(K)ein Gedi

Die Wüste Negev ist lebensfeindlicher Ort. Im Sommer ist es schweineheiß und im Winter bitterkalt. Aber es gibt kleine Oasen – im besten Sinne des Wortes. Ein Gedi ist eine solche Oase am toten Meer. Man kann hier im Nationalpark wunderbar beobachten, wie ein bisschen Süßwasser Leben für Tiere und Pflanzen schenkt. Ein Garten Eden in der Steinwüste. Es gibt auch einen Strand – verspricht jedenfalls der Lonely Planet in seiner aktuellsten Auflage von 2015. Wer im Jahr 2017 dort ein Bad nehemen will, wähnt sich allerdings eher im Film „The day after tomorrow“ als am Badestrand. Kein Mensch. Umgeknickte Straßenlaternen. Eine verwaiste Tankstelle. Die Palmen verharren in brauner Leichenstarre und in den verfallenen Umkleidekabinen die Spuren der letzten Menschen, die hier Obdach gesucht haben. Die Landschaft wird von riesigen Kratern unterbrochen. Oder ist das hier doch eher der Jurassic Park und es handelt sich um Dinosaurier-Fußstapfen?

kein gedi

Rafael, der in einem Zelt am Strand lebt, erzählt, dass sich hier noch vor zwei Jahren die Touristen gestapelt haben und er seinen Lebensunterhalt damit bestreiten konnte, am Strand nach ihrem verlorenen Schmuck zu tauchen. What the fuck has happend here? Die Antwort lautet „Sinkholes“. Kurz: Nach und nach tut sich der Boden auf und verschluckt alles: Die Zapfsäulen der Tankstelle, das Baywatch-Häuschen, den Parkplatz, den Imbiss und vielleicht irgendwann auch Rafael. 

Das Phänomen ist nicht unbekannt. Es liegt daran, dass der Meeresspiegel des toten Meeres jedes Jahr um einen Meter sinkt. Wasser ist knapp im nahen Osten und der Jordan, als einziger Zufluss des toten Meeres, ist eine begehrte Süßwasserquelle sowohl für Jordanien, den Libanon und Syrien als auch für Israel. Unter dem vertrockneten Uferstreifen, der an einigen Stellen bereits bis zu einem Kilometer misst, werden große Salzkammern von abfließendem Wasser ausgewaschen, bis sie schließlich einstürzen. Eine Katastrophe für die Umwelt und den Tourismus, die weit über Ein Gedi hinausreicht.

Baden kann man trotzdem noch, wenn man denn erstmal zum Wasser hinuntergekraxelt ist; man sollte nur ein bisschen Süßwasser zum Duschen im Gepäck haben, weil das Salz des toten Meeres – spült man es nicht ab – den Körper zusammenschrumpeln lässt, wie eine alte Rosine. Unnötig zu erwähnen, dass die Duschen dort schon lange nicht mehr funktionieren. Es bleibt ein besuchenswerter Ort, vor allem, wenn man sich auch hierzulande gern an den sogenannten „Lost Places“ rumtreibt, wie es sie in Berlin zahlreich gibt. Man kann sich bei der Vorstellung gruseln, dass ein tödliches Virus jegliches Leben ausgelöscht hat oder dass man beim nächsten Schritt gleich selbst von einem Sinkhole verschluckt wird.

Zurück bleibt nur die Frage, wie es weitergehen wird mit dem toten Meer, das bei ungehindertem Fortlauf in einigen Jahrzehnten bestenfalls noch eine tote Pfütze sein wird.

Autor: BuzzT1985

Highwayman, sailor, dam builder, starship captain, lawyer, still alive

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