Ist das die Freiheit, die wir wollten?

Ein gut bezahlter, unbefristeter Vollzeitjob in Berlin ist wohl der feuchte Traum von Manchem, der einst aus der Provinz in die Stadt aufgebrochen ist und jetzt im Sankt Oberholz vor seinem MacBook sitzt und versucht, irgendwie mit Medien Geld zu verdienen. Aber feuchte Träume halten nur selten, was sie in der Hitze des Moments versprechen und die Realität ist gründlich in ihrem Job als Entzaubererin.

Mitarbeiter

Die Sache mit dem Job ist die: Vollzeit bedeutet nicht selten „volle Zeit“ und gute Bezahlung bedeutet nicht automatisch Freiheit. Im Gegenteil: Es ist eine Einladung zur Unfreiheit. Größere Wohnung, am besten Eigentum, teurer Wein, teures Essen und überhaupt will man sich schließlich auch dafür belohnen, dass man nun ein Großteil dieses Lebens in einem Büro verbringt. Man konsumiert schöne Dinge, damit man nicht zu viel darüber nachdenken muss, dass man den Großteil des Tages unfrei ist. Dabei kriegt man manchmal gar nicht mit, wie sich die Unfreiheit fortwährend verfestigt; ein Treppenwitz.

Freiheit und Unfreiheit liegen manchmal sehr nah beieinander.

This very time …

Ich kenne diese Momente reiner, unverfälschter Zufriedenheit. Ich habe sie erlebt und ich habe sie erkannt. Nicht aus einer verklärten Sicht auf die Vergangenheit heraus, sondern in den Momenten selbst. Es genügt manchmal ein Blick vom Hausdach in die Abendsonne, die die Stadt in sattes Orange tränkt und die Rauchschwaden der Grills und Joints im Volkspark magisch ausleuchtet, während man mit guten Leuten die Zeit vergisst. Es sind Momente, in denen man die Gewissheit hat, dass alles einen Sinn ergibt. Wer das für esoterischen Schwachsinn hält, hat diese Momente wahrscheinlich schon vor langer Zeit verloren. Mir soll das nicht passieren.

Ich finde es daher angebracht, von Zeit zu Zeit zu überprüfen, ob alles noch einen Sinn ergibt, welchen auch immer. Schließlich hat man ja nur das eine Leben. Und wenn ich sehe, was Andere daraus machen, versetzt mich das in Alarmstellung. Es könnte ja was dran sein, an der Feststellung von Benjamin Franklin, dass viele Leute schon mit 25 sterben, aber erst mit 75 beerdigt werden. Oft überkommt mich das Gefühl, dass man nur allzu leicht in Lebensentwürfe stolpert. In Lebensentwürfe, die man sich nicht ausgesucht hat, weil man keine Entscheidungen trifft und weil die Komfortzone eine große Verlockung ist. Klar, man muss Kompromisse machen. Nur ist ein guter Kompromiss eben was ganz anderes als Lethargie und Kapitulation.

Ist es nicht eher wie beim Pokern? Nur wer Herr des Spiels bleibt gewinnt langfristig. Dazu gehört auch, gute Karten wegzuschmeißen, wenn die Situation am Tisch es erfordert – gewiss eine der schwersten Übungen beim Pokern.

Im Leben wie beim Pokern gilt: Es kriegt mitnichten jeder was er verdient hat. Gute Entscheidungen können bestraft und schlechte belohnt werden. Der Lauf der Dinge hält irre Wendungen bereit, aber am Ende geht es immer darum, die Kontrolle zu behalten, über das Spiel, das Leben, sich selbst.

Werde ich der Meister meines Schicksals bleiben – Der Kapitän meiner Seele?

I am the master of my fate,

I am the captain of my soul.

(William Ernest Henley)

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