Im Zug

Es heißt, die Reise mit der transsibirischen Eisenbahn sei eines der letzten Abenteuer unserer Zeit. Da mag was Wahres dran sein, allerdings gilt das in erster Linie für unsereins und nicht für zahlreiche Russen, für die die Transsib schlicht das Fortbewegungsmittel der Wahl ist, um von einem Ende des Landes ans andere zu kommen. Sie können nicht verstehen, dass man das als Freizeitvergnügen macht. Und tatsächlich stelle ich mir häufiger die Frage nach dem Warum? Es ist sicher nicht der außerordentliche Komfort in Zug Nr. 70 von Moskau in Richtung Baikalsee und auch ganz bestimmt nicht der grauenhafte Zustand der Klos, auf denen ich nicht nur tue, was ohnehin getan werden muss, sondern mich auch wasche, meine Zähne putze und mein Geschirr spüle.

Vielleicht ist es aber auch doch all dies. Das viel beschworene Verlassen der Komfort-Zone. Außerdem ist es fast schon wieder lustig, wenn die völlig nackte Katze unserer Abteilgenossin, die wir der Einfachheit halber Rolf genannt haben, sich direkt neben unser Geschirr auf den Esstisch setzt. Sie tut das ganz vorsichtig, um ihr gut präsentiertes Skrotum beim hinsetzen nicht zu einzuquetschen. Ein absurdes Schauspiel, das sich da wenige Zentimeter neben unserem Essen abspielt. 

Wir sind tolerante Mitreisende; die russische Katzenbesitzerin ist es nicht. Dass wir bis spät in die Nacht Vodka trinken und lachen, findet sie nicht lustig.

Währenddessen verschwimmen im Zug Raum und Zeit. Der Fahrplan richtet sich nach Moskauer Zeit, aber das hat nichts mehr mit den Tages- und Nachtzeiten zu tun, die sich beim durchqueren von sechs Zeitzonen vor dem Zugfenster abspielen. Alles zerläuft: man schläft, wenn man müde ist, isst, wenn man hungrig ist, trinkt, wenn man Durst auf Bier oder Vodka hat; draußen wird es abwechselnd hell und dunkel. Kartenspielen im Zugrestaurant, Lebensgeschichten erzählen, Leute kennenlernen, Lesen, Musik hören, Tütensuppen zubereiten oder einfach Stundenlang bei einem Tee die großartige Landschaft – oder wahlweise unendliche Birkenhaine – genießen. Internet gibt es selbstverständlich nicht.

Man hat auch keine Angst, dass man seinen Bahnhof verpasst, denn man steigt tagelang nicht aus. Strukturiert wird der Tag allenfalls von den Stops in den größeren Städten. Wenn der Zug länger hält, kann man sich draußen die Beine vertreten, rauchen und Essen kaufen. 

Das muss es sein, was die Küchenpsychologen meinen, wenn sie von Entschleunigung reden. Der Zug fährt langsam und transportiert einen gleichwohl tausend um tausend Kilometer um den Erdball. Man ist zum Müßiggang verdammmt. 

Endlich.

one way

Das Klicken des Anschnallgurtes im Flugzeug ist für mich seit jeher ein Moment, dem ich ganz besondere Aufmerksamkeit widme, wenn ich irgendwohin aufbreche. Ich erinnere mich daran, wie ich diesen Moment während der Examenklausuren herbeigesehnt habe, denn ich wusste, dass es das erste Geräusch eines neuen Kapitels in Budapest sein wird.

So ist es auch heute. Das Leben, wie ich es kannte, wird heute einstweilen aufhören und Platz für Neues machen. Ich fliege nicht in den Urlaub, ich habe kein Rückflugticket. Alles was ich zukünftig besitzen werde, passt in einen Rucksack, den ich gerade dabei beobachte, wie er auf dem Weg zu seinem Platz, ca. einem Meter unter meinem ist. Man braucht nicht viel, denke ich und wundere mich, wofür ich den ganzen anderen Kram brauche, den ich über die Jahre angesammelt habe.

*klick* – take off.

Blick aus dem Fenster: Die Stadt wird kleiner. Alles wird kleiner. Die Menschen, meine Wohnung, das Arbeitsamt – bis Berlin nur noch wie ein putziges Miniatur-Wunderland aussieht, in dem die Ringbahnen Runde um Runde um den Fernsehturm drehen.

Berlin aus dem Flugzeug

Sie werden auch dann noch unermüdlich kreisen, wenn ich sie wegen des Regens und der Entfernung schon längst nicht mehr sehen kann. So, wie alles weitergehen wird, nur eben ohne mich. Die alten Freunde gehen in der Heimat aufs Libori-Fest und die neuen Freunde grillen im Volkspark und verbringen die lauen Abende im Freiluftkino. Der berliner Sommer wird ohne mich stattfinden, sofern er denn überhaupt noch stattfindet. Meine Freundin, die ich sehr vermissen werde, wird sich ihren Hobbys und neuen Projekten widmen. Biere im Park werden ohne mich getrunken werden und mein Vater wird seinen 60. Geburtstag ohne mich feiern. Weihnachten werde ich nicht bei meinen Lieben sein.

Dann, als das Flugzeug die Wolkendecke durchbricht: gleißendes Sonnenlicht.

(K)ein Gedi

Die Wüste Negev ist lebensfeindlicher Ort. Im Sommer ist es schweineheiß und im Winter bitterkalt. Aber es gibt kleine Oasen – im besten Sinne des Wortes. Ein Gedi ist eine solche Oase am toten Meer. Man kann hier im Nationalpark wunderbar beobachten, wie ein bisschen Süßwasser Leben für Tiere und Pflanzen schenkt. Ein Garten Eden in der Steinwüste. Es gibt auch einen Strand – verspricht jedenfalls der Lonely Planet in seiner aktuellsten Auflage von 2015. Wer im Jahr 2017 dort ein Bad nehemen will, wähnt sich allerdings eher im Film „The day after tomorrow“ als am Badestrand. Kein Mensch. Umgeknickte Straßenlaternen. Eine verwaiste Tankstelle. Die Palmen verharren in brauner Leichenstarre und in den verfallenen Umkleidekabinen die Spuren der letzten Menschen, die hier Obdach gesucht haben. Die Landschaft wird von riesigen Kratern unterbrochen. Oder ist das hier doch eher der Jurassic Park und es handelt sich um Dinosaurier-Fußstapfen?

kein gedi

Rafael, der in einem Zelt am Strand lebt, erzählt, dass sich hier noch vor zwei Jahren die Touristen gestapelt haben und er seinen Lebensunterhalt damit bestreiten konnte, am Strand nach ihrem verlorenen Schmuck zu tauchen. What the fuck has happend here? Die Antwort lautet „Sinkholes“. Kurz: Nach und nach tut sich der Boden auf und verschluckt alles: Die Zapfsäulen der Tankstelle, das Baywatch-Häuschen, den Parkplatz, den Imbiss und vielleicht irgendwann auch Rafael. 

Das Phänomen ist nicht unbekannt. Es liegt daran, dass der Meeresspiegel des toten Meeres jedes Jahr um einen Meter sinkt. Wasser ist knapp im nahen Osten und der Jordan, als einziger Zufluss des toten Meeres, ist eine begehrte Süßwasserquelle sowohl für Jordanien, den Libanon und Syrien als auch für Israel. Unter dem vertrockneten Uferstreifen, der an einigen Stellen bereits bis zu einem Kilometer misst, werden große Salzkammern von abfließendem Wasser ausgewaschen, bis sie schließlich einstürzen. Eine Katastrophe für die Umwelt und den Tourismus, die weit über Ein Gedi hinausreicht.

Baden kann man trotzdem noch, wenn man denn erstmal zum Wasser hinuntergekraxelt ist; man sollte nur ein bisschen Süßwasser zum Duschen im Gepäck haben, weil das Salz des toten Meeres – spült man es nicht ab – den Körper zusammenschrumpeln lässt, wie eine alte Rosine. Unnötig zu erwähnen, dass die Duschen dort schon lange nicht mehr funktionieren. Es bleibt ein besuchenswerter Ort, vor allem, wenn man sich auch hierzulande gern an den sogenannten „Lost Places“ rumtreibt, wie es sie in Berlin zahlreich gibt. Man kann sich bei der Vorstellung gruseln, dass ein tödliches Virus jegliches Leben ausgelöscht hat oder dass man beim nächsten Schritt gleich selbst von einem Sinkhole verschluckt wird.

Zurück bleibt nur die Frage, wie es weitergehen wird mit dem toten Meer, das bei ungehindertem Fortlauf in einigen Jahrzehnten bestenfalls noch eine tote Pfütze sein wird.