterlegt hat, bleibe cool, schmeiße meine Zigarette in den Mülleimer und gehe ein paar Schritte weiter. Was ist, wenn der Schein einem Drogendealer aus der Tasche gefallen ist? 

Ich setze mich auf eine nahegelegene Parkbank, rauche eine weitere Zigarette und beobachte die Umgebung. Jetzt, da ich wieder allein unterwegs bin, lasse ich lieber Vorsicht walten, zumal in einem Moloch wie Phnom Penh. Schließlich möchte ich nur ungern irgendjemandes Geschäfte stören. Es lungert ein Haufen Leute in der Nähe rum, aber niemand scheint den Mülleimer zu beobachten. Ich gehe zurück, lösche die Zigarette in derselben Pfütze und lasse den Schein unauffällig in meiner Tasche verschwinden. Ich beeile mich zurück ins Hostel zu kommen und halte den Schein in meiner Hosentasche fest in der Hand. Hier, wo ich nichtmal mein Handy rausholen würde, stehe ich besser nicht mitten auf der Promenade und halte ein kambodschanisches Jahresgehalt gegen die Sonne. Außerdem stelle ich mir vor, wie jeden Moment der Dealer auftaucht und verzweifelt seine Tageseinnahmen sucht oder ein Polizist, der sein Bestechungsgeld vermisst. Auf dem Weg zurück überlege ich, die Hälfte für meinen Aufenthalt im Luxushotel zu verwenden und die andere Hälfte unter den Frauen zu verteilen, die hier allerorts mit ihren nackten Babies auf dem Bürgersteig liegen.

Zurück im Hostel sitze ich mit der Engländerin und der Schwedin, die ich beim Frühstück kennengelernt habe, kreisförmig um den Schein. Der Schein wandert durch alle Hände, wird gegen das Licht gehalten und zwischen den Fingern gerieben. Google wird befragt und die Sicherheitsmerkmale akribisch abgeglichen. Nach zehn Minuten hat die Jury einstimmig ihr Urteil gefällt: Nicht echt.

So ist das in Phnom Penh. Hier kriegt man nichts geschenkt; ich nicht und die bettelarme Bevölkerung erst recht nicht. Nicht die Frauen mit den nackten Babies und auch nicht die fünfjährigen Kinder, die die Nächte in den Shops oder als Snackverkäufer in den Bars durcharbeiten. 


Die Stadt ist und bleibt ein Drecksloch, auch wenn an der ein oder anderen Stelle ein bisschen Zivilisation aufblitzt, kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Stadt außerhalb des Zentrums bzw. der Expat-Areas ein einziges Elendsviertel ist. 

Jeder Backpacker, den ich bislang getroffen habe, kennt jemanden, dem hier irgendwas entrissen wurde – Handys, Portemonaies, Kameras oder gleich der ganze Rucksack. Wikitravel.com warnt davor, dass die Clubs nachts voll von den Kindern der korrupten Eliten des Landes sind und dass diese „fast immer bewaffnet“ seien, genau wie die Entourage, die sie im Schlepptau haben. Was soll man noch mehr sagen?

Ich denke nochmal darüber nach, wie es wohl gewesen wäre, wenn ich die drei Monate meines Referendariats nicht in Budapest, sondern hier verbracht hätte. Vermutlich hätte ich mich schon arrangiert mit der Stadt, so wie man sich eben immer arrangiert. Schließlich hat mir hier bislang noch niemand eine Pistole ins Gesicht gehalten – weder im Club noch nachts auf der Straße. Dieses mal werde ich trotzdem im nächsten Bus Richtung Vietnam sitzen, sobald die dortige Einwanderungsbehörde das Visum rausgerückt hat. 

Bevor ich in mein Luxushotel einchecke, gebe ich noch einer der Frauen mit den nackten Babies ein paar Dollar, aber das wird hier natürlich auch nichts ändern.

Das kleine Paradies

Kleine Paradiese findet man immer mal wieder, wenn man unterwegs ist, aber das Nest am 4K-Beach auf Koh Rong ist ein besonderes Juwel. Hier passt einfach alles. Die entspannte Bar, das gute Essen, die netten Mitarbeiter, die coolen Gäste und die relative Abgeschiedenheit. Es ist ein Ort zum verweilen. Eigentlich wollten wir auch auf die kleinere Nachbarinsel, aber schnell wird uns klar, dass wir im Nest bleiben wollen. Was bitte soll auf der anderen Insel schon besser sein als hier?

Hier, wo das Meer vor unserer Haustüre liegt und ich in der Hängematte, scheint die Welt in Ordnung zu sein. Für einen kurzen Moment sind wir Zeit-Millionäre. Aus der Bar kann man stundenlang auf das Meer schauen und auf den Matratzen dösen. Ich lese soviel, wie schon lang nicht mehr. Der Beat der Musik ist der niemals aufhörende Herzschlag dieser Oase und auch der eigene Herzschlag verlangsamt sich. Hier, wo alle Leute zu jeder Tageszeit Gras rauchen, kümmert es niemanden, dass das Internet nur in homöopathischen Dosen verfügbar ist, das Bier nicht immer kalt und die Dusche nicht immer warm ist. 

Nach dem Aufstehen schwimmen wir im Meer und nach dem Frühstück erkunden die umliegenden Inseln mit dem Jetski. Wenn es längst dunkel ist und wir rausschwimmen, beginnt das Meer zu leuchten. Floureszierendes Plankton verwandelt das unendliche Schwarz unter uns in ein leuchtendes Universerum aus abertausenden von funkelnden Sternen. In diesen Momenten, wenn der Himmel sowohl über als auch unter einem seine Unendlichkeit preisgibt, kann man sich für einen Moment selbst verlieren; und vielleicht muss man sich manchmal kurz selbst verlieren, damit man sich zu einem späterem Zeitpunkt wiederfinden kann.

Nun ist die Sache mit Paradiesen die, dass man nicht ewig dort bleiben kann (Danke, Adam und Eva!). Reisen ist wie das Leben selbst, es muss immer vorwärts gehen. 

Unsere Tage sind gezählt. Nicht nur die Tage hier im Paradies, sondern auch die Tage, in denen die K. und ich diese Erfahrungen miteinander teilen werden. Wir werden nun bald wieder unsere eigenen Wege gehen und unseren eigenen Träumen hinterherlaufen. Manche Träume lassen sich nicht gemeinsam verwirklichen und um sich selbst zu finden, muss man halt ganz bei sich sein.

Wir reden darüber, wie es sein wird, wenn wir uns wieder allein durchschlagen und dass wir schweren Herzens sind. Es wird eine erhebliche Umstellung sein, aber wir spüren auch die wohlige Aufgeregtheit, die uns flutet. Der Duft von absoluter Freiheit und Abenteuer liegt wieder in der Luft.

Alles hat eben seine Zeit.