Auf dem Jenissei

Ich habe den Zug einstweilen gegen andere Verkehrsmittel getauscht. Mit dem russischen Linienbus bin ich sechseinhalb Stunden in das sibirische Hinterland gefahren bis nicht nur die Buslinie endete, sondern auch das, was man in Deutschland noch unter den Begriff Straße fassen würde. In Jenisseisk komme ich spät an. Der Bus hat ständig angehalten und es schien, als hätte der Busfahrer für jeden, der eingestiegen ist, ein Registrierungsformular ausgefüllt. Manchmal standen auch bloß Kühe auf der Straße. Immerhin gibt es in einer der ältesten Städte Sibiriens in der Unterkunft Internet und funktionierendes W-LAN; eine Rarität in Russland.

Am nächsten Tag geht es mit dem Schiff weiter nach Krasnorjask, Metropole in Sibirien, Namensgeberin einer ganzen Zeitzone und – nun ja – Geburtsort von Helene Fischer. Es trennen mich allerdings noch 1,5 Tage von der Stadt, die ich auf der MS Tschkalow verbringe. Das Schiff ist echte deutsche Wertarbeit, denn es wurde 1953 in Wismar gebaut und dann – gewissermaßen als Reparationszahlung – an die Sowjetunion übergeben. Heute bringt es Pakete und Menschen zu ihren Bestimmungsorten entlang des Enisey.

Ich reise erste Klasse, was schön ist, denn in meiner kleinen aber pittoresken Einzelkabine habe ich endlich mal wieder ein bisschen Zeit für mich. Nicht, dass es nicht überaus kurzweilig mit meinen Mitreisenden im Viererabteil gewesen wäre, aber die vollständige Aufgabe der Privatssphäre ist mitunter auch anstrengend. Ich genieße den Luxus eines eigenen Waschbeckens in der Kabine, den Blick auf den Fluss und die schon so vertraut wirkenden vorbeiziehenden sibirischen Wälder. 


Slow travelling nennt man das wohl. Ich nehme mir einige Stunden Zeit, um eine deutsche Wochenzeitung zu lesen und gehe auf ein Bier und eine Soljanka ins Schiffsrestaurant. Zum Glück arbeitet dort die einzige Person auf dem ganzen Schiff die englisch spricht und mich damit vor dem sicheren Hungertod bewahrt. All die Hinweisschilder und Durchsagen kann man getrost ignorieren; offenbar haben sie ohnehin keinen bedeutenden Inhalt. Aber eine russische Speisekarte bei der Bestellung zu ignorieren, führt lediglich dazu, dass man kein Essen kriegt.

Ich sitze noch ein wenig an Deck und beobachte das Schiff dabei, wie es sich seinen Weg durch die Nebelschwaden bahnt, die wie ein Teppich auf dem Fluss liegen; dann ziehe ich mich in mein kleines Reich neben der Kapitänskabine zurück und schlafe beim Wummern des Diesels ein.

Autor: BuzzT1985

Highwayman, sailor, dam builder, starship captain, lawyer, still alive

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