Ist das noch Sibirien?

Oder eine Mittelmeerinsel? Oder gar China?

Beim Blick auf die endlosen Strände, die bei 30 Grad zum Baden einladen, frage ich mich, ob ich einen Sprung im Raum-Zeit Kontinuum gemacht habe? 


Nein, ich bin immer noch in Sibirien. Am, genauer gesagt im Baikalsee. Olchon ist die größte Insel im ältesten und tiefsten See der Erde und ein Kleinod.

Unser Guide heißt Alexandra. Sie ist ungefähr 70 Jahre alt, ist 1,50 m klein und hat den Sitz ihres Toyota Landcruisers so weit nach vorn gestellt, dass ihre Stirn die Windschutzscheibe berührt. Die katastrophalen Straßenverhältnisse hat die Oma trotzdem bestens im Griff – nur selten purzeln wir durch das Auto. Anschnallen kann man sich selbstverständlich nicht.

Der Baikalsee hat die Ausmaße eines Meeres – ohne allerdings ein Meer im klassischen Sinne zu sein – denn er ist randvoll mit Süßwasser in bester Trinkwasserqualität. 

Man braucht nicht zu Duschen, wenn man dort baden war, man ist geduscht. Weil der See als Trinkwasserquelle für die Region dient, kommt dort auch viel besseres Wasser aus den Leitungen als im Rest des Landes. Das muss auch die Robben überzeugt haben, die hier im See leben. Sämtliche nicht sibirischen Robben auf der Welt sind ja bekanntlich Salzwasserfans.

Die Landschaft ist eine Mischung aus mongolischer Steppe, bretonischen Felsküsten, Hügeln, toskanischen Nadelgehölzen und Sandstränden. Überall laufen Kühe und Pferde frei umher und nicht selten leisten sie einem auch beim Baden Gesellschaft. 

Ein Glück, dass sich das noch nicht bis nach Deutschland rumgesprochen hat; weitestgehend hat man seine Ruhe.

Wären da nicht, ja wären da nicht die Chinesen. Sie treten stets überfallartig in Gruppen auf, die von einem Standartenträger angeführt werden und zeichnen sich durch eine gewisse Rücksichtslosigkeit aus. Sie haben wunderliche Klamotten an und parken mit ihren Minibussen auch gerne mal direkt zwischen unserem Essenstisch und dem Strand. Sofort sitzen sie bei uns am Tisch. „Stop“ ruft ihr Guide, „die gehören nicht zu uns“. Nein, gehören wir nicht, aber wir sind von drei Minibussen umzingelt. Alexandra verdreht die Augen. Chinesen gehören hier nicht zu den beliebtesten Gästen, aber Geschäft ist Geschäft.

Wir ergreifen die Flucht und suchen uns einen anderen Badeplatz. Ein Glück gibt es davon reichlich. 

Fairerweise sei zum Wetter aber noch angemerkt, dass Einheimische uns versichert haben, dass sie seit zehn Jahren nicht mehr im August im See baden waren. Das ginge normalerweise höchstens vier Wochen im Jahr. In den anderen sechs Monaten sei es viel zu kalt und der See im August schon beinahe zugefroren. Die Saison ist sehr kurz hier.

Winter is coming. Ich versuche weiter, ihm davonzulaufen.

Neue Maßstäbe 

Auf Reisen verschieben sich die Maßstäbe. Zu Hause habe jeden Tag handgerösteten Kaffee aus der Siebträgermaschine getrunken. Nun habe ich seit Tagen überhaupt keinen Kaffee mehr getrunken und seit ich unterwegs bin, hatte ich nur einen Kaffee, der richtig geil war. Es war an einem verregnetenTag in Krasnorjask an dem ich zu viel Zeit und mein ganzes Gepäck bei mir hatte. Wie durch ein Wunder tauchte zwischen den Plattenbauten ein Hipster-Café auf, in dem es alles gab, was ich seit Berlin nicht mehr gesehen hatte: vorzüglichen Kaffee aus der Aeropress, frische handgemachte Bagels und englischsprachige Bedienungen. Es war das reinste Glücksgefühl. Ich hatte eine Oase gefunden, die mir Unterschlupf vor dem Regen gewährte und die Wartezeit auf den Zug verkürzte. Es war der beste Kaffee, den ich je getrunken habe.

Natürlich nicht, aber ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Maßstäbe verschieben. Alles nur eine Frage der Umstände. 

Bei Aleksej habe ich mir die Zugtoilette zurückgewünscht. Heute wünsche ich mir Aleksejs gemütliches Plumpsklo zurück. Es hatte einen Sitz, einen Deckel und sogar eine beplüschte Klobrille gegen die Kälte. Das Häuschen hatte Gardinen, die die meisten Fliegen draußen gehalten haben.

Derartiger Luxus ist mir in meiner nächsten Unterkunft nicht vergönnt. Es ist der wahrgewordene Kloalbtraum. Worte reichen nicht aus um die Gerüche zu beschreiben und Bilder können nicht die Bewegungen der Maden zeigen, die freudig nur wenige Zentimeter unter dem Loch im Boden in ihrem ganz eigenen Paradies ihre Orgien feierten. Ihre Vorfahren, die Scheißhausfliegen taten es ihnen gleich, allerdings oberhalb des Loches. Schon ihre schiere Anzahl ließ keine Zweifel aufkommen: Das hier ist ihr Revier und ich bin ein Eindringling.

Es gibt Bilder, die vergisst man nicht. 

Ich werde mich ganz sicher daran erinnern, wenn ich in Deutschland mal wieder vor einem Autobahnraststätten-Klo mit Porzellan-Schüssel und Wasserspülung stehe und was am hygienischen Zustand des Aborts auszusetzen habe.

In Sibirien 

Ich habe mich noch ein Stück weiter vorgewagt und verbringe etwas Zeit in Biryusa am gleichnamigen Fluss. Ich bin bei Aleksej und seiner Familie untergebracht und ich will das Leben in einem typisch sibirischen Dorf kennenlernen. Aleksejs Nachbarin Tatjana, eine ehemalige Englischlehrerin, führt mich durch das 120-Seelen Dorf. Fließendes Wasser gibt es nicht, aber die Bezirksregierung tut einiges, um junge Leute im Dorf zu halten. Offenbar mit Erfolg, denn man sieht viele Kinder und sogar einen Kindergarten gibt es. Das Leben hier ist nicht unkompliziert aber einfach. Wer nicht in Taischet ist, um zu arbeiten, hütet Garten und Tiere oder setzt, wie Aleksejs Schwiegermutter Valentina, Ikonenbilder aus tausenden Plastikmosaiksteinchen zusammen.

Nach dem Dorfspaziergang breche ich mit Aleksej in die sibirische Taiga auf. Er will mir die Natur zeigen, die ich bislang nur aus dem Zugfenster kenne. Es regnet und Aleksejs SUV muss sich durch knietiefe Schlammlöcher wühlen. Er ist der einzige Mensch, den ich kenne, der so ein Auto wirklich braucht. Mit so einem handelsüblichen SUV lässt sich sogar ein Fluss durchqueren; wer hätte das gedacht. Zu schade, dass die meisten seiner Artgenossen in den Städten diese Erfahrung niemals machen werden.

Bei Wind und Wetter haben wir Mühe unser Feuer am brennen zu halten. Trotzdem bereiten wir ein oppulentes Mahl mit Hühnerfleisch, Kartoffeln und Gemüse aus Aleksejs Garten zu, um uns für einen kleinen Trekkingtrip zu stärken. Er erzählt, dass es man in letzter Zeit verstärkt auf die Bären Acht geben muss, denn viele haben Nachwuchs bekommen und sind mit diesem lieber ungestört. Wir treffen zum Glück keinen.

Es regnet und wir sind völlig durchgeweicht, als wir wieder bei ihm sind. Zum Glück hat Valentina schon die Sauna bzw. das Badezimmer angeheizt. 

Ich habe eine grobe Vorstellung davon bekommen, wie das Leben links und rechts der Gleise aussieht. Trotzdem freue ich mich fast ein bisschen auf das Klo im Zug. Da verschwinden die Fäkalien nämlich per Wasserspülung auf nimmer Wiedersehen auf die Gleise – anstatt langsam unter einem im Boden zu versickern.

Auf dem Jenissei

Ich habe den Zug einstweilen gegen andere Verkehrsmittel getauscht. Mit dem russischen Linienbus bin ich sechseinhalb Stunden in das sibirische Hinterland gefahren bis nicht nur die Buslinie endete, sondern auch das, was man in Deutschland noch unter den Begriff Straße fassen würde. In Jenisseisk komme ich spät an. Der Bus hat ständig angehalten und es schien, als hätte der Busfahrer für jeden, der eingestiegen ist, ein Registrierungsformular ausgefüllt. Manchmal standen auch bloß Kühe auf der Straße. Immerhin gibt es in einer der ältesten Städte Sibiriens in der Unterkunft Internet und funktionierendes W-LAN; eine Rarität in Russland.

Am nächsten Tag geht es mit dem Schiff weiter nach Krasnorjask, Metropole in Sibirien, Namensgeberin einer ganzen Zeitzone und – nun ja – Geburtsort von Helene Fischer. Es trennen mich allerdings noch 1,5 Tage von der Stadt, die ich auf der MS Tschkalow verbringe. Das Schiff ist echte deutsche Wertarbeit, denn es wurde 1953 in Wismar gebaut und dann – gewissermaßen als Reparationszahlung – an die Sowjetunion übergeben. Heute bringt es Pakete und Menschen zu ihren Bestimmungsorten entlang des Enisey.

Ich reise erste Klasse, was schön ist, denn in meiner kleinen aber pittoresken Einzelkabine habe ich endlich mal wieder ein bisschen Zeit für mich. Nicht, dass es nicht überaus kurzweilig mit meinen Mitreisenden im Viererabteil gewesen wäre, aber die vollständige Aufgabe der Privatssphäre ist mitunter auch anstrengend. Ich genieße den Luxus eines eigenen Waschbeckens in der Kabine, den Blick auf den Fluss und die schon so vertraut wirkenden vorbeiziehenden sibirischen Wälder. 


Slow travelling nennt man das wohl. Ich nehme mir einige Stunden Zeit, um eine deutsche Wochenzeitung zu lesen und gehe auf ein Bier und eine Soljanka ins Schiffsrestaurant. Zum Glück arbeitet dort die einzige Person auf dem ganzen Schiff die englisch spricht und mich damit vor dem sicheren Hungertod bewahrt. All die Hinweisschilder und Durchsagen kann man getrost ignorieren; offenbar haben sie ohnehin keinen bedeutenden Inhalt. Aber eine russische Speisekarte bei der Bestellung zu ignorieren, führt lediglich dazu, dass man kein Essen kriegt.

Ich sitze noch ein wenig an Deck und beobachte das Schiff dabei, wie es sich seinen Weg durch die Nebelschwaden bahnt, die wie ein Teppich auf dem Fluss liegen; dann ziehe ich mich in mein kleines Reich neben der Kapitänskabine zurück und schlafe beim Wummern des Diesels ein.

Im Zug

Es heißt, die Reise mit der transsibirischen Eisenbahn sei eines der letzten Abenteuer unserer Zeit. Da mag was Wahres dran sein, allerdings gilt das in erster Linie für unsereins und nicht für zahlreiche Russen, für die die Transsib schlicht das Fortbewegungsmittel der Wahl ist, um von einem Ende des Landes ans andere zu kommen. Sie können nicht verstehen, dass man das als Freizeitvergnügen macht. Und tatsächlich stelle ich mir häufiger die Frage nach dem Warum? Es ist sicher nicht der außerordentliche Komfort in Zug Nr. 70 von Moskau in Richtung Baikalsee und auch ganz bestimmt nicht der grauenhafte Zustand der Klos, auf denen ich nicht nur tue, was ohnehin getan werden muss, sondern mich auch wasche, meine Zähne putze und mein Geschirr spüle.

Vielleicht ist es aber auch doch all dies. Das viel beschworene Verlassen der Komfort-Zone. Außerdem ist es fast schon wieder lustig, wenn die völlig nackte Katze unserer Abteilgenossin, die wir der Einfachheit halber Rolf genannt haben, sich direkt neben unser Geschirr auf den Esstisch setzt. Sie tut das ganz vorsichtig, um ihr gut präsentiertes Skrotum beim hinsetzen nicht zu einzuquetschen. Ein absurdes Schauspiel, das sich da wenige Zentimeter neben unserem Essen abspielt. 

Wir sind tolerante Mitreisende; die russische Katzenbesitzerin ist es nicht. Dass wir bis spät in die Nacht Vodka trinken und lachen, findet sie nicht lustig.

Währenddessen verschwimmen im Zug Raum und Zeit. Der Fahrplan richtet sich nach Moskauer Zeit, aber das hat nichts mehr mit den Tages- und Nachtzeiten zu tun, die sich beim durchqueren von sechs Zeitzonen vor dem Zugfenster abspielen. Alles zerläuft: man schläft, wenn man müde ist, isst, wenn man hungrig ist, trinkt, wenn man Durst auf Bier oder Vodka hat; draußen wird es abwechselnd hell und dunkel. Kartenspielen im Zugrestaurant, Lebensgeschichten erzählen, Leute kennenlernen, Lesen, Musik hören, Tütensuppen zubereiten oder einfach Stundenlang bei einem Tee die großartige Landschaft – oder wahlweise unendliche Birkenhaine – genießen. Internet gibt es selbstverständlich nicht.

Man hat auch keine Angst, dass man seinen Bahnhof verpasst, denn man steigt tagelang nicht aus. Strukturiert wird der Tag allenfalls von den Stops in den größeren Städten. Wenn der Zug länger hält, kann man sich draußen die Beine vertreten, rauchen und Essen kaufen. 

Das muss es sein, was die Küchenpsychologen meinen, wenn sie von Entschleunigung reden. Der Zug fährt langsam und transportiert einen gleichwohl tausend um tausend Kilometer um den Erdball. Man ist zum Müßiggang verdammmt. 

Endlich.

Fragmente 

Man setzt sich sein Weltbild immer nur aus den Fragmenten zusammen, die man zur Verfügung hat. 

Von Moskau hatte ich ein Bild im Kopf: riesig, protzig, dunkel, kalt, arrogant, korrupt. Die Kulisse meines Kopfbildes habe ich aus Filmen und Dokumentationen zusammengebaut und die Stimmungen und Farben habe ich den Farbpaletten von FAZ und SZ entnommen. Was sollte ich auch anderes machen, als die verfügbaren Fragmente zusammenzusetzen und den Rest mit Fantasie zu füllen?

Jetzt bin ich selbst da und wieder sehe ich nur ein Fragment. Tatjana, unsere Stadtführerin erzählt, dass nur 2% der Moskauer im Stadtzentrum leben. 98% des Lebens der Moskauer werde ich also gar nicht sehen, wenn ich nicht in die Vororte rausfahre, wo der Rest der 12,3 Mio. Menschen lebt. Gut, ich bin mit dem Zug gekommen und habe jedenfalls aus dem Fenster gesehen, dass in den Randbezirken nicht an jeder Ecke goldene Zwiebeltürmchen stehen. 

Ganz anders im Zentrum: Moskaus Innenstadt ist sauber, schön und prächtig. Alles wurde oder wird gerade restauriert – nicht selten auch einfach abgerissen und in alter Pracht neu gebaut. Man sieht viele Baustellen und der Wind of Change weht nicht nur „down to Gorki Park“. 

Moskau strahlt in diesen lauen Sommertagen, wenn die Menschen in den Straßencafés sitzen und die tiefstehende Sonne die glänzenden Kuppeln der Kathedralen im Kreml funkeln lässt. 

Während ich mich durch die Straßen treiben lasse, färbt sich mein Bild von Moskau in wärmere und freundliche Farben, die mir aus den Zeitungen und Büchern bislang eher unbekannt waren. Aber ich weiß, dass es sich wieder nur um einen weiteren Ausschnitt handelt, den ich da zu Gesicht bekomme, einen Stein im Mosaik.

Nur Narren glauben, sie könnten stets das ganze Bild sehen.

Geteilte Städte

Geteilte Städte sind ein wiederkehrendes Motiv in meinem Leben. Berlin, kürzlich Jerusalem und nun St. Petersburg. St. Petersburg ist gleich zweifach geteilt, mentalitätsmäßig und räumlich. Letzteres allerdings nicht 24 Stunden am Tag sondern nur nachts. Dann werden die Brücken über der Newa, die quer durch die Stadt fließt, geöffnet, damit die Schiffe passieren können. Man stellt dann besser sicher, dass man auf der richtigen Seite der Stadt ist, wenn man aus einer Bar oder einem Club kommt, ansonsten kann man gleich wieder umdrehen und noch ein Bier bestellen, bis die Brücken um 5 Uhr morgens wieder runtergeklappt werden. 

Die mentalitsmäßige Teilung hingegen konnte man am vergangenen Wochenende beobachten. St. Petersburg ist nämlich eine durchaus hippe, wenn man so will „westliche“ Stadt. Entgegen meiner Erwartung sprechen viele (junge) Leute englisch und eine nicht allzu kleine Hipster-Szene sorgt für gemütliche Hostels, Cafés mit Premium-Kaffeesorten und allerlei selbstgemachtem Bio-Fairtrade-Essen. Der Kulturschock hält sich also zunächst in Grenzen, wenn man aus Berlin anreist. Unnötig zu erwähnen, dass St. Petersburg natürlich viel prachtvoller ist als Berlin.

Schon an meinem zweiten Tag fiel es jedoch deutlich schwerer, St. Petersburg mit einer westlichen Hipstermetropole zu verwechseln. Auf dem Palastplatz wurde schweres Militärgerät aufgefahren, das mir bislang allenfalls aus den Tagesthemen bekannt war, wenn dort mal wieder von nordkoreanischen Raketentests die Rede war und auf der Newa ankerten die Flaggschiffe der russischen Seekriegsflotte. 

Den russischen Marinetag wollte der Präsident in diesem Jahr offenbar mal wieder mit einer zünftigen Militärparade begehen und kam auch gleich selbst nach St. Petersburg um selbige abzunehmen. Auch das Volk ist gekommen und frohlockte. Fast alle – vom Kleinkind bis zum Veteranen – trugen irgendwelche Militärdevotionalien bei sich und jubelten ihrem Präsidenten und den Atom-U-Booten zu, wie sie allesamt über die Newa schipperten. 


Man stelle sich mal vor, zigtausend Leute jubeln Angela Merkel zu, wie sie im Hamburger Hafen eine Militärparade abnimmt. Aber St. Petersburg ist nicht Hamburg, Merkel ist nicht Putin und die Russen sind eben doch nicht alle westlich orientierte Hipster, sondern eben auch Bürger eines stolzen Landes. Und sie sind beinahe putzig, so begeistert wie sie sind. Man kann an diesem Tag ein nationales Indentitätsbewusstsein beobachten, das uns Deutschen völlig unbekannt ist und manch einem heimatlosen Travellergenossen sogar etwas Bewunderung abringt. „Wie im alten Rom“, bemerkte einer. Alle feiern (und trinken) ausgelassen, während die ausnahmsweise auch tagsüber geöffneten Brücken die Stadt endgültig in totales Verkehrschaos stürzten. Irgendwie hat Putin es sogar geschafft, dass den ganzen Tag die Sonne scheint – das tut sie sonst nämlich nie in St. Petersburg und dann besteht kein Zweifel mehr: Ich bin in Russland angekommen.

one way

Das Klicken des Anschnallgurtes im Flugzeug ist für mich seit jeher ein Moment, dem ich ganz besondere Aufmerksamkeit widme, wenn ich irgendwohin aufbreche. Ich erinnere mich daran, wie ich diesen Moment während der Examenklausuren herbeigesehnt habe, denn ich wusste, dass es das erste Geräusch eines neuen Kapitels in Budapest sein wird.

So ist es auch heute. Das Leben, wie ich es kannte, wird heute einstweilen aufhören und Platz für Neues machen. Ich fliege nicht in den Urlaub, ich habe kein Rückflugticket. Alles was ich zukünftig besitzen werde, passt in einen Rucksack, den ich gerade dabei beobachte, wie er auf dem Weg zu seinem Platz, ca. einem Meter unter meinem ist. Man braucht nicht viel, denke ich und wundere mich, wofür ich den ganzen anderen Kram brauche, den ich über die Jahre angesammelt habe.

*klick* – take off.

Blick aus dem Fenster: Die Stadt wird kleiner. Alles wird kleiner. Die Menschen, meine Wohnung, das Arbeitsamt – bis Berlin nur noch wie ein putziges Miniatur-Wunderland aussieht, in dem die Ringbahnen Runde um Runde um den Fernsehturm drehen.

Berlin aus dem Flugzeug

Sie werden auch dann noch unermüdlich kreisen, wenn ich sie wegen des Regens und der Entfernung schon längst nicht mehr sehen kann. So, wie alles weitergehen wird, nur eben ohne mich. Die alten Freunde gehen in der Heimat aufs Libori-Fest und die neuen Freunde grillen im Volkspark und verbringen die lauen Abende im Freiluftkino. Der berliner Sommer wird ohne mich stattfinden, sofern er denn überhaupt noch stattfindet. Meine Freundin, die ich sehr vermissen werde, wird sich ihren Hobbys und neuen Projekten widmen. Biere im Park werden ohne mich getrunken werden und mein Vater wird seinen 60. Geburtstag ohne mich feiern. Weihnachten werde ich nicht bei meinen Lieben sein.

Dann, als das Flugzeug die Wolkendecke durchbricht: gleißendes Sonnenlicht.