Mexico-City

Fast alles, was ich über Mexiko weiß, weiß ich aus Büchern oder Filmen über den Drogenkrieg. Das ist natürlich ein bisschen unfair gegenüber dem Land, aber jetzt bin ja hier, um mir selbst ein Bild zu machen.

Im Taxi vom Flughafen zum Hostel regnet es, wie ich es sonst nur vom asiatischen Monsun kenne, und der ohnehin ultrachaotische Verkehr kommt auf den überfluteten Straßen vollends zum erliegen. Ich bin seit 24 Stunden auf den Beinen (oder vielmehr nicht auf den Beinen sondern in der Economy-Class eingequetscht) und der dunkle – nur von den zuckenden Blitzen erhellte – Himmel steht in massiven Widerspruch zu meinen Erwartungen an das mexikanische Wetter. Nachdem ich gefühlte weitere 24 Stunden mit Schlafen verbracht habe, hat sich das Wetter wieder im Normalzustand eingependelt – nämlich sonnig und heiß – und ich kann mich aufmachen, die Stadt zu erkunden. Mexico-City gehört zu den größten Städten der Welt und ist vermutlich die größte Stadt in der ich jemals war.

Ich gehe los, fünf Blocks, 10 Blocks, 15 Blocks. Ich bin wachsam, denn ich kann nicht abschätzen, wie gefährlich diese Stadt wirklich ist. An unschönen Geschichten mangelt es jedenfalls nicht. Ich habe eine Hand am Portemonnaie und meinen Rucksack mit einem Kofferschloss verschlossen. Ein Pärchen erzählte mir gestern im Hostel, dass sie von der Polizei „überfallen“ wurden. Allerdings erzählten sie mir auch, dass sie im Vollsuff aus einem Club gestolpert sind und er an den nächstbesten Baum gepinkelt hat. Als dann die Handschellen klickten (was sicher auch in New York passiert wäre), mussten die beiden sich mit allem was sie hatten – von Handys bis zu den Kreditkarten -aus dieser Situation wieder freikaufen; diese Möglichkeit hätten sie in New York vermutlich nicht gehabt. Und weil auch alle Einheimischen mir raten, mich bloß von der Polizei fernzuhalten, beschließe ich das auch zu tun. In Mexiko gilt am Ende auch nichts anderes als in allen anderen Ländern: Die Hinweise des Auswärtigen Amtes sollte man lediglich sehr schnell überfliegen und sich ansonsten auf den gesunden Menschenverstand verlassen.

Ich lasse mich also treiben und plötzlich habe ich es wieder zurück: Das langvermisste Gefühl, irgendwo völlig verloren zu sein. Ich könnte hier eine hübsche Liste von Superlativen abhaken, der drittgrößte Platz der Welt (Moskau und Peking habe ich ja schon), die längste Stadtstraße der Welt, aber das sind bloß leere Zahlen. Wahrnehmbar ist für mich nur das Gefühl, ein winziges unbedeutendes Nichts in diesem fremden Ort zu sein, in dem niemand auf mich gewartet hat. Ich mag dieses Gefühl, denn es bedeutet, wieder Neues entdecken zu können; die Droge des Reisenden, nach der auch ich ein bisschen süchtig geworden bin, in den letzten acht Monaten. Bestärkt wird dieses Gefühl noch dadurch, dass ich kein Wort spanisch spreche und man mit Englisch hier nicht sonderlich weit kommt. Zu Fuß übrigens auch nicht. Ich versuche einige Zeit eine Metro-Karte aus dem (ebenfalls nur spanisch sprechenden) Automaten zu ziehen. Aus reiner Nettigkeit (oder aus Mitleid) bezahlt eine Frau am Drehkreuz schließlich für mich – ein eigene Karte habe ich aber immernoch nicht. Es dauert einige Zeit bis ich mich zurechtfinde, aber irgendwann habe ich eine eigene Karte und einen groben Überblick über das Netz. Die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen ist für mich essentiell, um eine Stadt zu verstehen. „Learn the Subway“ riet schon Al Pacino als Fürst der Finsternis im Film „Im Auftrag des Teufels“. Man darf erst gar nicht damit anfangen, aus Furcht vor vermeintlichen Gefahren nur noch Uber zu benutzen – auch wenn das hier lächerlich günstig ist. Wer eine Stadt erleben will, muss abtauchen in ihre Venen. Außerdem ist ein Taxifahrt zur Rushhour hier eine Tagesbeschäftigung.

Als ich eine Pause in einem Café einlege, entschließe ich mich kurzerhand der S. zu schreiben, die hier wohnt. Wir haben den ersten Weihnachtstag zusammen am Tresen unseres Hostels auf Bali verbracht und wie bei jeder Reisebekanntschaft haben wir uns versichert, uns zu treffen, wann immer uns unser Weg in das Land des anderen spült. Allerdings habe ich noch nie ausprobiert, was passiert, wenn man das wirklich mal tut. Bis jetzt.

Die S. freut sich, von mir zu hören und wir verabreden uns gleich für den Abend. Ich bekomme eine 1A Einführung ins Nachtleben von Mexico-City. Wir trinken Bier, Mezcal und Pulque, tanzen, reden und sind bis in die Morgenstunden unterwegs. Es macht Spaß, denn das letzte Mal richtig feiern war ich in Neuseeland; was mit D.F. – wie man die Stadt hier nennt – natürlich keineswegs zu vergleichen ist.

Auch in den nächsten Tagen nimmt die S. Sich Zeit und zeigt mir Ecken der Stadt, in die ich sonst nie gekommen wäre. Es ist komfortabel für mich, mit ihr unterwegs zu sein. Sie erklärt mir das mexikanische Essen und bestellt für uns in spanisch. Sie weiß, wo man hingehen kann – und wo nicht. Ich sehe die Stadt von ihrer freundlichen Seite und würde mich die S. nicht dann und wann daran erinnern, vorsichtig zu sein, würde ich wohl ein bisschen nachlässig werden, denn nach einigen Tagen fühle ich mich recht sicher.

Am nächsten Tag besuchen wir das Haus von Frida Kahlo – ein ganz und gar beeindruckender Ort. Nicht etwa, weil dort überall ihre – wie ich finde eher mittelmäßigen – Bilder ausgestellt sind, sondern weil Fridas Geschichte hier beinahe wieder lebendig wird. Man muss diese Frau einfach bewundern für ihr Lebenswerk und all die Eigenschaften, die man selbst so gerne hätte. Diese ungeheure Willenskraft bei gleichzeitig unbedingtem Hedonismus. Kompromisslos „Ja“ zum Leben zu sagen, dass ist es doch, was wirklich zählt. Jedenfalls fühlt es sich an diesem Ort so an.

Ganz anders ist das Gefühl in Teotihuacán. Die Ruinenstadt wurde lange vor den Zeiten von Jesus und co. gegründet und war in ihrer tausendjährigen Geschichte eine der bedeutendsten Städte der Welt. Allerdings weiß niemand genau, was hier wirklich los war, denn schon die Azteken haben diesen Ort als verlassene Ruinenstadt vorgefunden. Sie schrieben ihm magische Kräfte zu und gaben ihm seinen heutigen Namen, der soviel bedeutet, wie „Der Ort an dem man zu einem Gott wird“. Noch heute recken daher die Leute auf der Sonnenpyramide die Hände in den Himmel, um magische Energie aufzusaugen. Natürlich schließe ich mich gleich an, denn ein bisschen Energie kann ich bestens gebrauchen. Jetzt, im Herbst meiner Reise, fühle ich durchaus eine gewisse Erschöpfung.

Wir sitzen auf den Stufen der Mondpyramide und schauen die kilometerlange „Straße der Toten“ entlang. Für einen kurzen Augenblick wird die Stadt vor meinen Augen wieder lebendig und ich sehe Menschen durch die Straßen laufen; Händler, Arbeiter, Bauern und Herrscher. Ich sehe sie in ihren Häusern bei ihren Familien sitzen, Essen, Schlafen und Sex haben. Aber all das passiert nur in meinem Kopf, denn in Wirklichkeit sehe ich nur einen Haufen Steine. Niemand isst hier mehr mit seiner Familie, niemand schläft hier und niemand hat Sex (jedenfalls sehe ich niemanden). Sie sind alle seit tausenden von Jahren weg und mit ihnen auch ihre Geschichten, an die sich niemand erinnert und die vielleicht deshalb auch niemals stattgefunden haben. Alles was sie uns hinterlassen haben ist ein schweigender, gestapelter Haufen Steine. Ich erinnere mich an eine Zeile aus dem Lied „Cycling trivialities“ von José Gonzales:

Who cares in a hundred years from now

Who’ll remember all the players

Who’ll remember all the clowns?

Die Antwort in diesem Fall ist wohl eindeutig: Niemand. Sie mögen alle tot und vergessen sein, aber wir sind es nicht. Wir sind quicklebendig, sagen „Ja“ zum Leben und trinken ein letztes Bier zusammen, bevor wir uns verabschieden und ich meine Reise fortsetze.

Seifenblasen

Ich verabschiede mich von den Dorfbewohnern in Navotua und lasse mich vom Kapitän in seiner Nussschale ein paar Inseln weiter südlich fahren. Das Wetter hat sich nicht verbessert und das nur drei Meter lange Boot juckelt im Gewittersturm über drei Meter hohe Wellen. Aber solange noch alle lachen, besteht sicher kein Grund zur Sorge – hoffe ich jedenfalls. Als ich an Bord des Yasawa-Flyers gehe, bin ich nass bis auf die Knochen und durchgefroren; durchgefroren inmitten der Südsee! Mein nächster Stop liegt auf einer der größeren Inseln und ist diesmal ein Resort. Es ist Zeit für eine „richtige“ Dusche und ein kaltes Bier. Natürlich ist so ein Resort nicht mehr das „echte Fidschi“, sondern das, was man in den Reisekatalogen findet: Blitzsauber, geharkte Strände, W-LAN. Ich bleibe gleich mal 6 Nächte, denn ich habe keine Lust mehr, alle zwei Tage aus- und wieder einzupacken, mit einem kleinem Boot zu einem größeren Boot zu fahren, um dann wieder auf eine Insel zu kommen, die bestimmt ganz ähnlich ist. Also richte ich es mir gemütlich ein, in dieser aus dem Katalog entsprungen Seifenblase.

Viel zu tun gibt es hier natürlich auch nicht, schließlich handelt es sich immer noch um eine einsame Insel und hier gibt es noch nichtmal ein Dorf in der Nähe. Immerhin kann man kleinere Hikes unternehmen, tauchen und schnorcheln. Nur 30 Meter von der Tür meines Dorms entfernt liegt eines der beeindruckendsten Korallenriffe, die ich jemals gesehen habe. Stunden verbringe ich hier und niemals wird es langweilig.

Das Wetter hat sich zum Glück gebessert, so dass ich draußen in der Sonne brutzeln kann und die strahlenden Farben in meiner Seifenblase genießen kann. Abends quatsche ich mit den kommenden und gehenden Island-Hoppern und tagsüber mit den Angestellten, die schon längst meinen Namen kennen und mir auch mal einen Gin-Tonic oder eine frisch geöffnete Kokosnuss zum Strand bringen. Ja, hier braucht man sich wirklich um nichts zu sorgen, außer vielleicht darum, dass einem eine dieser Kokosnüsse auf den Kopf fällt. Sogar die Haie hier sind freundlich. Zwar leben hier eine Menge Bullenhaie, aber die Einheimischen beteuern stets, dass die höchstens spielen wollen. Und tatsächlich steht sogar in diversen Reiseführern, dass Fidschi der einzige Ort auf der Welt sei, wo man auch ohne Käfig mit den Tieren tauchen kann. Warum das so ist, wird irgendwie nicht ganz klar, ist aber vielleicht auch egal. Wahrscheinlich sind auch die Haie hier „on Fiji-Time“ und haben schlicht keine Lust, von den Touristen zu kosten.

Wie dem auch sei, ich genieße das süße Nichtstun, während die einzige Entscheidung, die ich hier treffen muss, die Auswahl des nächsten Essens ist. Ich überlege noch, ob ich in einen luxuriösen Einzelbungalow umziehe, um diese kleine Flucht noch ein bisschen surrealer zu machen, denn ich weiß, schon ganz bald muss ich wieder weiter.

Die Wandstärke einer Seifenblase beträgt übrigens nur 0,0008 Millimeter; und niemals lebt sie unendlich.

Navotua – Wie weit ist weit weg?

Klar, Neuseeland ist geografisch weit weg von Berlin. Sibirien ist zwar geografisch nicht ganz so weit weg wie Neuseeland, dafür aber mental um so weiter. Und Navotua? Navotua ist beides. Mitten in der Südsee bin ich so weit weg von Zuhause – ja, von Allem – wie noch nie in meinem Leben. Hier, weit im Norden der fidschianischen Yasawa-Inseln, wo kein Touristen-Boot mehr hinfährt, wohne ich in einem traditionellen fijianischen Dorf in einer traditionellen fijianischen Bure. 25 Buren, einen „Shop“, indem es nur Reis und Mehl gibt, zwei Schulen und eine Kirche. Ich wollte das Ende der Welt finden und jetzt bin ich mir sicher, dass ich es gefunden habe. All meine groben Reiseplanungen endeten hier, am Ende der Welt, und nun stehe ich am Meer und blicke auf das, was man in Deutschland gemeinhin unter dem Paradies versteht. Ich habe viele kleine und große Paradiese auf meiner Reise entdeckt; in diesem regnet es gerade.

Auch wenn ich wohl nicht weiter weg reisen kann, fühlt es sich trotzdem nicht so an, als sei ich irgendwo angekommen. Nein, der Weg bleibt auch hier am Ende der Welt das Ziel.

Nach meiner Ankunft überreiche ich erstmal die Kawa-Wurzel, die ich in der Hauptstadt auf dem Mainland gekauft habe, an den Chief des Dorfes, um meinen Respekt zu erweisen. Er murmelt unverständliche Verse über der Wurzel – eine Art Ritual – und dann bin ich in die Dorfgemeinschaft aufgenommen. „Mein Dorf ist dein Dorf.“ „Vinaka vakalevu“, bedanke ich mich. Viel zu tun gibt es hier nicht, in meinem neuen Dorf, das für eine Woche mein Zuhause sein wird. Die Menschen leben in ihren einfachen Hütten anscheinend so in den Tag hinein, und außer dem Lehrer, dem Boots-Kapitän und dem Pfarrer scheint hier niemand irgendeiner geregelten Tätigkeit nachzugehen. Strom gibt es ohnehin nur für eine Stunde am Tag, wenn der Generator angeschmissen wird; mein Handy kann ich immerhin an einem Solar-Panel laden, und wenn ich den nahegelegenen Hügel erklimme, habe ich sogar einen Strich Empfang.

Viermal am Tag gibt es Essen, und für jede Mahlzeit bin ich bei einer anderen Familie des Dorfes zu Gast. Auch wenn die traditionellen Hütten nach bitterer Armut aussehen, hungern muss hier niemand. Das Meer gibt genug Essen für alle und jede Familie baut reichlich Obst und Gemüse an. Fisch, Krabben, Auberginen, Breadfruit, Pancakes, Krapfen, Dampfnudeln – Ich habe noch nie auf meiner Reise so viel gegessen wie hier. Der Fisch wird direkt vor dem Essen gefangen, denn Kühlschränke gibt es natürlich nicht. Die Krabben machen es einem sogar noch einfacher: Jetzt in der Brutzeit laufen sie von ihren Erdlöchern zum Meer, um ihre Eier abzulegen; auf dem Rückweg laufen sie dann manchmal geradeaus durch die Küchenburen direkt in die Kochtöpfe. Vom Kochen verstehen sie hier was. Alles schmeckt köstlich, auch wenn die Zubereitung vielleicht nicht ganz nach deutschen Hygiene-Standards abläuft und man den zahlreichen Fliegen besser auch nicht allzuviel Aufmerksamkeit widmet; und feuern sie den Herd etwa mit Diesel an oder was riecht hier so? Zum Essen gibt es Regenwasser; abgefülltes Trinkwasser braucht hier niemand und deshalb gibt es auch keins. Die Portionen sind so riesig, dass ich befürchte, hier eine Woche lang gemästet zu werden, um am Ende selbst das köstlichste aller Essen zu werden. Schließlich hat der Kannibalismus auf Fidschi eine lange Tradition und Mancher munkelt gar, dass auch heute noch der ein oder andere Mensch auf dem Grill landet.

Sie sind jedenfalls gute Gastgeber, die Fidschianer. Sie laden mich zu ihrer allabendlichen Kawa-Zeremonie ein, wo sie die Kawa-Wurzeln zu einem eigenartigen berauschenden Gebräu verarbeiten und in heiterer Gesellschaft bis in die frühen Morgenstunden verkonsumieren. Alkohol ist in Navotua schlicht nicht vorhanden, aber nach 50 Tassen Kawa fühle ich mich halb bekifft und halb betrunken. Alle hier sprechen passables Englisch und sind interessierte Gesprächspartner. Wenn ich erzähle, dass ich mal Anwalt war und nun um die ganze Welt reise, schäme ich mich ein wenig für das privilegierte Leben, das ich führe und für das die allermeisten meiner Gastgeber niemals eine Chance hatten. Selbst wenn einige der Jugendlichen aus dem Dorf auf dem Mainland studieren und eines Tages ein gutes Auskommen haben sollten, werden sie Fidschi vermutlich nie verlassen. Niemals würden sie ein Visum für ein anderes Land bekommen, noch nichteinmal für die anderen Staaten des Commonwealth. Und ich? Ich habe den mächtigsten Reisepass der Welt in der Tasche und kann in jedes Land der Erde einfach reinlatschen, als wäre ich ein Staatsbürger und dabei habe ich nichts, aber auch rein gar nichts dafür getan. Was für eine Ungerechtigkeit!

Am nächsten Tag gehe ich in die Schule, wo der Lehrer drei Klassen gleichzeitig unterrichtet und ein heilloses aber heiteres Durcheinander herrscht. Alle haben gute Laune und weil auch die Kleinsten passables Englisch sprechen, scheinen sie durchaus auch was zu lernen hier. Ich sehe mir das Treiben interessiert an, verstehe natürlich kein Wort, aber für die Kinder ist meine Anwesenheit eine willkommene Ablenkung vom Schulalltag, obwohl sie – daran besteht kein Zweifel – sehr gerne hier in der Schule sind. Es gibt wirklich erstaunlich viele Kinder hier im Dorf und ich spende einen verhältnismäßig großen Betrag für die Schule, weil ich (ein bisschen naiv) hoffe, dass das dazu beiträgt, dass die Kinder vielleicht auch eines Tages ihren Träumen hinterherjagen können – so wie ich heute. Außerdem erleichtert es mein schlechtes Gewissen ob der Tatsache, dass es reiner Zufall ist, dass sie hier geboren wurden und ich in Deutschland. Um Missverständnissen vorzubeugen: Es ist nicht so, dass es irgendetwas gibt, worum man die Dorfbewohner oder die Schulkinder bedauern müsste, ganz im Gegenteil. Alle sind gut gelaunt – viel besser als in Berlin – lachen und erfreuen sich des Lebens. Es gibt genug gutes Essen für Alle und die Kinder haben so viel Platz zum Spielen, wie wohl sonst nirgends auf der Welt. Das Leben hier ist leicht und es gibt nicht den geringsten Grund, irgendjemandem zu wünschen, hier „rauszukommen“. Für manch einen Westler mag das Leben hier im Einklang mit der Natur gar das ultimative Utopia sein. Aber der feine Unterschied bleibt eben doch, dass ich die Wahl habe und sie nicht. Ich könnte hier herziehen – wenn ich denn wollte – und fortan als Fischer mit nur drei Stunden Arbeit am Tag ein entspanntes Leben führen. Aber diese Kinder könnten eben nicht – selbst wenn sie denn wollten – in New York Medizin studieren und dort als Arzt arbeiten. Und bloß der Zufall hat darüber entschieden, dass ich die Wahl habe. Jedenfalls in diesem Leben.

In Navotua sind allerdings auch meinen Wahlmöglichkeiten Grenzen gesetzt: Hier gibt es kein Entertainment-Programm, weshalb ich die Tage mit Lesen und Schlafen verbringe. Ich kann hier tagsüber stundenlang schlafen – was ich sonst nie kann – und ich frage mich, ob sich hier gerade die Erschöpfung von Monaten Bahn bricht. Das Wetter sorgt schließlich dafür, dass ich auch nicht auf die Idee komme, hier zu Wandern oder zu Schnorcheln. In der Südsee ist Hurricane-Saison und mehr als einmal fürchte ich, dass mein winziges Hüttchen einfach vom Sturm davongetragen wird. Es scheint, als wäre erst hier – wo ich größtenteils zum Nichtstun verdammt bin – auch mein Körper in der Lage, einen Gang runterzuschalten. Nur einmal unternehme ich einen Ausflug in die nahegelegene Sawa-i-Lau-See-Höhle, die aus mehreren riesigen Kammern besteht, die man nur erreichen kann, indem man meterweit durch geflutete Gänge tauchen muss. Ansonsten gehe ich in den Dorfgottesdienst, wo der Pastor bei seiner Predigt so ekstatisch schreit, dass ich nicht sicher bin, ob er noch aus der Bibel predigt oder gerade dazu aufruft, das Nachbardorf zu überfallen. Am nächsten Tag wird dann noch dem zweiten Heiligtum der Fijianer gehuldigt, der Rugby-Nationalmannschaft. Zum Spiel gegen die USA kommen Junge und alte in der Schule zusammen, wo das Spiel – so gut es eben geht – auf einen alten Laptop gestreamt wird. Das Dorfleben steht still und auch der Lehrer hat seine Klasse im Nebenraum allein gelassen, wo derweil muntere Anarchie ausbricht. Nur 14 Minuten dauert so ein Spiel und heute verliert Fiji. Beim Rugby hört sie dann auf, die immergute Laune der Dorfbewohner.

Ich gehe zurück in meine Bure, und frage mich, wie ich bei diesem Sturm jemals wieder wegkommen soll von dieser Insel. Bis zum nächsten Resort ist es eine Dreiviertelstunde in einem winzigen Boot, das mir nicht sonderlich sturmfest zu sein scheint. Aber das ist morgen und hier auf Fidschi kümmert man sich nicht um morgen. Man kümmert sich um das Jetzt – wenn überhaupt.

Bula Fiji!

Bula! Sagt der Grenzbeamte, bevor er mir ohne viele Diskussionen den Einreisestempel in den Pass hämmert. Draußen merkt man, dass man wieder näher am Äquator ist. Bei schwülen 30 Grad schwitze ich mein T-Shirt durch, während ich eine Dreiviertelstunde auf meinen gebuchten Transfer warte. „Fiji-Time“ erklärt man mir euphorisch. Fiji-Time bedeutet, dass jeder macht, was er will und vor allem wann er es will. Mir soll es recht sein, ich habe keine Termine und zünde mir erstmal eine Zigarette neben einem „Rauchen verboten“-Schild an; es juckt niemanden. Die Leute sind hier entspannt und nicht solche Regel-Nazis wie in Neuseeland oder Australien.

Bevor ich auf die entlegenen Inseln aufbrechen kann, muss ich in Nadi, der Hauptstadt, noch einige Besorgungen machen. Der Linienbus mit dem ich für umgerechnet 50 Cent in die Stadt fahre, sieht aus, als hätte man ihn aus Kuba importiert, weil er selbst für Havanna zu antiquiert wirkt. Trotzdem muss ich eine Chipkarte kaufen und damit an einem brandneuen Computer-Terminal am Eingang des Busses den Fahrpreis entrichten. Irgendwie gefällt mir das alles.

Nadi ist wirklich nicht das, was man ein Kleinod nennt. Bisschen dreckig, bisschen laut, bisschen zwielichtig. Ich laufe durch die Gassen und suche den Bauernmarkt. Ich muss ein halbes Kilogramm der berauschenden Kawa-Wurzel auftreiben, denn ohne ein solches Gastgeschenk an den Häuptling sollte man sich in keinem fijianischen Dorf blicken lassen.

Auf dem Rückweg zum Busbahnhof beobachte ich das Treiben. Nepper und Schlepper quatschen mich von der Seite an: „Where are you from? What are you looking for?“ Kein Zweifel, hier bin ich wieder ein Fremder. Schlagartig wird mir klar, dass ich genau das in Neuseeland und Australien vermisst habe, dass ich dort eben kein Fremder war. Nur in der Fremde fühle ich mich wirklich wie ein Reisender; nur wenn ich keine Ahnung habe, kann ich mich wie ein Entdecker fühlen und nur, wenn man aufmerksam sein muss, ist man auch wirklich wach.

Roadtrippin

Ich gebe Gas und kriege sofort eine Ahnung davon, was mir bislang tatsächlich entgangen ist. Zusammen mit zwei Mädels, die ich in Punakaiki kennengelernt habe, habe ich mich aufgemacht, mit dem Auto die Catlins zu erkunden. Die südlichste Küstenlandschaft gehört zu den abgelegensten Regionen Neuseelands und hier fährt dann auch kein Bus mehr hin. Wir haben das gefühlt letzte Mietauto des ganzen Landes bekommen, und weil wir nicht mehr in der Verhandlungsposition waren Wünsche zu äußern, sind wir in einem SUV unterwegs.

Ob der mindestens 10 Jahre alte Honda CR-V wirklich die Bezeichnung „Sports-Utility-Vehicle“ verdient hat, kann mit guten Gründen bezweifelt werden, ist am Ende aber auch scheißegal – wir fahren. Die Freiheit, sein eigenes Auto zu besitzen, darf in Neuseeland wirklich keinesfalls unterschätzt werden. Man kann hinfahren, wo man will, anhalten, wo man will, machen, was man will. Hier unten im Niemandsland kann man sogar übernachten, wo man will, denn im Gegensatz zu den Highlight-Städten wie Queenstown ist hier nicht jedes Hostelbett auf drei Wochen ausgebucht.

Wir sind uns sofort einig: das ist Urlaub vom Urlaub. Für einen kurzen Moment fühlt es sich an, als würden wir uns schon ewig kennen und hier einfach einen Familienurlaub verbringen.

Während der SUV über die staubigen Schotterpisten brettert und eine kilometerlange Staubfahne hinter sich herzieht, kommt in mir für einen kurzen Moment dieses Glücksesligkeitsgefühl auf, nach dem man im Leben eigentlich immer auf der Jagd ist. „One of these days, that make this life worth living“ singt Fritz Kalkbrenner aus den Boxen und gerade hat er verdammt recht. Felsige Steilküsten und einsame Leuchttürme werden von uns in der Gesellschaft von Pinguinen, Robben und Seelöwen bestaunt und es ist schwer zu sagen, ob die Zeit angehalten ist oder rast. Liegt es an der eigenartigen Verbundenheit, die wir in diesem Moment spüren oder daran, dass wir den Touristenmassen für einen Moment entkommen sind? Irgendwie schwer zu sagen, was hier eigentlich los ist.

Es ist nicht die Zeit für Reflexionen in diesem Moment. Es ist die Zeit, zu fahren und einfach zu machen. Alles hat eben seine Zeit.

Nach dem Trip bin ich noch eine Weile in Queenstown, ein absurder, mit Chinesen überfüllter Skiort, der sich trotz Sommers genauso anfühlt wie Sölden oder Ischgl in der Hochsaison. Es stört mich nicht, der Roadtrip mit den Mädels hat mich ein wenig versöhnt mit Neuseeland. Lange hat mich in Neuseeland das Gefühl der Entzauberung begleitet, aber vielleicht – denke ich noch, als ich in der Schlange zur Immigration stehe – liegt es auch an uns selbst, den Dingen einen Zauber zu geben. Der Grenzbeamte fragt mich nicht – wie zunächst befürchtet – wie es mir in Neuseeland gefallen hat. Er ist ein Automat, der nur einmal piept, nachdem ich meinen Pass gescannt habe und das Land und die beiden Mädels hinter mir zurücklasse.

Im größten Freizeitpark

Im „the dog with two tails“ läuft Soul-Musik. Das gemütliche Café in Dunedin ist an diesem Tag mein Wohnzimmer, und wie ein Wohnzimmer ist das Café auch eingerichtet. Auf der Theke steht der RollsRoyce der Kaffeemaschinen, trotzdem schmeckt der Kaffee ein bisschen säuerlich. Unterextraktion würde der Barrista wohl sagen. Egal, nach dem seltsamen Gebräu im Hostel bin ich nicht pingelig.

Ich habe mein mobiles Büro aufgeschlagen und plane meine Weiterreise. Kreuz und quer bin ich bislang über die Südinsel gereist und nur noch einige Tage verbleiben mir in Neuseeland. Wie werde ich wohl in einigen Jahren an Neuseeland zurückdenken, frage ich mich, und wird mir der Grenzbeamte bei meiner Ausreise ein Feedback-Formular aushändigen? „Wie hat es Ihnen bei uns gefallen?“ Bitte ankreuzen: „gut“, „sehr gut“ oder „fantastisch“.

Nicht das ich im klassischen Sinne von Neuseeland enttäuscht wäre. Ich habe großartige Natur erwartet und ich habe großartige Natur bekommen. Ich habe ein sehr hohes Preisniveau erwartet und ich habe ein sehr hohes Preisniveau bekommen. Den Blick auf mein Konto versuche ich zu vermeiden, denn der hätte nur Schwindelgefühle zur Folge. Neuseeland ist ein Land für Menschen mit prall gefüllten Portemonnaies. Ein riesengroßer Freizeitpark, in dem man jede Achterbahn extra bezahlen muss. Ich beschwere mich nicht, all das habe ich gewusst – jedenfalls geahnt – und ich wollte diese Ecke der Welt ja unbedingt sehen. Und es gibt schließlich schlimmeres als den Besuch eines Freizeitparks. Keinesfalls bereue ich es daher, hergekommen zu sein. Meine Bucket-Liste hat sich jedenfalls enorm verkürzt, und Erlebnisse wie einen Bungy-Jump aus 135 Metern oder mit dem Helikopter auf einen Gletscher zu fliegen, werde ich ganz sicher niemals vergessen.

Trotzdem bleibt ein wenig der Beigeschmack, dass ich diese Erlebnisse (nur) eingekauft habe – so als ob das den Wert eines Abenteuers schmälern wurde. Na gut, um fair zu sein, den ein oder anderen kleineren Gipfel habe ich auch ganz selbst ohne Helikopter erklommen und der einzige Grund, warum ich heute im Café sitze, ist, dass ich die Tage in Dunedin so ausgiebig zum Surfen genutzt habe, dass ich mich jetzt kaum noch bewegen kann. Vielleicht ist das Passivitätsgefühl also auch eher subjektiv. Vielleicht waren aber auch einfach meine Erwartungen von den vielen begeisterten Erzählungen zu hoch gesteckt. Das Gefühl, etwas entzaubert zu haben, ist ja immer ein Begleiter beim Reisen aber hier, am sogenannten anderen Ende der Welt fühlt es sich besonders stark an – oder liegt es nur daran, dass der Zauber zu groß war, um es mit der Realität aufzunehmen?

Ein abschließendes Urteil werde ich wohl erst in einigen Monaten oder Jahren fällen können. Aber noch bin ich ja auch nicht fertig hier. Bislang war ich mit dem Bus unterwegs, was in Neuseeland zwar hervorragend möglich ist, den Gegebenheiten aber – wenn man ehrlich ist – nicht gerecht wird, denn Neuseeland ist ein Autoland. Ich habe mich zunächst eine Zeit lang geweigert, das einzusehen und gute Argumente haben gegen diese Variante gesprochen: Vier Wochen sind zu kurz um ein Auto – oder noch besser einen Campervan – zu kaufen. Kauf und Verkauf hätten mindestens eine Woche verschlungen. Andererseits sind vier Wochen aber auch zu lang um ein Auto zu mieten, ohne danach Privatinsolvenz anmelden zu müssen; jedenfalls dann wenn man die Entscheidung nicht wie die zahlreichen Urlauber ein halbes Jahr vorher treffen kann. Sich mit jemand Fremden kurzfristig zu verabreden, um die Kosten zu teilen, birgt immer das Risiko, an einen Menschen gebunden zu sein, der einem dann den letzten Nerv raubt. Im Nachhinein betrachtet hätte ich vielleicht einen anderen Weg finden sollen, aber hinterher ist man ja bekanntlich immer schlauer. Und weil ich noch einige Tage habe, ist es ja auch noch nicht zu spät. Ein fahrbarer Untersatz muss her!

Zoo Zealand

Ja, gegen dieses Neuseeland gibt es wirklich nicht viel einzuwenden. Fabelhafte Natur, nette Menschen, null Kriminalität, alles idyllisch, alles pittoresk. Von Kaikoura bin ich nach Picton gereist, wo die Marlborouh Sounds die Südinsel nach Norden mit einer malerischen Fjordlandschaft ausklingen lassen.

Im eiskalten Wasser des Queen Charlotte Sounds tauche ich an einem der zahlreichen Schiffswracks bevor ich mich Tags drauf mit dem Boot bis ganz zur nördlichen Spitze fahren lasse, um die erste Etappe des Queen Charlotte Tracks abzuwandern. Das Boot wird von mindestens 30 Delfinen begleitet, die kreuz und quer aus dem Wasser springen, als ob ein unsichtbarer Zirkusdirektor ihnen just in diesem Moment aufgetragen hätte, hier zu unserer Unterhaltung eine kleine Show abzuliefern. Vor vier Jahren haben ganz in der Nähe Delfine einen Schwimmer vor einer Haiattacke gerettet. Diese Hilfsbereitschaft; wie menschlich, frohlockt man. Aber Delfine haben auch ihre dunklen Seiten. Schon gleich könnten sie sich zu einer tagelangen Gruppenvergewaltigung verabreden und anschließend die Jungen ihrer Konkurrenten töten. Diese Abgründe; wie menschlich, fürchtet man.

Ich überlasse die Delfine ihrem vielschichtigen Treiben und stelle mir vor, wie es wohl wäre, hier ein kleines Häuschen zu haben, weit draußen im Sound. Fernab von allem, mitten im Grün, eine große Sonnenterrasse, ein Boot am Steg und sonst nicht viel. Ich sehe mich da sehr zufrieden sitzen, auf meiner Terasse mit einer Zeitung oder einem Buch während mir allabendlich die orangefarbene Sonne ins Gesicht scheint. Aber ist das überhaupt möglich? Kann die Natur allein genug sein? Bei genauerem Hinsehen ist das eigentlich auch die Frage, die sich hinsichtlich dieses ganzes Landes stellt. Irgendwie dauert es, bis ich hier richtig ankomme – ja, es fühlt sich gar an, als würde hier etwas fehlen. Aber was? Warum kriegt mich das Land nicht zu 100 Prozent?

Der gut gepflegte Wanderweg schlängelt sich in Serpentinen bergauf und bergab und immer wenn sich in diesem grünsten Grün eine Lücke auftut und einen Blick auf das blaueste Blau freigibt, bleibe ich stehen und lasse meinen Blick schweifen. Und dann wird mir klar, was bei mir im Kopf das latente Störgefühl auslöst: Ich bin hier nur ein Zuschauer. Ich reise durch das Land, wie durch den größten botanischen Garten der Welt und gehe seine vorgezeichneten Wanderwege entlang, als passiver Beobachter; und jetzt ist da diese Stimme in meinem Kopf, die ruhelos wie ein kleines Äffchen von einem Bein auf andere hüpft und skandiert, dass man sich das hier ja wohl auch im Fernsehen auf National Geographic anschauen könnte, ohne dabei in überteuerten Hostels zu wohnen und schlechtes Essen zu essen. Aber das ist natürlich hanebüchener Unsinn, denn kein Bildschirm der Welt kann diese Farben darstellen, den Geruch der Meeresluft simulieren und die Zufriedenheit nach einer langen Wanderung vermitteln. Und doch: Das Äffchen mault und quengelt. Dabei gehört die Natur hier zum Besten, was der Planet im Angebot hat.

Es soll noch ein paar Tage dauern, bis sich der Zustand absoluter Entspannung einstellt. Erst das Dreihäuserdorf Punakaiki an Neuseelands Westküste vermag mir die innere Ruhe zu vermitteln, die diesem Fleckchen Erde angemessen ist. Schon als ich im Beach Hostel ankomme, weiß ich sofort, dass das hier das Paradies ist. Das Hostel liegt direkt am Strand sowie am Nationalpark und ist ein herrliches Strandhaus mit Garten und Meerblick. Nur einen Supermarkt gibt es leider nicht, was ich zwar irgendwie wusste, aber auch irgendwie verdrängt habe. Und weil die Bar nebenan bloß völlig überteuertes Tiefkühlessen auftischt, ist es ein großes Glück, dass die J. – die ich bereits in Nelson kennengelernt habe – am nächsten Tag auftaucht und einen Berg Essen mitbringt. Das Glück ist eben mit den Dummen.

Nachdem ich den Nationalpark mit dem Stand-Up-Paddling-Board erkundet habe, leihe ich mir ein Surfbrett und komme zum eigentlichen Grund meines Aufenthaltes hier: Wellenreiten.

„And never forget: the ocean is the boss!“ sagt Dion noch, als er mir das Malibu Longbord gibt und mich nach kurzem Briefing in die Wellen entlässt. Was er damit meint, bedarf keiner weiteren Erklärung, denn hier an der Westküste wechselt das Wetter fünfminütlich zwischen Sturm und strahlendem Sonnenschein. Die Wellen, die hier auf dem 42 Längengrad angerollt kommen, hatten seit Argentinien Zeit ihre Kräfte zu sammeln. Erst vor zwei Tagen hat sich das Meer die halbe Küstenstraße einverleibt, was nun immerhin zur Folge hat, dass ich im Strandhaus fast allein bin.

Ab jetzt gibt es nur noch „im Wasser“ oder Erholen vom „im Wasser“. Ich trotze Wind, Regen und auch Sturm, ich schlucke mehr Salzwasser als ich in den letzten Monaten Bier getrunken habe und wenn ich vom Bord fliege, knallt mir das Ding im „Waschgang“ der Welle gegen die Schienenbeine, den Kopf und jedes andere Körperteil. Die J. leistet mir öfter Gesellschaft hier draußen, was mir ein subjektives Sicherheitsgefühl vermittelt, denn außer, dass der Ozean der Boss ist, weiß ich nicht viel von ihm und seinen Gefahren.

Trotz Frustration, Schmerzen und Erschöpfung mache ich immer weiter. Wann habe ich nur das letzte Mal für eine Sache so gebrannt? Ich feiere die guten Wellen und jeden kleinen Erfolg, bis ich mit letzter Kraft zurückpaddele, um dann einfach nur auf dem Balkon des Strandhauses zu lesen und der Sonne dabei zuzusehen, wie sie in Zeitlupe ins Meer fällt, bis am nächsten Tag alles wieder von vorn losgeht. Auch die kleine getriebene Stimme des Äffchens ist jetzt einstweilen verstummt.