Hotel Dalifornia

Dali ist unsere Zwischenstation auf dem Weg zur legendären Tigersprungschlucht im Norden Yunnans. Die Altstadt ist szenisch gelegen zwischen dem Ěrhǎi-See und den „grünen Bergen“. 

Deswegen, und weil das Leben hier entspannt ist, war Dali noch vor zehn Jahren die erste Anlaufstelle für westliche Hippies – dann kamen die chinesischen Touristen. Als wir ankommen, sehen wir nur noch wenige chinesische Touristen und noch weniger Westerners.

Man kann sich in der Altstadt ganz gut die Zeit vertreiben. Alles ist hübsch hergerichtet, aber echte chinesische Kultur kann man hier genauso wenig erfahren, wie man in Venedig echte italienische Kultur erfahren kann. Überhaupt scheint chinesische Kultur in China nach der Revolution stark vernachlässigt worden zu sein – und zwar überall im Land.

Trotzdem spürt man die Atmosphäre, von der die Anziehungskraft Dalis auf viele Reisende ausgeht oder vielleicht eher ausging. Außerdem gibt es hervorragendes Essen.


Abends in der „Bad Monkey Bar“, sitzen dann alle zusammen: chinesische Hipster, hängengebliebe Westerners jenseits ihrer besten Jahre und Durchreisende wie der S. und ich sowie die zwei Australier, die uns Gesellschaft leisten. Die chinesische Band spielt westliche Musik von Linkin Park bis Rage against the Machine.

Schon verrückt, denke ich. Da sitze ich nun im tiefsten China in dieser Bar, die von ihrem Steam-Punk-Setting her auch im Hamburger Schanzenviertel angesiedelt sein könnte und höre die Lieder meiner Jugend, die schon in unserem Stamm-Kellerclub im tiefen Ostwestfalen gespielt wurden – damals.

Noch vor zwei Jahren war ich Rechtsanwalt in einer großen Kanzlei und hätte mir niemals träumen lassen, dass ich mal nur mit einem Rucksack um die Welt reise. Und davor? In diesem Kellerklub, dessen Bilder durch die Musik gerade wieder an die Oberfläche meines Bewusstseins gespült werden? Damals hätte ich nie gedacht, dass ich mal Berlin wohnen würde und einen anständigen Job haben werde.

Hier schließt sich kein Kreis, denn es gibt keine Kreise im Leben – nur Geraden. Es gibt immer nur eine Richtung: vorwärts. 

Wo werde ich in zwei Jahren sein, und was werde ich tun? Werde ich wieder sagen, dass ich mir das nie hätte träumen lassen?

Es ist ein großes Glück, dass ich es nicht weiß – so gehört meine Zukunft ganz mir.

It’s all part of it

Es gibt Dinge, die kann man auf Reisen kaum vermeiden, Durchfall zum Beispiel. Es gibt aber auch Dinge, die kann man sehr gut vermeiden, den Flug verpassen zum Beispiel. Und dann gibt es noch Dinge, die man theoretisch vermeiden kann, die dann aber praktisch doch passieren, Betrügern auf den Leim zu gehen zum Beispiel. 

Aus eigener Erfahrung kann ich nun sagen, dass das noch eine Nuance ärgerlicher ist als Durchfall, weil man sich fürchterlich über sich selbst ärgern muss. Die heutige Lehrstunde hat mich (zum Glück nur) 20 Euro gekostet.

Als ich allein in Shanghai unterwegs bin, fragen mich zwei jüngere Frauen, ob ich ein Foto von ihnen vor der Brücke machen kann, an der ich gerade vorbeikomme. Natürlich kann ich. Sie verwickeln mich in ein Gespräch. Sie seien Touristen aus Peking und für 5 Tage in Shanghai usw. Es folgt ein kurzer Smalltalk. Sie sagen, sie wollen Richtung Altstadt gehen, ich war eigentlich in die andere Richtung unterwegs. In der Altstadt sei ein Teefestival, ob wir nicht ein Stück zusammen gehen wollen, die alten Gebäude dort müsste man gesehen haben und für sie sei es eine willkommene Gelegenheit, Englisch zu sprechen. Ich zögere, aber sie sagen, sie würden sich sehr freuen, sie träfen doch sonst nie Deutsche.


Tatsächlich ist ihr Englisch so schlecht, dass man sie kaum für Profis halten kann. Ich habe ohnehin kein richtiges Ziel und Leute kennenzulernen gehört zum täglichen Geschäft des Alleinreisenden. 

Ihre Geschichten sind schlüssig und nach einigen hundert Metern kehren wir in einen „Teesalon“ ein, der schon nicht wirklich wie ein Teesalon aussieht. Die Teezeremonie sei Teil des Festivals, erklärern sie mit einem „Festival-Stadtplan“ in der Hand, auf dem ich natürlich kein Wort lesen kann. Es könnte sich durchaus um eine „echte“ Zeremonie handeln.

Zu diesem Zeitpunkt habe ich schon einige Zweifel, aber die beiden halten das Gespräch am laufen und sie sind sehr gut, in dem was sie tun. Warum auch nicht? Nur weil sie Kriminelle sind, heißt das ja nicht, dass ihre Arbeit stümperhaft verrichten. 

Bei der dritten Schale Tee wird mir dann auch der Preiszettel gezeigt. Jeder probierte Tee kostet 49¥, was so ca. sechs Euro sind. „This is fucking expensive!“, protestiere ich.

Aber die Beiden tun so, als wäre es das Normalste der Welt, für einen Tee sechs Euro zu bezahlen. Außerdem könne ich von jedem probierten Tee soviel trinken, wie ich wolle. Es wird immer offensichtlicher, dass es ein abgekartete Spiel ist, aber zu diesem Zeitpunkt sucht mein Gehirn noch verzweifelt nach irgendwelchen Erklärungen, damit ich mir nicht eingestehen muss, auf sie reingefallen zu sein. Gibt es vielleicht doch ein Festival? Ist das vielleicht der beste Tee der Welt? Was weiß ich denn schon?

„You want to try another type?“ fragen sie.

„Hell no! Are you kidding me?“ 

Ich sage, dass wir jetzt bessser gehen sollten. Sie bezahlen ihre Rechnungen – es gehört zu ihrem Geschäftsmodell, dass ich gar nicht merken soll, dass ich abgezogen werde. Sie machen ihren Job sehr gut.

Der für die Selbsttäuschung zuständige Teil meines Gehirns behauptet daher noch immer, dass schon alles seine Richtigkeit haben könnte, aber langsam wird es unglaubwürdig. 

Ich zahle. Die beiden hören derweil nicht auf, einen auf „It was so nice to meet you“ zu machen. Auch das hält mich vermutlich davon ab, sofort zum nächsten Polizisten zu rennen und mich auszuheulen. Erst als sie sich verabschiedet haben, sehe ich wieder klar. Ich brauche gar nicht mehr im Internet zu schauen, ob es wirklich ein Tee-Festival gibt.

Es ist ja schließlich nicht so, als hätte das Auswärtige Amt nicht genau vor dieser Masche gewarnt. Es ist auch nicht so, als wäre ich zum ersten Mal von irgendwelchen Leuten angequatscht worden, die auch clevere Maschen hatten, die ich jedoch sofort durchschaut habe. 

Nur verstanden diese Beiden es eben besonders gut, sich mit einer Aura der Harmlosikkeit zu tarnen.

Überdies kann man auch nicht pausenlos in höchster Alarmstellung sein und würde ich jedem, den ich treffe, immer gleich das Schlimmste unterstellen, wäre das eine sehr einsame Reise. Zudem muss, wer alle Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes peinlich genau befolgt, zu Hause bleiben.

So ist das: Hinterher ist man immer schlauer. Oder von außen betrachet, mag sich manch ein Leser jetzt denken.

Nach einer kurzen Pause beschließe ich, zum Teeladen zurückzukehren und anzubieten, dass ich mein Geld zurückbekomme und im Gegenzug nicht mit der Polizei wiederkomme. Ich finde den Laden nicht mehr. Er ist vermutlich hinter einer Jalousie verschwunden. Ich schaue nochmal in der Umgebung, ob ich die beiden auf der Suche nach ihrem nächsten Opfer wiederfinde. Verdammt, sie sehen alle gleich aus. Das Geld ist mir egal, ich ärgere mich einfach – vor allem über meine eigene irrtümliche Einschätzung.

Ich schreibe die 20 Euro ab und beschließe, nicht den Rest des Nachmittags damit zu vergeuden, mit chinesischen Polizisten den Laden zu suchen. Ich will mich nicht weiter ärgern.

Fehler zu machen gehört zum Reisen dazu – so wie unbequeme Betten und dreckige Klos. Erst wenn die Dinge anders laufen als geplant, wenn alles schiefgeht, wird es interessant. Längst hat sich ja auch in der Arbeitswelt die Einsicht durchgesetzt, dass Scheitern häufig ein wichtiger Bestandteil des Erfolgs ist; und dass man (nur) aus Fehlern lernt, weiß ohnehin jedes Kind. Es muss wehtun.

Es war ein verhältnismäßig folgenloser Irrtum für mich. Immerhin hätte ich auch ausgeraubt werden können. Aber die Geschichte hat mich daran erinnert, dass man nicht alles planen und vorhersehen kann. Schon gar nicht ist man immer auf alles vorbereitet. 

Es wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Dinge schieflaufen – aber das ist okay. An Erfahrung gewinnt man ja bekanntlich immer. Und darum geht es doch, oder etwa nicht?

Bling Bling

Shanghai erreiche ich mit dem Zug. Nicht etwa, weil ich jetzt beschlossen hätte, die ganze Welt mit dem Zug zu umrunden, es war eine pragmatische Entscheidung. Weder war fliegen billiger noch sehr viel schneller. 

Zwischen Peking und Shanghai gibt es eine Highspeed-Verbindung; die über 1300 Kilometer legt man in gut fünf Stunden zurück. Die transsibirische Eisenbahn wäre für die gleiche Strecke zwei Tage lang durchs Land gerumpelt. 

Das Zugmodell gleicht dem deutschen ICE 3 wie ein Ei dem anderen, ein Siemens-Werk hat dieses Gefährt aber ganz bestimmt noch nie von innen gesehen. Eine perfekte Kopie, bis auf dass die Chinesen offenbar der Ansicht sind, dass auch fünf Leute in einer Reihe Platz finden. Im Unterschied zu seinen deutschen Vorbildern hat man dem Klon jedoch gleich noch die passende Trasse spendiert. Hier beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit 300 km/h und nicht die Spitzengeschwindigkeit, wie es in Deutschland vielleicht für 15 Minuten zwischen Köln und Frankfurt der Fall ist. Man stelle sich nur mal vor, man könnte von Berlin nach Rom mit dem Zug in fünf Stunden fahren!

Steigt man in Shanghai aus, ist es ein bisschen, wie das erste Mal in New York zu sein. Der Blick geht nach oben. Es ist ein Wolkenkratzer-Nationalpark. Als ich ankomme, ist die die Sonne längst untergegangen, aber alles strahlt so hell, dass ich sofort meine Sonnenbrille aufsetzen möchte – die ganze Stadt ist ein einziger Times Square. Auf dem Weg hierher bin ich durch unzählige Millionenstädte gefahren, die grau und trist waren und deren Namen niemand in Deutschland kennt oder jemals kennen wird.

Aber das hier ist eine strahlende Mega-City mit Weltstadt-Flair. Man merkt sofort, dass hier ein ganz anderer Film läuft, als in Peking. Es ist eine Mischung aus Las Vegas und Bangkok, die Straßen sind voll und das Leben pulsiert. Sofort kann man sich vom Strom mitreißen lassen und einem wird gleich klar: hierher kommt man nicht, um sich zu erholen.


Das tue ich dann auch nicht. Mit zwei Franzosen, einem Londoner und einem Mädel aus Detroit ziehe ich in einen angesagten shanghaier Technoclub. 

Es handelt sich um die Art von Club, um die jeder Berliner, der noch alle Tassen im Schrank hat, einen großen Bogen machen würde: viel buntes LED-Blinklicht, eine große Bühne für die drei DJs, die ständig Anheiz-Parolen ins Mikrophon brüllen und die Trockeneis- und Konfettikanonen abfeuern. Die Musik ist unterirdisch, es scheint jedoch niemanden zu stören.

Das Absurdeste sind jedoch weder das Ambiente, noch die grauenhafte Musik. Das Absurdeste sind die Preise und dass wir sie nicht bezahlen – oder besser gesagt: warum wir sie nicht bezahlen. Keine 25 Euro Eintritt, keine 22 Euro für einen Gin&Tonic und keine elf Euro für ein kleines Bier.

Weil wir Westerners sind. 

Ja, der einzige Grund, warum uns jemand zu einem VIP-Tisch begleitet, an dem uns alle Drinks für lau gemischt werden ist, das wir weiß sind. Ich frage mich, was hier los ist und ob das nicht alles ein bisschen rassistisch ist. 

Offenbar werten wir den Laden gehörig auf, weil wir Nicht-Chinesen sind. Der 19-jährige Londoner, der gerade einen Forschungsaufenthalt in Shanghai beendet hat, ist schon zum dritten Mal in dem Laden, er ist ein begehrtes Flirt-Ziel für die jungen Chinesinnen. Mir dämmert, dass wir hier zum Entertainment-Programm für die reichen Chinesen gehören. Es ist, wie so oft: Bezahlst du nichts, dann bist du selbst das Produkt.

„It’s insane“, kommentiert einer der Franzosen. Er hat Recht und es kommt mir daher sehr gelegen, dass die Amerikanerin, die in China ‚International Business Administration‘ studiert, nach einigen Stunden in den Club kotzt und wir sie zurück zum Hostel bringen müssen.

Das Produkt war heute wohl leicht mangelhaft.

Chinesisch Essen gehen

Man kann auch in Berlin authentisches chinesisches Essen bekommen, aber nur in China kann man auch in ein authentisches chinesisches Restaurant gehen. 

Die Wahl fällt auf ein HotPot-Restaurant. Die Authentizität stellen wir fest, als die Besienung nichtmal das Wort „Beer“ versteht. „No Beer“, sagt sie. Merkwürdig, wo doch alle anderen Bier auf dem Tisch haben. Wir machen uns verständlich.

Es wird ein Kupfertopf mit einem Kohlekamin in der Mitte serviert. Zur Hälfte mit kochender Gemüsebrühe, zur anderen Hälfte mit Chili-Brühe gefüllt. Zum Glück existiert im Restaurant ein DIN-A4 Zettel mit wunderlichen Übersetzungen, der uns immerhin davor bewahrt, für Europäer völlig ungenießbare Dinge zu bestellen. Alle Zutaten bestellt man roh und kocht sie dann in der Brühe.

Ansonsten geht es laut zu bei den Chinesen am Tisch. Alle im Restaurant schreien durcheinander. Sämtlicher Müll und Essensreste werden auf den Boden geschmissen. Probehalber schmeiße ich auch eine Serviette auf den Boden. Ich möchte ja nicht unangenehm auffallen. Nicht bei Allem sind wir sicher, was wir da bestellt haben, aber es schmeckt nicht übel.

Die Chinesen veranstalten am Nachbartisch eine Sauerei für die man in Deutschland Hausverbot bekommen würde. Es wird am Tisch geraucht, während andere noch essen. Die Kippen landen auf dem Boden oder gleich auf dem abgegessenen Teller. Es fängt an Spaß zu machen. Wir bestellen mehr Bier. Es klappt jetzt reibungslos. 

Nach dem Essen müssen wir allerdings weiterziehen. Die Gemütlichkeit des Etablissements leidet ein wenig unter der mittelalterlichen Essensverwüstung, die vom Personal auch nicht beseitigt wird. Außerdem gibt es kein Klo – eine schlechte Voraussetzung zum Biertrinken.

Die letzte Etappe

Ich befinde mich auf der letzten Etappe im Streckennetz, das gemeinhin noch als transsibirische Eisenbahn bezeichnet wird, obwohl die Fahrt von Ulan Bator nach Peking natürlich nicht mehr durch Sibirien führt. 

Das Leben im Zug ist für mich längst zur Normalität geworden. Die Fahrzeiten sind genauso endlos, wie die vorbeiziehenden kargen Landschaften. Draußen regnet es und es ist langweilig. Der chinesische Zug gleicht dem Mongolischen und der glich dem Russischen. Hier in China kommt allerdings niemand mehr regelmäßig rein, um den Teppich im Abteil zu saugen und die Fenster zu putzen. Dafür ist das verkaufte Essen hier eingeschweißt und man darf rauchen.

Die Länderwechsel sind mit stets mit nicht enden wollenden Grenzübertrittsprozeduren verbunden. Passkontrolle, Zoll, Drogenfahndung, Spürhunde, Abteilkontrolle – jeweils für Ein- und Ausreise. Stundenlang bewegt sich der Zug dann nicht. An der Grenze zwischen der Mongelei und China wird dann sogar der ganze Zug „umgespurt“. Die Waggons werden hierzu einzeln aufgebockt, das mongolische Fahrgestell wird per Hand abgeschraubt und das Chinesiche unter den Zug geschoben. Grund dafür ist die andere Spurweite in China – ein Kniff aus alter Zeit, damit der Feind im Krieg nicht die vorhandene Eisenbahninfrastrukur für seine Zwecke nutzt, sprich: mit dem Zug einrollt.

Der Staat ist jetzt ein anderer, die Landschaft bleibt die gleiche. Ich bin hungrig, aber Tütensuppen kann ich nicht mehr sehen und auf diesem Abschnitt gibt es auch keinen Speisewagen. Aus den Steckdosen kommt nutzloserweise Gleichstrom. Wenn ich die zurückgelegte Strecke in meiner Karten-App anschaue, dreht sich die Weltkugel um ein gutes Viertel.

Ich mag Zugfahren. Das Leben im Zug ist eine einzigartige Erfahrung und es war mir wichtig, die gesamte Strecke im Zug zurückzulegen. 

Ich bin trotzdem froh, dass wenn ich morgen ich in Peking ankomme, die Schienen-Etappe einstweilen geschafft ist und ich neu entscheiden kann, wie ich weiterreise. Per Anhalter, per Flugzeug – vielleicht aber auch wieder im Zug.

Im Land von Dschingis Kahn

Es gibt nur ein Wort mit dem man die Mongolei beschreiben kann: WEIT. Ich bin sechs Tage in der Wüste Gobi unterwegs und man kann fast immer die Erdkrümmung am Horizont erkennen. Die Wüste Gobi ist die drittgrößte Wüste der Welt und sie dehnt sich immer weiter aus. Nur auf den ersten Blick handelt es sich um eine langweilige Einöde. Auf den zweiten Blick hat die Landschaft einiges zu bieten: Steppe und Steine wechseln sich ab, es gibt Sand und Granitfelsen. Überall laufen Viehherden umher und nicht selten trifft man Kamele – mit Sicherheit die coolsten Wüstenbewohner.

Das Wetter hier folgt der Chaostheorie: Im einen Moment rinnen einem Schweißbäche von der Stirn, während man schneller braun wird, als Pinienkerne beim rösten in der Pfanne und im nächsten Moment hat man all seine Sachen zwiebelschalenmäßig übereinander an, um Wind, Kälte und Regen zu trotzen. Ja, Regen. 

Unser Gefährt ist die rollende Soviet-Legende UAZ-452. Der Off-roader des Herstellers Uljanowski Awtomobilny Sawod ist uns noch von der Insel Olchon bekannt und definitiv das Fortbewegungsmittel der Wahl in der Gobi. Ich kenne kein europäisches Auto, das eine ähnliche Leidensfähigkeit besitzt, wie dieser Kleinbus.


Meine drei Co-Reisenden und ich bestaunen nicht nur die Natur, wir besuchen auch eine Nomadenfamile. Die fünfköpfige Familie lebt in zwei Jurten, ihre über tausend Rinder, Pferde, Ziegen und Schafe laufen frei in der Unendlichkeit herum. Unser Dolmetscher ermöglicht einfachen Smalltalk während uns jeweils eine Riesenschüssel Airag gereicht wird. Die vergorene Stutenmilch ist Nahrungs- und Rauschmittel in einem und sie hat reinigende Wirkung für den ganzen Körper. 

Ich kann mir schon vorstellen, wie diese Reinigung aussieht und nehme daher der Höflichkeit halber nur ein paar Schlückchen. Es schmeckt nicht abscheulich, aber dass sich mein Körper blitzartig reinigen möchte, wenn ich die ganze Schale trinke, erscheint mir durchaus im Rahmen des Möglichen; keine verlockende Vorstellung, denn es gibt weit und breit keinen Baum und keinen Stein, der bei der Reinigung für etwas Privatsphäre sorgen könnte. 

Es werden Kekse gereicht. Ich beiße zu und stelle fest, dass es sich nicht um einen Keks, sondern um einen Käse aus eben jener Stutenmilch handelt. Auch in Anbetracht der hygienischen Umstände der – sagen wir mal – Produktionsbedingungen sowie des strengen Geruchs beschließe ich, das Stück lieber nicht zu essen. Ich erinnere mich an eine Geschichte aus dem inspirierenden Reisebuch von Martin Krengel; schließlich bin ich nicht der erste Europäer, der bei einer Nomadenfamilie zu Gast ist und nicht den restlichen Trip mit Selbstreinigung im flachen Niemandsland verbringen will. Ich stelle eine interessierte Frage zu den buddhistischen Devotionalien auf dem Hausaltar und nutze die Ablenkung, um den Käse in meiner Hosentasche verschwinden zu lassen. Meine Mitreisenden sind gute Beobachter und so fahren wir alle mit vom Fett durchsichtigen Hosentaschen weiter.

In den nächsten Tagen schlafen wir in Jurten und im Zelt, wir sehen heilige Berge und bizarre Felsfotmationen während unser Dolmetscher sechs Tage lang mittags und abens immer das gleiche Essen kocht. Wir erklimmen riesige Sanddünen und legen eine Strecke auf Kamelen zurück. 

Wie riesig die Wüste ist, können wir erahnen, wenn wir stundenlang in unserem Wagen sitzen und von den Pisten so lange durch das Auto gewirbelt werden, bis wir nicht mehr wissen, wo vorne und hinten ist. 

Am Ende werden wir weit über 1500 Kilometer bei einer Geschwindigkeit von gefühlt 30 km/h zurückgelegt haben. Es grenzt an ein Wunder, dass wir immer dorthin gekommen sind, wo wir hinwollten, denn in der Wüste gibt es nicht einen einzigen Wegweiser und auch Orientierungspunkte sucht man vergebens. 

Nur sehr selten sind wir ein paar hundert Kilometer in die falsche Richtung gefahren, bis sich Dolmetscher und Fahrer wieder einig waren, welchem der unzähligen Pfade es zu folgen gilt. Die beiden hatten keine Karte und keinen Kompass, von einem Navi ganz zu schweigen. 

Es ging auch ohne technischen Schnickschnack – auch und vor allem für uns. Ohne Internet ist ein iPhone auch nur Elektroschrott und so hatte man endlich mal Zeit, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Die ewige Stille hat was Meditatives und Spiegel-Online-Pushmeldungen vermisst man nicht. 

In der Wüste lernt man zu verzichten. Auf Duschen und Toiletten, auf kaltes Bier und ein bequemes Bett – die Wüste ist kein Platz für Komfort-Urlauber. Die Bedürfnisse passen sich den Gegebenheiten an; man hat nicht viel und deshalb braucht man auch nicht viel. Urlaub von der hektischen Zivilisation.

From rags to riches 

In Ulan Bator angekommen beziehen wir unsere Unterkunft, die diesmal aus einer Jurte auf dem Dach eines Guesthouses besteht. Die Gegend kann man nur als Slum bezeichnen, was aber nicht weiter schlimm ist.

Wir haben Abendprogramm, denn meine Mitreisende hat einen Kumpel, der vor ewigen Zeiten mal mit einem Mongolen aus Ulan Bator in Australien studiert hat. Er hat angeboten, sich mit uns zu treffen, was wir gerne annehmen. Die Locals zu treffen ist immer eine gute Idee. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Der B. ist nach seinem Studium beruflich ziemlich durchgestartet und gehört jetzt zur Oberschicht von Ulan Bator. 

Er kennt uns nicht, besteht aber darauf, uns abzuholen, um mit ihm und seiner Frau gemeinsam Essen zu gehen. Schon auf dem Hinweg zu unserer Behausung insistiert seine Frau, dass es sich bei der Adresse nur um einen Irrtum handeln kann. Tut es aber nicht. 

Mit dem B. fahren wir sodann durch die halbe Stadt, um dann in einem Nobelhotel in Laufweite unseres Slums anzukommen. Vielleicht war der Weg auch nur so weit, weil man an diesem Wochentag in Ulan Bator nicht links abbiegen darf.

Im Restaurant bestellt der B. für uns unfassbare Mengen an Essen und während ich die Whisky-Karte studiere, frage ich mich, ob ich meinen Trip wegen dieses opulenten Abendessens nun verkürzen muss. Es wird noch ein Grillteller gebracht. Leider können wir vor unserer Wüstentour – anders als die Kamele – nicht im Voraus essen. 

Der B. beschließt, mit uns zu trinken und klingelt seinen Fahrer von der Couch. Als der mit einem weiterem von B.’s Geländewagen vor dem Hotel wartet und wir aufbrechen, ist der B. mit seiner Kreditkarte so flink, dass wir nicht mehr dazu kommen, die Rechnung zu teilen. Sollen wir auch nicht, er freut sich, dass wir seine Gäste sind.

Für seine Frau ist im Auto kein Platz mehr. „Meine Frau läuft nach Hause, wir wohnen ganz in der Nähe“, sagt der B. 

Ähm, ok , aber will sie denn nicht… ? Nein, will sie nicht; sie will einen Spaziergang nach Hause machen.

Wir kriegen eine Privatführung durch Ulan Bator. B.’s Wagen ist groß genug, um Autos und Fußgänger, die sich nicht weghupen lassen, einfach beiseite zu schieben. Wir müssen nirgends einen Parkplatz suchen, denn unser Fahrer wartet immer im Auto.


Die Nacht lassen wir in einer Location mit Schranke vor dem Parkplatz und Concierge ausklingen. Die Bar ist eingerichtet wie ein englischer Gentlemen’s Club und unsere Kleidung kann man getrost als „inappropriate“ bezeichnen. Beim Bier bestellen und bezahlen ist der B. schneller als wir trinken können. 

Als B. erfährt, dass wir nach Peking ebenfalls mit dem Zug in der zweiten Klasse reisen, klingt es, als suche er nach Möglichkeiten, uns dieses Elend zu ersparen. Wir reagieren verhalten, weil wir fürchten, er organisiert uns noch einen Helikopter für den Rest des Weges. Man merkt, dass er nie gereist ist, denn für uns geht es ja nicht darum, möglichst schnell von A nach B zu kommen.

Als wir uns verabschieden, tauschen wir Kontaktdaten aus und natürlich biete ich an, dass er sich melden soll, falls er mal in Berlin ist. Es wird dann vermutlich Burger und Bier vom Späti am Landwehrkanal geben, wohin wir mit der U-Bahn fahren. Heute ziehen wir auf B.’s Art um die Häuser, in Berlin würden wir es auf meine Art tun und vor den Berliner Clubs gibt es keine Parkplätze mit Schranke.

Als der B. seinem Fahrer den Weg in unsere Gegend weist, kriegt dieser noch einen Lachanfall. 

Wir lachen auch.

In Sibirien 

Ich habe mich noch ein Stück weiter vorgewagt und verbringe etwas Zeit in Biryusa am gleichnamigen Fluss. Ich bin bei Aleksej und seiner Familie untergebracht und ich will das Leben in einem typisch sibirischen Dorf kennenlernen. Aleksejs Nachbarin Tatjana, eine ehemalige Englischlehrerin, führt mich durch das 120-Seelen Dorf. Fließendes Wasser gibt es nicht, aber die Bezirksregierung tut einiges, um junge Leute im Dorf zu halten. Offenbar mit Erfolg, denn man sieht viele Kinder und sogar einen Kindergarten gibt es. Das Leben hier ist nicht unkompliziert aber einfach. Wer nicht in Taischet ist, um zu arbeiten, hütet Garten und Tiere oder setzt, wie Aleksejs Schwiegermutter Valentina, Ikonenbilder aus tausenden Plastikmosaiksteinchen zusammen.

Nach dem Dorfspaziergang breche ich mit Aleksej in die sibirische Taiga auf. Er will mir die Natur zeigen, die ich bislang nur aus dem Zugfenster kenne. Es regnet und Aleksejs SUV muss sich durch knietiefe Schlammlöcher wühlen. Er ist der einzige Mensch, den ich kenne, der so ein Auto wirklich braucht. Mit so einem handelsüblichen SUV lässt sich sogar ein Fluss durchqueren; wer hätte das gedacht. Zu schade, dass die meisten seiner Artgenossen in den Städten diese Erfahrung niemals machen werden.

Bei Wind und Wetter haben wir Mühe unser Feuer am brennen zu halten. Trotzdem bereiten wir ein oppulentes Mahl mit Hühnerfleisch, Kartoffeln und Gemüse aus Aleksejs Garten zu, um uns für einen kleinen Trekkingtrip zu stärken. Er erzählt, dass es man in letzter Zeit verstärkt auf die Bären Acht geben muss, denn viele haben Nachwuchs bekommen und sind mit diesem lieber ungestört. Wir treffen zum Glück keinen.

Es regnet und wir sind völlig durchgeweicht, als wir wieder bei ihm sind. Zum Glück hat Valentina schon die Sauna bzw. das Badezimmer angeheizt. 

Ich habe eine grobe Vorstellung davon bekommen, wie das Leben links und rechts der Gleise aussieht. Trotzdem freue ich mich fast ein bisschen auf das Klo im Zug. Da verschwinden die Fäkalien nämlich per Wasserspülung auf nimmer Wiedersehen auf die Gleise – anstatt langsam unter einem im Boden zu versickern.