Unterwegs

Ich bin unterwegs. Bis Pa Pae in Thailand sind es knappe 1000 Kilometer, die ich mit Bussen, Taxis, Nachtzügen, dem Flugzeug und noch mehr Taxis und Minivans zurücklege. 

Ich bin wieder allein. Der S. bleibt noch eine Weile in Yunnan und weil er ohnehin Richtung Westen unterwegs ist, haben sich unsere Wege am Ende der „Tiger leaping gorge“ wieder getrennt. Ohne seine Chinesischkenntnisse muss für die Reiseplanung nun wieder das „Zeige-Wörterbuch“ herhalten. Es ist zum unverzichtbaren Begleiter geworden.

Längst habe ich mich ans Hobo-Leben gewöhnt. Die Gedanken kreisen darum, wo man abends schlafen wird oder wo man die nächste Mahlzeit auftreiben kann. Gerade dann, wenn man unterwegs ist, muss man eine Menge Dinge im Kopf haben. Wo putze ich mir die Zähne? Wann und wo kann man mal wieder aufs Klo? Vom Duschen ganz zu schweigen. 

Ich stinke. Zwei Tage Trekking machen sich bemerkbar. Der Geruch unterscheidet den Traveller vom Touristen, welcher jeden Abend in sein Hotel zu seiner Regenwalddusche zurückkehrt. 

Kekse und Cola, Wartehallen und Holzklasse. Lange wach. Klingt ungesund und unbequem – ist es sicher auch. Trotzdem fühlt es sich gut an. Ich habe Bahnhöfe und Flughäfen schon immer gemocht. Sie sind Symbole für Bewegung und damit – anders als der sogenannte Alltag – Feinde des Stillstands. 


Die meisten Menschen sehnen sich danach, irgendwo anzukommen; und wer nicht ankommen will, der will meistens irgendwohin aufbrechen. Und ich? Ich habe nun Beides – im täglichen Wechsel. Also alle Sehnsüchte befriedigt?


Cloudland 

Yunnan bedeutet wörtlich übersetzt: südlich der Wolken. Richtiger wäre wohl unter den Wolken. Das Wetter spielt hier verrückt, wie es vermutlich in den meisten Regionen Südostasiens verrückt spielt, zu dieser Jahreszeit. Wenigstens zweimal am Tag regnet es heftig, dazwischen scheint – anders als in Berlin – jedoch auch mal die Sonne. Immer kleben die Wolken bedrohlich an den Bergen. 



Wir erkunden die Region zu Fuß, denn es gibt ausgezeichnete Wandermöglichkeiten. Bei Dali unternehmen wir einen Tagestrip in die „grünen Berge“. Pfade gibt es hier genug, gute Wanderkarten und verlässliche Informationen nicht. So machen wir uns auf eigene Faust auf den Weg, hoch ins Diancang-Shan Gebirge. Die Erfahrung hat gelehrt, dass es keinen Unterschied macht, ob man auf die Ratschläge der Leute hört, oder gleich sein eigenes Ding macht. 

Wir kommen gut voran und schaffen es immerhin auf 3000 Meter über N.N. Bei einer Rast fragen wir ein paar Leute, bis wann die Seilbahn ins Tal fährt. Einer sagt sechs, einer halb neun. Um halb fünf erreichen wir die Stelle an der eine kleine Standseilbahn zur Hauptsatation fährt. Warum ist sie geschlossen? Wir erklimmen die 1300 Sufen zu Fuß, um festzustellen, dass auch die Haupt-Seilbahn geschlossen ist. 

„Níhao?“ rufen wir – Niemand antwortet.

Man kann ihnen nicht trauen, den Chinesen. Bevor sie zugeben, etwas nicht zu wissen, erzählen Sie einem lieber irgendeinen Blödsinn. Wir wandern den ganzen Weg zurück ins Tal und bestellen mit letzter Kraft ein Bier bevor die Dunkelheit hereinbricht. 

Das war jedoch nur das Training für die Tigersprungschlucht. Trotz ihres dämlichen Namens ist die Schlucht zwischen Shangri-La und Lijiang eine der spektakulärsten und tiefsten der Welt. Der 22 Kilometer lange Track ist zwar technisch nicht hochgradig anspruchsvoll, ein bisschen in Form zu sein schadet aber gleichwohl nicht, denn die vertikale Distanz an den knapp 6000 Meter hohen Bergen ist nicht zu unterschätzen. 

Die Reiseführer übertreiben nicht, wenn sie einhellig das Wort dramatisch benutzen, um die Lage des Yangtze-Flusses in der Schlucht zu beschreiben. Dramatisch ist aber auch die Sicherheit des Trails an einigen Stellen. Überall haben Gerölllavinen Teile des Pfades einfach weggefegt und hier und da zeugen ölfassgroße Felsbrocken auf dem Pfad davon, was einem sonst noch so von oben blühen kann. Hier hatte schon Mancher seine letzte Wanderung. Langweilig wird es auch deshalb nicht, weil gelegentlicher Sturzregen dafür sorgt, dass sich der schmale Pfad sich in einen Strom aus Schlamm und Geröll verwandelt. An den steileren Stücken kann dann nur ausharren und festen Halt suchen. 

Teure Outdoorkleidung brauchen wir nicht. In Berlin mögen die Leute in der Stadt mit Alpin-Ausrüstung herumlaufen, hier oben in den Bergen braucht man nicht mehr als ein T-Shirt und eine Leinenhose. Man wird nass und trocknet wieder. Wir nehmen uns 1,5 Tage Zeit und machen ausgiebige Pausen in den zahlreichen einfachen Gästehäusern, die zum tibetischen Essen gratis noch einen atemberaubenden Ausblick servieren.

Als wir an unserem Ziel ankommen, fragt uns ein älteres Ehepaar, ob wir das Erdbeben bemerkt hätten. Haben wir nicht. Gut so, denken wir; das wäre dann doch etwas viel des Nervenkitzels gewesen.

Hotel Dalifornia

Dali ist unsere Zwischenstation auf dem Weg zur legendären Tigersprungschlucht im Norden Yunnans. Die Altstadt ist szenisch gelegen zwischen dem Ěrhǎi-See und den „grünen Bergen“. 

Deswegen, und weil das Leben hier entspannt ist, war Dali noch vor zehn Jahren die erste Anlaufstelle für westliche Hippies – dann kamen die chinesischen Touristen. Als wir ankommen, sehen wir nur noch wenige chinesische Touristen und noch weniger Westerners.

Man kann sich in der Altstadt ganz gut die Zeit vertreiben. Alles ist hübsch hergerichtet, aber echte chinesische Kultur kann man hier genauso wenig erfahren, wie man in Venedig echte italienische Kultur erfahren kann. Überhaupt scheint chinesische Kultur in China nach der Revolution stark vernachlässigt worden zu sein – und zwar überall im Land.

Trotzdem spürt man die Atmosphäre, von der die Anziehungskraft Dalis auf viele Reisende ausgeht oder vielleicht eher ausging. Außerdem gibt es hervorragendes Essen.


Abends in der „Bad Monkey Bar“, sitzen dann alle zusammen: chinesische Hipster, hängengebliebe Westerners jenseits ihrer besten Jahre und Durchreisende wie der S. und ich sowie die zwei Australier, die uns Gesellschaft leisten. Die chinesische Band spielt westliche Musik von Linkin Park bis Rage against the Machine.

Schon verrückt, denke ich. Da sitze ich nun im tiefsten China in dieser Bar, die von ihrem Steam-Punk-Setting her auch im Hamburger Schanzenviertel angesiedelt sein könnte und höre die Lieder meiner Jugend, die schon in unserem Stamm-Kellerclub im tiefen Ostwestfalen gespielt wurden – damals.

Noch vor zwei Jahren war ich Rechtsanwalt in einer großen Kanzlei und hätte mir niemals träumen lassen, dass ich mal nur mit einem Rucksack um die Welt reise. Und davor? In diesem Kellerklub, dessen Bilder durch die Musik gerade wieder an die Oberfläche meines Bewusstseins gespült werden? Damals hätte ich nie gedacht, dass ich mal Berlin wohnen würde und einen anständigen Job haben werde.

Hier schließt sich kein Kreis, denn es gibt keine Kreise im Leben – nur Geraden. Es gibt immer nur eine Richtung: vorwärts. 

Wo werde ich in zwei Jahren sein, und was werde ich tun? Werde ich wieder sagen, dass ich mir das nie hätte träumen lassen?

Es ist ein großes Glück, dass ich es nicht weiß – so gehört meine Zukunft ganz mir.

Kontraste 

Kunming hält, was es verspricht. Trotz seiner Größe ist es eine sehr entspannte Stadt. Laotische Gelassenheit paart sich hier mit angenehm milden Temperaturen und nach der schwülen Hitze Shanghais fühlt es sich hier – auf knappen 2000 Metern über dem Meeresspiegel – an, wie Urlaub im Luftkurort.

Es war eine gute Entscheidung hierher zu kommen. Es gibt ein paar Sehenswürdigkeiten, die ich mit einigen anderen Backpackern in der gebotenen Langsamkeit erkunde. Ansonsten sind die Tage durch Ausschlafen und Abhängen im Innenhof unseres Hostels geprägt. Es ist eines der guten Hostels mit genießbarem Essen und einem schönen Garten – nicht schlecht für fünf Euro die Nacht. Hier kann man die Zeit bei Kaffee oder Bier in der Sonne verstreichen lassen, im Internet daddeln oder lesen.

Es fühlt sich nicht übel an, mal eine Runde zu relaxen und ich nehme mir vor, das öfter zu tun. Das erinnert mich an einen Punkt auf meiner Bucket-List für diese Reise: In einem buddhistischen Kloster Meditieren lernen. 

Seit ich letzes Jahr in Thailand war, habe ich hier und da mal was Interessantes über Buddhismus gelesen. Nicht, das ich als Ex-Katholik und Agnostiker auf der Suche nach einer Ersatzteligion wäre, ich bin einfach nur Neugierig. 

Ich habe nie ernsthaft versucht zu meditieren, eher habe ich das immer als esoterischen Hokuspokus belächelt. Aber wenn so viele Leute Seelenheil oder gar Rauschzustände beim Meditieren erfahren, dann sehe ich nicht ein, warum ich nicht auch mal von dieser Gratisdroge probieren sollte. 

Allerdings sind zwei Wochen im Kloster bei weitgehendem Verzicht auf alles was Spaß macht, vielleicht doch ein bisschen viel des Guten. Ich frage bei einem buddhistischen Meditationszentrum im nordthailändischen Niegendwo an und habe Glück: Mitte September kann ich dort für einen „Einsteigerkurs“ für drei Tage unterkommen. Wenn ich auf den Geschmack komme, kann ich schließlich immer noch die Hardcore-Variante ausprobieren. 

An buddhistischen Klöstern mangelt es in Südostasien nicht und jedes würde einen sofort für ein paar Tage oder Wochen umsonst beherbergen. Ob man ein echter Buddhist ist, interessiert nicht. Man spendet halt ein bisschen für den Tempel.

Für den Moment bedeutet das für mich allerdings, dass meine Tage in China nun gezählt sind. Wenn ich in zehn Tagen im thailändischen Dschungel meditieren will, muss ich weiterziehen, damit ich die Yunnan-Region nicht nur durchs Flugzeugfenster zu Gesicht bekomme.

Da ist sie wieder, die innere Unruhe des Reisenden. Ich tue mich mit dem S. zusammen. Der Engländer reist westwärts um die Welt und hier überschneiden sich unsere Wege für einen kurzen Moment. Zwei Schiffe, die sich auf dem Ozean begegnen, bemerkt die Amerikanerin, mit der wir die Zeit verbringen. 

Wir buchen ein Nachtzugticket nach Dali. Die Abfahrt ist heute Nacht.

Über Entscheidungen

China ist riesig und es mangelt nicht an sehenswerten Orten. Ich kann sie nicht alle sehen, soviel steht fest. Ich kann noch nichtmal alle Orte sehen, die man gesehen haben muss. Jede Entscheidung über das nächste Reiseziel, ist immer auch eine Entscheidung gegen Orte, Landschaften und Routen. Wer – wie ich – die unendliche Freiheit genießt, muss sie auch weise benutzen. 

Mein Visum ist 30 Tage gültig. Theoretisch genug Zeit, wenigstens die Top 15 Orte zu besuchen. Praktisch nicht, jedenfalls nicht für mich. 

Bis Shanghai bin ich recht schnell gereist, vielleicht zu schnell. Das mag seltsam klingen, war ich doch fast ausschließlich mit dem Zug unterwegs. Dennoch ist die gefühlte Reisegeschwindigkeit enorm. Jeden Tag neue Eindrücke, Unternehmungen und neue Menschen. Etliche Zeiten verbringe ich in öffentlichen Verkehrsmitteln. Daneben ein Haufen allgemeiner Organisationsaufwand: Recherchen für die Einreisebestimmungen meiner nächsten Zielländer, Flüge und Zugverbindungen mit mieser Internetverbindung suchen und buchen, Wäschewaschen und Haareschneiden. 

Reisen ist kein Urlaub und ich muss aufpassen, dass auch die „echte“ Erholung nicht zu kurz kommt. Ich skippe Huángshān und Yángshuò. Beides mit Sicherheit Highlights in China, aber ich muss aussortieren, wenn ich nicht durchs Land hetzen will. 

Was hilft der großartige Blick auf die Landschaft, die als Inspiration für den Avatar-Film gedient haben soll, wenn ich dort nur ein Foto mache und mir nicht die Zeit nehmen kann, bis mittags zu schlafen und Abends beim Bier mit anderen Travellern zusammensitzen und zu Plaudern? Und was ist überhaupt mit den ganzen Büchern, die ich lesen wollte? Beendet habe ich bisher keines.

Ich muss mich von dem Gefühl befreien, dass Müßiggang Zeitverschwendung ist. Das Gegenteil ist der Fall. Müßiggang bedeutet nicht Nichtstun, es bedeutet, zu tun was man will. Es ist damit ein Erkennungsmerkmal des Reisenden, der ich sein möchte. Es unterscheidet ihn vom Power-Urlauber und von den Gehetzten, die die Fotos als Investition benötigen, die sich in Form von Anerkennung und „Likes“ amortisieren muss.

Ich buche also einen Flug nach Kunming. Das beschauliche Städtchen hat nur 7 Mio. Einwohner und erscheint mir als idealer Ort, um mal einen Gang runterzuschalten. Kunming ist die Hauptstadt der Yunnan-Region im Süden Chinas. Die Provinz hat ebenfalls einiges zu bieten und wird gelegentlich noch als Geheimtipp gehandelt. Es dürfte also nicht langweilig werden da unten, wenn mich nach ein paar Tagen ‚Downshifting‘ wieder der Erlebnishunger packt.

It’s all part of it

Es gibt Dinge, die kann man auf Reisen kaum vermeiden, Durchfall zum Beispiel. Es gibt aber auch Dinge, die kann man sehr gut vermeiden, den Flug verpassen zum Beispiel. Und dann gibt es noch Dinge, die man theoretisch vermeiden kann, die dann aber praktisch doch passieren, Betrügern auf den Leim zu gehen zum Beispiel. 

Aus eigener Erfahrung kann ich nun sagen, dass das noch eine Nuance ärgerlicher ist als Durchfall, weil man sich fürchterlich über sich selbst ärgern muss. Die heutige Lehrstunde hat mich (zum Glück nur) 20 Euro gekostet.

Als ich allein in Shanghai unterwegs bin, fragen mich zwei jüngere Frauen, ob ich ein Foto von ihnen vor der Brücke machen kann, an der ich gerade vorbeikomme. Natürlich kann ich. Sie verwickeln mich in ein Gespräch. Sie seien Touristen aus Peking und für 5 Tage in Shanghai usw. Es folgt ein kurzer Smalltalk. Sie sagen, sie wollen Richtung Altstadt gehen, ich war eigentlich in die andere Richtung unterwegs. In der Altstadt sei ein Teefestival, ob wir nicht ein Stück zusammen gehen wollen, die alten Gebäude dort müsste man gesehen haben und für sie sei es eine willkommene Gelegenheit, Englisch zu sprechen. Ich zögere, aber sie sagen, sie würden sich sehr freuen, sie träfen doch sonst nie Deutsche.


Tatsächlich ist ihr Englisch so schlecht, dass man sie kaum für Profis halten kann. Ich habe ohnehin kein richtiges Ziel und Leute kennenzulernen gehört zum täglichen Geschäft des Alleinreisenden. 

Ihre Geschichten sind schlüssig und nach einigen hundert Metern kehren wir in einen „Teesalon“ ein, der schon nicht wirklich wie ein Teesalon aussieht. Die Teezeremonie sei Teil des Festivals, erklärern sie mit einem „Festival-Stadtplan“ in der Hand, auf dem ich natürlich kein Wort lesen kann. Es könnte sich durchaus um eine „echte“ Zeremonie handeln.

Zu diesem Zeitpunkt habe ich schon einige Zweifel, aber die beiden halten das Gespräch am laufen und sie sind sehr gut, in dem was sie tun. Warum auch nicht? Nur weil sie Kriminelle sind, heißt das ja nicht, dass ihre Arbeit stümperhaft verrichten. 

Bei der dritten Schale Tee wird mir dann auch der Preiszettel gezeigt. Jeder probierte Tee kostet 49¥, was so ca. sechs Euro sind. „This is fucking expensive!“, protestiere ich.

Aber die Beiden tun so, als wäre es das Normalste der Welt, für einen Tee sechs Euro zu bezahlen. Außerdem könne ich von jedem probierten Tee soviel trinken, wie ich wolle. Es wird immer offensichtlicher, dass es ein abgekartete Spiel ist, aber zu diesem Zeitpunkt sucht mein Gehirn noch verzweifelt nach irgendwelchen Erklärungen, damit ich mir nicht eingestehen muss, auf sie reingefallen zu sein. Gibt es vielleicht doch ein Festival? Ist das vielleicht der beste Tee der Welt? Was weiß ich denn schon?

„You want to try another type?“ fragen sie.

„Hell no! Are you kidding me?“ 

Ich sage, dass wir jetzt bessser gehen sollten. Sie bezahlen ihre Rechnungen – es gehört zu ihrem Geschäftsmodell, dass ich gar nicht merken soll, dass ich abgezogen werde. Sie machen ihren Job sehr gut.

Der für die Selbsttäuschung zuständige Teil meines Gehirns behauptet daher noch immer, dass schon alles seine Richtigkeit haben könnte, aber langsam wird es unglaubwürdig. 

Ich zahle. Die beiden hören derweil nicht auf, einen auf „It was so nice to meet you“ zu machen. Auch das hält mich vermutlich davon ab, sofort zum nächsten Polizisten zu rennen und mich auszuheulen. Erst als sie sich verabschiedet haben, sehe ich wieder klar. Ich brauche gar nicht mehr im Internet zu schauen, ob es wirklich ein Tee-Festival gibt.

Es ist ja schließlich nicht so, als hätte das Auswärtige Amt nicht genau vor dieser Masche gewarnt. Es ist auch nicht so, als wäre ich zum ersten Mal von irgendwelchen Leuten angequatscht worden, die auch clevere Maschen hatten, die ich jedoch sofort durchschaut habe. 

Nur verstanden diese Beiden es eben besonders gut, sich mit einer Aura der Harmlosikkeit zu tarnen.

Überdies kann man auch nicht pausenlos in höchster Alarmstellung sein und würde ich jedem, den ich treffe, immer gleich das Schlimmste unterstellen, wäre das eine sehr einsame Reise. Zudem muss, wer alle Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes peinlich genau befolgt, zu Hause bleiben.

So ist das: Hinterher ist man immer schlauer. Oder von außen betrachet, mag sich manch ein Leser jetzt denken.

Nach einer kurzen Pause beschließe ich, zum Teeladen zurückzukehren und anzubieten, dass ich mein Geld zurückbekomme und im Gegenzug nicht mit der Polizei wiederkomme. Ich finde den Laden nicht mehr. Er ist vermutlich hinter einer Jalousie verschwunden. Ich schaue nochmal in der Umgebung, ob ich die beiden auf der Suche nach ihrem nächsten Opfer wiederfinde. Verdammt, sie sehen alle gleich aus. Das Geld ist mir egal, ich ärgere mich einfach – vor allem über meine eigene irrtümliche Einschätzung.

Ich schreibe die 20 Euro ab und beschließe, nicht den Rest des Nachmittags damit zu vergeuden, mit chinesischen Polizisten den Laden zu suchen. Ich will mich nicht weiter ärgern.

Fehler zu machen gehört zum Reisen dazu – so wie unbequeme Betten und dreckige Klos. Erst wenn die Dinge anders laufen als geplant, wenn alles schiefgeht, wird es interessant. Längst hat sich ja auch in der Arbeitswelt die Einsicht durchgesetzt, dass Scheitern häufig ein wichtiger Bestandteil des Erfolgs ist; und dass man (nur) aus Fehlern lernt, weiß ohnehin jedes Kind. Es muss wehtun.

Es war ein verhältnismäßig folgenloser Irrtum für mich. Immerhin hätte ich auch ausgeraubt werden können. Aber die Geschichte hat mich daran erinnert, dass man nicht alles planen und vorhersehen kann. Schon gar nicht ist man immer auf alles vorbereitet. 

Es wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Dinge schieflaufen – aber das ist okay. An Erfahrung gewinnt man ja bekanntlich immer. Und darum geht es doch, oder etwa nicht?

Bling Bling

Shanghai erreiche ich mit dem Zug. Nicht etwa, weil ich jetzt beschlossen hätte, die ganze Welt mit dem Zug zu umrunden, es war eine pragmatische Entscheidung. Weder war fliegen billiger noch sehr viel schneller. 

Zwischen Peking und Shanghai gibt es eine Highspeed-Verbindung; die über 1300 Kilometer legt man in gut fünf Stunden zurück. Die transsibirische Eisenbahn wäre für die gleiche Strecke zwei Tage lang durchs Land gerumpelt. 

Das Zugmodell gleicht dem deutschen ICE 3 wie ein Ei dem anderen, ein Siemens-Werk hat dieses Gefährt aber ganz bestimmt noch nie von innen gesehen. Eine perfekte Kopie, bis auf dass die Chinesen offenbar der Ansicht sind, dass auch fünf Leute in einer Reihe Platz finden. Im Unterschied zu seinen deutschen Vorbildern hat man dem Klon jedoch gleich noch die passende Trasse spendiert. Hier beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit 300 km/h und nicht die Spitzengeschwindigkeit, wie es in Deutschland vielleicht für 15 Minuten zwischen Köln und Frankfurt der Fall ist. Man stelle sich nur mal vor, man könnte von Berlin nach Rom mit dem Zug in fünf Stunden fahren!

Steigt man in Shanghai aus, ist es ein bisschen, wie das erste Mal in New York zu sein. Der Blick geht nach oben. Es ist ein Wolkenkratzer-Nationalpark. Als ich ankomme, ist die die Sonne längst untergegangen, aber alles strahlt so hell, dass ich sofort meine Sonnenbrille aufsetzen möchte – die ganze Stadt ist ein einziger Times Square. Auf dem Weg hierher bin ich durch unzählige Millionenstädte gefahren, die grau und trist waren und deren Namen niemand in Deutschland kennt oder jemals kennen wird.

Aber das hier ist eine strahlende Mega-City mit Weltstadt-Flair. Man merkt sofort, dass hier ein ganz anderer Film läuft, als in Peking. Es ist eine Mischung aus Las Vegas und Bangkok, die Straßen sind voll und das Leben pulsiert. Sofort kann man sich vom Strom mitreißen lassen und einem wird gleich klar: hierher kommt man nicht, um sich zu erholen.


Das tue ich dann auch nicht. Mit zwei Franzosen, einem Londoner und einem Mädel aus Detroit ziehe ich in einen angesagten shanghaier Technoclub. 

Es handelt sich um die Art von Club, um die jeder Berliner, der noch alle Tassen im Schrank hat, einen großen Bogen machen würde: viel buntes LED-Blinklicht, eine große Bühne für die drei DJs, die ständig Anheiz-Parolen ins Mikrophon brüllen und die Trockeneis- und Konfettikanonen abfeuern. Die Musik ist unterirdisch, es scheint jedoch niemanden zu stören.

Das Absurdeste sind jedoch weder das Ambiente, noch die grauenhafte Musik. Das Absurdeste sind die Preise und dass wir sie nicht bezahlen – oder besser gesagt: warum wir sie nicht bezahlen. Keine 25 Euro Eintritt, keine 22 Euro für einen Gin&Tonic und keine elf Euro für ein kleines Bier.

Weil wir Westerners sind. 

Ja, der einzige Grund, warum uns jemand zu einem VIP-Tisch begleitet, an dem uns alle Drinks für lau gemischt werden ist, das wir weiß sind. Ich frage mich, was hier los ist und ob das nicht alles ein bisschen rassistisch ist. 

Offenbar werten wir den Laden gehörig auf, weil wir Nicht-Chinesen sind. Der 19-jährige Londoner, der gerade einen Forschungsaufenthalt in Shanghai beendet hat, ist schon zum dritten Mal in dem Laden, er ist ein begehrtes Flirt-Ziel für die jungen Chinesinnen. Mir dämmert, dass wir hier zum Entertainment-Programm für die reichen Chinesen gehören. Es ist, wie so oft: Bezahlst du nichts, dann bist du selbst das Produkt.

„It’s insane“, kommentiert einer der Franzosen. Er hat Recht und es kommt mir daher sehr gelegen, dass die Amerikanerin, die in China ‚International Business Administration‘ studiert, nach einigen Stunden in den Club kotzt und wir sie zurück zum Hostel bringen müssen.

Das Produkt war heute wohl leicht mangelhaft.