China, wir müssen reden

Wie soll ich anfangen? Wir hatten eine gute Zeit. Fast vier Wochen war ich in dir, aber ich spüre, dass es nun Zeit wird, weiterzuziehen. 

Ich finde dich echt nett und deine Kochkünste habe ich sehr genossen, aber wenn wir mal ehrlich sind, dann sind wir uns doch fremd geblieben. Wir sprechen nicht dieselbe Sprache und nur allzu oft haben wir aneinander vorbeigeredet. Immerzu hast du mich angeplärrt aus all deinen Lautsprechern und Walkie-Talkies, die du so liebst, immerzu bin ich ratlos zurückgeblieben. 

Ich mag deine Landschaften und deine Natur; ich hatte tolle Erlebnisse in dir. Aber ich kann kaum mitansehen, wie du deinen Körper ruinierst. Mit deiner Go-West-Strategie ritzt du dir Autobahnen und Eisenbahntrassen in die Haut bis in den letzten unberührten Winkel deines Körpers; Scars on Land. Ja, ich weiß, die Menschen brauchen Arbeit, aber denkst du auch mal an die Zukunft? Glaubst du nicht, dass diese keynesianische Gießkannenpoltik irgendwann zum Platzen einer Blase führt?

Davon abgesehen vertraust du mir nicht. Du verbietest mit Facebook, Instagram und Google. Deine zahllosen Polizisten und dein Militär lassen mich nie aus den Augen. Warum sind sie mit zweimeterlangen Ninja-Stangen bewaffnet?

Abgesehen vom großen Ganzen sind es am Ende vielleicht auch die kleinen Dinge gewesen, die einer wahrhaftigen emotionalen Annäherung im Wege standen. All die Dinge, die ich am Anfang noch interessant fand, die dann aber mit der Zeit an meinen Nerven genagt haben. 

Warum spucken deine Menschen ständig aus und rotzen sich die Nasenlöcher ohne Taschentuch frei? Und warum tun sie das auch in Gebäuden und sogar in Zügen? Warum machen sie ständig heimlich Fotos von mir, sogar wenn ich am essen bin? Warum gucken sie immer und überall Videos auf ihren Smartphones in voller Lautstärke an – auch mitten in der Nacht im 36-Betten Schlafwagen?

Na gut, ich gebe zu: Auch ich habe möglicherweise einen Anteil am Scheitern dieser Laison. Vielleicht war ich nicht immer ausreichend um Verständnis bemüht, oder es fehlte mir einfach die Geduld. 

Am Ende wird man wohl sagen können, dass wir einfach zu verschieden sind. Das ist okay, ich respektiere das. Wo kämen wir auch hin, wenn wir alle gleich wären? Aber wenn man nicht die gleichen Werte teilt, dann kann man auf Dauer auch nicht zusammenbleiben.

Es war trotzdem ein unvergessliches Abenteuer mit dir, das ich nicht missen möchte. Du bist mir nicht unsympathisch und deshalb wünsche ich dir alles Gute. Außerdem sieht man sich ja bekanntlich immer zweimal im Leben!

Bis dahin, xie xie und leb wohl!

Unterwegs

Ich bin unterwegs. Bis Pa Pae in Thailand sind es knappe 1000 Kilometer, die ich mit Bussen, Taxis, Nachtzügen, dem Flugzeug und noch mehr Taxis und Minivans zurücklege. 

Ich bin wieder allein. Der S. bleibt noch eine Weile in Yunnan und weil er ohnehin Richtung Westen unterwegs ist, haben sich unsere Wege am Ende der „Tiger leaping gorge“ wieder getrennt. Ohne seine Chinesischkenntnisse muss für die Reiseplanung nun wieder das „Zeige-Wörterbuch“ herhalten. Es ist zum unverzichtbaren Begleiter geworden.

Längst habe ich mich ans Hobo-Leben gewöhnt. Die Gedanken kreisen darum, wo man abends schlafen wird oder wo man die nächste Mahlzeit auftreiben kann. Gerade dann, wenn man unterwegs ist, muss man eine Menge Dinge im Kopf haben. Wo putze ich mir die Zähne? Wann und wo kann man mal wieder aufs Klo? Vom Duschen ganz zu schweigen. 

Ich stinke. Zwei Tage Trekking machen sich bemerkbar. Der Geruch unterscheidet den Traveller vom Touristen, welcher jeden Abend in sein Hotel zu seiner Regenwalddusche zurückkehrt. 

Kekse und Cola, Wartehallen und Holzklasse. Lange wach. Klingt ungesund und unbequem – ist es sicher auch. Trotzdem fühlt es sich gut an. Ich habe Bahnhöfe und Flughäfen schon immer gemocht. Sie sind Symbole für Bewegung und damit – anders als der sogenannte Alltag – Feinde des Stillstands. 


Die meisten Menschen sehnen sich danach, irgendwo anzukommen; und wer nicht ankommen will, der will meistens irgendwohin aufbrechen. Und ich? Ich habe nun Beides – im täglichen Wechsel. Also alle Sehnsüchte befriedigt?


It’s all part of it

Es gibt Dinge, die kann man auf Reisen kaum vermeiden, Durchfall zum Beispiel. Es gibt aber auch Dinge, die kann man sehr gut vermeiden, den Flug verpassen zum Beispiel. Und dann gibt es noch Dinge, die man theoretisch vermeiden kann, die dann aber praktisch doch passieren, Betrügern auf den Leim zu gehen zum Beispiel. 

Aus eigener Erfahrung kann ich nun sagen, dass das noch eine Nuance ärgerlicher ist als Durchfall, weil man sich fürchterlich über sich selbst ärgern muss. Die heutige Lehrstunde hat mich (zum Glück nur) 20 Euro gekostet.

Als ich allein in Shanghai unterwegs bin, fragen mich zwei jüngere Frauen, ob ich ein Foto von ihnen vor der Brücke machen kann, an der ich gerade vorbeikomme. Natürlich kann ich. Sie verwickeln mich in ein Gespräch. Sie seien Touristen aus Peking und für 5 Tage in Shanghai usw. Es folgt ein kurzer Smalltalk. Sie sagen, sie wollen Richtung Altstadt gehen, ich war eigentlich in die andere Richtung unterwegs. In der Altstadt sei ein Teefestival, ob wir nicht ein Stück zusammen gehen wollen, die alten Gebäude dort müsste man gesehen haben und für sie sei es eine willkommene Gelegenheit, Englisch zu sprechen. Ich zögere, aber sie sagen, sie würden sich sehr freuen, sie träfen doch sonst nie Deutsche.


Tatsächlich ist ihr Englisch so schlecht, dass man sie kaum für Profis halten kann. Ich habe ohnehin kein richtiges Ziel und Leute kennenzulernen gehört zum täglichen Geschäft des Alleinreisenden. 

Ihre Geschichten sind schlüssig und nach einigen hundert Metern kehren wir in einen „Teesalon“ ein, der schon nicht wirklich wie ein Teesalon aussieht. Die Teezeremonie sei Teil des Festivals, erklärern sie mit einem „Festival-Stadtplan“ in der Hand, auf dem ich natürlich kein Wort lesen kann. Es könnte sich durchaus um eine „echte“ Zeremonie handeln.

Zu diesem Zeitpunkt habe ich schon einige Zweifel, aber die beiden halten das Gespräch am laufen und sie sind sehr gut, in dem was sie tun. Warum auch nicht? Nur weil sie Kriminelle sind, heißt das ja nicht, dass ihre Arbeit stümperhaft verrichten. 

Bei der dritten Schale Tee wird mir dann auch der Preiszettel gezeigt. Jeder probierte Tee kostet 49¥, was so ca. sechs Euro sind. „This is fucking expensive!“, protestiere ich.

Aber die Beiden tun so, als wäre es das Normalste der Welt, für einen Tee sechs Euro zu bezahlen. Außerdem könne ich von jedem probierten Tee soviel trinken, wie ich wolle. Es wird immer offensichtlicher, dass es ein abgekartete Spiel ist, aber zu diesem Zeitpunkt sucht mein Gehirn noch verzweifelt nach irgendwelchen Erklärungen, damit ich mir nicht eingestehen muss, auf sie reingefallen zu sein. Gibt es vielleicht doch ein Festival? Ist das vielleicht der beste Tee der Welt? Was weiß ich denn schon?

„You want to try another type?“ fragen sie.

„Hell no! Are you kidding me?“ 

Ich sage, dass wir jetzt bessser gehen sollten. Sie bezahlen ihre Rechnungen – es gehört zu ihrem Geschäftsmodell, dass ich gar nicht merken soll, dass ich abgezogen werde. Sie machen ihren Job sehr gut.

Der für die Selbsttäuschung zuständige Teil meines Gehirns behauptet daher noch immer, dass schon alles seine Richtigkeit haben könnte, aber langsam wird es unglaubwürdig. 

Ich zahle. Die beiden hören derweil nicht auf, einen auf „It was so nice to meet you“ zu machen. Auch das hält mich vermutlich davon ab, sofort zum nächsten Polizisten zu rennen und mich auszuheulen. Erst als sie sich verabschiedet haben, sehe ich wieder klar. Ich brauche gar nicht mehr im Internet zu schauen, ob es wirklich ein Tee-Festival gibt.

Es ist ja schließlich nicht so, als hätte das Auswärtige Amt nicht genau vor dieser Masche gewarnt. Es ist auch nicht so, als wäre ich zum ersten Mal von irgendwelchen Leuten angequatscht worden, die auch clevere Maschen hatten, die ich jedoch sofort durchschaut habe. 

Nur verstanden diese Beiden es eben besonders gut, sich mit einer Aura der Harmlosikkeit zu tarnen.

Überdies kann man auch nicht pausenlos in höchster Alarmstellung sein und würde ich jedem, den ich treffe, immer gleich das Schlimmste unterstellen, wäre das eine sehr einsame Reise. Zudem muss, wer alle Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes peinlich genau befolgt, zu Hause bleiben.

So ist das: Hinterher ist man immer schlauer. Oder von außen betrachet, mag sich manch ein Leser jetzt denken.

Nach einer kurzen Pause beschließe ich, zum Teeladen zurückzukehren und anzubieten, dass ich mein Geld zurückbekomme und im Gegenzug nicht mit der Polizei wiederkomme. Ich finde den Laden nicht mehr. Er ist vermutlich hinter einer Jalousie verschwunden. Ich schaue nochmal in der Umgebung, ob ich die beiden auf der Suche nach ihrem nächsten Opfer wiederfinde. Verdammt, sie sehen alle gleich aus. Das Geld ist mir egal, ich ärgere mich einfach – vor allem über meine eigene irrtümliche Einschätzung.

Ich schreibe die 20 Euro ab und beschließe, nicht den Rest des Nachmittags damit zu vergeuden, mit chinesischen Polizisten den Laden zu suchen. Ich will mich nicht weiter ärgern.

Fehler zu machen gehört zum Reisen dazu – so wie unbequeme Betten und dreckige Klos. Erst wenn die Dinge anders laufen als geplant, wenn alles schiefgeht, wird es interessant. Längst hat sich ja auch in der Arbeitswelt die Einsicht durchgesetzt, dass Scheitern häufig ein wichtiger Bestandteil des Erfolgs ist; und dass man (nur) aus Fehlern lernt, weiß ohnehin jedes Kind. Es muss wehtun.

Es war ein verhältnismäßig folgenloser Irrtum für mich. Immerhin hätte ich auch ausgeraubt werden können. Aber die Geschichte hat mich daran erinnert, dass man nicht alles planen und vorhersehen kann. Schon gar nicht ist man immer auf alles vorbereitet. 

Es wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Dinge schieflaufen – aber das ist okay. An Erfahrung gewinnt man ja bekanntlich immer. Und darum geht es doch, oder etwa nicht?

one way

Das Klicken des Anschnallgurtes im Flugzeug ist für mich seit jeher ein Moment, dem ich ganz besondere Aufmerksamkeit widme, wenn ich irgendwohin aufbreche. Ich erinnere mich daran, wie ich diesen Moment während der Examenklausuren herbeigesehnt habe, denn ich wusste, dass es das erste Geräusch eines neuen Kapitels in Budapest sein wird.

So ist es auch heute. Das Leben, wie ich es kannte, wird heute einstweilen aufhören und Platz für Neues machen. Ich fliege nicht in den Urlaub, ich habe kein Rückflugticket. Alles was ich zukünftig besitzen werde, passt in einen Rucksack, den ich gerade dabei beobachte, wie er auf dem Weg zu seinem Platz, ca. einem Meter unter meinem ist. Man braucht nicht viel, denke ich und wundere mich, wofür ich den ganzen anderen Kram brauche, den ich über die Jahre angesammelt habe.

*klick* – take off.

Blick aus dem Fenster: Die Stadt wird kleiner. Alles wird kleiner. Die Menschen, meine Wohnung, das Arbeitsamt – bis Berlin nur noch wie ein putziges Miniatur-Wunderland aussieht, in dem die Ringbahnen Runde um Runde um den Fernsehturm drehen.

Berlin aus dem Flugzeug

Sie werden auch dann noch unermüdlich kreisen, wenn ich sie wegen des Regens und der Entfernung schon längst nicht mehr sehen kann. So, wie alles weitergehen wird, nur eben ohne mich. Die alten Freunde gehen in der Heimat aufs Libori-Fest und die neuen Freunde grillen im Volkspark und verbringen die lauen Abende im Freiluftkino. Der berliner Sommer wird ohne mich stattfinden, sofern er denn überhaupt noch stattfindet. Meine Freundin, die ich sehr vermissen werde, wird sich ihren Hobbys und neuen Projekten widmen. Biere im Park werden ohne mich getrunken werden und mein Vater wird seinen 60. Geburtstag ohne mich feiern. Weihnachten werde ich nicht bei meinen Lieben sein.

Dann, als das Flugzeug die Wolkendecke durchbricht: gleißendes Sonnenlicht.