Reisende – Folge 3: Der Faker

Der Faker gehört zu nervigsten Personen, die einem auf Reisen begegnen können. Er tritt dabei sowohl in männlicher als auch weiblicher Gestalt auf, wobei auffällt, dass sein Herkunftsland überdurchschnittlich oft Deutschland ist. Der Faker ist immer um die dreißig und hat immer einen Hochschulabschluss. Beheimatet ist er zumeist in der unseriösesten Branche überhaupt, den (Unternehmens-)Beratungen.

Nicht das Fernweh hat den Faker dazu veranlasst, seinen Rucksack aufzuschnallen und loszuziehen, vielmehr war auch diese Entscheidung das Ergebnis einer (Unternehmens-)beratung. Der Faker hat sich nämlich selbst beraten und dabei festgestellt, dass sein Leben jämmerlich und öde ist. Seine Instagram-Likes sind im Keller und seine „Freunde“ wenden sich nur noch gelangweilt ab, wenn er zum tausendsten Mal erzählt, dass er mal wieder irgendwo ein paar Leute um ihre Jobs gebracht hat, um marode Unternehmen noch maroder zu machen und damit für eine lukrative Zerschlagung vorzubereiten.

Der Faker hat in der Folge eine innere Leere verspürt – nicht jedoch mit Einsicht zu verwechseln – die seinen Minderwertigkeitskomplex noch verstärkt hat. Anstatt jedoch das einzig Richtige zu tun und sein hart erspartes Geld zu einem Therapeuten zu tragen, hat er einen neuen Weg erdacht, um seine narzisstische Persönlichkeitsstörung auszuleben: Er wird neuen Content durch Reisen generieren.

In seiner Unternehmensberatung hat er sich dafür exakt sechs Monate beurlauben lassen, um seinen perfekt durchdachten Plan in Rekordgeschwindigkeit abzuarbeiten. Ganz so lange kann er seiner dringend benötigten Karriere dann nämlich doch nicht fernbleiben. In diesen sechs Monaten wird er jedes Land bereisen, dem er Kraft seines unfehlbaren Urteilsvermögens genug Bedeutung beigemessen hat, um mit seiner Anwesenheit beehrt zu werden. Denn sein Ziel ist es, nach seiner Rückkehr die Abgeklärtheit desjenigen zu besitzen, der behaupten kann, er habe schon alles gesehen. Seine Reisegeschwindigkeit macht den Faker – zum Glück – aber auch zu einer Art Gewitter; er verschwindet so schnell wieder, wie er gekommen ist.

Der Faker ist extrem schnell zu enttarnen und noch schneller zu durchschauen. Schon von weitem kann man ihn an seinen Klamotten erkennen. Er (oder sie) hat exakt die Klamotten an, die man anzieht, wenn man nach dem Bürotag auf einer Vernissage eingeladen ist und krampfhaft locker aussehen will. Wenn der Faker im Hostel dann Kurs auf den eigenen Tisch nimmt, dann ist es jedoch bereits zu spät.

Sofort labert der Faker einen voll. Ja, BWL habe er studiert aber jetzt suche er nach den wahren Erfahrungen des Lebens. Er macht einem klar, dass er zu einer gesellschaftlichen Elite gehört, jetzt aber gleichwohl hier im Hostel im Zehner-Schlafsaal nächtigt, denn er suche ja den Kontakt zu den Menschen. „Ja, vielen Dank“ denkt man sich. Sein nicht endenwollender Monolog hat so ungefähr zum Inhalt, dass er – obwohl ja eigentlich was Besseres – jetzt auch einer von uns sei. Was das bedeuten soll, „einer von uns“, fragt man sich. Vermutlich hat einen der Faker längst schon in die Schublade „Banana-Pancake-Trail-Idiot“ – also ungefähr „Bachelor“ – eingeordnet. Das Weltbild des Fakers ist so feststehend, wie das eines AfD-Wählers.

Während man panisch verzweifelte Blicke Richtung Klo, Tür oder gar Fenster wirft, redet sich der Faker in einen Rausch. Wie toll das alles sei, die Erfahrungen, die Gespräche mit den Menschen. Er zwingt einen, sich mit ihm auf Facebook zu befreunden, damit man auch ja keinen seiner Blogspots verpasse oder keines seines Instagram-Bilder auf denen er mit einem kambodschanischen Kind zu sehen ist. „Die Menschen dort seien ja so herzlich“, schwärmt er, während man sich fragt, ob er im gleichen Kambodscha war, wie man selbst. Alles was der Faker erlebt, ist großartig, atemberaubend und überwältigend. Der perfekte gestylte Social-Media-Auftritt des Fakers lässt keinen Zweifel daran, dass er ein Gewinnertyp auf dem Gewinnerpfad ist. Er braucht die Likes, wie ein Junkie sein Heroin, denn mangels innerer Ausgeglichenheit ist die geheuchelte Bewunderung der Menschen (die er eigentlich gar nicht mag) das Einzige, was seiner Existenz eine vermeintliche Bedeutung verleiht.

Während man selbst noch immer kein Wort gesagt hat, versucht man mit seinem psychologischen Halbwissen, die Merkmale einzelner Persönlichkeitsstörungen an ihm herauszuarbeiten. Er macht es einem leicht. Eigentlich ist das das Enttäuschendste am Faker, seine dümmliche Stümperhaftigkeit. Wie kann so jemand sich nur ernsthaft an einen Konferenztisch in einem Unternehmen gesetzt und einem Vorstandsvorsitzenden erklärt haben, wie sich der Karren angeblich aus dem Dreck ziehen lässt? So jemandem würde ich nichtmal eine Sonnenbrille am Strand abkaufen.

Nach ca. einer halben Stunde fängt er dann an, einem leid zu tun. Sitzt da, labert einen Haufen Schwachsinn zusammen und nimmt sich gleichzeitig so furchtbar ernst. Es ist immer dasselbe mit diesen Leuten, die sich selbst zu ernst nehmen; sie sind einfach keine gute Gesellschaft.

Während der Faker unbeholfen an einem Joint zieht, um seine wilde Abenteuerlust zu hervorzuheben, wird es Zeit, selbst auch mal was zum Gespräch beizutragen. Das erste und letzte, was man an so einem Abend sagen wird, ist, dass man müde sei und nun ins Bett müsse. Es ist nicht gelogen.