Im Land von Dschingis Kahn

Es gibt nur ein Wort mit dem man die Mongolei beschreiben kann: WEIT. Ich bin sechs Tage in der Wüste Gobi unterwegs und man kann fast immer die Erdkrümmung am Horizont erkennen. Die Wüste Gobi ist die drittgrößte Wüste der Welt und sie dehnt sich immer weiter aus. Nur auf den ersten Blick handelt es sich um eine langweilige Einöde. Auf den zweiten Blick hat die Landschaft einiges zu bieten: Steppe und Steine wechseln sich ab, es gibt Sand und Granitfelsen. Überall laufen Viehherden umher und nicht selten trifft man Kamele – mit Sicherheit die coolsten Wüstenbewohner.

Das Wetter hier folgt der Chaostheorie: Im einen Moment rinnen einem Schweißbäche von der Stirn, während man schneller braun wird, als Pinienkerne beim rösten in der Pfanne und im nächsten Moment hat man all seine Sachen zwiebelschalenmäßig übereinander an, um Wind, Kälte und Regen zu trotzen. Ja, Regen. 

Unser Gefährt ist die rollende Soviet-Legende UAZ-452. Der Off-roader des Herstellers Uljanowski Awtomobilny Sawod ist uns noch von der Insel Olchon bekannt und definitiv das Fortbewegungsmittel der Wahl in der Gobi. Ich kenne kein europäisches Auto, das eine ähnliche Leidensfähigkeit besitzt, wie dieser Kleinbus.


Meine drei Co-Reisenden und ich bestaunen nicht nur die Natur, wir besuchen auch eine Nomadenfamile. Die fünfköpfige Familie lebt in zwei Jurten, ihre über tausend Rinder, Pferde, Ziegen und Schafe laufen frei in der Unendlichkeit herum. Unser Dolmetscher ermöglicht einfachen Smalltalk während uns jeweils eine Riesenschüssel Airag gereicht wird. Die vergorene Stutenmilch ist Nahrungs- und Rauschmittel in einem und sie hat reinigende Wirkung für den ganzen Körper. 

Ich kann mir schon vorstellen, wie diese Reinigung aussieht und nehme daher der Höflichkeit halber nur ein paar Schlückchen. Es schmeckt nicht abscheulich, aber dass sich mein Körper blitzartig reinigen möchte, wenn ich die ganze Schale trinke, erscheint mir durchaus im Rahmen des Möglichen; keine verlockende Vorstellung, denn es gibt weit und breit keinen Baum und keinen Stein, der bei der Reinigung für etwas Privatsphäre sorgen könnte. 

Es werden Kekse gereicht. Ich beiße zu und stelle fest, dass es sich nicht um einen Keks, sondern um einen Käse aus eben jener Stutenmilch handelt. Auch in Anbetracht der hygienischen Umstände der – sagen wir mal – Produktionsbedingungen sowie des strengen Geruchs beschließe ich, das Stück lieber nicht zu essen. Ich erinnere mich an eine Geschichte aus dem inspirierenden Reisebuch von Martin Krengel; schließlich bin ich nicht der erste Europäer, der bei einer Nomadenfamilie zu Gast ist und nicht den restlichen Trip mit Selbstreinigung im flachen Niemandsland verbringen will. Ich stelle eine interessierte Frage zu den buddhistischen Devotionalien auf dem Hausaltar und nutze die Ablenkung, um den Käse in meiner Hosentasche verschwinden zu lassen. Meine Mitreisenden sind gute Beobachter und so fahren wir alle mit vom Fett durchsichtigen Hosentaschen weiter.

In den nächsten Tagen schlafen wir in Jurten und im Zelt, wir sehen heilige Berge und bizarre Felsfotmationen während unser Dolmetscher sechs Tage lang mittags und abens immer das gleiche Essen kocht. Wir erklimmen riesige Sanddünen und legen eine Strecke auf Kamelen zurück. 

Wie riesig die Wüste ist, können wir erahnen, wenn wir stundenlang in unserem Wagen sitzen und von den Pisten so lange durch das Auto gewirbelt werden, bis wir nicht mehr wissen, wo vorne und hinten ist. 

Am Ende werden wir weit über 1500 Kilometer bei einer Geschwindigkeit von gefühlt 30 km/h zurückgelegt haben. Es grenzt an ein Wunder, dass wir immer dorthin gekommen sind, wo wir hinwollten, denn in der Wüste gibt es nicht einen einzigen Wegweiser und auch Orientierungspunkte sucht man vergebens. 

Nur sehr selten sind wir ein paar hundert Kilometer in die falsche Richtung gefahren, bis sich Dolmetscher und Fahrer wieder einig waren, welchem der unzähligen Pfade es zu folgen gilt. Die beiden hatten keine Karte und keinen Kompass, von einem Navi ganz zu schweigen. 

Es ging auch ohne technischen Schnickschnack – auch und vor allem für uns. Ohne Internet ist ein iPhone auch nur Elektroschrott und so hatte man endlich mal Zeit, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Die ewige Stille hat was Meditatives und Spiegel-Online-Pushmeldungen vermisst man nicht. 

In der Wüste lernt man zu verzichten. Auf Duschen und Toiletten, auf kaltes Bier und ein bequemes Bett – die Wüste ist kein Platz für Komfort-Urlauber. Die Bedürfnisse passen sich den Gegebenheiten an; man hat nicht viel und deshalb braucht man auch nicht viel. Urlaub von der hektischen Zivilisation.

Autor: BuzzT1985

Highwayman, sailor, dam builder, starship captain, lawyer, still alive

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