Bling Bling

Shanghai erreiche ich mit dem Zug. Nicht etwa, weil ich jetzt beschlossen hätte, die ganze Welt mit dem Zug zu umrunden, es war eine pragmatische Entscheidung. Weder war fliegen billiger noch sehr viel schneller. 

Zwischen Peking und Shanghai gibt es eine Highspeed-Verbindung; die über 1300 Kilometer legt man in gut fünf Stunden zurück. Die transsibirische Eisenbahn wäre für die gleiche Strecke zwei Tage lang durchs Land gerumpelt. 

Das Zugmodell gleicht dem deutschen ICE 3 wie ein Ei dem anderen, ein Siemens-Werk hat dieses Gefährt aber ganz bestimmt noch nie von innen gesehen. Eine perfekte Kopie, bis auf dass die Chinesen offenbar der Ansicht sind, dass auch fünf Leute in einer Reihe Platz finden. Im Unterschied zu seinen deutschen Vorbildern hat man dem Klon jedoch gleich noch die passende Trasse spendiert. Hier beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit 300 km/h und nicht die Spitzengeschwindigkeit, wie es in Deutschland vielleicht für 15 Minuten zwischen Köln und Frankfurt der Fall ist. Man stelle sich nur mal vor, man könnte von Berlin nach Rom mit dem Zug in fünf Stunden fahren!

Steigt man in Shanghai aus, ist es ein bisschen, wie das erste Mal in New York zu sein. Der Blick geht nach oben. Es ist ein Wolkenkratzer-Nationalpark. Als ich ankomme, ist die die Sonne längst untergegangen, aber alles strahlt so hell, dass ich sofort meine Sonnenbrille aufsetzen möchte – die ganze Stadt ist ein einziger Times Square. Auf dem Weg hierher bin ich durch unzählige Millionenstädte gefahren, die grau und trist waren und deren Namen niemand in Deutschland kennt oder jemals kennen wird.

Aber das hier ist eine strahlende Mega-City mit Weltstadt-Flair. Man merkt sofort, dass hier ein ganz anderer Film läuft, als in Peking. Es ist eine Mischung aus Las Vegas und Bangkok, die Straßen sind voll und das Leben pulsiert. Sofort kann man sich vom Strom mitreißen lassen und einem wird gleich klar: hierher kommt man nicht, um sich zu erholen.


Das tue ich dann auch nicht. Mit zwei Franzosen, einem Londoner und einem Mädel aus Detroit ziehe ich in einen angesagten shanghaier Technoclub. 

Es handelt sich um die Art von Club, um die jeder Berliner, der noch alle Tassen im Schrank hat, einen großen Bogen machen würde: viel buntes LED-Blinklicht, eine große Bühne für die drei DJs, die ständig Anheiz-Parolen ins Mikrophon brüllen und die Trockeneis- und Konfettikanonen abfeuern. Die Musik ist unterirdisch, es scheint jedoch niemanden zu stören.

Das Absurdeste sind jedoch weder das Ambiente, noch die grauenhafte Musik. Das Absurdeste sind die Preise und dass wir sie nicht bezahlen – oder besser gesagt: warum wir sie nicht bezahlen. Keine 25 Euro Eintritt, keine 22 Euro für einen Gin&Tonic und keine elf Euro für ein kleines Bier.

Weil wir Westerners sind. 

Ja, der einzige Grund, warum uns jemand zu einem VIP-Tisch begleitet, an dem uns alle Drinks für lau gemischt werden ist, das wir weiß sind. Ich frage mich, was hier los ist und ob das nicht alles ein bisschen rassistisch ist. 

Offenbar werten wir den Laden gehörig auf, weil wir Nicht-Chinesen sind. Der 19-jährige Londoner, der gerade einen Forschungsaufenthalt in Shanghai beendet hat, ist schon zum dritten Mal in dem Laden, er ist ein begehrtes Flirt-Ziel für die jungen Chinesinnen. Mir dämmert, dass wir hier zum Entertainment-Programm für die reichen Chinesen gehören. Es ist, wie so oft: Bezahlst du nichts, dann bist du selbst das Produkt.

„It’s insane“, kommentiert einer der Franzosen. Er hat Recht und es kommt mir daher sehr gelegen, dass die Amerikanerin, die in China ‚International Business Administration‘ studiert, nach einigen Stunden in den Club kotzt und wir sie zurück zum Hostel bringen müssen.

Das Produkt war heute wohl leicht mangelhaft.

Alle Richtungen

Bis Peking habe ich weite Strecken der Reise zusammen mit meinen drei Mitstreitern zurückgelegt. Eigentlich wollten wir alle allein reisen, aber die zerstreute Chefin des Reisebüros, über das wir unabhängig voneinander die Transsib-Tickets gebucht haben, fand wohl, dass wir uns gut verstehen werden und hat uns einige Abschnitte zusammengepackt. Sie hat recht behalten. Es war äußerst kurzweilig und vergnüglich. Glück gehabt, sowas kann auch schiefgehen, wenn man sich nicht kennt.

Ab heute bin ich wieder allein unterwegs. Eine Mitreisende haben wir schon in Ulan Bator zurückgelassen und die anderen beiden sind gestern nach Deutschland zurückgekehrt, um in ihren Büros wieder ihren Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt zu leisten. Irgendeiner muss es ja machen.

Es ist also der erste Tag, an dem ich keinen Plan habe. Keine Anschlusszüge, keine Verabredung zum Sightseeing und keine Ahnung, wohin ich als nächstes reisen werde. Einen Monat war ich unterwegs und habe sehr, sehr viele Eindrücke gesammelt. Heute nehme ich mir einen Tag Zeit, um diese Eindrücke zu verarbeiten. Ich mache nichts; es regnet ohnehin. 

Ich frühstücke ausgiebig einem Hipster-Café in meinem Hutong. Ich würde mich nicht als Hipster bezeichnen, aber wo man auch ist auf der Welt, ein Hipster-Café versorgt einen immer ein Stück weit mit Heimatgefühl. Englischsprachige Bedienungen, guter Kaffee und Rührei von freilaufenden Hühnern. Aus den Boxen kommt „the whitest boy alive“. Obwohl Hühnerfüße auf der Karte stehen, kriegt man hier garantiert keinen Kulturschock. Manchmal braucht man das einfach.

Mit dem Schreiben dieses Textes lenke ich mich davon ab, dass ich meine Weiterreise organisieren muss. Mein Hostel ist teuer, weil der Hutong (dank Leuten wie mir) gerade erlebt, was Gentrifizierung bedeutet. Außerdem hat man nach einer Woche die die wichtigsten Highlights in Peking gesehen.

Es ist Zeit, den Rucksack zu packen.

Chinesisch Essen gehen

Man kann auch in Berlin authentisches chinesisches Essen bekommen, aber nur in China kann man auch in ein authentisches chinesisches Restaurant gehen. 

Die Wahl fällt auf ein HotPot-Restaurant. Die Authentizität stellen wir fest, als die Besienung nichtmal das Wort „Beer“ versteht. „No Beer“, sagt sie. Merkwürdig, wo doch alle anderen Bier auf dem Tisch haben. Wir machen uns verständlich.

Es wird ein Kupfertopf mit einem Kohlekamin in der Mitte serviert. Zur Hälfte mit kochender Gemüsebrühe, zur anderen Hälfte mit Chili-Brühe gefüllt. Zum Glück existiert im Restaurant ein DIN-A4 Zettel mit wunderlichen Übersetzungen, der uns immerhin davor bewahrt, für Europäer völlig ungenießbare Dinge zu bestellen. Alle Zutaten bestellt man roh und kocht sie dann in der Brühe.

Ansonsten geht es laut zu bei den Chinesen am Tisch. Alle im Restaurant schreien durcheinander. Sämtlicher Müll und Essensreste werden auf den Boden geschmissen. Probehalber schmeiße ich auch eine Serviette auf den Boden. Ich möchte ja nicht unangenehm auffallen. Nicht bei Allem sind wir sicher, was wir da bestellt haben, aber es schmeckt nicht übel.

Die Chinesen veranstalten am Nachbartisch eine Sauerei für die man in Deutschland Hausverbot bekommen würde. Es wird am Tisch geraucht, während andere noch essen. Die Kippen landen auf dem Boden oder gleich auf dem abgegessenen Teller. Es fängt an Spaß zu machen. Wir bestellen mehr Bier. Es klappt jetzt reibungslos. 

Nach dem Essen müssen wir allerdings weiterziehen. Die Gemütlichkeit des Etablissements leidet ein wenig unter der mittelalterlichen Essensverwüstung, die vom Personal auch nicht beseitigt wird. Außerdem gibt es kein Klo – eine schlechte Voraussetzung zum Biertrinken.

Do you speak English? – 不!

Im Reich der Mitte bin ich ein Analphabet. Kyrillisch kann man nach einer Woche Übung ganz gut entziffern, chinesiche Schriftzeichen nicht. Der Reise-Schwierigkeitsgrad ist mit der Einreise in das bevölkerungsreichste Land der Erde merklich angestiegen. Für die Chinesen ist man hier einfach nur ein Fremder. Sie wollen zwar Fotos mit einem machen, ob sie auch mit mir reden wollen, wenn wir denn nur eine gemeinsame Sprache teilen würden, erfahre ich nicht. 


In Peking komme ich mir vor, wie ein Zuschauer und die Versuche an etwas teilzuhaben sind mühsam, wie ich beim Versuch merke, am chinesischen mobilen Internet teilzuhaben. Da ich vermutlich länger hier bin, brauche ich eine SIM-Karte. Es beginnt eine Odyssee durch zwanzig Handyläden. Sie verkaufen alle keine SIM-Karten, schicken mich jedoch in alle Himmelsrichtungen. Auf meiner Offline-Karte können sie nichts lesen, ich solle einfach die Straße weiter runtergehen. Es ist eine endlos lange Hauptstraße mit unzähligen Geschäften. Die Suche dauert zwei Tage. Im mutmaßlichen Hauptquartier von China Unicom muss ich eine Nummer ziehen und ein Prozedere durchlaufen, das dem, der Berliner Bürgerämter in nichts nachsteht. Während ich eine Stunde warte, bete ich, dass die Person am Schalter wenigstens ein paar Worte Englisch spricht. Ich rufe einzelne Vokabeln auf meinem iPhone auf, während meine Augen die Wartehalle nach den jüngsten Chinesen absuchen, die ich für einen Übersetzungseinsatz verpflichten könnte.

Ich habe Glück, die Dame kann Englisch und nachdem ich eine gute halbe Stunde Formulare unterschrieben habe, auf denen ich kein Wort lesen konnte, meinen Pass abgegeben habe und ein Foto von mir hab machen lassen, bin ich im Besitz einer chinesischen SIM-Karte. Ich bin berauscht von dem Erfolg und genieße das beschränkte chinesische Internet, das ich sogleich dazu benutze, eine Bar für den Abend zu finden. 

Wir mischen uns unter die Locals in einer Hutong-Bar mit chinesischer Live-Musik. Hutongs sind in Peking die traditionellen Wohnviertel mit einstöckiger Wohnbebauung und engen Gassen – der ideale Ort um ein paar Bier abseits der überteuerten City-Bars zu trinken. 


Als meine Mitreisende eine Chinesin am Nachbartisch gestikulierend fragt, ob man drinnen rauchen darf, missversteht diese das als Einladung sich zu uns zu setzen. Der erste Kontakt mit den Einheimischen entsteht aufgrund eines Missverständnisses. Wir unterhalten uns kurz, aber sie nutzt die nächste Gelegenheit, um wieder an ihren Tisch zu verschwinden. Vermutlich wollte sie nur höflich sein und unsere Einladung nicht ausschlagen. Mich beschleicht das Gefühl, dass die Chinesen lieber unter sich bleiben.

An diesem Abend ziehen wir noch durch einige Bars in unserem Hutong und nehmen nicht nur eine undefinierbare Menge geistiger Getränke auf, sondern auch unzählige Eindrücke aus den Hutong-Gässchen, in denen an diesem Freitagabend auch die Chinesen ein bisschen die Sau rauslassen. 

Praktisch ist, dass es alle 50 Meter öffentliche Toiletten gibt, eine relativ neue Errungensschaft in den Hutongs. Klos sucht man in Bars und (vermutlich auch Wohnhäusern) nämlich vergeblich. Man kann nur ahnen, wo die Menschen früher ihre Notdurft verrichtet haben; aber wo es auch war, es schien der Verwaltung nicht in den Kram zu passen, als sie die Stadt 2008 für die Olympischen Spiele aufgemöbelt hat. Heute also alles kein Problem mehr – vorausgesetzt man legt keinen gesteigerten Wert auf Privatsphäre.

Die letzte Etappe

Ich befinde mich auf der letzten Etappe im Streckennetz, das gemeinhin noch als transsibirische Eisenbahn bezeichnet wird, obwohl die Fahrt von Ulan Bator nach Peking natürlich nicht mehr durch Sibirien führt. 

Das Leben im Zug ist für mich längst zur Normalität geworden. Die Fahrzeiten sind genauso endlos, wie die vorbeiziehenden kargen Landschaften. Draußen regnet es und es ist langweilig. Der chinesische Zug gleicht dem Mongolischen und der glich dem Russischen. Hier in China kommt allerdings niemand mehr regelmäßig rein, um den Teppich im Abteil zu saugen und die Fenster zu putzen. Dafür ist das verkaufte Essen hier eingeschweißt und man darf rauchen.

Die Länderwechsel sind mit stets mit nicht enden wollenden Grenzübertrittsprozeduren verbunden. Passkontrolle, Zoll, Drogenfahndung, Spürhunde, Abteilkontrolle – jeweils für Ein- und Ausreise. Stundenlang bewegt sich der Zug dann nicht. An der Grenze zwischen der Mongelei und China wird dann sogar der ganze Zug „umgespurt“. Die Waggons werden hierzu einzeln aufgebockt, das mongolische Fahrgestell wird per Hand abgeschraubt und das Chinesiche unter den Zug geschoben. Grund dafür ist die andere Spurweite in China – ein Kniff aus alter Zeit, damit der Feind im Krieg nicht die vorhandene Eisenbahninfrastrukur für seine Zwecke nutzt, sprich: mit dem Zug einrollt.

Der Staat ist jetzt ein anderer, die Landschaft bleibt die gleiche. Ich bin hungrig, aber Tütensuppen kann ich nicht mehr sehen und auf diesem Abschnitt gibt es auch keinen Speisewagen. Aus den Steckdosen kommt nutzloserweise Gleichstrom. Wenn ich die zurückgelegte Strecke in meiner Karten-App anschaue, dreht sich die Weltkugel um ein gutes Viertel.

Ich mag Zugfahren. Das Leben im Zug ist eine einzigartige Erfahrung und es war mir wichtig, die gesamte Strecke im Zug zurückzulegen. 

Ich bin trotzdem froh, dass wenn ich morgen ich in Peking ankomme, die Schienen-Etappe einstweilen geschafft ist und ich neu entscheiden kann, wie ich weiterreise. Per Anhalter, per Flugzeug – vielleicht aber auch wieder im Zug.

Ausgesetzt in der Wildnis

Wenn Bear Grylls in seiner Fernsehsendung „Man vs. wild“ irgendwo in der Wildnis ausgesetzt wird und sich seinen Weg zurück in die Zivilisation erkämpfen muss, hat er wenigstens immer sein Armeemesser dabei. In der Wüste Gobi hatte ich nichts dabei. Kein Messer, keine Taschenlampe, kein Wasser, nichts. Nur meine drei Reiseabschnitts-Gefährten, deren nützlichster Besitz jedoch ebenfalls nur die Flipflops an ihren Füßen waren.

Aber von vorn: Unser UAZ rumpelte durch eine Art Gebirge und während wir uns fragten, wie es möglich ist, dass die Karre in diesem extremen Gelände nicht einfach auseinanderbricht, offenbarte das Gefährt heimlich seine Schwachstelle. Erst als es hinter uns deutlich zog, haben wir uns umgeguckt. Die Hecktür war aufgegangen und unsere Rucksäcke haben bereits weitläufig den Wüstenboden verschönert. Wir machen eine Vollbremsung und ernten unsere Besitztümer aus der Steppe. Es fehlten zwei Decken und eine Matratze. Dolmetscher und Fahrer sind ein wenig aufgeregt und wollen ein paar Meter zurückfahren, um die Sachen wiederzufinden. Die Strecke hat uns schon ein halbes Schleudertrauma beschert und wir beschließen deshalb, uns kurz die Beine zu vertreten. Während das Auto hinter der nächsten Bergkuppe verschwindet, witzeln wir: „Und Tschüss!“.

Nach zehn Minuten sagen wir noch im Scherz: Ob die wohl zurückkommen?

Nach zwanzig Minuten: Was haben wir eigentlich dabei? Antwort: nichts.

Nach dreißig Minuten: Wie viele mongolische Jahresgehälter ist eigentlich all unser Gepäck wert? Antwort: mindestens zwei.

Nach einer Dreiviertelstunde: Wie lange kann die verdammte Tür denn offen gestanden haben, ohne das wir das mitgekriegt haben? Doch keine 20 Minuten! Hatten die beiden eine Panne? Sind sie verunfallt oder abgehauen? Haben sie sich verfahren? Egal sie kommen nicht wieder. 

Und was ist überhaupt in uns gefahren? Zusammengenommen etliche Jahre Travel-Erfahrung und dann lassen wir uns als Gruppe geschlossen zusammen in der Wüste aussetzen ohne auch nur einen einzigen Gegenstand unser Ausrüstung dabei zu haben? Ich hoffe, es gibt kein Leben nach dem Tod, in dem ich die Umstände meines Dahinscheidens erklären müsste. Wir sind ein Fall für den Darwin-Award!

Nach einer Stunde haben wir die Optionen durchgesprochen: Die S. wollte in die Richtung weitergehen, in die wir ohnehin unterwegs waren, die K. wollte zurückgehen und der L. wollte am Standort ausharren. Trennen wollten wir uns aber nicht, schließlich hatten wir uns schon geeinigt, wen wir als erstes essen: Die Vegetarierin.

„Don’t panic“ steht auf dem „Hitchhikers Guide to the Galaxy“, jenes Universallexikon aus dem gleichnamigen Buch, das ich gerade lese. Sicher ein kluger Ratschlag, aber um wie viele Stunden wird das unser Leben hier draußen verlängern? Vermutlich um nicht allzu viele. Es sind tatsächlich gute eineinhalb Stunden und gefühlt drei Stunden vergangen, als wir die Lage als „eher ernst“ einstufen.

Dann passiert was passieren musste: Der UAZ taucht hinter dem nächsten Berg wieder auf. Fahrer und Dolmetscher sind genauso aufgelöst wie wir, allerdings nur, weil sie nicht alles wiedergefunden haben und noch fürchten, dass auch etwas von unserer Ausrüstung verlorengegangen sei. Unser Einwand, dass wir schon in leichter Sorge waren, bleibt ungehört. Die beiden sind erstmal nur froh, dass jedenfalls unsere Sachen alle da sind. 

Wir sind froh, dass wir überlebt haben. Für heute.

Im Land von Dschingis Kahn

Es gibt nur ein Wort mit dem man die Mongolei beschreiben kann: WEIT. Ich bin sechs Tage in der Wüste Gobi unterwegs und man kann fast immer die Erdkrümmung am Horizont erkennen. Die Wüste Gobi ist die drittgrößte Wüste der Welt und sie dehnt sich immer weiter aus. Nur auf den ersten Blick handelt es sich um eine langweilige Einöde. Auf den zweiten Blick hat die Landschaft einiges zu bieten: Steppe und Steine wechseln sich ab, es gibt Sand und Granitfelsen. Überall laufen Viehherden umher und nicht selten trifft man Kamele – mit Sicherheit die coolsten Wüstenbewohner.

Das Wetter hier folgt der Chaostheorie: Im einen Moment rinnen einem Schweißbäche von der Stirn, während man schneller braun wird, als Pinienkerne beim rösten in der Pfanne und im nächsten Moment hat man all seine Sachen zwiebelschalenmäßig übereinander an, um Wind, Kälte und Regen zu trotzen. Ja, Regen. 

Unser Gefährt ist die rollende Soviet-Legende UAZ-452. Der Off-roader des Herstellers Uljanowski Awtomobilny Sawod ist uns noch von der Insel Olchon bekannt und definitiv das Fortbewegungsmittel der Wahl in der Gobi. Ich kenne kein europäisches Auto, das eine ähnliche Leidensfähigkeit besitzt, wie dieser Kleinbus.


Meine drei Co-Reisenden und ich bestaunen nicht nur die Natur, wir besuchen auch eine Nomadenfamile. Die fünfköpfige Familie lebt in zwei Jurten, ihre über tausend Rinder, Pferde, Ziegen und Schafe laufen frei in der Unendlichkeit herum. Unser Dolmetscher ermöglicht einfachen Smalltalk während uns jeweils eine Riesenschüssel Airag gereicht wird. Die vergorene Stutenmilch ist Nahrungs- und Rauschmittel in einem und sie hat reinigende Wirkung für den ganzen Körper. 

Ich kann mir schon vorstellen, wie diese Reinigung aussieht und nehme daher der Höflichkeit halber nur ein paar Schlückchen. Es schmeckt nicht abscheulich, aber dass sich mein Körper blitzartig reinigen möchte, wenn ich die ganze Schale trinke, erscheint mir durchaus im Rahmen des Möglichen; keine verlockende Vorstellung, denn es gibt weit und breit keinen Baum und keinen Stein, der bei der Reinigung für etwas Privatsphäre sorgen könnte. 

Es werden Kekse gereicht. Ich beiße zu und stelle fest, dass es sich nicht um einen Keks, sondern um einen Käse aus eben jener Stutenmilch handelt. Auch in Anbetracht der hygienischen Umstände der – sagen wir mal – Produktionsbedingungen sowie des strengen Geruchs beschließe ich, das Stück lieber nicht zu essen. Ich erinnere mich an eine Geschichte aus dem inspirierenden Reisebuch von Martin Krengel; schließlich bin ich nicht der erste Europäer, der bei einer Nomadenfamilie zu Gast ist und nicht den restlichen Trip mit Selbstreinigung im flachen Niemandsland verbringen will. Ich stelle eine interessierte Frage zu den buddhistischen Devotionalien auf dem Hausaltar und nutze die Ablenkung, um den Käse in meiner Hosentasche verschwinden zu lassen. Meine Mitreisenden sind gute Beobachter und so fahren wir alle mit vom Fett durchsichtigen Hosentaschen weiter.

In den nächsten Tagen schlafen wir in Jurten und im Zelt, wir sehen heilige Berge und bizarre Felsfotmationen während unser Dolmetscher sechs Tage lang mittags und abens immer das gleiche Essen kocht. Wir erklimmen riesige Sanddünen und legen eine Strecke auf Kamelen zurück. 

Wie riesig die Wüste ist, können wir erahnen, wenn wir stundenlang in unserem Wagen sitzen und von den Pisten so lange durch das Auto gewirbelt werden, bis wir nicht mehr wissen, wo vorne und hinten ist. 

Am Ende werden wir weit über 1500 Kilometer bei einer Geschwindigkeit von gefühlt 30 km/h zurückgelegt haben. Es grenzt an ein Wunder, dass wir immer dorthin gekommen sind, wo wir hinwollten, denn in der Wüste gibt es nicht einen einzigen Wegweiser und auch Orientierungspunkte sucht man vergebens. 

Nur sehr selten sind wir ein paar hundert Kilometer in die falsche Richtung gefahren, bis sich Dolmetscher und Fahrer wieder einig waren, welchem der unzähligen Pfade es zu folgen gilt. Die beiden hatten keine Karte und keinen Kompass, von einem Navi ganz zu schweigen. 

Es ging auch ohne technischen Schnickschnack – auch und vor allem für uns. Ohne Internet ist ein iPhone auch nur Elektroschrott und so hatte man endlich mal Zeit, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Die ewige Stille hat was Meditatives und Spiegel-Online-Pushmeldungen vermisst man nicht. 

In der Wüste lernt man zu verzichten. Auf Duschen und Toiletten, auf kaltes Bier und ein bequemes Bett – die Wüste ist kein Platz für Komfort-Urlauber. Die Bedürfnisse passen sich den Gegebenheiten an; man hat nicht viel und deshalb braucht man auch nicht viel. Urlaub von der hektischen Zivilisation.